Amoris Laetitia: Kardinal Caffara erklärt Anliegen der "Dubia"

Kardinal Carlo Caffara
Foto: CNA (Archiv)

In die Diskussionen um die offenen Fragen zu Amoris Laetitia hat sich einer der Autoren des Bittbriefs an den Papst geäußert. Kardinal Carlo Caffara ist einer der vier Unterzeichner der "Dubia".

Der emeritierte Erzbischof von Bologna war von 1981 bis 1995 Leiter des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie. Er sprach mit Matteo Matzuzzi von "Il Foglio".

Beweggründe für den Brief an Franziskus

In seinem Interview erklärt Kardinal Caffara die Beweggründe für den Brief an Papst Franziskus, in dem er mit drei weiteren Unterzeichnern den Papst bittet, fünf Zweifel, lateinisch Dubia, "aufzulösen, welche die Ursache von Verunsicherung und Verwirrung sind".  

Der Brief wurde Mitte September an den Papst sowie den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, geschickt, und zwei Monate später veröffentlicht. 

Über den Brief und seine Dubia habe er "monatelang nachgedacht...und meines Teils waren sie auch Gegenstand langer Gebete vor dem Allerheiligesten Sakrament", sagte Kardinal Caffara gegenüber "Il Foglio".

Link-Tipp: CNA Deutsch-Zeitleiste zu Amoris Laetitia.

Die vier Kardinäle hätten sich verpflichtet gefühlt, die Dubia vorzulegen aufgrund ihrer Rolle als Berater des Papstes, und aufgrund "der Tatsache – die nur ein Blinder abstreiten könnte – dass in der Kirche eine große Verwirrung, Unklarheit, Unsicherheit herrscht aufgrund einiger Abschnitte in Amoris Laetitia."

"In diesen Monaten haben, was die grundsätzlichen Fragen der sakramentalen Ökonomie (Heirat, Beichte und die Eucharistie) und den christlichen Lebensweg betrifft, einige Bischöfe 'A' gesagt, während andere das Gegenteil von 'A' gesagt haben in der Absicht, den gleichen Text zu interpretieren", so Kardinal Caffara.

Der Ausweg aus diesem "Deutungskonflikt" war, auf grundsätzliche theologische Interpretationskriterien zurückgreifen zu können, anhand derer seines Erachtens "einigermaßen nachgewiesen werden könnte, dass Amoris Laetitia nicht Familiaris Consortio widerspricht". 

Doch, so Kardinal Caffara weiter, habe sich gezeigt, "dass dieser epistemologische Ansatz nicht ausreichen würde. Der Kontrast zwischen den beiden Interpretationen setzte sich fort" – und daher sei die einzige Möglichkeit einer Klärung gewesen, den Autor von Amoris Laetitia zu bitten, dies zu klären.

"Lauter stumme Hunde"?

Aus Achtung vor dem Papst hätten die Kardinäle entschieden, den Brief als privates Schreiben zu verfassen, und sich nur entschieden, den Brief auch zu veröffentlichen, "als wir sicher waren, dass der Papst nicht antworten würde... Wir interpretierten sein Schweigen als Erlaubnis, die theologische Diskussion fortzusetzen. Zudem betrifft das Problem darüberhinaus sowohl das Magisterium der Bischöfe (die, was wir nicht vergessen sollten, dieses Lehramt nicht ausüben weil ihnen der Papst es an sie delegiert hat, sondern aufgrund des Sakramentes, dass sie empfangen haben), als auch das Leben der Gläubigen". 

In Anspielung auf die Stelle in Jesaja 56:10 – "Die Wächter des Volkes sind blind, / sie merken allesamt nichts. Es sind lauter stumme Hunde, / sie können nicht bellen. Träumend liegen sie da / und haben gern ihre Ruhe", sagte Kardinal Caffara weiter, dass die Skandalisierung der Gläubigen zudem zugenommen habe, "als hätten wir uns Verhalten wie die Hunde, die nicht bellen". 

Die Spaltung innerhalb der Kirche "ist der Anlass des Schreibens, nicht seine Folge", so der italienische Purpurträger wörtlich.

Als Beispiel nannte der emeritierte Erzbischof das Schreiben eines Pfarrers, der nicht mehr wisse, was er in der geistlichen Begleitung und im Beichtstuhl tun solle wenn Gläubige zu ihm kämen und die Kommunion verlangten, trotz ihrer ehebrüchigen Situation, und zu ihrer Rechtfertigung den Papst zitierten.

"Das ist die Situation vieler Seelsorger, vor allem der Pfarrer", so Kardinal Caffara weiter. "Das ist eine Last, die sie nicht alleine schultern können".

Trennung von Lehre und Praxis "eine Absurdität"

Ein schwerwiegendes Problem sei zudem, von einer zu großen Unterscheidung zwischen Lehre und pastoraler Praxis zu sprechen, sagte der Kardinal. Wer meine, pastorale Praxis sei nicht begründet in der Lehre tue so, als sei deren Ursprung beliebig. "Eine Kirche, die der Glaubenslehre wenig Aufmerksamkeit schenkt ist keine pastoralere Kirche, sondern eine ignorantere Kirche".

