Popkünstler. Provokateur. Katholik. Wer war Andy Warhol?

Andy Warhol, Self-Portrait, 1964 via The Andy Warhol Museum, Pittsburgh.
Foto: The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.
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Warhol ist eine komplizierte Person, und kann nicht eindimensional interpretiert werden. Aber aus welcher Perspektive auch immer wir ihn betrachten, ergibt sich daraus ein unfertiges Bild, wenn wir nicht noch andere Perspektiven hinzunehmen”, so der Kunsthistoriker James Romaine gegenüber CNA.

Für Romaine, der auch Präsident der internationalen Vereinigung von Kunsthistorikern des Christentums (ASCHA) ist, schließt die landläufige Interpretation von Warhols Kunst – als Kritik am Konsum – keineswegs eine religiöse Interpretation seiner Arbeiten aus. Im Gegenteil.

Die gängige Interpretation von Warhols Werk halte ich durchaus für zutreffend”, sagte Romaine der CNA. „Und ich sehe diese Sichtweise durchaus vereinbar mit der Art, wie wir bereits über sakrale Kunst sprechen”, so Romaine. „Ich finde, dass sich diese Aspekte von Warhols Gesamtwerk ergänzen und gegenseitig erweitern.”

Wer also war Andy Warhol? Oder besser gesagt: Wer war Andrej Warhola?

Bescheidene Anfänge

Geboren am 6. August 1928 in Pittsburgh in Pennsylvania, war Andrej der jüngste von drei Söhnen einer armen Bauernfamilie aus der heutigen Slowakei. Seine Eltern, Ondrei Varhola und Julia Justyna, waren 1914 beziehungsweise 1921 in die USA ausgewandert. Andrej und seine Brüder wuchsen im griechisch-katholischen Glauben auf, der auch als „ruthenische Kirche” bekannt und mit der römisch-katholischen uniert ist. Als Kind oft krank und bettlägrig, sammelte Andrej bereits als kleiner Junge Zeichnungen und Bilder. Sein Vater starb bei einem Unfall, als er gerade mal 13 Jahre alt war.

Nach dem Studium der Gebrauchsgrafik am Carnegie Instiitute of Technology (heute Carnegie Mellon University), das er in Malerei und Design abschloss, zog der 21-Jährige nach New York, und änderte seinen Namen in Warhol. Drei Jahre später zog seine Mutter nach, und blieb bei ihm bis zu ihrem Tod im Jahr 1972.

In den 1950er und 1960er Jahren wurde Warhol bekannt für seine Malerei-Technik, und später für seine Photographie, Filme, Installationn und Multimedia-Ausstellungen. In den späten 1960er Jahren wurde er beinahe Opfer eines Attentats. Er überlebte den Angriff jedoch und arbeitete auch danach mit kolossaler Energie weiter: Er war Mitbegründer des „Interview Magazine”, entwarf Plattenhüllen, produzierte Fernsehprogramme, und malte weiterhin sowohl Auftragsarbeiten als auch eigene künstlerische Serien.

Warhol starb unerwartet am 22. Februar 1987 während einer Gallenblasen-Operation.

In den knapp dreißig Jahren seit seinem Tod hat sein Gesamtwerk eine bleibende Wirkung entfaltet: Einmal durch seine andauernde Popularität, aber auch durch die Themen, mit denen er in seiner Kunst immer wieder ringt.

Warhol wird von Kritikern und Kunsthistoriken für seine Fähigkeit gewürdigt, einige der größten Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu prüfen: Gruppeninteressen-Politik, Prominente, Tod, Religion, Sehnsucht, und die kapitalistische Maschine”, sagt Jessica Beck, Kuratorin des „Andy Warhol Museum” in Pittsburgh.

Gleich von Anfang seiner Karriere an hatte Warhol ein besonderes scharfes Verständnis von Macht und der Kraft von Bildern”, so Beck gegenüber CNA, „und er konnte ein Gesamtwerk schaffen, das auch heute noch äusserst relevant und zugänglich für ein zeitgenössisches Publikum ist.”

Doch während eine kleine Menge religiöser Arbeiten Warhols durch Gelehrte wie Lynne Cooke und Jane D. Dillenberger untersucht worden ist, sind religiöse Motive im Werk Warhols etwa „im Vergleich zu den Pop-Gemälden von Campbell’s Suppen und Coca-Cola oder Prominenten-Portraits noch relativ unerforscht”, so Beck.

Ein ausdauernder Glaube

Für Warhol war der christliche Glaube jedoch ein wesentlicher, täglicher Bestandteil seines Lebens, seiner Familie – und blieb für den Künster bis zum Tod wichtig, betont sein Neffe, Donald Warhola.

