Wenn Rosen vom Himmel fallen: Ein Kommentar zum Pfingstfest

Eine junge Ordensschwester freut sich im römischen Pantheon am 4. Juni 2017 über den Blütenreigen
Foto: CNA / Marina Testino
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Jedes Jahr zu Pfingsten drängen sich Scharen von Touristen ins Pantheon, um mit den dort betenden Gläubigen zu erleben, wie vom Dach der Kuppel – unter dem ergreifenden Gesang des "Veni Creator Spiritus" – tausende von Rosenblätter herabfallen. Es ist ein frommes Spektakel, bei dem nicht wenige Italiener "Che bello! Wie schön" rufen. Und würden nicht überall Handys und Fotoapparate gezückt, dann könnte die ganze Szene dem dramatischen Schauspiel der Geistsendung vor 2.000 Jahren ein wenig ähnlich sein. 

Der Geist ist in Feuerflammen auf die Apostel gefallen, und sie haben endlich – nach 50 Tagen voller Zweifel und Sorgen – das Haus verlassen, um mutig auf die Straße zu treten und zu predigen. Sie haben zum ersten Mal erfahren, dass der Geist ihnen Freiheit und Kraft gibt.

Heute würde man vielleicht von Optimismus und Lebensfreude sprechen. Das stimmt sicherlich, denn offensichtlich sind die Jünger lachend und singend auf den Platz getreten, so dass manche meinten, sie seien betrunken. In der Tat: Sie waren betrunken, von dem neuen Wein, den der Herr bis zum Schluss aufgehoben hatte und der nun über sie ausgegossen wurde, der Heilige Geist.

Die Apostel haben nicht 50 Tage lang Tag für Tag Stuhlkreise gebildet, um wie Anonyme Alkoholiker ihre Lebens- und Leidensgeschichte zu erzählen und in der Solidarität der anderen Trost zu finden. Nein, der vom Vater und vom Sohn gesandte "Tröster" kommt über die betende Gemeinde nicht nur als innere Erfahrung, sondern als äußere sicht- und hörbare Wirklichkeit. Was die Rosenblätter im Pantheon – dem größten heidnischen Tempel des alten Roms – andeuten, genügt nicht, um das gewaltige Erscheinen des Geistes unter den Aposteln, mitten unter Juden und Heiden, zu beschreiben. Brandpfeile – die nicht Holz, sondern Herzen entzünden – sind hier das bessere Bild.

Mit Pauken und Trompeten

Wir haben uns daran gewöhnt, den Heiligen Geist als den "stillen Seelengast" zu beschreiben, der nicht im Sturm, sondern, wie beim Propheten Elijas, im leisen Säuseln des Windes kommt. Wir haben ihn oft zum Lückenbüßer gemacht, wenn wir mit unseren Ratschlägen nicht weiter wissen.  Es ist wie wenn ich wochenlang Kopfschmerzen habe, alle möglichen Hausmittel ausprobiere und dann sage: "Na gut, gehe ich halt doch mal zum Arzt." – "Na, gut, dann bete ich mal zum Heiligen Geist." Oder wenn wir in der Kirche etwas nicht verstehen und unter einer schmerzhaften, offensichtlich ungerechten Situation leiden, dann schieben wir, scheinbar fromm und gehorsam, sozusagen die Schuld dem Heiligen Geist in die Schuhe: "Ich verstehe das auch nicht, aber man muss halt da dem Heiligen Geist vertrauen. Er ha ja Pfarrer XYZ und Bischof ABC  berufen und weiß was er tut." 

Wenn alle Entscheidungen in der Kirche immer und überall vom Heiligen Geist gewirkt wären, so könnte man auch das Los ziehen... Gott setzt aber auch auf unser Denken, Reden und Tun. Der Geist macht nicht blind für die Mißstände in der Kirche, sondern wahrhaft sehend und tatkräftig.  Er säuselt dann nicht von "Geduld", sondern ruft zur Tat. Zu sagen "da können wir nur noch beten" ist oft eine fromme Ausrede und eine Flucht vor'm Handeln. Mit Gott zu reden ist leichter als Vorgesetzte, Mitbrüder, und Freunde respektvoll zu kritisieren. Der Heilige Geist ist ein göttlicher Musiker: er spielt die leisen Töne, er kann Tränen der Reue wecken und ein Lachen demjenigen schenken, der verzweifelt war. Er ist aber auch die donnernde Pauke die erschrecken lässt, die Posaune, die zum Gericht bläst, die brausende Orgel, die mich aus Bequemlichkeit und falscher Angst weckt.

Das Programm von Pfingsten heißt: Erst beten und dann freimütig reden – mit "Pauken und Trompeten"! Die Jünger beten von Christi Himmelfahrt an neun Tage lang. Die erste Bischofskonferenz der Geschichte hält ihre erste Vollversammlung. Die Synodalen machen nichts anderes, als das Kommen des Geistes zu ersehnen und zu beten. Sie schreiben keine Pastoralpläne, sie diskutieren keine theologische Fragen (das wird beim Apostelkonzil geschehen), sie bereiten nicht die Pfingstpredigt des ersten Papstes vor, damit diese wirklich zeitgemäß und ansprechend sei. Die Bischofskonferenz betet … und wartet. Als dann aber der Geist kommt, gibt es kein Zögern und Abwägen mehr. Die Apostel strömen auf die Straße und predigen. Petrus spricht von der Auferstehung des Jesus von Nazareth, "den ihr" – so sagt er ohne Beschönigung zu seinen Zuhörern – "gekreuzigt" habt. Und die Predigt zeigt Wirkung.

Der Heilige Geist kommt durch das Wort und das Beispiel der Jünger bei der Volksmasse an, so dass Tausende sich der jungen Gemeinde anschließen. Das Gebet und der Heilige Geist schreiben die besten Predigten.

Die Liebe, die vom Himmel fällt

Das Pantheon war der größte heidnische Tempel in Rom. Seine gewaltige Kuppel hat ein großes Loch in der Mitte, durch das bei schlechtem Wetter auch Regen hereinfällt. Dieses "offene Dach" ist für Touristen die eigentliche Attraktion des Ortes und damit ahnen sie, was schon die alten Römer verspürten: Es geht nicht um den Blick auf steinerne Götzen, sondern um das Hinaufschauen zum Himmel. Schon die Heiden blickten nach oben und suchten Gott.

An Pfingsten fällt durch dieses Loch in der menschengemachten Kuppel des Pantheon ein Regen von Rosenblättern, ein Zeichen für das Kommen des Heiligen Geistes, der sich dem schenkt, der ihn ersehnt. Er macht aus dem "Haus aller Götter" (Pantheon) die Kirche – das Haus aller Heiligen. Er ist die Liebe, die vom Himmel fällt.

Dieser Artikel wurde in einer ursprünglichen Fassung zuerst am 14. Mai 2016 veröffentlicht.

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