"Ihr seid nicht vergessen": Bischöfe warnen vor "christenfreiem" Irak

"Solidarität mit den verfolgten Christen im Nahen Osten" – Erklärung der Koordination der Bischofskonferenzen zur Unterstützung der Kirche im heiligen Land

Aus dem Irak geflohene Kinder sitzen neben einer Marienstatute. Die beiden jungen Christen kommen aus Mosul, einer früher christlich geprägten, die vom Islamischen Staat "ethnisch gesäubert" wurde.
Foto: Christiaan Triebert via Flickr (CC BY 2.0)

Worte des Trostes für marginalisierte und geflohene Christen sowie eine Ermutigung für alle, sich am Frieden zu beteiligen: Mit einer gemeinsamen Erklärung ist das "16. Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land" zu Ende gegangen. 

Mit dabei war auch der Stuttgarter Weihbischof Thomas Maria Renz; er ist der Vorsitzende der "Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten" innerhalb der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). 

"Für die meisten irakischen Flüchtlinge, mit denen wir intensiv gesprochen haben, ist eine Rückkehr in ihr Heimatland keine Option. Ein 'christenfreier' Irak aber wäre ein Sieg der Extremisten. Soweit darf es nicht kommen."

Weihbischof Renz weiter: "Die einzige Möglichkeit, das Leid der Millionen Flüchtlinge zu lindern, ist Frieden zu schaffen."

Das Treffen hatte zwei Schwerpunkte: Begegnungen mit Christen in den palästinensischen Gebieten, die zum Teil stark unter israelischer Politik leiden; und ein Austausch mit christlichen Flüchtlingen, die aus dem Irak nach Jordanien geflohen sind.

Aufgrund der Vorbereitungen für den Bau der umstrittenen israelischen Sperrmauer waren die Vertreter der Bischofskonferenzen an einem Besuch des Cremisan-Tals bei Beit Jala gehindert worden mit der Begründung, das Gebiet sei militärische Sperrzone.

Dennoch: Bei der Begegnung mit den Christen in Bethlehem und anderen Gebieten machte sich auch Weihbischof Renz ein Bild über die Lage. "Das Ausmaß der Zerstörung ist nicht abzusehen. Wir müssen den Menschen helfen, nach vorne zu schauen und ihre Verbitterung zu überwinden. Die Situation darf nicht zu neuer Gewalt führen. Elementar ist, dass Zukunftsperspektiven entwickelt werden", so der Weihbischof.

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In ihrer Abschlusserklärung betonen die Bischöfe der "Holy Land Coordination": "Wir müssen denen, die nicht gehört werden, eine Stimme geben. An die christliche Gemeinschaft und die jungen Menschen von Gaza: Ihr seid nicht vergessen. Der Krieg 2014 führte zur Zerstörung von tausenden Häusern und der Infrastruktur von Gaza, ebenso wie zu Toten auf beiden Seiten, Israelis und Palästinensern (...) Die Blockade macht ihr Leben weiterhin hoffnungslos und sie leben wirklich wie in einem Gefängnis." Und weiter erklären die Bischöfe: "An jene Israelis und Palästinenser, die Frieden suchen: Ihr seid nicht vergessen. Das Recht Israels auf ein Leben in Sicherheit ist offenkundig, aber die andauernde Besatzung zerfrisst die Seelen beider, des Besatzers und des Besetzten."

Zweiter Schwerpunkt des 16. Internationalen Bischofstreffens, das unter dem Leitwort "Solidarität mit den verfolgten Christen im Nahen Osten" stand, war der Besuch der Ortskirche von Jordanien und von Nichtregierungsorganisationen in Amman, Fuheis und Madaba und Treffen mit mehreren irakischen Flüchtlingsfamilien.

Weihbischof Renz würdigte die Hilfe von Caritas Jordanien und dem "Our Lady of Peace Center" in Amman, die gemeinsam christliche Flüchtlinge unterstützen.

Dabei werden elementare Materialien wie Decken zur Verfügung gestellt sowie ärztliche Hilfe angeboten, aber auch Zukunftsperspektiven aufgebaut, zum Beispiel durch Schulunterricht, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Schulung von Kindern zur Konfliktlösung.

Weihbischof Renz sagte: "Zahlreiche persönliche Gespräche mit Priestern und Flüchtlingen vor Ort haben uns die Frustration der Flüchtlinge deutlich gemacht. Sie können weder zurück in ihre Heimat, noch können sie – unter anderem aus finanziellen Gründen – weiterreisen."

In ihrer Erklärung zum Abschluss des Treffens schreiben die Bischöfe: "An die Priester, religiösen Gemeinschaften und Laien in der jordanischen Kirche: Ihr seid nicht vergessen. Die Kirche in Jordanien ist lebendig und wächst, aber Christen haben Angst vor dem wachsenden Extremismus in der Region. Es bleibt zu hoffen, dass uns der Grundlagenvertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Palästina ein Modell des Dialogs und der Kooperation zwischen Staaten bietet, das den Frieden der Religionen und die Gewissensfreiheit für alle Menschen respektiert und schützt."