„Obwohl viele annehmen, dass Andy Warhol nicht religiös war, war er alles andere als ein Atheist”, so Warhola gegenüber CNA. „Er war praktizierender Katholik im byzantinischen Ritus, und besuchte später in seinem Leben tatsächlich eine römisch-katholische Kirche.”

Tatsächlich war seine Hingabe an den christlichen Glauben ein wichtiger Bestandteil von Andy Warhols Alltag. Neffe Donald erinnerte sich, wie sein Onkel täglich die örtliche katholische Pfarrkirche in New York aufsuchte, um „dort täglich zu beten”, erzählt Warhola. Unter den persönlichen Gegenständen seiner Hinterlassenschaft, die heute im amerikanischen Warhol Museum zu besichtigen sind, befindet sich eine Skulptur vom Heiligen Herzen Jesu.

Für die ganze Familie Warhola war der katholische Glaube zentral für das Familienleben – und allen Mitgliedern eine persönliche Kraftquelle. „Der Sonntag galt dem Gottesdienst”, erzählt Donald. Und fügt hinzu, dass seine Großeltern – Andy Warhols Eltern – ihre Söhne so erzogen hätten, dass Kirche und Familie am Sonntag immer Vorrang hatten. Auch nach seinem Umzug nach New York  blieb der Glaube ein wichtiger familiärer Maßstab für Andy Warhol.

Er hat mich immer gefragt, ob ich in der Kirche gewesen sei, weil Sonntag war”, erzählt Donald Warhola von seinen Telefonaten mit seinem Onkel. „Er war sehr religiös; es war ein wichtiger Teil seiner Erziehung – wie auch der meinen.” Sein Neffe ist überzeugt: „Ich weiß, dass Onkel Andy seinen Charakter durch seine Erziehung hatte und ich weiß, der auf Gott für seine Kraft vertraute.”

Donald Warhola lernte seinen Onkel auch am Arbeitsplatz kennen: Wenige Monate vor seinem Tod richtete er eine Computer-Anlage in den „Andy Warhol Enterprises” in New York ein. Bei der Arbeit sei sein Onkel „ruhig” gewesen, aber hart arbeitend und ein fairer Arbeitgeber, der die hohe Wertschätzung der Familie Warhola auf gutes Arbeiten auch am Ort seines künsterlischen Schaffens vorgelebt habe – so Donald Warholas Eindruck.

Er war nicht viel anders vom Verhalten her als sonst, aber es war einfach interessant, Onkel Andy in seinem Element zu erleben, und in seinem Arbeitsumfeld, im Gegensatz zu den eher gelassenen Besuchen bei ihm daheim in seinem Haus.” Diese „echt einfachen und altmodischen” Lektionen durch den Onkel hätten den damals 24 Jahre alten Warhola nachhaltig geprägt.

Auch Kollegen von Andy Warhol nahmen sein starkes katholisches Glaubensleben wahr. So betonte Bob Colacello, dass Warhols Frömmigkeit „keineswegs aufgesetzt” gewesen sei, nachdem er mit ihm in eine Messe gegangen und den Schrein der Jungfrau on Guadalupe besucht hatte, wie Jane Dillenberger in ihrem Buch „Die Religiöse Kunst von Andy Warhol” beschreibt.

Weitere Belege für die religiöse Innerlichkeit des Künstlers bieten Warhols Tagebücher. In denen sind wöchentliche Besuche der Eucharistie-Feier vermerkt, ehrenamtliches Arbeiten in der Armenspeisung seiner örtlichen Pfarrei, ebenso wie sein Treffen 1980 mit dem damaligen Papst, dem heute heiligen Johannes Paul II. In weiteren Passagen beschreibt Warhol sein Unwohlsein inmitten einer „beängstigenden” Menschenmenge auf dem Petersplatz in Rom, in Erwartung des Papstes; und wie er seine Nervosität überwand um mehreren Nonnen Autogramme zu geben. Andernorts gesteht er seinem Tagebuch, dass er laut aufgeschrien habe, als er vom Attentatversuch auf Johannes Paul II. im Jahr 1987 erfahren habe.

Kunst als Ikonographie

So wie die christliche Religion eine ganz wesentliche Rolle im Privatleben von Andy Warhol spielte, so findet sein Glaube auch im künstlerischen Schaffen vielfach Ausdruck. So schuf Warhol mehrere explizit religiöse Kunstwerke, darunter Interpretationen und Re-Interpretationen der „Madonna” von Raphael und von „Das letzte Abendmahl” von da Vinci. Eine seiner Versionen des Abendmahls, bemerkt Romaine, kann sogar als eine „Wiederbringung des Heiligenscheins auf das – und über dem – Haupt von Christus” interpretiert werden, welcher aus da Vincis ursprünglichem humanistischen Gemälde entfernt worden war.

