Jakartas Blasphemie-Urteil und seine Folgen: Gespräch mit einem indonesischem Priester

Demonstranten in Jakarta fordern die Freilassung des verurteilten Gouverneurs am 9. Mai 2017.
Foto: izzyxizzy via Flickr (CC BY-NC 2.0)
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Weltweite Schlagzeilen machte am gestrigen Dienstag ein Urteil in Indonesien: Wegen angeblicher Gotteslästerung hat ein Gericht in Jakarta den scheidenden Gouverneur des Distrikts, einen Christen, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. 

Der als Ahok bekannte Gouverneur, Basuki Tjahaja Purnama, hat inzwischen mitgeteilt, in Berufung gehen zu wollen. Das Urteil und seine Begründung wirft indessen mehrere Fragen über die Religionsfreiheit einer Nation auf, die mit 255 Millionen Einwohnern das viertbevölkerungsreichste Land der Welt ist, und mit etwa 200 Millionen Muslime das bevölkerungsreichste muslimische der Welt. Antworten darauf - und eine Orientierung, was es mit den Blasphemie-Vorwürfen auf sich hat - von dem gebürtigen Indonesier und Steyler Missionar, Pater Paulus Budi Kleden. Der 52-jährige arbeitet im Generalat des Ordens in Rom.

CNA: Wie haben Sie auf das Urteil reagiert?

PATER PAULUS BUDI KLEDEN: Ich war traurig, obwohl ich damit schon gerechnet habe. Traurig, weil das Urteil zeigt, dass der Druck der Masse das Urteil eines Gerichts beeinflussen kann. Zum anderen wird mit dem Urteil ein neuer Wind für die fundamentalistischen Gruppen in Indonesien erzeugt. Ich habe aber mit dem Urteil gerechnet, weil der Druck während des Prozesses sehr groß war.

Viele Kritiker sagen, der ganze Vorfall sei politisch motiviert. Stimmen Sie zu?

Es war klar, dass der ganze Prozess politisch motiviert ist. Die Wahl des Gouverneurs war das entscheidende Faktor. Auch das Urteil ist, meiner Meinung nach, insofern politisch motiviert, als man damit keine Unruhen provozieren wollte. Unruhen würden viele weitere Konsequenzen bringen.

Ich bin nicht mit allem, was der Gouverneur Ahok tut und sagt, einverstanden. Aber ich bin traurig über das Urteil, weil es nicht nur das Leben und Karriere von Ahok beeinträchtigt, sondern die politische Situation im ganzen Land stark beeinflusst.

Hat die Regierung Angst vor extremistischen Gruppen, die Massenproteste provozieren können?

Einige Beobachter haben gesagt, dass nach diesem Urteil die Regierung und das Justizsystem entschiedener gegen radikale Gruppen vorgehen würden, weil die Regierung keine Angst mehr hätte, dass man ihr vorwerfe, Ahok in Schutz zu nehmen. Nach dem Motto: Wie mit Ahok umgegangen wurde, so würde auch mit denen umgegangen, die radikale Ideen verbreiten oder andere Religionen beleidigen und angreifen.

Und was meinen Sie?

Ich persönlich habe hier so meine Bedenken, denn allzu oft tauscht eine Regierung das Recht gegen die Popularität aus. Wenn der Druck der Masse zu groß wird, zieht man das Ideal der Rechtsstaatlichkeit zurück und geht ungute Kompromisse ein. Wir können nur hoffen, dass der jetzige Präsident doch noch starke Rückendeckung hat, um das Recht und die Gerechtigkeit im Land durchzusetzen.

Kommen wir noch einmal zum gestrigen Urteil: Was konkret war denn die angebliche Gotteslästerung, die Ahok vorgeworfen wurde?

Ahok hat ja in einem offiziellen Besuch zu Leuten gesagt, dass sie denjenigen keinen Glauben schenken sollten, die sie mit der Sure 51 (Al Maidah) des Korans betrügen. Einige Tage später hat jemand diesen Satz verkürzt im Internet veröffentlicht, als hätte Ahok gesagt: Lasst Euch nicht vom Koran betrügen. Dies wäre eine Beleidigung gegen den Koran, und damit auch gegen Gott, der den Koran dem Propheten gegeben hat. Die Reaktionen waren heftig. Aber auch, als die richtige Version der Aussage von Ahok bekannt gemacht wurde, meinte man immer noch, dass Ahok den Islam beleidigt hätte, weil die, die den Koran normalerweise interpretieren und lehren, die muslimischen Gelehrten sind. Mit seinem Satz, dachten sie, wollte Ahok sagen, dass die Gelehrten die Leute betrügen. Obwohl Ahok eigentlich die Politiker meinte, die die heiligen Schriften der Religionen für ihre Zwecke verwenden, und dafür oft keine richtigen Interpretationen geben. Aber weil es so nicht klar ausgesprochen worden war, lässt sich seine Aussagen in alle Richtungen interpretieren. Die Interpretation von der Sure 51 des Korans, auf die Ahok sich beruft, mag richtig sein, aber das Problem ist, dass er als Nicht-Muslim sagte.

Wenn auf diese Weise sogar amtierende Politiker derart in Bredouille geraten, stellt sich die dringende Frage, ob das Menschenrecht auf Religionsfreiheit in Indonesien noch gewährleistet ist?

Ich glaube schon, dass generell das Menschenrecht auf Religionsfreiheit in Indonesien noch gewährleistet ist. Es gibt keine Ausschreitungen auf die Gebetshäuser anderer Religionen. Die Beziehungen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen werden schwieriger und gespannter in manchen Regionen, aber ich glaube, die Religionsfreiheit ist weiterhin gewährleistet. Aber dieser Prozess gegen Ahok zeigt noch einmal deutlich, dass - in einem Land wie Indonesien - man sehr vorsichtig mit den Aussagen über die Religion sein muss.

Wie soll aus Ihrer Sicht die katholische Kirche mit der Situation umgehen?

Die Katholische Kirche muss weiterhin den Dialog und die Toleranz fördern. Vor allem in den Regionen, wo die Katholiken in der Mehrheit sind, muss die Kirche das Beispiel von Respekt und Toleranz geben. Die Kirche muss auch die Pancasila, die fünf Prinzipien oder Säulen, auf den der Staat und die Nation gebaut sind, in den öffentlichen Diskursen stärker zur Sprache bringen. Denn die Pancasila gewährleistet die Freiheit der Religionen.

Also Vorbild sein? Auch mit Blick auf die Vermeidung der Manipulation der Massen?

Genau. Ein anderer Aspekt ist die Erziehung unserer Leute, um besser mit den Medien umzugehen. Der ganze Prozess gegen Ahok hat angefangen, als jemand seine Rede verkürzt im Internet publizierte. Und während des ganzen Prozesses gab es so viele Falschmeldungen und Hoaxe in den Sozial Medien, die die Situation nur noch anheizten. Ich glaube es ist die Kirche, die immer noch viele erzieherische Einrichtungen und viele Erfahrungen im Bereich der Kommunikation hat, die mit mehr Initiativen erreichen kann, dass den Menschen ein verantwortlicher Umgang mit den Medien beigebracht werden kann.

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