Ein "leidenschaftliches Eurafrika": Exklusiv-Interview mit Erzbischof Paglia

Erzbischof Vincenzo Paglia bei einem Termin im Presse-Saal des Heiligen Stuhls.
Foto: CNA/Daniel Ibanez
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Die Lebendigkeit der Vereinigten Staaten, das zu entdeckende Wachstum Afrikas – und die Widersprüchlichkeiten: All das hat Erzbischof Vincenzo Paglia, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, auf zwei von seinen letzten Reisen gesehen. Er teilt seine Erfahrungen und Analysen darüber in einem exklusiven Gespräch mit CNA.

Der italienische Würdenträger und Kurienmann unterstreicht, dass "der europäische Humanismus mit der amerikanischen Lebendigkeit in Dialog treten muss". Und dass die neue Grenze Europas jene eines "leidenschaftlichen Eurafrikas sei".

Er beginnt mit der Reise in die Vereinigten Staaten, bei welcher der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben eingeladen war beim 26. Workshop eine Rede zu halten, zu dem sich die Bischöfe alle zwei Jahre treffen. "Ich habe mich mit ihnen auf einer Wellenlänge gefühlt, als ich ihnen sagte, dass wir berufen sind, das Leben und den Menschen zu verteidigen und dabei Verbündete suchen müssen, denn die Zukunft der Menschheit selbst hängt davon ab."

Das Bild, das der Erzbischof zeichnet, ist jenes einer katholischen Kirche, die in der modernen Welt Unterstützung finden muss, aber "ohne ein Jota der Botschaft des Evangeliums aufzuheben", denn "sie ist eine umsonst geschenkte Sprache, die unwiderstehlich ist. Ich bin sicher, dass das Evangelium nicht nur eine unangreifbare Lehre ist, sondern die einzige, die Antworten geben kann."

Weitblick der Kirche in den USA

Was hat Erzbischof Paglia in den Vereinigten Staaten gesehen? Vor allem die Lebendigkeit, was die Themen des Lebens betrifft.

"Der Umstand allein, dass es in den Vereinigten Staaten einen National Bioethic Catholic Center gibt, der 1972 von Kardinal Carberry gegründet worden ist, zeigt die Weitsicht der amerikanischen Kirche: Sie hat eher als die anderen begonnen, zu verstehen; sie hat sich dieser Thematik auf starke Weise gewidmet, von Anfang an."

Ein Weitblick, der nicht nur ein Für, sondern auch ein Wider haben kann, da diese begonnene Dialektik "von zwei Lagern angegangen wird". Aber, so Paglia, "wenn wir die Lager ausblenden und den Inhalt betrachten, dann kann die Erfahrung der Vereinigten Staaten eine große Hilfe sein."

Was Europa von den USA lernen kann

In die Suche nach Verbündeten schließt Erzbischof Paglia auch den Dialog mit Europa ein. "Wenn es uns gelingt, das europäische humanistische Erbe in Dialog mit dieser Lebendigkeit der Diskussion in den Vereinigten Staaten zu bringen, werden wir großen Nutzen daraus ziehen. Es gibt einen außerordentlichen Reichtum der Debatte in den USA, während in Europa eine Art Gewohnheit und wenig Dialektik herrscht."

Die Unterschiede sind schnell aufgezeigt:

"In Europa sieht man mehr die Gefahr, die Notwendigkeit der Verteidigung des Lebens in all seinen Phasen – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod – zu vergessen. In den Vereinigten Staaten ist das auch präsent, aber man läuft ein bisschen Gefahr, die soziale Dimension zu vergessen, man läuft Gefahr sich bei der Verteidigung des Lebens, das nicht von der Sorge um die Kinder und um die alten Menschen begleitet wird, in große Widersprüche zu verwickeln."

Afrika zwischen Tradition, Internet und Islam

In Afrika gibt es andere Probleme. Es handele sich um einen Kontinent, der in "enormen Widersprüchen" lebt, so Paglia. Es ist vor allem "das lebendigste Land, in dem am meisten Menschen leben und das ein enormes Wachstum – auch auf demographischer Ebene – verzeichnet, dass das müde Europa anruft. Dann lebt man aber auch "den Widerspruch, unter dem Druck der traditionellen Kulturen zu leben, in denen man sich normalerweise mit 12 Jahren verheiratet und später dann, vielleicht schon mit Kindern, wird die Ehe in der Kirche gesegnet. Dann gibt es auch noch den Internetkonsum, der Uganda, das Land in dem ich war, zur Nummer zwei der afrikanischen Länder macht, was die Nutzung von Pornographie angeht". Erzbischof Paglia: 

"Die Kirche muss mit dieser aufgewühlten Moderne und mit der Tradition in Dialog treten, ohne die islamische Invasion in verschiedenen Ländern zu vergessen. Das bringt für die afrikanische Kirche ein größeres Bewusstsein und eine außerordentliche Verantwortung mit sich: zu erziehen und auch die staatlichen Strukturen zu retten."

In diesem Dialog von Moderne und Tradition, in diesem Mangel an Infrastruktur, den man beheben muss, sieht Erzbischof Paglia ein Afrika, welches "den Norden Europas auffordert, eine neue Leidenschaft für das zu entdecken, was in diesem Teil der Welt geschieht. Die Zukunft ist für mich ein leidenschaftliches Eurafrika."

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