Darf man Kinder zwar nicht wegen ihres Geschlechts abtreiben, aber bei Down-Syndrom schon?

Mädchen mit Down-Syndrom
Foto: Shutterstock/Denis Kuvaev
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Sollte es erlaubt sein, ein Baby abzutreiben, bei dem das Down-Syndrom festgestellt wurde? Oder wenn man lieber einen Jungen hätte, aber mit einem Mädchen schwanger ist?

Ein gemeinnütziges Ethik-Gremium in Großbritannien, die "Nuffield Council on Bioethics", hat nun empfohlen, dass eine Untersuchung des Kindes in einem frühen Stadium der Schwangerschaft auf Down-Syndrom möglich sein sollte - und sich gleichzeitig dagegen ausgesprochen, das Geschlecht des Kindes zu bestimmen, um einen "Gendercide" zu verhindern: Die Tötung ungeborener Kinder, weil sie das "falsche" Geschlecht haben.

Behinderten-Gruppen schlagen nun Alarm: Ein solches Denken sei viel zu weitverbreitet, warnen sie. Mit einer Petition wollen sie sich nun wehren.

"Kaum jemand würde ernsthaft argumentieren, dass Eltern ihre Tochter abtreiben dürfen sollten, nur weil sie lieber einen Jungen hätten", so die Petition "Stop Discriminating Down", eine Initiative der Jerome Lejeune Stiftung und von DownPride.

Diese Woche hat die "Nuffield Council on Bioethics" seine Empfehlungen im Umgang mit nicht-invasiver Pränataldiagnostik (NIPT) vorgelegt. Die Experten raten, die Diagnostik sollte nicht dazu verwendet werden, das Geschlecht des ungeborenen Kindes zu untersuchen, um zu verhindern, dass Kinder aufgrund ihres Geschlechts abgetrieben werden.

"Eine autonome, informierte Entscheidung"

Gleichzeitig empfiehlt die "Nuffield Council" jedoch das Verfahren zuzulassen für Eltern, die herausfinden wollen, ob ihr Kind "eine schwerwiegende Erkrankung oder Behinderung hat, aber nur in einem Umfeld, dass ihnen erlaubt, autonome, informierte Entscheidungen zu treffen".

Bei der NIPT wird der Mutter in der neunten oder zehnten Schwangerschaftswoche eine Blutprobe entnommen. Dessen genetische Untersuchung liefert mehrere Hinweise auf den Zustand des ungeborenen Kindes. Das NIPT-Verfahren ist sicherer als etwa das einer Fruchtwasseruntersuchung - die sogenannte Amniozentese -, bei der es ein höheres Risiko einer Fehlgeburt oder anderer Schädigungen des Kindes gibt.  

Die Empfehlungen der "Nuffield Council" würden erlauben, dass NIPT dafür verwendet wird, ungeborene Kinder auf Down-Syndrom, Edwards-Syndrom und Patau-Syndrom zu prüfen. Gemäß dem "Abortion Act" von 1967 könnten Kinder mit dieser "Anomalie" in England, Schottland und Wales dann abgetrieben werden. 

190 mehr Abtreibungen pro Jahr

Der staatliche Gesundheitsdienst im Vereinigten Königreich, der "National Health Service" (NHS), will Frauen, die ein erhöhtes Risiko dieser "Anomalien" haben, ab dem Jahr 2018 NIPT anbieten.

Derzeit entscheiden sich 74 Prozent aller schwangeren Frauen in Großbritannien, ihr ungeborenes Kind auf Down-Syndrom untersuchen zu lassen, so "Nuffield Council" - und von diesen entscheiden sich zwischen 89 und 95 Prozent für eine Abtreibung, wenn das Syndrom diagnostiziert wird.

Schätzungen zufolge werden mit NIPT jährlich 200 mehr Down-Diagnosen gestellt werden als bisher. Gleichzeitig, so die Prognose von "Nuffield Council", wird es 17 weniger Fehlgeburten durch das neue Verfahren geben.

Gleichzeitig werden jedoch, wenn die bisherigen Zahlen als Grundlage einer Berechnung dienen, 200 weitere Diagnosen mit Down-Syndrom auch zu 178 bis 190 weiteren Abtreibungen führen.

"Um das Risiko zu minimieren, dass eine stärkere Nutzung von NIPT negative Folgen für Menschen mit Behinderung haben könnte, sollte die Regierung (...) sicherstellen, dass behinderte Menschen mit spezialisierter medizinischer Versorgung und Sozialdiensten bester Qualität versorgt werden, und Diskriminierung, Exklusion und negative Einstellungen bekämpft werden", so die "Nuffield Council"-Empfehlungen.

Risiko eingeräumt

Dennoch, räumt der Bericht ein, könnte die Einführung von NIPT die Versorgung Behinderter mit medizinischen und sozialen Diensten beeinträchtigen - wie auch das Interesse an deren Erforschung.

Tatsächlich könnte die Zulassung von NIPT durch den Gesundheitsdienst dazu führen dass "Menschen mit Behinderung und ihre Familien einem höheren Risiko der Diskriminierung, der Stigmatisierung und des Missbrauchs ausgesetzt sind", so der Bericht von "Nuffield Council". Der Grund: Die Einführung von NIPT könne auch bedeuten, dass "Menschen daran 'Schuld sind', ein behindertes Baby zur Welt gebracht zu haben".

Aus diesem Grund sollte begleitend zum neuen Verfahren auch "wahrheitsgemäße, ausgewogene und nicht handlungsweisende Information für Frauen und Paare" verteilt werden. 

Mit Blick auf das Risiko, dass das Verfahren dazu verwendet wird, das Geschlecht des Kindes zu bestimmen, um zu entscheiden, ob es aus diesem Grund abgetrieben werden soll, schreibt "Nuffield Council", dass dies möglich sei. Zudem gebe es Hinweise, dass in Großbritannien solche bereits stattgefunden haben - so wie auch in anderen Ländern.

Abtreibungen aus Geschlechts-Gründen sind im Vereinigten Königreich verboten - in letzter Zeit ist der Regierung jedoch vorgeworfen worden, nicht genug dagegen unternommen zu haben. 

Das Gesundheitsministerium spricht den Druck, männlichen Nachwuchs zu haben, unter dem Frauen in bestimmten Migranten-Gruppen stehen, offen an. Der ehemalige Minister of Parliament, Paul Uppal: "Die Erwartung gibt es - ich bin selber dessen Zeuge geworden".

Vertreter von Behinderten-Organisationen sind gegen eine weitere Einführung von NIPT.

"Stop Discriminating Down" betont, dass es um einen Kampf gegen die Bedrohung von Menschen geht, nur aufgrund ihres Erbguts. "In einer menschlichen Welt (...) sollte nicht gegen Menschen mit Down-Syndrom diskriminiert werden". 

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