Doch für Romaine sind Warhols religiöse Themen in alle Arbeiten eingeflossen – selbst jene Werke, die nicht explizit als religiös gelten. „Wenn ich das Werk Andy Warhols in nur ein, zwei Sätzen beschreiben sollte, dann würde ich es als eine Sicht der Welt beschreiben, nicht wie sie ist, sondern wie sie von der Gnade Gottes gewandelt sein könnte.”

Romaine erklärt diese Sichtweise mit der wichtigen Rolle der Ikone in den katholischen Ostkirchen, vor allem in der Anbetung aber auch im spirituellen Leben allgemein spielen. Im Gegensatz zum Altarschmuck oder anderer sakraler Kunst in der Westkirche ist „die Ikone dort mehr eine ganz bestimmte Gegenwart des Heiligen durch die jeweilige Ikone”, erklärt Romaine: „Ein sakrales Bild etwa stellt nicht direkt die Jungfrau Maria in die Kirche, sondern stellt sie dar; doch bei einer Ikone wird an die tatsächliche, direkte Gegenwart der Heiligen geglaubt.”

Mit einem dergestalt ikonographischen Blick auf Warhols Werk – besonders seine Gemälde – „kann ich Warhols Gesamtwerk als potentiell sakral wahrnehmen”, findet Kunsthistoriker Romaine. Als Beispiel führt der Wissenschaftler die heute ikonen-haften Drucke der Campbell-Suppendose an. „Eine Suppendose ist ein Wegwerf-Nahrungsmittel”, so Romaine. „Aber so wie Warhol sie darstellt, wird die Dose aus dem Ort und von dem Zeitpunkt, an dem sie nur ein Wegwerfprodukt ist, in einer zeitlosen Gestalt sichtbar, in der sie beinahe wie eine Ikone ist.”

Tatsächlich spielte gerade die banale Dosen-Suppe eine rituelle Rolle in Andy Warhols Alltag, schildert Romaine mit Bick auf den Hinweis von Warhols Bruder, dass „Andy jeden Tag eine Campbells Suppe gegessen hat. Jeden Tag gab es einen Sandwich und eine Suppe. Und gleichzeitig werden wir daran erinnert, wie wichtig religiöse Bilder waren, die daheim hingen” – etwa über dem Küchentisch, an dem Warhol seine Suppe aß.

Romaine ist überzeugt: In ähnlicher Weise wie die ikonenhafte Suppendose seien auch Menschen im Werk Warhols überhoht und verherrlicht dargestellt. Der heute noch weltberühmte Kunstdruck von Marilyn Monroe wurde kurz nach dem plötzlichen Tod der Schauspielerin zum Ende eines turbulenten Lebens fertig gestellt. Doch „zeigt Warhol Marilyn Monroe nicht als tragische Figur”, bemerkt Romaine, „oder als eine Figur, mit wir kein Mitleid ihr haben sollten.” Stattdessen feiere Warhol die Marilyn mit seinem Portrait: „Er zeigt sie uns als jemand, der eine Schönheit ist.”

Warhol porträtierte auch Elizabeth Taylor – eine weitere Schauspielerin – zu einem Zeitpunkt, zu dem auch sie mit einem Skandal belastet war. Romaine: „Er zeigt diese Frauen in kritischen Phasen ihres Lebens. Warhol bildet sie dabei so ab, dass durch seine Bilder eine erlösende Qualität gewinnen.”

Wem der christliche Begriff der Verklärung geläufig sei, der wisse: „Jesus erscheint seinen Jüngern nicht, wie er ist, sondern in einer verherrlichten Weise. Die Art und Weise, wie eine Suppendose, Marilyn Monroe oder Liz Taylor von Warhol abgebildet würden, erinnert den Kunsthistoriker Romaine an die Verklärung des Herrn: „Ich denke mir in gewisser Hinsicht, dass Warhol die ganze Welt als potentiell verherrlicht sieht”.

Romaine resümiert: „Wenn Warhol die Jungfrau Maria als heilig darstellt, dann ist das etwas offensichtlich. Aber wenn Du eine Suppendose als heilig darstellst, dann ist das wirklich transformativ.”

Ein komplexer Mann

Auch wenn Andrew Warhola ein Mann des Glaubens war und seine Katholizität in seinem Werk sichtbar wird: Andy Warhol beschäftigte sich auch ganz eingehend mit Themen wie Ruhm, Popkultur, Massenproduktion und Sexualität – Themen, die bald dreißig Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig sind.

