Der Bischof in der Pandemie: Ein Interview mit dem Oberhirten von Bergamo

Monsignor Francesco Beschi, Bischof von Bergamo
Foto: Diözese Bergamo

Ganz Italien durchlebt seit Wochen medizinische wie menschliche Katastrophen im Zuge der Coronavirus-Pandemie. Besonders betroffen von der Covid19-Epidemie ist die Lombardei – und dort die Provinz Bergamo, in der Bilder entstanden, die weltweit Trauer und Bestürzung ausgelöst haben. 

Marco Mancini von ACI Stampa, die italienische Schwesternagentur von CNA Deutsch, sprach mit Bischof  Francesco Beschi von Bergamo über die Situation in seiner Diözese – und wie es nun weitergeht.

Exzellenz, wie leben die Menschen in Ihrer Diözese diesen so schweren Moment der Prüfung?

In diesem Moment gibt es ein großes Bedürfnis nach Nähe. Aber noch mehr. Der Notstand hat eine großzügige, beeindruckende Solidarität ausgelöst. Und die Solidarität hat dann das Gespür dafür hervorgebracht, "zum Nächsten" zu werden. Die Diözese zählt circa 400 Pfarreien und ich sehe eine Vielfalt verschiedener, phantasiereicher, neuer Ausdrucksformen, um diese Nähe zu fördern. Die Pfarreien bewegen sich in den sozialen Netzwerken, mit Livestreams der Messfeiern und Gebetsmomente, mit Videos und Texten im Chat oder Videochat, sie denken sich Apps aus, sie beleben den Radiosender der Pfarrei wieder neu, sie bieten Initiativen für die Kinder und Jugendlichen an, die zu Hause bleiben müssen, Betrachtungen im Chat für die Erwachsenen, "Audio-Pillen" mit Geschichten oder Liedern, um den älteren Menschen Gesellschaft zu leitsen. Als Bischof biete ich über unseren diözesanen Fernsehsender vier Momente pro Woche an: am Dienstag den Rosenkranz, am Freitag den Kreuzweg, am Samstag Abend eine kurze Katechese für die Jugendlichen und am Sonntag Morgen die heilige Messe aus der Kathedrale. Die Kurie bietet Material auf den Webseiten www.diocesibg.it und www.oratoribg.it an, vor allem für die Kinder zu Hause, mit einem speziellen Angebot für sie. Die Diözese hat auch die Verpflichtung übernommen, in einigen ihrer Strukturen Menschen aufzunehmen, die aus den Krankenhäusern entlassen werden und unter Quarantäne gestellt werden müssen, aber nicht in ihren Häusern leben können, weil sie dort keine geeigneten Räume haben, da ja jeder gezwungen ist, zu Hause zu bleiben, auch die Kinder, da die Schulen geschlossen sind und die Freizeitaktivitäten ausfallen. Wir haben auch einen Telefondienst eingerichtet, der geistlichen Trost und psychologische Unterstützung anbietet, mit circa 70 Priestern, Ordensleuten, Laien – darunter Psychologen - , um allen Menschen zu helfen, die in der Familie aufgrund von Krankheit oder Todesfällen eine besonders schmerzhafte Situation durchleben, aber auch für Krankenschwestern und Krankenpfleger, für Ärzte, für alle, die auf heldenhafte Weise ihren Beitrag leisten und ihre Kräfte einsetzen. Es gibt auch eine Mailadresse, an die die Familien ihre Intentionen schicken können. Diese werden dann an die Ordensschwestern der kontemplativen Klausurorden geschickt, die rund um die Uhr in den beteiligten Klöstern dafür beten.

Alles scheint in diese Richtung zu gehen: wir merken und wir werden uns bewusst, dass uns Gott, der auch in der Prüfung bei uns ist, nicht verlässt.

Ihre Diözese hat einen sehr hohen Preis gezahlt. Viele Priester sind durch das Virus gestorben...

Seit dem 6. März sind 25 Priester gestorben. Circa 20 befinden sich im Krankenhaus, einige davon mit einem schweren Verlauf der Krankheit. Auch das ist ein Zeichen tiefer Hingabe. Als tröstliche Nachricht darf ich vermelden, dass es sechzig Priestern mittlerweile bedeutend besser geht, andere sind bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das is ein Zeichen, das uns sehr tröstet. Wir leben dieses Leid zusammen, wir teilen es mit unseren Gemeinden, gemeinsam mit dem Schmerz über die Infizierten, die Kranken, die hohe Zahl der Toten. Wir sind nicht von unseren Gemeinden getrennt, auch nicht auf dem letzten Weg, im Tod. Hier werden die Todesfälle wirklich immer mehr; nicht nur, dass sie nicht zurückgehen – die Zahl wächst noch. Es sind viele, die sterben. In den Krankenhäusern sterben jene, die die schwersten Verläufe haben, aber viele sterben in ihren Häusern und werden nicht mitgezählt in der offiziellen Zählung. Wir wissen wirklich nicht mehr, wo wir sie hinbringen sollen. Daher werden jetzt auch einige Kirchen dafür genutzt. Das ist ein Zeichen der Zärtlichkeit für jene Menschen, die allein sterben und jetzt Gefahr laufen, dass ihre Leichen irgendwo gestapelt werden. Dass sie sich jetzt in einer Kirche befinden ist ein Geschenk der Achtung und der Aufmerksamkeit. All das wird von tiefen Gefühlen begleitet.

