Videoblog: Die ungewisse Zukunft für Frauen in Afghanistan

Christian Peschken (li.) im Gespräch mit Gilles Emmanuel Jacquet
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11 January, 2022 / 6:00 AM

Der UNO Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator Martin Griffith sagte in Bezug auf Humanitäre Hilfe für Afghanistan, das sie zwar funktionieren kann, aber sie ersetze nicht die Entwicklungshilfe, sie ersetze nicht die Finanzierung der Gesellschaft und der Wirtschaft, die die meisten Regierungen jeden Tag überall auf der Welt leisten. Sie sei ein Zusatz, sie sei wichtig, sie sei eine Ergänzung.... und er hoffe, sie ist ein Lebensretter."

"Hilfe rettet Leben" – so Martin Griffith – "sie kann es und sie kann es hier und jetzt tun. Sie ist keine Lösung und wir sehen das in vielen Ländern, Afghanistan ist nur ein aktuelles Beispiel. Humanitäre Hilfe ist kein Heilmittel für die Menschen in Afghanistan. Sie ist ideal, und wir hoffen und glauben und zählen darauf, dass wir den Menschen in Afghanistan jetzt in der ersten Notzeit helfen können. Aber sie ist kein Mittel, um Gesellschaften zu stabilisieren." 

Der Abzug der Amerikaner und NATO-Streitkräfte aus Afghanistan im September letzten Jahres hat nach Aussagen von Experten die bereits instabile Lage verschlechtert. Die Leidtragenden sind allerdings weder die Streitkräfte noch die Experten, sondern die Bevölkerung und ganz besonders Frauen.    

Wir wollen heute unser Gespräch mit einem Sachkundigen zur Lage fortsetzen. Im letzten Jahr sprachen wir bereits mit ihm Gilles Emmanuel Jacquet, Assistenzprofessor für Weltgeschichte an der Genfer Schule für Diplomatie und internationale Beziehungen. und leitender Analyst am Internationalen Friedensforschungsinstitut Genf. 

Beim letzten Mal haben wir über die Taliban und ihre Machtergreifung in Afghanistan gesprochen, Heute wollen wir über die Situation der afghanischen Frauen sprechen, und ethnische und religiöse Minderheiten, die es derzeit in Afghanistan gibt. Wie beurteilst Du die Lage?  

Gilles Emmanuel Jacquet: "Seit der Machtübernahme durch die Taliban hat sich die Lage der Frauen und der religiösen oder ethnischen Minderheiten verschlechtert. Unter dem vorherigen Regime, der Islamischen Republik Afghanistan, hatten die Frauen per Gesetz und in der Praxis Rechte. Sie konnten arbeiten. Es gab sogar Frauen in den Streitkräften oder bei der Polizei. Wir hatten sogar mehr Ärztinnen in ländlichen Gebieten. Es gab also eindeutig einige Fortschritte. Und was die religiösen oder ethnischen Minderheiten anbelangt, so waren sie, ich meine, geschützt, und sahen sich keiner offiziellen Diskriminierung ausgesetzt.

Allerdings kam es vielleicht manchmal zu Zusammenstößen zwischen den schiitischen Hazaras und den nicht schiitischen Bevölkerungsgruppen. Wiegesagt seit der Machtübernahme durch die Taliban hat sich die Lage der Frauen eindeutig verschlechtert, auch wenn die Taliban anfangs behaupteten, dass Frauen in der Hauptstadt, in anderen Städten und in ländlichen Gebieten arbeiten könnten. Wir sehen aber eindeutig weniger Frauen an öffentlichen Orten, in Büros, in Unternehmen oder Geschäften. Wir sehen also eindeutig immer weniger Frauen.

Es ist nicht mehr so schlimm wie in den 90er Jahren unter dem vorherigen Taliban Regime, aber es ist sichtbar, dass der Präsenz von Frauen auch im Fernsehen und im Radio drastisch zurückgegangen ist.

