"Wie wir mit Behinderung umgehen, zeigt, wie viel Liebe wir zu geben bereit sind"

Catalina Devandas Aguilar, Sonderberichterstatterin über die Rechte von Menschen mit Behinderung
Foto: (C) Pax Press Agency, SARL, Geneva
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Fast eine Milliarde Menschen lebt mit einer Behinderung. Ihr Bild in der Öffentlichkeit - sofern sie überhaupt vorkommen - ist allzu oft ein negatives. Aber warum eigentlich?

Anfang dieses Monats kam der "Ausschuss zum Schutz von Menschen mit Behinderung" bei den Vereinten Nationen in Genf zusammen. Dieser Ausschuss überwacht  die Umsetzung  dessen, was in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verankert  ist, die 2007 von einer Mehrheit der UN-Mitglieder unterzeichnet wurde.

Catalina Devandas Aguilar, UN-Sonderberichterstatterin über die Rechte von Menschen mit Behinderung, möchte Ursachen analysieren:

"Wodurch entsteht dieses negative Bild von behinderten Menschen und welche  Maßnahmen müssen wir ergreifen, um das - wie ich denke wesentliche - Ziel zu verwirklichen: dass Behinderte die gleichen Möglichkeiten wie der Rest der Bevölkerung haben und in die Gesellschaft integriert werden." 

Inklusion durch Wahlrecht und Richtlinien

Weil sie größtenteils bestimmt, in welchem Ausmaß die persönlichen, sozialen und psychologischen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sowie ihr Bildungsanspruch berücksichtigt werden, ist die Haltung der Gesellschaft ihnen gegenüber von großer Bedeutung.

Theresia Degener ist eine bekannte Juristin und Professorin für Recht und Verwaltung an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Sie ist eines der Opfer des Contergan-Skandals. Als führende Behindertenrechtlerin und Vorsitzende des UN-Ausschusses zum Schutz von Menschen mit Behinderung kommentiert sie:

"Viele Länder haben ihre Bestimmungen zum Wahlrecht infolge unserer Empfehlungen geändert und Wahlen für Menschen mit Behinderung zugänglicher gemacht. Sie haben auch das Bildungswesen durch Richtlinien für eine inklusivere Bildung geändert."

Professorin Degener wurde 2014 durch den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nächstenliebe und Menschenwürde

Einer der Aufträge der katholischen Kirche ist, in der Praxis übereinstimmend mit den  Zielen der Vereinten Nationen, die Betreuung Kranker und Leidender: Katholiken lieben alle Menschen als Geschöpfe Gottes um der Liebe des Herrn willen: Nächstenliebe ist letztlich eine Antwort auf die Liebe Gottes.

Papst Franziskus feierte im Juni 2016 eine Jubiläumsmesse für Kranke und Behinderte. In seiner Predigt erinnerte er an die Worte des Apostels Paulus im Galaterbrief:

"'Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.' (Gal 2, 19f): Mit diesen Worten drückt der Apostel eindrucksvoll das Geheimnis christlichen Lebens aus, das in der Taufe in der österlichen Dynamik von Tod und Auferstehung zusammengefasst werden kann. Tatsächlich stirbt sozusagen jeder von uns mit Christus und wird mit ihm begraben (Röm 6, 3-4), um dann beim Auftauchen neues Leben im Heiligen Geist zu erhalten. Diese Neugeburt umfasst jeden Aspekt unseres Lebens, selbst Krankheit, Leid und Tod sind von Christus umfangen und finden in ihm ihren letzten Sinn."

Rechte und Umgang in der Gesellschaft

Während der letzten 50 Jahren hat sich in unserer Gesellschaft  im Umgang mit Menschen mit Behinderung viel verändert. Besonders in der  medizinischen Betreuung gab es große Fortschritte. Infolgedessen leben die meisten von ihnen eher  in der Gesellschaft als in Institutionen und sind auf soziale Gesundheitsdienste angewiesen.

