Leihmutterschaft: Nicht nur in Luxemburg eine unangenehme Debatte

Befürworter sehen in der Leihmutterschaft scheinbar keine Verletzung der Menschenwürde. Aber wenn das Kind behindert ist, wird es oft abgetrieben.
Foto: Pixabay (CC0)
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05 December, 2018 / 7:35 AM

Die Leihmutterschaft ist in Luxemburg verboten. Eine konkrete Gesetzgebung existiert jedoch nicht. Im Wahlkampf der schon mehr als einen Monat zurückliegenden Parlamentswahlen forderten Liberale, Grüne und Sozialdemokraten gesetzliche Maßnahmen, mit der Kinder anerkannt werden können, die im Rahmen einer ausländischen Leihmutterschaft geboren wurden. Die Christlich-soziale Opposition äußerten sich recht wenig zur Leihmutterschaft. Einer wirklich inhaltlichen Auseinandersetzung scheinen alle aus dem Weg zu gehen. Ein Symptom unser schwach ausgeprägten Debattenkultur?  

Der Wunsch vieler Paare nach einem Kind ist durchaus nachzuvollziehen. Es ist ein natürliches menschliches Bedürfnis und die Familie bildet nach der Meinung vieler Menschen immer noch die Keimzelle der Gesellschaft. Die Erfüllung dieses Bedürfnisses wird jedoch oft mit einer grundlegend falschen Annahme begründet, die lautet, dass jeder das Recht auf ein Kind habe.

Dem muss man klar entgegenhalten, dass in unserer heutigen Gesellschaft niemand ein Recht auf ein Kind hat. Ein Kind hat ein Recht auf Eltern, auf einen Vater, eine Mutter, dies gilt jedoch nicht umgekehrt.

Paare, bei denen es Probleme gibt, Kinder auf natürlichen Weg zu bekommen, stehen heutzutage mehrere Alternativen zur Verfügung wie Adoption oder künstliche Befruchtung. Wenn die betroffenen Paare keiner dieser beiden Möglichkeiten in Anspruch nehmen können oder wollen, ziehen einige die Option einer Leihmutterschaft in Betracht. Da in den meisten westeuropäischen Ländern die Leihmutterschaft verboten ist, zieht es diese Paare oft in Länder wie die Ukraine, Kanada, USA oder Indien.

In den meisten Fällen wird ein Handel mit einer Privatperson oder mit einer darauf spezialisierten Agentur abgeschlossen. Sogenannte Leihmutter-Agenturen vermitteln ihren Klienten eine Leihmutter und bieten gewisse moralische Standards. Diese Leihmütter wurde zur nichts gezwungen und bietet ihre Dienste nicht aus finanzieller Not an, wie dies in ärmeren Ländern oftmals der Fall ist.

Das Kind aus dem Katalog

Bei Agenturen in den USA beispielsweise zahlen die Vertragseltern für eine Leihmutterschaft Summen von 100.000 US-Dollar oder mehr. Die meisten Paare, die eine Leihmutter einschalten, sind daher finanziell gut gestellt und jemand der bereit ist, solche Summen auszugeben, will natürlich für sein Geld ein "Produkt" von hoher Qualität.

Bei vielen Paaren hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass man eben nicht nur irgendein Kind kauft, sondern dass man ein genetisch perfektes gutaussehendes Wunschkind bei einer Agentur in Auftrag gibt. Die Agenturen checken die potenziellen Bewerberinnen für eine Leihmutterschaft oder Eiszellspende nicht nur medizinisch, sondern stellen den Bewerberinnen zudem eine endlose Zahl an Fragen über deren Erscheinungsbild, familiären Hintergrund, einschließlich der Todesursache der Großeltern, Ausbildung, berufliche Ziele, Ausbildung und Beruf der Eltern und Geschwister, Religion bis hin zu sehr privaten und intimen Details zum Sexualleben.

Anhand dieser Informationen erstellt die Agentur eine Datenbank, aus der die zukünftigen Eltern dann wie aus einem Katalog die ideale Leihmutter aussuchen können, die ihr "perfektes" Baby zur Welt bringen soll. In den Augen einiger Kritiker erinnern diese Methoden an die Ideologie der Eugenik des frühen 20. Jahrhunderts, nach der angeblich etwa die akademische Bildung der Leihmutter ernsthafte Auswirkungen auf die Gene des ungeborenen Kindes hätte.