Wenn es um die ethnischen und religiösen Minderheiten geht, vor allem um die schiitischen Hazara, haben auch sie Angst vor Verfolgung in der Zukunft. Zu Beginn der Machtübernahme behaupteten die Taliban, dass sie auch die Hazara schützen würden, dass Verfolgungen der Vergangenheit angehörten und dass die Hazara ihre Religion frei ausüben könnten. Einige Hazara-Flaggen wurden zunächst in einigen Städten von den Taliban entfernt, aber dann wurden die Flaggen auf einigen öffentlichen Plätzen wieder aufstellt, damit die Hazara ihre heiligen Tage, ihre religiösen Feiertage, feiern konnten.

Was nun die aktuelle Situation angeht, so ist die Präsenz von Frauen auf öffentlichen Plätzen zwar nicht verboten, aber sie ist deutlich zurückgegangen

Auch die schiitischen Hazara fürchten um ihre Zukunft.  Viele von ihnen arbeiteten für die afghanische Nationalarmee, für die Polizei oder für die afghanische Regierung. Viele von ihnen wurden entlassen, oder viele von ihnen haben Angst, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Jedoch nicht alle fliehen aus Afghanistan, offensichtlich bleiben einige Menschen dort und unterstützen sogar die Taliban?  

Gilles: "Ja, einige Menschen bleiben im Land, weil sie nicht über die nötigen Mittel verfügen, um das Land zu verlassen, während andere sich einfach an die neue Realität anpassen. Es ist schwer einzuschätzen wie die Taliban in Afghanistan von der Bevölkerung befürwortet werden. Es stimmt das es einige Leute gibt, die die Taliban unterstützen, vor allem Leute aus den Ursprungsregionen der Taliban-Bewegung. Aber die Mehrheit der Afghanen ist sehr skeptisch und hat Angst vor der Zukunft.

Erinnern wir uns daran, was in den 90er Jahren unter dem vorherigen Taliban-Regime geschah, als die Taliban Ende August, Anfang September die Macht übernahmen. Wir konnten sehen, wie viele Menschen versuchten, das Land zu verlassen, und das war auch ein Zeichen für die Ängste, die die Menschen im Hinblick auf diese neue Taliban-Machtübernahme hatten.

Auf welcher Ideologie basierend regieren und agieren die Taliban, Gilles? 

Gilles: "Die Ideologie der Taliban ist eine Mischung aus paschtunischen Stammestraditionen, da die meisten von ihnen paschtunischen Ursprungs sind. Die Paschtunen sind eine ethnische Minderheit, die hauptsächlich im Süden und Osten Afghanistans sowie in Pakistan lebt. Die Ideologie der Taliban basiert auf einer sehr archaischen, sehr traditionellen oder in einigen Fällen sogar extremistischen Auslegung des sunnitischen Islam. Die Ideologie der Taliban wurde während des sowjetischen Afghanistankrieges von 1979 bis 1989 auch von pakistanischen Extremisten geprägt, würde ich sagen.

Viele Afghanen sind nach Pakistan geflohen, wo sie in Flüchtlingslagern lebten, und viele afghanische Flüchtlinge gingen in die Madrassas, also Koranschulen. Und in diesen Koranschulen erhielten viele von ihnen eine sehr konservative oder sogar extremistische Erziehung. Sie basierte auf den Lehren pakistanischer oder indischer Mullahs, insbesondere denen der Deobandi-Bewegung. Wir haben auch den Einfluss der paschtunischen Stammesregeln, die ebenfalls sehr konservativ, sehr traditionell sind und manchmal sogar noch konservativer gegenüber Frauen, konservativer als die Scharia selbst. 

Im Hinblick auf die Ideologie der Taliban. Sie wurde während des sowjetischen Afghanistankrieges auch durch die Anwesenheit der so genannten afghanischen Araber geprägt, arabische Dschihadisten, die aus dem Nahen Osten oder aus den Golfstaaten kamen, um ihre afghanischen Brüder, die afghanischen Mudschaheddin, in ihrem Kampf gegen die afghanische Regierung und die sowjetischen Truppen zu unterstützen. Es liegt auf der Hand, dass der Wahhabismus, diese extremistische Auslegung des sunnitischen Islams, einen großen Einfluss auf die Taliban-Bewegung hatte.

