Hunger in Venezuela: "Ein Treibstoff, der gefährlicher ist als Benzin"

Proteste in Venezuela im Jahr 2017.
Foto: Reynaldo Riobueno / Shutterstock

Ein Erzbischof in Venezuela warnt, dass die Verzweiflung im instabilen Krisenland angesichts der Quarantäne-Maßnahmen wegen der Coronavirus-Pandemie  dermaßen eskaliert, dass mehr Gewalt und soziale Unruhen drohen.

Das berichtet Diego Lopez Marina für die weltweite spanischsprachige katholische Nachrichtenagentur "ACI Prensa".

Erzbischof Ulises Gutiérrez von Ciudad Bolívar sagte, dass extremer Hunger "weder vernünftig begründet ist noch Regeln kennt" und fügte hinzu, dass dieser verzweifelte Hunger "zu einem gefährlicheren Brandstoff als Benzin wird".

Gutiérrez sprach am 23. April mit "ACI Prensa" — der spanischsprachigen Schwesteragentur von CNA Deutsch – in einem Interview. Mittlerweile sind in sieben Staaten Venezuelas Plünderungen und Proteste ausgebrochen.

Die Demonstranten richten sich gegen Preiserhöhungen bei Lebensmitteln und den Benzinmangel, der durch die andauernde Quarantäne, die im vergangenen Monat verhängt wurde, um die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie zu stoppen, noch verschärft wurde. Dem jüngsten Regierungsbericht zufolge gab es im Land 298 Infektionen und 10 Todesfälle durch den Corona-Virus.

Schon vor der Coronavirus-Pandemie wurde Venezuela unter der sozialistischen Regierung von Nicolas Maduro von Gewalt und sozialen Unruhen erschüttert, leidet an einem massiven Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, hoher Arbeitslosigkeit, Stromausfällen und Hyperinflation.

Seit 2015 sind etwa 4,5 Millionen Venezolaner ausgewandert.

Die derzeitige COVID-19-Quarantäne "verschlimmert die Situation", sagt der Erzbischof gegenüber ACI Prensa. Die Quarantäne werde ohne begleitende Maßnahmen zum Schutz der Schwächsten durchgeführt.

Infolgedessen leiden die Familien, und viele haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, Strom oder Benzin.

Das Land leidet an "einer völlig zerstörten Wirtschaft, in der die landwirtschaftlichen Produzenten ihre Produkte nicht mehr ernten beziehungsweise verkaufen können, weil sie kein Benzin bekommen, oder sie müssen es auf dem Schwarzmarkt für 2 oder 3 Dollar pro Liter kaufen", sagte er. In einigen Fällen verfaulen die Ernten auf den Feldern der Bauern, weil es an Treibstoff fehlt, um sie zum Markt zu transportieren.

Gutiérrez äußerte sich besorgt über die vom Hunger angeheizten Plünderungen und Proteste im ganzen Land sowie über die gewaltsame Unterdrückung der Proteste durch die Regierung.

"Der gemeinsame Nenner all dieser Proteste ist der Hunger", betonte er.

Da die Ausrüstung knapp ist und viele Ärzte des Landes aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Krise bereits emigriert sind, räumte Gutiérrez ein, stellt die Pandemie eine erhebliche Bedrohung dar.

"Kurz gesagt, die Aussichten sind sehr düster", sagte er.

Doch trotz der verzweifelten Lage mahnte der Erzbischof die Menschen, nicht zu Plünderungen und Gewalt zu greifen.

"Die Situation, in der wir uns befinden, ist sehr hart, schwierig und zerbrechlich", sagte Gutiérrez und verglich die Bedingungen mit einem Dampfkochtopf, "was uns zu beispiellos explosiven sozialen Unruhen führen könnte, die niemand will und die noch mehr Hunger und noch größeres Leid für die Menschen mit sich bringen würde".

Dennoch sagte der Erzbischof, er habe Grund zur Hoffnung: "Unser Vertrauen gilt Gott, und seine Vorsehung hält uns aufrecht, indem er unsere Leute ermutigt und begleitet und ihnen mit unseren Sozialprogrammen der Caritas zur Seite steht.

"Wir haben kommunale Suppenküchen, eine Medikamentenbank, ambulante medizinische Versorgung, Programme für Säuglingsernährung und stillende Mütter usw., die, obwohl es unmöglich ist, alle zu erreichen, ein Zeichen der Liebe Gottes durch die Kirche ist", sagte er.

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