Die Jungfrau in Geburtswehen – Ein Kommentar zum Fest der Schmerzen Mariens

Schmerz und Tränen: Maria in der Darstellung des Meisters des Stauffenberger Altars, entstanden um 1460.
Foto: Vincent Desjardins via Wikimedia (CC BY 2.0)
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15 September, 2016 / 6:47 AM

Es gibt wohl kaum einen schmerzhafteren und zugleich glücklicheren Moment im Leben einer Mutter als den der Geburt. Neues Leben kommt zur Welt durch die Bereitschaft der Frau, Mühe, Leid und Not auf sich zu nehmen.

Sie tut das, weil sie das kleine Kind, das neun Monate in ihrem Schoß gewachsen ist, liebt und endlich in ihre Arme schließen will. Manchmal sind die Schmerzen des Gebärens so groß, dass die Mutter meinen könnte, sie müsse sterben – und doch begegnet ihr nicht der Tod, sondern im Lächeln des Neugeborenen das Leben.

Jede Mutter ist eine Pforte, durch die ein neues Menschenkind in diese Welt tritt. Jede Mutter, die ihr Kind liebt, zahlt gerne den Preis der Geburtswehen, weil jedes menschliche Leben unendlich wertvoll ist. Jede Mutter wird diesen Schatz ein Leben lang hüten und vor Gefahren zu bewahren versuchen.

Jede Mutter ist eine Tür, die zum Leben führt

Maria ist die Pforte, durch die Jesus in unsere Welt treten wollte. Ohne Schmerzen hat sie den geboren, der gekommen ist, um alles Leid auf sich zu nehmen und den alten Fluch der Stammeltern zu brechen (Gen 3, 16).

Die neue Eva hat Jesus jungfräulich empfangen, ohne Verletzung und ohne Mühe entbunden und ohne Tod im Himmel wiedergesehen. Maria war frei von der Erbschuld und ihren Folgen. Und doch sind auch über sie die Schmerzen und Schreie einer Schwangeren (vgl. Offb 12, 2) gekommen – jedoch nicht in Bethlehem, sondern unter dem Kreuz; nicht bei der Geburt ihres einzigen Sohnes – sondern bei der unsrigen. Auf dem Kalvarienberg gebiert Maria die Glieder des mystischen Leibes der Kirche. Es ist eine ungewöhnliche, geheimnisvolle Geburt. Während das Haupt des Leibes, der menschgewordene Sohn Gottes, ohne der Mutter Schmerzen zu bereiten zur Welt kommt, fügen die Glieder seines Leibes, die nun geboren werden, Maria unendliches Leid zu. Jesu Eintritt in diese Welt kostete sie keine Träne, doch wegen unserer geistlichen Geburt für den Himmel, hat sie unzählige vergossen.

So furchtbar sind diese Wehen, dass die Mutter Jesu und der Kirche zur Königin der Märtyrer wird. Der heilige Bernhard schreibt über sie: "Du littest wie dein Sohn, nur mit dem Unterschied, dass bei ihm die Wunden über den Körper verteilt waren, bei dir aber im Herzen gebündelt." Jede Mutter leidet bei der Geburt, so auch, ja mehr noch, Maria. Sie meinte wohl sterben zu müssen, weil diese Schmerzen sie zu zerreissen schienen. Und doch blieb sie am Leben, als der Sohn tot zusammensackt. Die  Liturgie des 15. September sagt daher: "Ohne den Tod zu erleiden, hast Du die Palme des Martyriums errungen."

Der neue Adam und seine Gefährtin 

Auf dem Kalvarienberg wird Maria zur Mutter. Jesus vertraut ihr den Apostel Johannes und mit ihm uns alle an. Sie ist jetzt die "neue Eva" – das heißt übersetzt "Mutter aller Lebendigen" – die unter dem wahren Lebensbaum steht. Das Kreuz ist das Holz von dem die Früchte der Erlösung kommen. Der Marterpfahl wird zum blühenden Baum, weil Christi Blut und die Tränen seiner Mutter ihn grünen lassen.

Der neue Adam und die neue Eva vollbringen gemeinsam das Werk der Erlösung, so dass Maria, sehr pointiert, zur heilige Brigitta von Schweden sagen kann: "Adam und Eva haben die Welt um einen Apfel verkauft. Mein Sohn und ich haben die Welt gleichsam mit einem Herzen erlöst." Erlösung heißt Versöhnung mit Gott. Wir sind Kinder Gottes, weil Christus dank der Menschwerdung in Maria unser Bruder geworden ist, und dürfen daher seinen und unseren Vater "Abba" – "lieber Papa" – nennen. Der Preis unserer Geburt ist hoch: das Blut des Lammes und die Tränen seiner Mutter. Was Christus kraft seiner gottmenschlichen Natur für unser Heil wirkt, das tut Maria in analoger Weise aufgrund der ihr verliehenen Gnade. Sie ist die einfache Magd, die der Herr sich zur Braut erwählt – als freie, ungeschuldete Tat der Liebe – und die nun an seiner Seite steht, gleichsam auf Augenhöhe.

Christus, so sagen die Theologen, ist König de condigno (aus eigener Würde), Maria ist Königin de congruo (aus Angemessenheit). An der Seite des Dornenkönigs steht sie, die mit ihm leidet, um so der Welt das Leben der Gnade zu bringen.

Geburtswehen und Geburtstagsfreuden

 Das Fest der Schmerzen Mariens ist ein Gedenktag den man sich am besten von der eigenen Mutter erklären lässt. Sie weiß um die Schmerzen der Geburt, aber auch und vor allem um jene zärtliche Liebe zum eigenen Kind, für das kein Preis zu hoch, kein Opfer zu groß, kein Kreuz zu schwer erscheint. Und so wie jeder Sohn und jede Tochter – ob noch klein oder schon erwachsen – ihrer Mutter für das Geschenk des Lebens auf dieser Erde dankt, das trotz aller Mühen und Sorgen, ein wunderbares und herrliches ist, umso mehr sollen wir Maria dankbar sein. Sie hat uns für das übernatürliche Leben geboren, sie ist unsere Mutter, die unsere Schritte durch diese Welt begleitet und sie sehnt sich danach – noch viel mehr als wir es könnten – uns im Himmel endlich in die Arme zu schließen. Dieser Tag wird unser wahrer Geburtstag sein, an dem auch Maria lächelnd sagen kann: "Mein Schatz, Du warst jede Träne wert."