CNA dokumentiert den Wortlaut der Erklärung samt den Unterzeichnern: 

Ihr seid nicht vergessen
Erklärung der Koordination der Bischofskonferenzen
zur Unterstützung der Kirche im Heiligen Land, 13. Januar 2016
 
"Wir müssen wieder spüren, dass wir einander brauchen, dass wir eine Verantwortung für die anderen und für die Welt haben und dass es sich lohnt, gut und ehrlich zu sein." (Laudato Si, 229)
 
Als Bischöfe der "Holy Land Coordination" wiederholen wir den Appell von Papst Franziskus in seiner jüngsten Enzyklika, der an unsere gegenseitige Abhängigkeit in einer integrierten Welt erinnert. Während unseres Besuchs in diesem Land, das Juden, Christen und Moslems heilig ist, wurde uns die beständige Präsenz der Kirche unter den Schwachen und Verletzlichen sowie den allzu oft Vergessenen erneut deutlich. Wir nehmen die Erzählungen mit, die wir gehört haben. Wir müssen denen, die nicht gehört werden, eine Stimme geben.
Die anhaltende Gewalt zeigt, wie dringlich es ist, allen beizustehen und sie nicht aus den Augen zu verlieren, besonders jenen am Rand und jenen, die ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden suchen.
An die christliche Gemeinschaft und die jungen Menschen von Gaza: Ihr seid nicht vergessen. Der Krieg 2014 führte zur Zerstörung von tausenden Häusern und der Infrastruktur von Gaza, ebenso wie zu Toten auf beiden Seiten, Israelis und Palästinensern. Eineinhalb Jahre später sind weiterhin viele obdachlos und traumatisiert vom Krieg, auch wenn es Zeichen der Hoffnung gibt und die Widerstandskraft der Bevölkerung bemerkenswert ist. Die Blockade
macht ihr Leben weiterhin hoffnungslos und sie leben wirklich wie in einem Gefängnis. In der Pfarrei zur Heiligen Familie wurde uns gesagt: "In diesem Jahr der Barmherzigkeit ist ein Akt der Barmherzigkeit, Gefangene zu besuchen, und ich danke euch, dass ihr das größte Gefängnis der Welt besucht." Die Fähigkeit so vieler Christen und Muslime, sich in dieser Situation gegenseitig zu unterstützen, ist ein sichtbares Zeichen der Hoffnung und ein Beispiel für uns alle in einer Zeit, in der so viele versuchen, Gemeinschaften zu spalten.
An die christliche Gemeinschaft in Beit Jala, in der die israelische Enteignung von Land und die gegen internationales Recht verstoßende Ausweitung der Sperrmauer in das Cremisan-Tal ihre Präsenz im Heiligen Land weiter unterminieren: Ihr seid nicht vergessen. In diesem Jahr 2016 müssen wir den Fokus der nationalen und internationalen Öffentlichkeit auf euer schwerwiegendes Schicksal richten.
An jene Israelis und Palästinenser, die Frieden suchen: Ihr seid nicht vergessen. Das Recht
Israels auf ein Leben in Sicherheit ist offenkundig, aber die andauernde Besatzung zerfrisst die Seele beider, des Besatzers und des Besetzten. Politische Führer überall auf der Welt müssen größere Energie auf eine diplomatische Lösung zur Beendigung von fast 50 Jahren Besatzung verwenden und den andauernden Konflikt beenden, sodass die beiden Völker und drei Religionen in Gerechtigkeit und Frieden zusammenleben können.
 
An die christlichen Flüchtlinge, die wir in Jordanien getroffen haben: Ihr seid nicht vergessen. Wir haben von dem Trauma gehört und den Schwierigkeiten bei dem Versuch, ein neues Leben aufzubauen. Für die meisten ist eine Rückkehr in ihre Heimat nicht länger eine Option. Flüchtlinge stellen fast ein Viertel der Bevölkerung Jordaniens und das Land kämpft mit der Bewältigung. Die Anstrengungen von Ortskirche und Nichtregierungsorganisationen, um alle
Flüchtlinge, Christen und Muslime zu erreichen, sind erheblich und verdienstvoll, aber die internationale Gemeinschaft muss mehr tun, um ihre Not zu lindern und für Frieden in der Region zu sorgen.
An die Priester, religiösen Gemeinschaften und Laien in der jordanischen Kirche: Ihr seid nicht vergessen. Die Kirche in Jordanien ist lebendig und wächst, aber Christen haben Angst vor dem wachsenden Extremismus in der Region.
Es bleibt zu hoffen, dass uns der am 1. Januar in Kraft getretene Grundlagenvertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Palästina ein Modell des Dialogs und der Kooperation zwischen Staaten bietet, das den Frieden der Religionen und die Gewissensfreiheit für alle Menschen respektiert und schützt.
Mit dem Versprechen aktiver Solidarität machen wir uns das Gebet von Papst Franziskus in Laudato Si zu eigen: "Gott der Armen, hilf uns, die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde, die so wertvoll sind in deinen Augen, zu retten."
 
Erzbischof Stephen Brislin, Südafrika
Bischof Pierre Bürcher, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden
Bischof Oscar Cantú, USA
Erzbischof Rodolfo Cetoloni, Italien
Bischof Christopher Chessun, Kirche von England
Bischof Michel Dubost, Frankreich
Bischof Lionel Gendron, Kanada
Bischof Felix Gmür, Schweiz
Bischof William Kenney, England und Wales, COMECE
Bischof Declan Lang, England und Wales
Bischof John McAreavey, Irland
Bischof William Nolan, Schottland
Bischof Thomas Maria Renz, Deutschland
Erzbischof Joan Enric Vives, Spanien