"Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben": Die Papstbotschaft an die Kranken

Papst Franziskus begrüßt Gläubige zum Abschluss des Jubiläums der Kranken und Behinderten auf dem Petersplatz am 12. Juni 2016.
Foto: CNA/Alexey Gotovskiy
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Trotz Schmerz, Leid, Beeinträchtigung zu lieben, ja, mehr zu lieben: Das war die Botschaft von Papst Franziskus zum Abschluss des mehrtägigen Programms rund um Themen der Kranken und Behinderten heute im Rahmen einer heiligen Messe auf dem Petersplatz.

In seiner Predigt griff der Heilige Vater die berühmte Stelle aus dem Galaterbrief auf, die heute Teil der Lesungen war: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,19-20).

Der Apostel Paulus gebrauche sehr starke Worte, um das Geheimnis des christlichen Lebens auszudrücken, so Franziskus: "Alles ist in der österlichen Dynamik von Tod und Auferstehung zusammengefasst, die man in der Taufe empfangen hat. Mit dem Eintauchen ins Wasser ist nämlich jeder mit Christus gleichsam gestorben und begraben (vgl. Röm 6,3-4), während er, wenn er wieder daraus auftaucht, das neue Leben im Heiligen Geist zum Ausdruck bringt".

Dieser Zustand der Wiedergeburt beziehe das gesamte Leben in all seinen Aspekten ein: "Auch Krankheit, Leiden und Tod sind in Christus eingefügt und finden in ihm ihren letzten Sinn. Heute, an dem Tag, der dem Jubiläum derer gewidmet ist, welche die Zeichen der Krankheit und der Behinderung tragen, hat dieses Wort des Lebens in unserer Versammlung eine besondere Resonanz."

Der Papst erinnerte daran, dass "wir alle früher oder später aufgerufen [sind], uns mit unseren Gebrechlichkeiten und Krankheiten sowie mit denen anderer auseinanderzusetzen".

Die Frage nach dem Sinne des Lebens werde so zugespitzt gestellt, stellte der Pontifex fest. Die heutige Gesellschaft gehe damit verkehrt um: "Wir kennen den Einwand, der vor allem in diesen Zeiten angesichts eines durch starke physische Einschränkungen gezeichneten Lebens erhoben wird. Man meint, ein kranker oder behinderter Mensch könne nicht glücklich sein, weil er nicht imstande ist, den von der Genuss- und Unterhaltungskultur aufoktroyierten Lebensstil zu verwirklichen. In der Zeit, in der eine gewisse Pflege des Körpers zum Massenmythos und daher zum Geschäft geworden ist, muss das, was unvollkommen ist, verschleiert werden, weil es das Glück und die Unbeschwertheit der Privilegierten gefährdet und das herrschende Modell in Schwierigkeiten bringt".

Kranke und Behinderte, Alte und Schwache halte diese Gesellschaft in einem "goldenen Käfig", so Franziskus, oder in "'Reservaten' der frömmelnden Fürsorge und des Wohlfahrtsstaates", damit sie nur nicht stören.

Der Papst weiter: "In einigen Fällen wird sogar die Meinung vertreten, es sei besser, sich baldmöglichst von ihnen zu befreien, weil sie in einer Krisenzeit zu einer unhaltbaren wirtschaftlichen Last werden. Doch in welcher Selbsttäuschung lebt in Wirklichkeit der Mensch von heute, wenn der vor Krankheit und Behinderung die Augen schließt! Er versteht nicht den wahren Sinn des Lebens, der auch die Annahme von Leid und Begrenzung verlangt."

Die Welt werde aber nicht besser, wenn sie nur aus augenscheinlich "perfekten" Menschen bestehe, sondern wenn die Solidarität unter den Menschen, die gegenseitige Annahme und die Achtung zunehmen, so Franziskus, und zitierte den ersten Korintherbrief (1 Kor 1,27): "Wie wahr sind die Worte des Apostels Paulus: 'Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen'!"

Das Glück, das jeder Mensch sich wünsche, sagte Franziskus in seiner Predigt, können nur dann erreicht werden, w"enn wir fähig sind zu lieben. Es ist immer eine Frage der Liebe; einen anderen Weg gibt es nicht. Die wahre Herausforderung ist die, mehr zu lieben. Wie viele behinderte und leidende Menschen öffnen sich wieder dem Leben, sobald sie entdecken, dass sie geliebt werden! Und wie viel Liebe kann aus einem Herzen entspringen, auch nur für ein Lächeln! Dann kann uns die Gebrechlichkeit selbst zum Trost und zur Stütze werden in unserer Einsamkeit."

Jesus selber habe in seinem Leiden bis zur Vollendung geliebt, betonte der Heilige Vater (vgl. Joh 13,1). Am Kreuz habe der Heiland die Liebe offenbart, die sich rückhaltlos verschenke: "Was könnten wir Gott vorwerfen wegen unserer Krankheiten und Leiden, das nicht bereits in das Antlitz seines gekreuzigten Sohnes eingeprägt ist? Zu seinem körperlichen Schmerz gesellen sich die Verspottung, die Ausgrenzung und die herablassende Bemitleidung, während er mit der Barmherzigkeit antwortet, die alle annimmt und ihnen vergibt: 'Durch seine Wunden sind wir geheilt' (Jes 53,5; 1 Petr 2,24)".

Die Weise, wie wir die Krankheit und die Behinderung leben, ist ein Anzeichen für die Liebe, die zu geben wir bereit sind. Die Weise, wie wir uns mit dem Leiden und der Einschränkung auseinandersetzen, ist ein Maßstab für unsere Freiheit, den Erfahrungen des Lebens Sinn zu verleihen auch wenn sie uns widersinnig und unverdient erscheinen. Lassen wir uns daher von diesen Bedrängnissen nicht verwirren (vgl. 1 Thess 3,3). Wir wissen, dass wir in der Schwachheit stark werden (vgl. 2 Kor 12,10) und die Gnade empfangen können, das, was in uns an den Leiden Christi noch fehlt, für die Kirche, seinen Leib, zu ergänzen (vgl. Kol 1,24) – ein Leib, der nach dem Bild des auferstandenen Herrn die Wundmale als Zeichen seines harten Kampfes behält, doch es sind Wundmale, die von der Liebe für immer verklärt sind.

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