Der Kardinal weiter: "Wenn ich höre, das sei nur eine pastorale Änderung, und keine doktrinäre, oder dass das Gebot, welches Ehebruch verbietet nur ein rein positives Gesetz sei, dass geändert werden könne (und ich glaube kein redlicher Mensch kann das meinen), dann heißt das, dass ja, ein Dreieick hat allgemein drei Seiten, aber es ist möglich, eines mit vier Seiten zu machen. Mit anderen Worten: Das ist eine Absurdität."

"Weiterentwicklung der Lehre" kann nicht widersprüchlich sein  

Die Idee einer "Weiterentwicklung des Lehramtes", mit der einige Interpreten von Amoris Laetitia die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion für möglich halten, stößt bei Kardinal Caffara ebenfalls auf Kritik.

"Wenn etwas klar ist, dann, dass es keine Weiterentwicklung gibt wo es Widersprüchlichkeit gibt. Wenn ich von 'S' sage, dass es 'P' ist und dann sage, dass 'S' nicht 'P' ist, dann entwickelt sich die zweite These nicht aus der ersten, sondern widerspricht ihr. Bereits Aristoteles hat zurecht gelehrt: Wenn man ein allgemein affirmatives Prinzip hat (etwa, dass jeder Ehebruch schlecht ist) und gleichzeitig eine bestimmte negative Aussage mit dem gleichen Subjekt und Prädikat (etwa, dass mancher Ehebruch nicht schlecht ist), dann stellt das keine Ausnahme dar zum ersten Prinzip, sondern dann widerspricht es diesem."

Die Dubia sollten klären, ob Amoris Laetitia eine Weiterentwicklung der bisherigen Glaubenslehre darstelle, oder dieser widerspreche – da es auf Seiten beider Interpretationen Bischöfe gebe, die die jeweilige Sichtweise vertreten, so Caffara.

"Hat Amoris Laetitia gelehrt, dass unter bestimmten Umständen und nach Durchlaufen eines bestimmten Prozesses [geschiedene und wiederverheiratete] Gläubige die Eucharistie empfangen können ohne beschlossen zu haben, enthaltsam zu leben? Es gibt Bischöfe, die ausgesagt haben, dass dies möglich ist", so der Kardinal. Es sei eine einfache logische Ableitung, dass man dann auch lehren müsse, dass Ehebruch nicht an sich ein Übel ist."

Das Wertvolle an Amoris Laetitia sei, betonte Kardinal Caffara, dass es Seelsorger auffordert, nicht einfach Menschen "Nein" zu sagen, sondern sich dieser Gläubigen anzunehmen und um sie zu kümmern, ihre Situation prüfen und unterscheiden zu helfen.

Wichtig an den Dubia sei, dass sie Bischöfe und Priester daran erinnern, dass es an sich schlechte Handlungen [intrinsece malum, Anm.d.R.] gebe, welche durch Vernunft erkennbar seien, wie als erster im Westen Aristoteles erkannt habe. 

Missverständnis der Rolle des Gewissens

Abschliessend erklärte Kardinal Caffara, dass der Begriff des Gewissens und seine Rolle nicht missverstanden werden dürfe.

Das Gewissen und seine Prüfung sei ein Akt der Vernunft, der nicht verwechselt werden dürfe mit einer Art unanfechtbaren Instanz, die über Gut und Böse des eigenen Handelns, der eigenen Subjektivität entscheide. 

Daher sei das fünfte Dubium auch das wichtigste, so Kardinal Caffara, weil es sich der Frage des Gewissens widme, und ob dieses "niemals dazu autorisiert ist, Ausnahmen von den absoluten moralischen Normen zu legitimieren, welche Handlungen verbieten, die durch ihr Objekt in sich schlecht sind", wie es in der Frage der Kardinäle heißt.

Tatsächlich gebe es einen Abschnitt in Amoris Laetitia, der scheinbar "die Möglichkeit erlaubt, dass es eine wahre Gewissensentscheidung geben kann...im Widerspruch mit der Lehre der Kirche betreffend des Schatzes der göttlichen Offenbarung. Das ist der Eindruck. Deshalb haben wir dem Papst die Dubia gegeben".

Abschließend erinnerte Kardinal Caffara an den Seligen John Henry Newman. Dieser habe das Gewissen "in einleuchtendster Weise" verstanden. Der englische Konvertit erkannte, dass eine privates Urteil nicht zum "höchsten Kriterium moralischer Wahrheit" erhoben werden könne.

"Sage niemals einer Person: 'Folge immer Deinem Gewissen', ohne sofort hinzu zu fügen: 'liebe und suche die Wahrheit über das Gute'. Sonst gibt man dieser Person die zerstörerischste Waffe seiner Menschlichkeit an die Hand". 

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