Papst Franziskus: Geschwisterlichkeit und Hoffnung inmitten aktueller Krisen

Religionsfreiheit ist grundlegendes Menschenrecht. Daher muss sie wie die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit von den zivilen Behörden geachtet, geschützt und verteidigt werden, so Papst Franziskus.

Papst Franziskus spricht zu Diplomaten im Vatikan am 8. Februar 2021
Foto: Vatican Media / CNA Deutsch

Einen weiten Blick auf aktuelle Krisen und deren Lösung hat Papst Franziskus am heutigen Montag in der jährlichen Grundsatzrede an die am Heiligen Stuhl andere Nationen vertretenden Diplomaten geworfen.

Vor allem die Konsequenzen der Coronavirus-Pandemie nahm der Papst in den Blick: "Die Pandemie hat uns mit voller Wucht zwei unausweichliche Dimensionen der menschlichen Existenz vor Augen gestellt: Krankheit und Tod", so Franziskus am 8. Februar.

"Gerade dadurch erinnert sie auch an den Wert des Lebens, jedes einzelnen menschlichen Lebens, und an seine Würde in jedem Augenblick seines irdischen Weges, von der Empfängnis im Mutterleib bis zu seinem natürlichen Ende".

Ohne die Abtreibungspolitik unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden oder in seiner Heimat Argentinien explizit zu nennen, fuhr Franziskus fort: "Bedauerlicherweise ist festzustellen, dass sich unter dem Vorwand, vermeintliche subjektive Rechte zu garantieren, eine wachsende Zahl von Gesetzgebungen in der ganzen Welt von der unabdingbaren Pflicht, menschliches Leben in jeder Phase zu schützen, zu entfernen scheint."

Geschwisterlichkeit und Hoffnung


Zusammenfassend appellierte der Pontifex im Angesicht der Covid-19-Pandemie an Geschwisterlichkeit und die christliche Hoffnung: "Im Jahr 2021 haben wir keine Zeit zu verlieren. Und wir werden sie insofern nicht vergeuden, als wir es verstehen, mit vollem Einsatz zusammenzuarbeiten", so ein optimistischer Pontifex.

"In diesem Sinne glaube ich, dass die Geschwisterlichkeit das wahre Heilmittel gegen die Pandemie und gegen die vielen Übel ist, die uns getroffen haben. Geschwisterlichkeit und Hoffnung sind wie Medikamente, welche die Welt heute wie Impfstoffe braucht."

Die erforderlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus hätten Auswirkungen auch auf verschiedene Grundfreiheiten gehabt, einschließlich der Religionsfreiheit aufgrund der Einschränkung der Gottesdienste und der Bildungs- und Wohltätigkeitsarbeit der Religionsgemeinschaften, sagte der Papst.

"Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die religiöse Dimension einen grundlegenden Aspekt der menschlichen Person und der Gesellschaft darstellt, der nicht abgewertet werden darf; und man darf nicht vernachlässigen, dass man bei allem Bestreben, Menschenleben vor der Ausbreitung des Virus zu schützen, die spirituelle und moralische Dimension des Menschen gegenüber der körperlichen Gesundheit nicht für zweitrangig halten darf."

Die Freiheit der Religionsausübung ist zudem kein Zusatz zur Versammlungsfreiheit – betonte der Papst – sondern "rührt wesentlich vom Recht auf Religionsfreiheit her, welches das erste und grundlegende Menschenrecht ist". Daher müsse sie wie die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit von den zivilen Behörden geachtet, geschützt und verteidigt werden. "Im Übrigen kann eine gute Pflege des Körpers nie von der Pflege der Seele absehen", betonte er. 

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Papst Franziskus sprach heute länger über die zwei Themen, denen er in seinem Pontifikat wesentliche Zeit eingeräumt hat: Der Migrationskrise und dem Umweltschutz, einschließlich des Klimawandels, wenn auch im Kontext der globalen Pandemie.

"Die Lösung dieser Krisen erfordert eine internationale Zusammenarbeit in der Sorge um unser gemeinsames Haus", betonte er. Zweifelsohne hofften alle, auch deshalb so schnell wie möglich wieder zum unmittelbaren persönlichen Kontakt zurückzukehren, fuhr Franziskus fort.

"Unser heutiges Treffen möchte in diesem Sinne ein gutes Omen sein. Ebenso ist es mein Wunsch, in Kürze die Apostolischen Reisen wiederaufzunehmen, beginnend mit der für den kommenden März geplanten Reise in den Irak. Die Reisen sind in der Tat ein wichtiger Aspekt der Sorge des Nachfolgers Petri für das Volk Gottes auf der ganzen Welt sowie des Dialogs des Heiligen Stuhls mit den Staaten".  

Der Elefant im Zimmer: China 


In seiner Zusammenfassung politischer Krisenherde widmete sich der Papst heute dem Libanon, Jemen und Syrien, dem Israelisch-Palästinensischen Konflikt, Libyen, der Zentralafrikanischen Republik, Äthiopien, Sudan, Mosambik, Korea, Burma und mehreren anderen Regionen.

"In einigen Fällen werden humanitäre Krisen durch Wirtschaftssanktionen verschärft, die am Ende meist nicht die politisch Verantwortlichen, sondern vor allem die schwächsten Bevölkerungsschichten treffen", so der Papst.  

Im vergangenen Jahr sei auch die Zahl der Migranten gewachsen. "Viele werden abgefangen und in Sammel- und Inhaftierungslager zurückgeschickt, wo sie Folter und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind, wenn sie nicht im Meer und bei der Überquerung anderer natürlicher Grenzen den Tod finden", sagte Franziskus.

Mit Spannung erwarteten Beobachter, ob der Papst sich zu dem wohl umstrittensten Aspekt der vatikanischen Außenpolitik äußern wird: Dem Umgang mit der aufstrebenden, offiziell atheistischen Weltmacht China, und deren systematischen Christenverfolgung und schweren Verletzungen der Menschenrechte. Sowohl zum Stichwort "Religionsfreiheit" als auch aus geopolitischen wie klimapolitischen Gründen ist immerhin China der sprichwörtliche Elefant im Zimmer, nicht zuletzt für den Vatikan und die heute zu einer Grundsatzrede anwesenden Diplomaten.

Zum "schleichenden Völkermord" an den Uiguren schwieg der Papst. Zu seinem kontroversen Abkommen mit dem Regime in Peking, das Ende Oktober um drei Jahre "verlängert" wurde, sagte Franziskus heute vor den Diplomaten in der Benediktionsaula der Kathedrale von St. Peter wörtlich, es handle sich "um eine Übereinkunft, die im Wesentlichen pastoraler Natur" sei.

"Der Heilige Stuhl hofft, dass der eingeschlagene Weg im Geiste des Respekts und gegenseitigen Vertrauens weitergeht und zur Lösung von Fragen gemeinsamen Interesses weiterhin beiträgt".

Vor Abschluss des Deals hatte China Experten zufolge den Vatikan durch Hacker-Angriffe gezielt ausspioniert, die Verfolgung der Christen im Land und deren "Sinisierung" eskaliert und seitdem systematisch fortgesetzt. Selbst die ohnehin problematische Ernennung von Bischöfen ist diesen zufolge fragwürdig in der Umsetzung. Unterdessen wandern in Hong Kong katholische Demokratie-Aktivisten hinter Gitter – Hoffnung auf Geschwisterlichkeit aus Rom haben dort schon länger nicht mehr alle. 

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