Der merkwürdige Fall der Marienerscheinungen von Lipa

Maria, Mittlerin aller Gnaden
Foto: Srppateros via Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

Die Geschichte von Schwester Teresita Castillo und den vermeintlichen Marienerscheinungen von Lipa City auf den Philippinen liest sich wie ein Krimi.

Ein negatives Urteil örtlicher Bischöfe über die Erscheinungen und deren Verbot der Anbetung sind der wahrscheinlichste Grund dafür, dass die Nonne aus dem Frauenkloster gejagt wurde.

Jahre später legten einige Bischöfe, die an der Ablehnung des Falles beteiligt waren, angeblich Geständnisse am Sterbebett vor, sie hätten nur gegen die Erscheinungen gesprochen, weil sie mit der Exkommunizierung bedroht worden seien.

Ein Dokument aus dem 1950-er Jahren machte außerdem deutlich, dass die Sache immer noch in den Geheimarchiven des Vatikan ruht.

Im letzten Monat meldete der Erzbischof Lipas, Ramón C. Arguelles, der Heilige Stuhl habe sein negatives Urteil über die übernatürliche Natur der Erscheinungen bestätigt. Die Wiederholung war eine Gegendarstellung zum Erzbischof, der wenige Monate vorher mitgeteilt hatte, die Erscheinung von Lipa sei erneut als übernatürlich anerkannt worden.

Der Wortwechsel war nur der letzte in einem jahrzehntelangen Hin und Her zwischen dem Vatikan und dem Klerus des Erzbistums Lipa darüber, ob die tiefe Verehrung in Lipa offiziell anerkannt werden solle oder nicht.

Nach neuestem Stand werden die Marienerscheinungen in Lipa – bekannt als Maria, Mittlerin aller Gnaden – durch den Heiligen Stuhl offiziell als "in ihrem Wesen nicht übernatürlich" eingestuft.

Die höchste Anerkennung, welche die katholische Kirche einem anscheinlichen Wunder zuteil werden lassen kann, ist, dass es "wert ist, daran zu glauben". Wenn Forschungen feststellen, dass eine Erscheinung falsch ist oder ihr der übernatürliche Charakter fehlt, führt dies dagegen zu einer Ablehnung.

Alternativ kann die Kirche erklären, dass bei einem vermeintlichen Wunderphänomen nichts gegen den Glauben spricht – aber ohne festzulegen, ob sie einen übernatürlichen Charakter hat.

Jedoch werden in einem beispiellosen Schritt die Erscheinungen im philippinischen Lipa nicht als übernatürlich angesehen, aber die Verehrung vor Ort ist immer noch erlaubt.

"Ich glaube, dies ist der einzige Fall in der Geschichte, in dem der Vatikan ein negatives Urteil fällt, aber die Verehrung erlaubt ist," sagte Michael O’Neill, ein katholischer Wunderforscher und Autor, der die Homepage miraclehunter.com betreibt, gegenüber der CNA.

Visionen in Gärten und Kronblätter von Rosen, die vom Himmel fielen

Dieser einzigartige, mysteriöse und immer noch strittige Fall begann 1948 mit einer jungen Nonne in einem stillen Klostergarten.

Schwester Teresita, auch als Schwester Teresing bekannt, war gerade einmal 21 Jahre alt, als angeblich Maria ihr im Garten ihres Karmelitinnenklosters in Lipa City zu erscheinen begann. Am 12. September betete die junge Nonne im Freien, als einer der Weinstöcke im Garten zu zittern begann. Sie hörte dann die Stimme der Jungfrau Maria, die Teresita bat, den Boden zu küssen und fünfzehn Tage lang an den selben Ort zurückzukehren.

Schwester Teresita kehrte zurück, und Maria erschien ihr Berichten zufolge auf einer Wolke. Sie war mit einem weißen Gewand und einem einfachen Gürtel bekleidet, ihre Hände waren verschränkt, und ein goldener Rosenkranz hing von ihrer rechen Hand herunter.

Nach der Seherin d.h. der Nonne betonte Maria im laufe ihrer insgesamt 19 Erscheinungen in diesem Jahr Demut, Reue und das Gebet für den Klerus und den Papst und bat um das Rosenkranzgebet. Teresita berichtete, die Jungfrau Maria habe ihr ein Geheimnis für sie selbst, eines für das Karmelitinnenkloster in Lipa City, eines für China, eines für die gesamte Welt mitgeteilt.

Bei ihrer letzten Erscheinung am 12. November 1948 bezeichnete sich Maria einem Bericht zufolge mit dem Titel "Mittlerin aller Gnaden", ein Titel, der sich aus "Lumen gentium", einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, ableitet. Mit den Erscheinungen werden auch Kronblätter von Rosen in Verbindung gebracht, die vom Himmel geregnet zu sein schienen und auf denen Jesus, Maria und die Heiligen abgebildet sind.

