Kritik an Gesetz gegen "Konversionstherapien" in Australiens Bundesstaat Victoria

Eine Regenbogenfahne
Foto: Tony Webster via Flickr (CC BY-2.0)

Ein Gesetzentwurf, der im australischen Bundesstaat Victoria die sogenannte Konversionstherapie für sexuelle Orientierung oder Gender-Identität verbieten soll, überschreitet auf gefährliche Weise die Grenzen des Schutzes von Menschen vor Zwangsmaßnahmen.

Das hat der Erzbischof von Melbourne gesagt. 

"Ich unterstütze jede Maßnahme, um Menschen vor Schaden zu schützen. Ein Gesetzentwurf, der die Menschen schützt, hätte meine volle Unterstützung", so Monsignore Peter Comensoli in einer Stellungnahme.

"Das Problem ist, dass dieses Gesetz nicht nur tut, was es vorgibt. Es zielt auf das Gebet ab und scheint Menschen des Glaubens davon abzuhalten, ihren Glauben auf offene, ehrliche und gläubige Weise zu teilen. Der Gesetzentwurf beschneidet das Recht von Eltern und Kindern, offen und ehrlich miteinander zu sprechen. Es raubt Erwachsenen die Möglichkeit, sich in tief persönlichen Angelegenheiten Rat und seelsorgerliche Unterstützung zu holen", sagte er.

Comensoli ist ein entschiedener Gegner der Gesetzesvorlage für ein Verbot von Bekehrungspraktiken (Change or Suppression (Conversion) Practices Prohibition Bill 2020) in Victoria, die Ende November eingebracht wurde. Der Gesetzesentwurf soll Praktiken verbieten, die Personen dazu ermutigen, ihre sexuelle Orientierung oder Genderidentität zu ändern oder zu unterdrücken und dadurch unangemessenen Schaden zu verursachen. Es würde auch verbieten, jemanden aus dem Staat zu schicken, um an solchen Praktiken teilzunehmen. Wer gegen das Gesetz verstößt, dem drohen 10.000 Dollar Geldstrafe oder 10 Jahre Gefängnis.

Der Gesetzesentwurf würde die Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission des Bundesstaates Victoria ermächtigen, Ermittlungsverfahren gegen Personen oder Institutionen einzuleiten, die sich an Konversionspraktiken beteiligen.

"Wir senden eine klare Botschaft: Niemand ist wegen seiner Sexualität oder Gender-Identität sozusagen defekt", sagte Victorias Generalstaatsanwältin Jill Hennessy von der Labor Party gegenüber "The Guardian". "Diese Ansichten werden in Victoria nicht toleriert und auch nicht diese abscheulichen Praktiken."

Der Gesetzentwurf definiert solche Praktiken als Maßnahmen, "deren Ziel es ist, eine Person aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Genderidentität zu beeinflussen oder zu unterdrücken oder sie dazu zu bringen, ihre sexuelle Orientierung oder Genderidentität zu verändern oder zu unterdrücken. Dies schließt eine Praxis ein, die mit oder ohne die Zustimmung der Person erfolgt."

Katholische Kritiker des Gesetzentwurfs befürchten, dass dessen weit ausholende Formulierung den Behörden erlaubt, mehr zu tun, als Menschen vor schädlichen Praktiken zu schützen, - und dass das Gesetz dazu benutzt wird, die freie Meinungsäußerung in Familien und die freien Entscheidungen von Personen, die den Lehren ihrer Religion folgen wollen, zum Schweigen zu bringen.

Dies könnte sich auf katholische Organisationen wie Courage auswirken, die Katholiken mit gleichgeschlechtlicher Veranlagung unterstützen, die keusch und zölibatär in Übereinstimmung mit den Lehren der Kirche leben wollen. Courage zielt nicht darauf ab, die sexuelle Orientierung der Teilnehmer zu ändern, sondern ermutigt sie vielmehr, in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche zu leben.