Ich habe einfach immer gedacht, dass Onkel Andy voraussagen konnte, was beliebt werden würde”, sagt Neffe Donald Warhola. Er nennt das Schaffen seines Onkels daher „fortschrittlich” und „seiner Zeit voraus”.

Das gilt auch für die Auslotung sexueller Themen. „Es steht völlig außer Frage, dass Warhol homosexuell war”, sagte Romaine. Tatsächlich haben mehrere Gelehrte, darunter Dillenberger, dokumentiert, dass er seine gleichgeschlechtlichen Neigungen  seit den 1950er offen zugab. Mehrere seiner Kunstprojekte thematisieren seine Faszination mit Voyeurismus und Sexualität.

Gleichzeitig gab Warhol in einem Interview gegen Ende seines Lebens zu Protokoll, dass er „immer noch eine Jungfrau” sei und jede Teilnahme an den Dingen, die er darstellte, vermeide. „Wer älter als 25 Jahre alt ist”, sagte Warhol in einem Interview mit Scott Cohen im Jahr 1980, „sollte anschauen, aber niemals anfassen”.

Was das genau bedeute, wisse er auch nicht, gibt Romaine zu, gerade vor dem Hintergrund der soliden religiösen Erziehung Warhols, aber auch seiner großen persönlichen Scheuheit. So könnte sein künstlerisches Schaffen seine sexuellen Sehnsüchte einen Ausdruck verliehen haben, den er so in Beziehungen nicht ausleben konnte – oder wollte.

Diese Spannung zwischen Glaube und Sexualität, Introversion und sexueller Deutlichkeit tritt auch in Warhols Schaffen rund um das Thema Identität zu Tage, sagt Romaine: Etwa in der Serie „Ladies and Gentlemen”, die aus Portraits von Drag Queens und Transsexuellen in New Yorker Clubs besteht. „Das ist wie ein Spielt mit der Wahrnehmung; und die Antwort ist Ja! Das ist sowohl eine Frau als auch ein Mann, eine Lady und ein Gentleman: Die Identität verrutscht.” Dieses Thema der Identität, und des Verrutschens von Identitäten, spiele eine wichtige Rolle im Oeuvre Warhols, so Romaine. Vielleicht auch für den Künstler selber? „Ich habe mir immer gedacht”, so Neffe Donald Warhola gegenüber CNA, „dass es zwei Personen gibt: es gibt den Andrew Warhola, und die Andy Warhol Persönlichkeit. Und ich habe den Eindruck, dass die Person Andy Warhol meinem Onkel die Möglichkeit bot, all jene Dinge zu tun, die Andrew Warhola nicht möglich waren.”

Kunst als Versöhnung

Mit zunehmenden Alter ging es Andrew Warhola immer weniger darum, die Erwartungen zu erfüllen, die andere von Andy Warhol hatten. In dieser letzten Lebensphase „malte er nicht unbedingt für andere Leute, sondern aus der Seele heraus, und schuf eine Menge religiöser Werke”, bemerkt Donald Warhola, und verweist auf die Darstellungen des letzten Abendmahls sowie die „Heaven and Hell”-Serie.  „Die Motive und Themen änderten sich in gewisser Weise – oder zumindest worauf ich aufmerksam wurde”, so Warhola. „Es war so, als wolle er  mit seiner Kunst eher etwas aussagen, als andere zu beeindrucken”.

Für Kunsthistoriker Romaine freilich ist die Auflösung von Identität und anderer Motive seiner Kunst im gesamten Oeuvre Warhols nachweisbar. Und zwar als religiöse Auflösung im Sinne „der Suche nach Gnade in einer gebrochenen Welt”, so Romaine. Etwa mit Blick auf die Serie „Ladies und Gentlemen” oder die berühmten Marilyn-Portraits werde hier – vor dem Hintergrund der ikonographischen Qualität seiner Kunst – nicht nur das Profane erhöht, sondern Widersprüche aufgelöst und dadurch das Subjekt erlöst.

Der Wunsch, Marilyn Monroe so zu malen, dass die verschiedenen Marilyns miteinander versöhnt werden können: Ich denke, das ist ein Ausdruck seiner eigenen Sehnsucht, innere Konflikte aufzulösen, etwa einerseits so erfolgreich zu sein, aber andererseits sich wie ein Versager zu fühlen. Einerseits sich Beziehungen zu wünschen, andererseits diese nicht ausleben zu können”, so Romaine. „Diese Widersprüche, die ganz tief in Warhols Wesen verankert sind, lassen ihn Kunst schaffen, welche diese Widersprüche miteinander versöhnt. Widersprüche, die im Leben nicht gelöst werden können, können in einem Kunstwerk gelöst werden”.