Ein Priester hat mich angerufen. Sein Vater ist gestorben, er selbst befindet sich in Quarantäne, seine Mutter ist auch in Quarantäne, allein, in einem anderen Haus. Seine Geschwister sind in Quarantäne. Es gibt keine Beerdigung. Der Vater wird auf den Friedhof gebracht, er wird begraben werden, ohne dass irgendjemand bei diesem Moment des menschlichen und christlichen Mitleids dabeisein kann, der sich jetzt als so bedeutsam erweist, weil er fehlt. Wenn ein Kranker mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wird und bei den Infizierten oder auf der Intensivstation eingeliefert wird, dann sehen ihn die Familienangehörigen nicht mehr, sie hören ihn nicht mehr, sie können nicht einmal mehr am Telefon mit ihm reden. Der Schmerz ist immens.

Ihre Priester haben sich nicht geschont. Hat man damit gerechnet?

Ich bin mit all meinen Priestern ständig in Kontakt und übermittle ihnen in Nachrichten väterliche Zuneigung, Nähe, Unterstützung, Betrachtungen und gemeinsame Leitlinien, wie wir zusammen diese Situation angehen sollen. Wir sind viele, mehr als 700, die Wege des Kontaktes sind also unterschiedliche, aber mit ist es wichtig, dass ich alle erreiche. Und das Wesentliche ist immer Dankbarkeit, Zuneigung, Unterstützung, die Gebet und Segen wird. Ich spüre, wie unsere Gemeinden lebendig sind, inmitten so vieler Einschränkungen, dank des Glaubens, des Dienstes, der pastoralen Leidenschaft der Priester. Ich bin überzeugt, dass die Entbehrungen, die wir jetzt erleben, unser Herz für das Licht und die Kraft des Heiligen Geistes öffnen werden, der uns auf neue Wege, zu neuen Formen und neuen Möglichkeiten führt. Wir dürfen keine Angst haben oder exzessive Diskretion, sie zu teilen oder darüber miteinander oder mit der Welt zu sprechen. Wir haben es nötig, über die Phantsie des Geistes und den Mut und die Hingabe seiner Diener zu staunen. Die Priester, die gestorben sind, spornen uns noch mehr zu einer totalen Hingabe an den Herrn und an die Menschen an. Unsere mehr als zwanzig kranken Mitbrüder einen uns – über das Gebet hinaus – noch intensiver in einer familiären und brüderlichen Verbundenheit.

Angesichts der Notsituation haben sie den Ärzten und Angehörigen erlaubt, Kranke und Sterbende zu segnen? Wie sind sie zu diesem Entschluss gekommen?

Die Verantwortung, den öffentlichen Gesetzen zu gehorchen, ist ein Dienst am Gemeinwohl. Bei uns wurden die Kirchen nie geschlossen, aber wir zelebrieren die heilige Messe ohne das Volk. Die heiligen Messen haben nie aufgehört, aber der Priester zelebriert allein, ohne die Gläubigen. Von den Gemeinden wirs in dieser Fastenzeit ein Fasten verlangt, das wir uns nie hätten vorstellen können – ein Fasten der Eucharistie. Aber wie man so schön sagt über eine Person, die du liebst und die du eine Zeit lang nicht sehen kannst: Abwesenheit ist doppelte Anwesenheit. Vielleicht begreifen wir nun den Wert eines Geschenkes besser, das wir oft als selbstverständlich und als Recht angesehen haben. Und wir verstehen, dass Gott nicht der medialen Logik der Followers folgt: Die heilige Messe ist nicht mehr wert, wenn viele Leute da sind und sie ist nicht wertlos, wenn niemand da ist. Wenn ein Priester allein zelebriert, dann heißt das nicht, dass die Gläubigen nicht da sind. Er zelebriert mit ihnen und für sie. Normalerweise sind wir es, die zu Gott kommen; es ist schön zu denken, dass gerade in diesem Moment Gott zu uns kommt. Du bist zu Hause und denkst daran, dass dein Priester, allein, vor Gott steht und an dich denkt. Ich habe meiner christlichen Gemeinde zwei Geschenke wieder ans Herz gelegt, die zur Tradition und zur Lehre der Kirche gehören: Das erste ist das "votum sacramenti", das heißt das Verlangen nach der Beichte. In einem Moment, in dem es unmöglich ist, das Sakrament zu empfangen, kann ein Sünder, der seine Sünden zutiefst bereut, seine Bitte um Vergebung mit einem Gebet der Reue an den Herrn richten, und mit dem Versprechen, das Sakrament sobald es möglich sein wird, zu empfangen. Und der Herr verzeiht.