Dr. Damjan Tatic ist der Vizevorsitzender des UN-Ausschusses zum Schutz von Menschen mit Behinderung:

"Wir setzen uns auch dafür ein, dass diejenigen Unterstützung von staatlicher Seite erhalten, die als Flüchtlinge und Migranten kommen, vor allem und gleich am Anfang, wenn sie in einem Land ankommen und natürlich muss die Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen die gleichen Privilegien zugänglich machen und die gleichen Rechte einräumen wie allen Anderen Menschen auch", sagt er.   

Die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung fordert die Staaten auf, für Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren, Vorurteile zu bekämpfen und ermutigt insbesondere die Medien, die ein zentrales Mittel sein können wenn es darum geht Bewusstsein zu schaffen, Stigmatisierungen und falschen Informationen entgegenzuwirken, und stattdessen ein korrektes Bild zu fördern und der Stimme von Menschen mit Behinderungen Gehör zu verschaffen.

Viele kennen noch die Fernsehserie "Der Chef" mit Richard Burr als gelähmten Polizisten im Rollstuhl in der Hauptrolle, die in den späten 1960ern und frühen 1970ern zur besten Sendezeit. Der Amerikanische Schauspieler Blair Underwood, Star eines 2013 Remakes über den Rollstuhl:

"Mein Mentor in Bezug auf Ironside war David Bryant, der seit über 30 Jahren querschnittsgelähmt ist. Er sagt, er hat seinen Stuhl an, er ist ein Teil von ihm, ein Fortsatz seines Körpers, seiner Natur".

Integration in Kultur und Medien

Während in Film und Fernsehen meist Schauspieler die Rolle Behinderter übernehmen, gibt es auch unter bekannten Persönlichkeiten und Prominenten viele mit Behinderung, wie zum Beispiel Stevie Wonder (blind), Präsident Franklin Delano Roosevelt (Kinderlähmung) oder Tom Cruise (Legasthenie), um nur einige zu nennen.

Ihre Geschichten in die allgemeine Kultur zu einzubinden, ist ein erster Schritt zu sozialer Integration und zur Förderung einer Kultur der Vielfalt. So nahmen zum Beispiel behinderte Models im Rollstuhl am Catwalk bei der New Yorker Modewoche im Februar 2015  teil. Die Produzentin der Show, Ilaria Niccolini sagte in einem Interview mit "The Ticker"):

"Es ist ein ganz besonderer Augenblick in meiner Modelkarriere - diese  Gelegenheit, endlich die berühmtesten Laufstege der Welt für diese wunderbaren Talente zu öffnen, um dadurch, dass sie neben den besten Models der Szene auf dem Laufsteg sind, zu zeigen, dass Behinderung sehr oft nur eine Frage des Kopfes ist."

Es gibt keine perfekten Menschen

Bei den Vereinten Nationen in Genf war sich der "Ausschuss zum Schutz von Menschen mit Behinderung" einig, dass die Bemühungen alle Arten von Vorurteilen und Diskriminierungen von Personen mit Behinderungen zu beseitigen, von UN-Behörden, Regierungen, sowie verschiedener nationaler und internationaler Behindertenorganisationen, bereits Früchte tragen.  

"Wie trügerisch es doch ist, wenn die Menschen heute  beim Anblick von Krankheit und Behinderung die Augen verschließen," sagte Papst Franziskus während einer Jubiläumsmesse für Kranke und Behinderte im Juni 2016. "Sie haben den wahren Sinn des Lebens nicht verstanden, der auch mit der Annahme von Leiden und Einschränkungen zu tun hat. Die Welt wird nicht besser dadurch, dass nur scheinbar perfekte  Menschen sie bevölkern – ich sage lieber 'perfekt' als 'verlogen', – sondern wenn menschliche Solidarität, gegenseitige Annahme und Respekt zunehmen. Wie wahr sind doch die Worte des Apostels: 'Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen'." (1 Kor 1,27)!

Dieser Bericht wurde von unserem Genfer UN-Korrespondenten Christian Peschken von Pax Press Agency, Genf, verfasst. Der Bericht ist auch im Rahmen der EWTN.TV-Sendung 'Vaticano' zu sehen. Mehr zu Pax Press Agency unter www.paxpressagency.com

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