Von den Leihmüttern wird meistens gefordert, dass diese ihre Schwangerschaft von Anfang an als eine Geschäftsbeziehung ansehen. Diese abgeklärte, geschäftsorientierte Denkart soll verhindern, dass die Mütter eine emotionale Bindung zum Kind aufbauen. Dennoch organisieren solche Agenturen Gruppen, in denen die Leihmütter als Präventivmaßnahme psychologisch beraten werden und ermutigt werden, über den Schmerz des Verlustes des Kindes zu reden. Die bekannte Agentur "Center for Surrogate Parenting", welche unter anderem die Leihmutterschaft für den Sohn von Elton John ermöglichte, verlangt beispielsweise mehr als 5.000 US Dollar für solche Gruppengespräche.

Leihmutterschaft hat auch Folgen für die Kinder, denn diese müssen damit leben, dass ihre leiblichen Mütter es nur aus finanziellen Gründen zur Welt brachte.

Was ist mit der Würde des Menschen?

In Luxemburg befürworten die Grünen sowie die liberale Demokratische Partei (DP) und die sozialdemokratische LSAP die Anerkennung von im Ausland durchgeführten Leihmutterschaften. Das bedeutet konkret, dass ein Paar ein Kind, das im Ausland von einer Leihmutter geboren wurde, in Luxemburg gesetzlich als ihr eigenes Anerkennen lassen dürfen und mit keinen strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben. Das Verbot der Leihmutterschaft in Luxemburg bleibt zwar bestehen, wird dadurch jedoch weitestgehend ausgehöhlt.

Befürworter sehen in der Leihmutterschaft scheinbar keine Verletzung der Menschenwürde. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein in Auftrag gegebenes Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt und die "Auftragseltern" sich dann in dieser Situation in keiner Weise verpflichtet fühlen dieses Kind zu adoptieren. Rechtlich gesehen zwingt auch kein Gesetz die "Auftragseltern" dazu, das Kind nachher auch wirklich zu adoptieren. Höchst wahrscheinlich werden aber die meisten solcher Fälle schon vorher erkannt und das noch ungeborene Kind wird dann abgetrieben.

Die vergessene Debatte: Wo ist der Widerstand gegen diese Politik?

In der Luxemburger Parteilandschaft bekennt sich die (national-)konservative ADR in ihrem Wahlprogramm klar zum derzeitigen Verbot der Leihmutterschaft und erwähnte mit keinem Wort eine mögliche Anerkennung im Ausland durchgeführter Leihmutterschaften. Als kleine Oppositionspartei mit nur vier Sitzen in der Abgeordnetenkammer sind deren Einflussmöglichkeiten gering. Die Christlich-Sozialen hingegen weigerten sich, im Wahlkampf Stellung zum Thema der Leihmutterschaft zu beziehen. Dies war ein großes Versäumnis der größten Oppositionspartei, eine breite Debatte in der Öffentlichkeit zu entfachen.

Als eine Partei, die für ein christliches Menschenbild eintreten sollte, das darauf beruht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, müsste die Ablehnung der Leihmutterschaft ein Kernanliegen sein. Jedoch liegt gerade hier der Fehler im Getriebe der CSV. Denn diese ist in vielen Punkten eben nicht mehr der wertkonservative Verteidiger einer traditionellen bürgerlichen Ordnung. Dies fing schon damit an, als alle Abgeordneten bis auf einen einzigen dem Gesetz zustimmten, das die gleichgeschlechtliche "Ehe" in Luxemburg einführte.

Es gibt gute Gründe gegen die Leihmutterschaft. Daher ist eine ehrliche und breite Debatte über dieses Thema nötig. Es geht dabei um eine Debatte, in der auch diejenigen eine politische Stimme bekommen, die traditionellen Werten anhängen. Denn auch im vermeintlich gesellschaftlich liberalen Großherzogtum gibt es rote Linien, die viele Menschen nicht bereit sind zu überschreiten.

Alexandre Kintzinger kommt ursprünglich aus Luxemburg, ist seit 2015 in Aachen wohnhaft und studiert dort zurzeit Media and Communications for Digital Business an der FH Aachen.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls bei www.f1rstlife.de 

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