Papst Franziskus feiert Karfreitagsliturgie im Petersdom

Papst Franziskus bei der Karfreitagsliturgie im Petersdom, am 15. April 2022.
Foto: CNA Deutsch / Daniel Ibanez
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Papst Franziskus hat am heutigen Nachmittag im Petersdom in Rom die Karfreitagsliturgie gefeiert. Dabei hat der Heilige Vater bei den Großen Karfreitagsfürbitten eine zehnte Fürbitte für die vom Krieg betroffenen Völker eingefügt.

Der Prediger des Papstes, Kardinal Raniero Cantalamessa, warnte in seiner Predigt vor dem Relativismus, der die Existenz von Wahrheit bestreitet und rief die Menschen – Gläubige wie Nichtgläubige – dazu auf, sich angesichts vergänglichen und bedrohlichen Welt dem zuzuwenden, was nicht vergeht: Jesus Christus.

Später am Abend wird der Heilige Vater erstmals seit Beginn der Coronavirus-Pandemie wieder den Kreuzweg am Kolosseum beten

Was ist Wahrheit?

Im vollbesetzten Petersdom führte Papst Franziskus selbst durch die Karfreitagsliturgie. Die Predigt hielt traditionell der Prediger des Papstes, Pater Raniero Cantalamessa OFM, der dem Heiligen Vater und den Mitgliedern der Kurie bereits zu Beginn der Fastenzeit die Fastenexerzitien gehalten hatte.

In seiner Predigt ging Cantalamessa besonders auf den Dialog Jesu mit dem römischen Statthalter Pontius Pilatus ein. Jesus sei auf die Welt gekommen, um "Zeuge der Wahrheit zu sein", sagte Cantalamessa. "Er behandelt Pilatus wie eine Seele, die Licht und Wahrheit braucht, und nicht wie einen Richter. Er interessiert sich mehr für das Schicksal von Pilatus als für sein eigenes."

Berühmt ist vor allem eine Antwort von Pilatus, als er Jesus entgegnete "Was ist Wahrheit?" Diese Frage sei noch heute zeitgemäß, fährt Cantalamessa fort. Wörtlich:

"Im Internet habe ich unzählige Debatten über Religion und Wissenschaft, über Glauben und Atheismus verfolgt. Eine Sache ist mir aufgefallen: stundenlange Dialoge, ohne dass der Name Jesus jemals erwähnt wird. Und wenn die gläubige Seite es manchmal wagte, ihn und die Tatsache seiner Auferstehung von den Toten zu erwähnen, versuchten sie sofort, die Diskussion als nicht relevant für das Thema zu beenden. Alles geschieht 'etsi Christus non daretur': als ob ein Mann namens Jesus Christus nie in der Welt existiert hätte. Was ist das Ergebnis davon? Das Wort 'Gott' wird zu einem leeren Behälter, den jeder nach Belieben füllen kann. Aber gerade deshalb hat Gott dafür gesorgt, seinem Namen selbst einen Inhalt zu geben: "Das Wort ist Fleisch geworden". Die Wahrheit ist Fleisch geworden! Daher das Bemühen, Jesus aus der Rede über Gott herauszuhalten: Er nimmt dem menschlichen Stolz jeden Vorwand, selbst zu entscheiden, was Gott ist!"

Cantalamessa an Atheisten: "Vergeuden Sie nicht Ihr Leben!"

Kardinal Raniero Cantalamessa zitierte auch den Schriftsteller der bekannten "Herr der Ringe"-Reihe, J. R. R. Tolkien. In veröffentlichten Briefen des Romanautors schrieb Tolien einmal: "Es gehört ein erstaunlicher Wille dazu, nicht zu glauben, um anzunehmen, dass Jesus nie existiert hat oder dass er die Worte, die ihm zugeschrieben werden, nicht gesagt hat, und zwar so sehr, dass sie von keinem anderen Wesen auf der Welt erfunden werden können." Die einzige Alternative zur Wahrheit Christi, so der Autor weiter, sei, dass es sich um "wahnsinnigen Größenwahn und gigantischen Betrug" handele. Cantalamessa fragte in seiner Predigt: "Kann ein solcher Fall jedoch zwanzig Jahrhunderte heftiger historischer und philosophischer Kritik überstehen und die Früchte tragen, die er hervorgebracht hat?"

In der heutigen Zeit gehen viele Menschen jedoch über die Skepsis des Pilatus hinaus, fährt der Papst-Prediger fort. "Es gibt Leute, die meinen, man dürfe die Frage 'Was ist Wahrheit?' gar nicht stellen, weil es die Wahrheit einfach nicht gebe", so Cantalamessa. Man höre häufig die Behauptung: "Alles ist relativ, nichts ist sicher! Etwas anderes zu denken, ist eine unerträgliche Anmaßung!"