Ich habe die ganzen Diözese auch daran erinnert, dass jeder Christ kraft der Gnade der Taufe ein Überbringer des Segens ist: ein Vater kann seine Kinder segnen, eine Mutter kann ihre Kinder segnen, die Großeltern können ihre Enkel segnen, aber es ist vorallem im Leiden wichtig, dass auch die Kinder und Enkel ihre Lieben segnen können. Und ich habe auch die Ärzte und Krankenschwestern und Krankenpfleger mit Feingefühl und Achtung darum gebeten: in diesen Tagen sehen sie oft auf ihren Stationen, wie Menschen alleine sterben. Wenn sie den Wunsch bemerken, wäre es ein wertvolles Geschenk, wenn durch ihre Hände auch der Segen des Herrn zu diesen Menschen kommen könnte. Die Priester in den Pfarreien versuchen, den Kranken nahe zu sein. Aber es Problem ist nicht, dass wir nicht herumgehen dürfen. Da ist die Angst vor der Ansteckung. Nicht so sehr und nicht allein die des Priesters um sich selbst, sondern vielmehr jene, zusammen mit dem Herrn Jesus auch den Virus zu bringen, denn der Priester könnte selbst infiziert sein, ohne Symptome zu zeigen, wie es bei vielen der Fall ist, und so verbreitet sich der Virus weiter. Es braucht also auch pastorale Klugheit.

Ostern steht vor der Tür. Möchten Sie eine Nachricht an Ihre Diözesen und an die vom Virus Betroffenen senden?

Es gibt innere Kraft, die umfassender und tiefer ist als das Böse: Das ist der Glaube. Er ist die Lymphe an den Wurzeln des Volkes von Bergamo. Das wird die Festigkeit sein, auf der wir die Familien neu aufbauen werden, mit der wir die Arbeit neu aufnehmen werden, bei der wir ansetzen werden, um die Wirtschaft, die am Boden ist, wieder aufzurichten; damit werden wir die emotionalen Wunden zum Heilen bringen, darauf werden wir uns stützen, um eine Trauer aufzuarbeiten, die hinuntergeschluckt werden musste, darauf werden wir uns aufrichten und stehen, um den Horizont zu sehen und neu zu beginnen. Es ist eine Festigkeit, in der ich Menschen, die selbst komplett am Ende waren, anderen helfen sah, die nur einen Knacks hatten. Diese Tage werfen einen langen Schatten des Todes auf unser gemeinschaftliches Leben und auf unsere Familien. Aber gleichzeitig können wir nicht umhin, die Zeichen des Frühlings zu erkennen. Die Auferstehung ist die Blume die erblüht und die Freude vorwegnimmt, eines Tages die Frucht zu genießen. Sie ist die Knospe, die zu blühen beginnt. Unser Leben und die Geschichte der Menschen – das wissen wir – besteht aus vielen Toden und Auferstehungen. Aber es ist nicht einfach eine Abfolge von frohen und traurigen Ereignissen. Wie Christus und mit Christus zu sterben, in den Ereignissen unseres Lebens, das heißt in unserem vielfachen Sterben die Kraft der Liebe wohnen zu lassen. Wir besitzen die Kraft der Liebe Christi nicht, aber er teilt sie und mit.

Wenn der Sturm einmal vorüber sein wird, wie wird es weitergehen, vor allem auf kirchlicher Ebene?

In den vielen Toden, die unsere Existenz prägen, können wie wie Er auferstehen. Nicht einfach, weil der Tod vergangen ist - "die Nacht muss irgendwann vorübersein" heißt es in einem bekannten Satz - sondern weil im Tod, also in der Prüfung, in der Krankheit, im der Hingabe, die nicht die erwarteten Ergebnisse sieht, Liebe wohnt und weil aus der Liebe immer neues Leben geboren wird. Und wenn diese Liebe die Liebe Gottes ist, dann wird das neue Leben Gottes geboren. Wir haben viele Krisen erlebt. Die Finanzkrise war kein Scherz. Die Umweltkrise ist kein Scherz. Und es gibt auch die Kirchenkrise. Wir haben oft gesagt: Es wird nicht mehr wie vorher sein, wir müssen aus den Fehlern lernen, wir dürfen sie nicht wiederholen. Die Frage ist: Sind wir bereit, zu lernen? Die Familien müssen mit den Verlusten leben, mit den Plätzen, die nun leer sind. Eine Antwort habe ich noch nicht. Zwei Dinge werden entscheidend sein: Das solidarische Teilen, das nötig ist, um aus dieser Situation herauszukommen, und die persönliche Übernahme von Verantwortung. Wenn wir daran wachsen, dann wird diese schreckliche Sache wenigstens auch fruchtbar gewesen sein.

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