Heutzutage behaupten die Taliban, dass ihre Ideologie etwas gemäßigter ist. Es ist jedoch unklar und wir werden anhand ihrer politischen Vorgehensweise sehen, ob sie gemäßigter sind oder nicht.”

Die gebürtige Afghanin Nadia Nashir-Karim, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Trägerin des Elisabeth-Siegel-Preises der Stadt Osnabrück, ist Mitbegründerin und Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins e.V. Hamburg. 

Sie erhielt kürzlich die Auszeichnung ”Hamburger des Jahres 2021 - Fairness und Courage”.  Seit knapp 30 Jahren kämpft die Journalistin mit ehrenamtlich arbeitenden Vereinsmitgliedern und Unterstützern für die Verbesserung der Lebensbedingungen in ihrem Heimatland. Mit Infrastrukturprojekten für die ländliche Entwicklung, medizinischer Versorgung, Bildungs- und
Aufklärungsarbeit leistet Nadia Nashir-Karim von Hamburg aus wichtiger Hilfe zur Selbsthilfe. Sie ist der Meinung, dass man auf jeden Fall weiterhin diplomatische Beziehungen brauche, auch was die Friedensverhandlungen anging und was die Teilnahme der Frauen an der zivilen Gesellschaft für die Zukunft Afghanistan betreffe. Und vor allem brauche man wirtschaftliche und humanitäre Hilfe, auch für die Zivilisten und zivile Projekte. 

Man brauche weiterhin diplomatische Beziehungen. Welche Beziehungen unterhalten die Taliban zu anderen Ländern der Welt? 

Gilles: "Nun, seit der Machtübernahme der Taliban in Kabul haben die westlichen Länder ihren Einfluss in Afghanistan weitgehend verloren. Insbesondere nach dem Abzug der westlichen Truppen, aber auch nach der Evakuierung des westlichen diplomatischen Personals. Im Moment genießen die Taliban, sagen wir, mehr oder weniger stabile Beziehungen zu China, Russland, Pakistan, Katar und der Türkei. Die Beziehungen zu China beruhen hauptsächlich auf dem Handel und vor allem auf der Hoffnung auf chinesische Investitionen. Aber es ist nicht sicher, ob diese Beziehungen zwischen Taliban und China von Dauer sein werden.

Ich erinnre daran, dass Al-Qaida immer noch in Afghanistan ist, und offiziell haben die Taliban ihre Beziehungen zu Al-Qaida nicht abgebrochen.  Vor fünf Jahren hatte Al-Qaida sogar China bedroht, den heiligen Dschihad gegen China ausgerufen, wegen dessen Anti Uigurischen Politik. 

Was Russland angeht. Russland hält auch nach dem Abzug immer einen minimalen Präsenz in Afghanistan aufrecht.  Seit der Machtübernahme durch die Taliban haben diese deutlich gemacht, dass Russland in Zukunft eine Rolle in dem Land spielen wird.

Es ist nicht klar, welche Rolle Russland spielen wird, aber sie wird nicht politisch sein. Sie wird hauptsächlich auf dem Handel und vielleicht auf Energieprojekten basieren.  

Was Pakistan, Katar und die Türkei angeht. Sie sind die Unterstützer der Taliban. Katar war Gastgeber der Verhandlungen zwischen den Taliban und ihren afghanischen Partnern sowie den Amerikanern. Katar hat die Taliban politisch und finanziell unterstützt, aber es konkurriert auch mit Pakistan, denn Pakistan ist der historische Unterstützer der Taliban-Bewegungen. 