Die mysteriöse negative Entscheidung

Bis drei Jahre weiter, bis 1951, verließ irgendwann im Laufe des Jahres 1950 Schwester Teresita das Kloster, wahrscheinlich wegen all der Kontroversen über die Erscheinungen.

Der örtliche Bischof Alfredo Verzosa y Florentin hat die Verehrung Unserer Lieben Frau, der Mittlerin aller Gnaden, gutgeheißen, und die Verehrung wurde unter den philippinischen Gläubigen, die bereits sehr große Marienverehrer waren, schnell immer beliebter.

Trotz der Genehmigung durch den Bischof des Erzbistums Lipa erklärte ein Komitee der philippinischen Bischöfe am 11. April 1951, dass "es kein übernatürliches Eingreifen bei den berichteten außergewöhnlichen Ereignissen gab, die auch den Regen von Kronblättern von Rosen in Lipa beinhalten."

Die Erklärung beinhaltet auch den wesentlichen Satz "bis der Heilige Stuhl die endgültige Entscheidung über die Angelegenheit fällen wird".

Bischof Rufino Santos, der nach der Entscheidung zum Apostolischen Administrator ernannt wurde, ordnete an, dass das Karmelitinnenkloster Lipa keine Rosenkronblätter mehr an die Menschen verteilen und dass die Statue unserer Lieben Frau, der Mittlerin aller Gnaden, aus dem öffentlichen Blickfeld genommen werden solle.

Die Verehrung Unserer Lieben Frau, der Mittlerin aller Gnaden, blieb offiziell nach dem Urteil des Komitees jahrzehntelang verboten, bis zum Februar 1990.

Am 11. Februar 1990 schwor der Neffe Bischof Cesar M. Guerreros einer der Unterzeichner des negativen Urteils aus dem Jahr 1951 in einer eidesstattlichen Erklärung, sein Onkel habe das Dokument unter Zwang unterschrieben und glaube an die Echtheit der Erscheinungen, so ein Buch über die Erscheinungen von Lipa, das von June Keithley verfasst wurde. Die katholische Bischofskonferenz der Philippinen antwortete aus Zeitdruck nicht auf Anfragen zu Kommentaren über die Angelegenheit.

Verehrung vor Ort wächst

Im Verlauf des Jahres verlangte eine Schwester aus dem Karmelitinnenkloster Lipa auf ihrem Sterbebett das Zurückbringen der Statue der Jungfrau Maria, Mittlerin Aller Gnaden zur Verehrung. Die Gemeinschaft erfüllte diesen Willen, und am darauffolgenden Tag wurde die Statue in der Klosterkapelle aufgestellt.

Bald danach hob Mariano Gaviola, damals Erzbischof von Lipa, das von Bischof Rufino Santos erlassene Verbot auf und erlaubte das Aufstellen der Statue.

2005 begann Ramon C. Arguelles, der neue und immer noch amtierende Erzbischof von Lima eine Kampagne zur weiteren Verbreitung der Verehrung  und für das Aufstellen der Statue der Mittlerin Aller Gnaden in Pfarreien im ganzen Land und bekannte bei mehreren Anlässen öffentlich seine persönliche Verehrung und seinen persönlichen Glauben an die Echtheit der Erscheinung.

Das Hin und Her geht weiter

Erzbischof Arguelles glaubte so leidenschaftlich an die Verehrung dass er am 12. November 2009, dem 61. Jahrestag der vermeintlich letzten Erscheinung der Jungfrau Maria gegenüber Schwester Teresita, das Verbot der öffentlichen Verehrung des Bildnisses aus dem Jahr 1951 offiziell aufhob und eine neue Kommission gründete, um die Erscheinung und die mit ihr einhergehenden Phänomene erneut zu untersuchen.

Etwa ein Jahr später verbot sie der Vatikan erneut.

"Wir, die unterzeichnenden Erzbischöfe und Bischöfe, die zu diesem Zweck eine Spezialkommission einsetzen, die den Beweis und die Zeugnisse, die im Laufe wiederholter, langer und gründlicher Untersuchungen gesammelt wurden, untersucht und überprüft hat, sind zur übereinstimmenden Schlussfolgerung gelangt und erklären hiermit offiziell, dass die oben erwähnten Beweise und Zeugnisse jedes übernatürliche Eingreifen bei den berichteten außerordentlichen Geschehnissen – einschließlich den Kronblätterregen – im Karmelitinnenkloster Lipa ausschließen," stellten sie in einer Erklärung klar – und teilten weiter mit, dass diese die offizielle Kommunikation der letztgültigen Entscheidung in dieser Sache sei, wie vom Heiligen Stuhl bestätigt.

