Christenverfolgung in Myanmar: „Der internationale Druck muss erhöht werden“

Myanmar (Symbolbild)
Sébastien Goldberg / Unsplash

Im ehemaligen Birma, dem heutigen Myanmar, wütet seit Jahrzehnten ein katastrophaler Bürgerkrieg, der durch den ultra-buddhistischen Nationalismus einer brutalen Militärelite angeheizt wird. Die Folgen sind für die christliche Minderheit Myanmars verheerend. Die Weltöffentlichkeit scheint das Problem kaum wahrzunehmen. Doch trotz der geringen Medienberichterstattung hat die deutsche Regierung starke wirtschaftliche und politische Interessen in Myanmar. Neue Entwicklungen auf dem Kriegsschauplatz geben Anlass zur Hoffnung, dass ein Frieden in Sicht ist. Lothar C. Rilinger sprach mit Selina Biedermann, Projektleiterin bei der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), über die aktuellen Entwicklungen in Myanmar.

Sie betreuen mehrere Hilfsprojekte in Asien. Welche Rolle spielt das heutige Myanmar bei ihrer Arbeit?

Das Mandat von CSI besteht darin, sich mit verfolgten und anderweitig leidenden Christen zu solidarisieren. Die Gewalt gegen christliche Gemeinschaften hat enorm zugenommen, seit Myanmars ultranationalistisches Regime die kurzlebige hybride Regierungsvereinbarung mit den demokratischen Kräften der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi abrupt beendete und zum Krieg gegen die ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes und die prodemokratische Bewegung zurückkehrte. Die dominante Militärführung in Myanmar strebt seit langem danach, nationale Einheit zu erzwingen, indem sie auf der Vorherrschaft der burmesischen Ethnie und des Buddhismus beharrt. Dies bedeutet vermehrte Unterdrückung für die etwa 30 % der Bevölkerung, die verschiedenen ethnischen Minderheiten angehören. Die meisten Christen in Myanmar – 6 % der Bevölkerung – gehören zu verfolgten ethnischen Minderheiten wie den Karen, den Chin und den Kayin. Wie die muslimische Volksgruppe der Rohingya sind sie grausamen ethnischen Säuberungsaktionen ausgesetzt, die die Angehörigen der Minderheiten in die Wälder oder in Flüchtlingslager und Siedlungen in den Nachbarländern Thailand, Bangladesch und Indien treiben, wo es kaum Nahrungsmittel, Gesundheitsdienste sowie Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Myanmars Militärmachthaber sind bestrebt, die Gemeinschaften der ethnischen und religiösen Minderheiten verarmt, unterentwickelt und machtlos zu halten, um zu verhindern, dass diese die Oberhand im Land gewinnen.

In den europäischen Medien wird diese Entwicklung nicht dargestellt, was ist der Grund?

Die Berichterstattung in Europa über internationale Angelegenheiten wird von den Interessen der stärksten politischen Mächte und ihrer halboffiziellen Informationsstellen dominiert. Dabei geht es im Wesentlichen um den umfassenden Konflikt zwischen dem Westen einerseits und Russland und China andererseits; zurzeit besonders im Fokus sind der Krieg in der Ukraine sowie der Krieg zwischen Israel und der Hamas.

Was westliche Staatsmänner sagen und die Themen, die sie öffentlich ansprechen, sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Über die Themen, zu denen sie sich nicht äußern, wird in den Medien nur am Rande berichtet. Insbesondere seit dem Ukraine-Konflikt ist Südostasien stärker in den Fokus Deutschlands gerückt und auch Myanmar könnte ein wichtiger wirtschaftlicher Partner werden. Aber Deutschland hat sich im Einklang mit den USA für eine stille Diplomatie entschieden. So gab das deutsche Außenministerium Ende letzten Jahres eine Erklärung ab, in der es bestätigte, dass „das Militärregime in Myanmar [...] Gewalt gegen jeden anwendet, der sich ihm in den Weg stellt“ und aufforderte, „die eskalierende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung unverzüglich einzustellen und Myanmar zu gestatten, sich wieder in Richtung Demokratie mit einer legitimen zivilen Regierung zu bewegen“.

Diese eindeutige Erklärung findet sich zusammen mit Hunderten anderer anonymer Erklärungen dieser Art in den Tiefen der Website des Außenministeriums und wurde daher von den Medien kaum beachtet. Hätte Außenministerin Baerbock, der Bundeskanzler oder eine andere hochrangige politische Persönlichkeit die gleiche Erklärung in ihrem Namen abgegeben, wäre sie von den Medien sehr wohl beachtet worden.

Was ist der Hintergrund der Christenverfolgung in Myanmar?