Cantalamessa entgegnete darauf mit den Worten von Søeren Kierkegaard, dem Begründer der philosophischen Strömung des Existentialismus. Der Kardinal zitierte aus dem Werk Kierkegaards "Die Krankheit zum Tode", in dem dieser schrieb: 

"Es wird viel über verschwendete Leben gesprochen. Aber vergeudet ist nur das Leben jenes Menschen, der sich nie dessen bewusst wurde, weil er nie im tiefsten Sinne den Eindruck hatte, dass es einen Gott gibt und dass er, sein eigenes Ich, vor diesem Gott steht."

"Wenn ich den Mut des Apostels Paulus hätte", ergänzt Cantalamessa, "müsste auch ich ausrufen: 'Ich bitte dich, versöhne dich mit Gott!' (2 Kor 5,20). Vergeuden Sie nicht auch noch Ihr Leben! Gehen Sie nicht aus dieser Welt, wie Pilatus aus dem Prätorium ging, mit der offenen Frage: 'Was ist Wahrheit?' Sie ist zu wichtig. Es geht darum, zu wissen, ob wir für etwas gelebt haben oder umsonst."

Über die Sünden der Kirche weinen

Der Dialog Jesu mit Pilatus richte sich aber auch "uns Gläubige und an die Männer der Kirche". "Dein Volk und deine Priester haben dich mir ausgeliefert", sagt Pilatus zu Jesus. Cantalamessa ergänzt: "Die Männer deiner Kirche, deine Priester haben dich verlassen; sie haben deinen Namen durch schreckliche Vergehen entehrt!"

Der Prediger zitiert erneut Tolkien, der in einem Brief an seinem Sohn schrieb:

"Unsere Liebe mag durch den Anblick der Unzulänglichkeiten, der Torheit und der Sünden der Kirche und ihrer Amtsträger abgekühlt und unser Wille geschwächt werden, aber ich glaube nicht, dass diejenigen, die einmal wirklich geglaubt haben, aus diesen Gründen den Glauben aufgeben, am wenigsten diejenigen, die ein gewisses Maß an Geschichtskenntnissen haben... Das ist praktisch, weil es uns ermutigt, von uns selbst und unseren Fehlern wegzuschauen und einen Sündenbock zu finden... Ich denke, ich bin genauso empfindlich für Skandale wie du und jeder andere Christ. Ich habe in meinem Leben viel gelitten wegen Priestern, die unwissend, müde, schwach und manchmal sogar böse sind."

Wie Petrus müsse man über die eigenen Sünden und die Sünden der Kirche weinen, so Cantalamessa. 

"Wenn ihr eure Raketen nicht in Fabriken und Häuser verwandelt, werdet ihr alle auf die gleiche Weise zugrunde gehen!"

Am Ende seiner Predigt erinnerte der Kardinal auch an den Krieg in der Ukraine. "In diesem Jahr feiern wir Ostern nicht mit dem fröhlichen Klang der Glocken, sondern mit dem unheimlichen Klang von Bomben und verheerenden Explosionen, die nicht weit von hier stattfinden", so Cantalamessa.

Und weiter: "Wir erinnern uns daran, was Jesus eines Tages auf die Nachricht von Pilatus' Blutvergießen und dem Einsturz des Turms von Siloe sagte: 'Wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle auf die gleiche Weise umkommen' (Lk 13,5). Wenn ihr eure Spieße nicht in Sensen, eure Schwerter nicht in Pflüge (Jes 2,4) und eure Raketen nicht in Fabriken und Häuser verwandelt, werdet ihr alle auf die gleiche Weise zugrunde gehen! Eines haben uns die jüngsten Ereignisse plötzlich wieder vor Augen geführt. Die Weltordnung kann sich von einem Tag auf den anderen ändern."

Der Papst-Prediger sagte wörtlich:

Alles vergeht, alles wird alt, alles - nicht nur die 'glückliche Jugend' - verschwindet. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem Strom der Zeit zu entkommen, der alles mit sich reißt: Wenden Sie sich dem zu, was nicht vergeht! Stellen Sie Ihre Füße auf festen Boden! Ostern bedeutet Übergang: Lasst uns alle in diesem Jahr ein wahres Ostern feiern, ehrwürdige Väter, Brüder und Schwestern: Lasst uns zu dem übergehen, der nicht vergeht. Lasst uns jetzt mit dem Herzen gehen, bevor wir eines Tages mit dem Körper gehen!"

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