Abschluss in Dublin: Papst bittet erneut für kirchlichen Missbrauch um Vergebung

Franziskus thematisiert sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Machtmissbrauch zum Ende des Weltfamilientreffens in Irland - Nächstes Treffen soll 2021 in Rom stattfinden

Papst Franziskus
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
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Zum Abschluss des Weltfamilientreffens und seiner zweitägigen Irland-Reise hat Papst Franziskus erneut eine Bitte um Vergebung ausgesprochen für den Missbrauch und die Ausbeutung durch Geistliche, Ordensfrauen und andere Vertreter der katholischen Kirche in Irland.

Im Phoenix Park in Dublin, in dem trotz Wind und Regens etwa die Hälfte der erwarteten 500.000 Gläubigen erschienen war - die Schätzungen gehen von etwa 200.000 bis 250.00 Besuchern aus - sprach der Papst im Rahmen der Feier der heiligen Messe über seine Begegnung mit Opfern von Missbrauch und Misshandlung. Am Ende wurde auch bekanntgegeben, dass das nächste Weltfamilientreffen im Jahr 2021 in Rom stattfinden soll.

Eine besonderes Schuldbekenntnis

Anstelle des üblichen Schuldbekenntnisses bat Papst Franziskus diejenigen um Vergebung, die von Geistlichen und Nonnen missbraucht und misshandelt wurden, insbesondere diejenigen in den berüchtigten Mutter- und Babyheimen des Landes.

"Ich möchte diese Verbrechen vor die Barmherzigkeit des Herrn stellen und um Vergebung bitten", erklärte der Papst.

Und so betete der Pontifex auf Spanisch, hier in der veröffentlichten Arbeitsübersetzung des vatikanischen Nachrichtendienstes in deutscher Sprache: 

"Wir bitten um Vergebung für Missbrauch in Irland, Missbrauch von Macht und Gewissen, sexuellen Missbrauch durch Mitglieder, die verantwortungsvolle Positionen in der Kirche innehatten, und insbesondere um Vergebung für jeden Missbrauch, der in verschiedenen Arten von Institutionen unter der Leitung von Ordensleuten und anderen Kirchenangehörigen begangen wurden.

Wir bitten auch um Vergebung für die Fälle von Arbeitsausbeutung, zu denen so viele Kinder gezwungen wurden: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für all jene Zeiten, in denen wir als Kirche den Überlebenden keinerlei Form von Mitgefühl, Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit mit konkreten Taten gezeigt haben: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für jene Mitglieder der Hierarchie, die diese schmerzhafte Situation nicht angegangen sind, sondern geschwiegen haben: Wir bitten um Vergebung.

Wir bitten um Vergebung für die Kinder, die ihren Müttern weggenommen wurden, und für all die Zeiten, in denen alleinerziehenden Müttern, als sie später ihre Kinder suchten, gesagt wurde, die Suche nach den Kindern, von denen sie getrennt worden waren, sei eine Todsünde - und dasselbe wurde den Söhnen und Töchtern gesagt, die nach ihren Müttern suchten. Dies ist keine Todsünde, es ist das vierte Gebot. Wir bitten um Vergebung." 

Der Papst betete auch, dass "der Herr diesen Zustand von Scham und Schuld aufrechterhalten und wachsen lassen und uns die Kraft geben, dafür Sorge zu tragen, dass diese Dinge nie wieder geschehen und dass Gerechtigkeit wird".

Gespräch mit Betroffenen

Am Vortag traf sich Papst Franziskus mit zwei Vertretern der Coalition of Mother and Baby Home Survivors zu einem 90-minütigen Treffen in der Residenz des päpstlichen Nuntius.

Bei dem Treffen waren zwei Betroffene zugegen: Clodagh Aileen Malone, die im Saint Patrick's Mother and Baby Home in Dublin geboren und mit zweieinhalb Monaten adoptiert wurde, und Paul Redmond, der im Castlepollard Mother and Baby Home geboren und mit etwas mehr als zwei Wochen adoptiert wurde.

Das Treffen wurde von offizieller Seite als "höflich und herzlich" bezeichnet.

Die katholischen Häuser für unverheiratete Mütter waren im 20. Jahrhundert in Irland in Betrieb. Während unklar ist, wie viele Frauen in diesen Häusern lebten, liegen die Schätzungen zwischen 35.000 und 100.000 betroffenen Frauen.

Kinder, die in diesen Heimen geboren wurden, wurden manchmal ohne die Zustimmung ihrer Mutter zur Adoption freigegeben oder sogar verkauft. Den Frauen wurde angeblich gesagt, dass es sündhaft wäre, wenn sie jemals ihre Kinder suchen würden.

Im Jahr 2015 startete die irische Regierung eine Kommission in die Mutter- und Babyheime, nachdem gemeldet worden war, dass 2014 ein Massengrab mit den Leichen mehrerer hundert Kinder in der Nähe des Bon Secours Mutter- und Babyhauses in Tuam, County Galway. entdeckt worden sei. Die Untersuchungskommission wird im nächsten Jahr über ihre Ergebnisse berichten. Der örtliche Erzbischof begrüßte die Untersuchung und sagte, er sei "sehr schockiert" und "entsetzt und traurig" über die mtmaßlichen Verbrechen.

Malone forderte, dass Papst Franziskus erklärt, dass Mütter aus den Häusern, in denen ihnen ihre Kinder, "nichts Unrechtes" getan hätten, und bat den Papst, er möge zu Treffen zwischen Müttern und Kindern aufrufen, die in den Häusern geboren wurden, nicht nur in Irland, sondern in ähnlichen Häusern in anderen Ländern.

Ein Beobachtern zufolge "sichtlich erschütterte" Papst betete daher um Vergebung, auch für dieses offenbar tausendfach verübte, grausame Unrecht.

Sowohl Redmond als auch Malone hatten sich nach ihrem Treffen mit dem Papst positiv geäußert: Redmond äußerte die Hoffnung, "dass es mehr Bewegung von der Kirche geben wird", und offenbar Papst Franziskus "wirklich schockiert" gewesen sei.

Nächstes Weltfamilientreffen in Rom

Die emphatische Vergebungsbitte des Papstes folgt nicht nur seiner Begegnung mit Opfern von Missbrauch und Misshandlung in Irland. Der Hintergrund ist die weitere Missbrauch- und Vertrauenskrise, ausgelöst durch Skandale in den USAChileHonduras und Australien.

Bereits vor dem Papstbesuch in Irland hatten Opfer, aber auch Kardinäle, Bischöfe und viele andere gefordert, es müsse nun gehandelt werden

Christine Rousselle in Dublin trug zur Berichterstattung bei.

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