Aber der persönliche Glaube Erzbischof Arguelles’ an die Verehrung wankte nicht. Nachdem er in einer Predigt seine persönliche Verehrung und seinen Glauben an die Erscheinungen bekräftigt hatte, gab er am 12. September 2015 eine offizielle Zulassungserklärung zu den Erscheinungen ab. In dieser Erklärung steht, "dass die Ereignisse und die Erscheinung von 1948, die auch als das Marienphänomen von Lipa bekannt sind, und ihre Nachwirkungen sogar in jüngster Zeit wirklich einen übernatürlichen Charakter aufweisen und es wert sind, daran zu glauben."

Was die Geschichte zum letzten Monat hinführt, als der Erzbischof seine offizielle Erklärung der Bestätigung des übernatürlichen Natur der Erscheinungen erneut zurücknehmen musste.

Es sei wahrscheinlich das erste Mal überhaupt, dass der Vatikan und ein Ortsbischof sich über eine angebliche Erscheinung so ein Gezerre lieferten, sagte O'Neill.

"Es ist ein historischer Vorfall, dass der Erzbischof eine vatikanische Bestätigung eines vorherigen Urteils ignoriert, und dass der Vatikan auf eine eine Erklärung der Bischöfe vor Ort wieder zurückkam und sie zurückwies; diese beiden Sachen sind vorher noch nie passiert," sagte er.

Wo liegt das Problem?

Was macht die angeblichen Erscheinungen und die  begleitenden Nebenerscheinungen – die Rosenkronblätter – so umstritten?

O’Neill antwortete, dass, während es nicht sicher ist, der Heilige Stuhl zögerlich sei, die Erscheinungen als übernatürlich anzuerkennen.

Einer dieser Gründe, sagte er, könnte sein, dass die erste mystische Erfahrung Schwester Teresitas in Wirklichkeit eine Begegnung mit dem Teufel war.

"Die Frage, ob sich der Teufel in weiteren Erscheinungen verbarg, stand immer im Raum", sagte er.

Ein anderes Problem könnte die Komplexität der zahlreichen Nebenerscheinungen sein, welche mit der eigentlichen Erscheinung einhergingen, sagte O'Neill, einschließlich des Rosenkronblätterregens und einer Behauptung einiger Kinder, sie hätten gesehen, wie die Statue lebendig wurde.

"Also wenn man sich das alles anschaut – stimmt man der ganzen Sache zu? Oder erklärt man nur die Erscheinungen für echt?  Was ist wahr und was ist Schwindel? Das Ganze ist etwas verwirrend, wenn man diese vielen verschiedenen Arten mystischer Erscheinungen behandeln muss," sagte O’Neill.

Also bleiben viele Geheimnisse um die angebliche Erscheinung ungelüftet.

Wo sind all diese eidesstattlichen Erklärungen der vermeintlichen Geständnisse von Bischöfen am Totenbett, die behaupten, sie seien zum negativen Urteil gezwungen worden? Wie genau untersuchte das ursprüngliche bischöfliche Komitee den Fall – und was brachte es zum negativen Urteil? Erzbischof Arguelles sowie die Katholische Bischofskonferenz der Philippinen antworteten nicht auf Bitten nach Kommentaren, die von der Presse gestellt wurden.

Wenn das Dokument auftauche, welches die Zustimmung Papst Pius' XII. Zum negativen Urteil im Jahr 1951 bestätigt, bestünde keine Möglichkeit, den Fall neu aufzurollen. Aber ein solches Dokument, wenn es in diesem Fall wirklich existiert, wäre in den Archiven der Glaubenskongregation, die nur Dokumente für die Öffentlichkeit freigibt, wenn sie älter als 80 Jahre sind.

Während eines Kürzlichen Besuchs in der philippinischen Stadt Lipa, erzählte O'Neill, habe er das Kloster besuchen können, in dem Schwester Teresita vermeintlich die Jungfrau Maria erschien.

Die dortigen Schwestern verehren privat weiterhin Maria, die Mittlerin aller Gnaden. Obwohl sie gegenüber dem Heiligen Stuhl gehorsam bleiben, hoffen sie sowie viele der Gläubigen insgeheim, dass der Fall in der Zukunft erneut überprüft wird.

In einem Land mit 33 kirchlich anerkannten Marienikonen ist die Verehrung Marias im Land "unglaublich", sagte O'Neill.

"Daher herrscht eine riesengroße Enttäuschung unter den Menschen auf den Philippinen, welche Maria, die Mittlerin Aller Gnaden verehrten, aber dem Heiligen Stuhl gegenüber gehorsam bleiben."

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