"Die Mitglieder von Courage sind Männer und Frauen, die sich zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen hingezogen fühlen und sich verpflichtet haben, nach Keuschheit zu streben. Sie sind inspiriert durch den Ruf des Evangeliums zur Heiligkeit und die wunderbare Lehre der katholischen Kirche über das Gute und den inneren Sinn der menschlichen Sexualität", so die Website des Dienstes. "Durch unser Apostolat erhalten Menschen, die sich zu gleichgeschlechtlichen Partnern hingezogen fühlen, seelsorgerische Unterstützung in Form von geistlicher Begleitung, gemeinschaftlicher Gebetsunterstützung und Gemeinschaft."

Der Gesetzesentwurf besagt, dass mögliche Bekehrungs- oder Unterdrückungspraktiken "religiöse Praktiken wie gebetsbasierte Praktiken", darunter "Exorzismen beinhalten könnten."

Es ist nicht Aufgabe der Regierung, die Entscheidung von Einzelpersonen zu kontrollieren, wie sie ihre Religion ausüben, sagte Comensoli.  "Keine Regierung hat das Recht, sich dafür zu interessieren, wofür eine Person betet, zu wem sie betet, mit wem sie betet, oder welche Gespräche zwischen den Mitgliedern einer Familie stattfinden", sagte er in seiner Erklärung.

"Man hat den Eltern in Victoria nicht klar gesagt, dass dieses Gesetz beeinträchtigt, was sie mit ihren eigenen Kindern besprechen können - und auf welche Weise", fügte der Erzbischof hinzu.

"Dies sieht nach einem dramatischen Eingriff des Staates in das Familienleben, in private Angelegenheiten, in seelsorgliche Bereiche wie Bekehrung, Gebet und geistliche Begleitung aus," sagte er.

Bischof Shane Mackinlay von Sandhurst sagte, er unterstütze das Anliegen der Regierung, gefährdete Personen vor Zwang oder Schaden zu schützen; er teile aber die Sorge der Kirche um die Meinungs- und Religionsfreiheit.

John Steenhoff, Geschäftsführer der Human Rights Law Alliance, sagte der katholischen Wochenzeitung The Catholic Weekly in Australien, dass der Gesetzentwurf "ein direkter Angriff auf religiöse Überzeugungen ist, insbesondere auf das Christentum, und er wird diejenigen ins Visier nehmen, die an traditionellen Überzeugungen zu Fragen der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität festhalten."

"Es ist viel zu weit gefasst und wird eine extreme Ideologie gesetzlich verankern, besonders im Bereich der Gender-Ideologie", sagte Steenhoff. "Auf den ersten Blick ist der Gesetzentwurf der schlimmste der neuesten staatlichen Gesetzgebungsbemühungen, die sich mit dem Verbot der sogenannten Konversionstherapie befassen, und er wird gefährlich für die Religionsfreiheit sein."

Angesichts des zunehmenden Drucks, die Geschlechtsidentität von Transgender-Personen medizinisch zu attestieren, verteidigte im Frühjahr dieses Jahres die Australian Catholic Medical Association ihre christlichen Ansätze zu der Sexualität, dem Geschlecht und der menschlichen Person.

In einer Online-Konferenz im Mai konzentrierte sich der Verband auf Vorschläge in mehreren australischen Bundesstaaten, die in Erwägung ziehen, die medizinische Bestätigung von Transgender-Identität und sexueller Orientierung vorzuschreiben, was faktisch die christliche Vision von menschlicher Gesundheit und Psychologie in der medizinischen Versorgung verbieten könnte, sagte der Verband damals gegenüber CNA.

Vor einem Jahr wurde in Victoria auch ein Gesetz verabschiedet, dass Priester zwingen soll, das Beichtgeheimnis zu brechen, wenn bestimmte Verbrechen gebeichtet werden. Wenn zum Beispiel ein Beichtvater einen gebeichteten Fall von Missbrauch nicht der Polizei meldet, drohen ihm bis zu drei Jahren Haft.

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