Zurzeit unterhalten die Taliban diplomatische Beziehungen zu einer begrenzten Anzahl von Ländern, da viele andere Länder abwarten, welche Politik die Taliban als erstes umsetzen und ob die Taliban einige von westlichen Ländern aufgestellte Kriterien in Bezug auf die Behandlung von Frauen oder religiösen Minderheiten einhalten werden. Die Taliban sind also nicht isoliert, aber sie genießen nur begrenzte diplomatische Beziehungen, und auch nur sehr begrenzte diplomatische Anerkennung. 

Tatsächlich werden sie nur von der Türkei, Katar und China in gewissem Maße anerkannt.

Die UNO hat die islamischen Emirate jedoch nicht formell anerkannt.

In seiner Videobotschaft an den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf appellierte Monsignor John David Putzer, Geschäftsträger (Charge d’affaires), Ständige Vertretung des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf: "Der Heilige Stuhl ruft außerdem alle Parteien auf, die Menschenwürde und die Grundrechte jedes Menschen anzuerkennen und zu achten, einschließlich des Rechts auf Leben, der Religionsfreiheit, des Rechts auf Freizügigkeit und des Rechts, sich friedlich zu versammeln.” 

Gilles, Deine Prognose. Wird es in Afghanistan zu mehr Konflikten oder Stabilität und Frieden kommen?  

Gilles: "Leider muss ich sagen, dass ich im Hinblick auf die Zukunft Afghanistans ziemlich pessimistisch bin. Das Land hat bereits mehr als vier Jahrzehnte Krieg erlebt. 

Afghanistan ist seit Mitte der 70er Jahre mit ernsten Instabilitäten konfrontiert, und historisch gesehen hat das Land viele Konflikte und chronische politische Instabilitäten durchlebt. 

Was die Zukunft angeht, so bin ich mir nicht sicher, ob es Stabilität und Frieden geben wird, denn die Taliban werden sich mit dem IS auseinandersetzen müssen, denn der operiert immer noch in Afghanistan, und beide stehen sich in einer erbitterten Rivalität gegenüber.

Es auch klar, dass wir in Zukunft mehr Wettbewerb im Lande erleben werden, vor allem vielleicht zwischen China und den westlichen Ländern. Wettbewerb um Verträge und politischen Einfluss. Es könnte also zu mehr Instabilität kommen, und ich fürchte, dass es in den kommenden Jahren zu neuen Konflikten kommen könnte.” 

Die Politologin Dr. Katja Mielke von der Universität Bonn, sagte dem Deutschlandfunk gegenüber, ein positiver Hoffnungsschimmer in Afghanistan sei, dass es eine aufgeklärte Frauenbewegung gebe, die im Umgang mit sozialen Medien versiert seien und damit eine starke Stimme einbringen würden. Dr. Mielke appellierte an die Internationale Gemeinschaft sich in Gesprächen mit den Taliban, dafür stark zu machen, „dass zivilgesellschaftliche Kräfte und ganz besonders Frauen auch gehört und als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen werden".

So zum Schluss noch eine interessante Information zum Ursprung der Bezeichnung Sylvester den wir vor einigen Tagen gefeiert haben. Nach dem Heiligenkalender der römisch-katholischen Kirche ist dies der Gedenktag des heiligen Papstes Silvester der Erste. Papst Silvester der Erste regierte in Rom bis zum Jahr 335 als kirchliches Oberhaupt. Als im Jahr 1582 der julianische Kalender vom gregorianischen Kalender abgelöst wurde, verlegte man das Jahresende vom 24. auf den 31. Dezember. Der damals amtierende Papst Gregor XIII erinnerte sich während der Reform zurück an Papst Silvester den I.  I und erkor den 31.12. als Ehrentag zur Feier des Heiligen Silvester. Der Heilige Silvester gilt auch als Schutzpatron der Haustiere.

Ich wünsche Ihnen liebe CNA DEUTSCH Leser ein gesegnetes, neues Jahr, vor allem gesegnet durch Gesundheit. (Christian Peschken) 

Originalinterview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych.    

Redaktion, deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN .TV

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