Mehr in Gespräch

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts ist die Existenz einer ersten katholischen Gemeinde in Myanmar nachzuweisen. Im 17. Jahrhundert wurde das Christentum von portugiesischen katholischen Priestern in Myanmar verstärkt verbreitet, doch ohne großen Erfolg. Erst im 19. Jahrhundert nahm die Missionsaktivität in diesem mehrheitlich buddhistischen Land, das damals noch Birma hieß, einen dynamischen Verlauf und erzielte bemerkenswerte Erfolge. Die meist baptistischen Missionare waren größtenteils Europäer und Amerikaner. Sie wurden von den britischen Kolonialherren geschützt, und die Bekehrten gehörten größtenteils zu den benachteiligten ethnischen Minderheiten, insbesondere zu den Karen und den Chin. Dies wurde von der birmanisch-buddhistischen politischen Elite Myanmars zutiefst missbilligt und nach der Unabhängigkeit im Jahr 1948 aktiv bekämpft. Nach dem Ende des britischen Schutzes verbot diese Elite, die sich schnell in eine Militärdiktatur verwandelte, ausländische Missionare und verfolgte gewaltsam die Minderheiten, die als Bedrohung der auf dem burmesischen Buddhismus basierenden nationalen Einheit angesehen wurden. Dieser Konflikt dauert bis heute an und hat sich seit dem Zusammenbruch der gemischten Militär- und Zivilregierung im Jahr 2021 noch verschärft.

Sie sind in Myanmar tätig. Wie sieht Ihre Hilfe aus?

Die Region Sagaing ist die Region mit den meisten intern Vertriebenen in Myanmar. Im November 2023 wird die Zahl der Binnenvertriebenen auf 816.500 geschätzt. Ein Teil der Vertreibung ist vorübergehend, da die Binnenvertriebenen während des Konflikts und der Razzien aus ihren Dörfern fliehen. Hunderte Dörfer wurden ganz oder teilweise zerstört, und viele Vertriebene werden in absehbarer Zeit nicht in ihre Heimatdörfer zurückkehren.

Vor diesem Hintergrund führen die CSI-Projektpartner eine Reihe von humanitären Hilfsmaßnahmen durch, darunter die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Unterkünften, Wasser und sanitären Anlagen, wichtigen Haushaltsgegenständen sowie Bargeldzuschüssen.

Wir unterstützen auch Projekte, die den Menschen langfristig helfen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie sollen durch solche Projekte in die Möglichkeit versetzt werden, ein eigenes Einkommen zu erzielen und sich selbst versorgen zu können. In diesem Rahmen werden beispielsweise junge Frauen in einer Weberei und Schneiderei ausgebildet. In kleinen Gruppen haben junge Frauen aus sozial schwachen Verhältnissen die Möglichkeit, eine maßgeschneiderte Ausbildung zu absolvieren und anschließend an einem Programm teilzunehmen, bei dem sie Geld für den Kauf einer eigenen Nähmaschine sammeln können. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, sich aus der Armut zu befreien.

Ist ein Ende der katastrophalen Lage in Sicht?

Es gibt Grund zu vorsichtigem Optimismus. Aber wir müssen bedenken, dass es im Laufe der Jahrzehnte immer wieder hoffnungsvolle Zeichen gab, die sich als Illusionen erwiesen haben. Im vergangenen Jahr haben China und die Vereinigten Staaten im Stillen hinter den Kulissen zusammengearbeitet, um Druck auf die Militärdiktatur Myanmars auszuüben, damit sie sich mit einer Koalition aus ethnischen Minderheiten und prodemokratischen Birmanen arrangiert. Sowohl China als auch die USA sind am Frieden interessiert, weil sie Wirtschaftswachstum brauchen. Der anhaltende Bürgerkrieg in Birma führt nur zu Verwüstungen und bietet kein günstiges Umfeld für Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung. Dies ist einer der wenigen Bereiche, in denen die Vereinigten Staaten und China zusammenarbeiten können. Deutschland, als Teil der von den USA geführten westlichen Allianz, teilt ebenfalls dieses wirtschaftliche Interesse. Es sieht so aus, als würde China die regierungsfeindlichen Streitkräfte auf niedrigem Niveau unterstützen, um die Militärdiktatur unter Druck zu setzen, ernsthaft mit der Opposition zu verhandeln. In den letzten Monaten hat die Opposition einige beispiellose Siege auf dem Schlachtfeld nahe der chinesischen Grenze errungen – Siege, die unmöglich gewesen wären, wenn China die Regierungstruppen unterstützt hätte.

Wie wahrscheinlich ist das?

Das wird nur die Zeit zeigen. Die Militärmachthaber haben zu einem Dialog mit der bewaffneten Opposition aufgerufen. Aber sie sind besonders rücksichtslos und werden die politische Macht nicht freiwillig aufgeben, ohne solide Sicherheitsgarantien für sich selbst und das finanzielle Vermögen, das sie angehäuft haben.

Das lässt hoffen…

Wir hoffen und beten aufrichtig, dass die Junta in einen ehrlichen politischen Dialog eintritt und auf die Beschwerden der ethnischen Minderheiten und der prodemokratischen Gruppen eingeht. Nur dies kann der Weg zu einer friedlichen Lösung sein. Der Ausschluss Myanmars von der Führung des regionalen ASEAN-Blocks im Jahr 2026 ist in diesem Zusammenhang interessant. Die internationale Gemeinschaft will offensichtlich eine entscheidende und endlich gute Rolle spielen und sendet eine klare Botschaft der Missbilligung gegenüber der Militärregierung Myanmars. Genau dieser internationale Druck muss dringend erhöht werden, um Myanmar gemeinsam mit dem inneren Widerstand in eine demokratische und integrative Zukunft zu führen.

Frau Biedermann, wir danken für das Gespräch.