Warum die USA auch weiter einen Marsch für das Leben braucht

Allein 200.000 Teilnehmer kommen jährlich zum Marsch für das Leben in Washington – Die meisten von ihnen sind Jugendliche, Studenten und junge Erwachsene

Nicht nur in Berlin und Washington gibt es sie: Eindrücke vom Marsch für das Leben in Denver, Colorado am 16. Januar 2016
Foto: CNA/Peter Zelasko
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Es war ein Ereignis, dass eigentlich kein Jubiläum haben sollte: Als der “Marsch für das Leben” vor 43 Jahren in den USA begann, hatte der “Supreme Court”, der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, im berüchtigten Fall “Roe gegen Wade” soeben Abtreibung legalisiert – und zwar bis kurz vor der Geburt.

Damals waren die politischen Positionen zum Thema noch nicht so parteipolitisch festgefahren wie heute: Tatsächlich gingen viele Gesetzgeber entlang des politischen Spektrums davon aus, dass das Urteil eine schlechte Entscheidung war und revidiert werden würde.

“Viele Menschen waren einfach schockiert nach dem Urteil” sagt Jeanne Mancini, Präsidentin des Unterstützungsfonds des Marsches für das Leben gegenüber CNA.

“Die Leute dachten, dass diese Sache korrigiert werden würde...denn das waren so schlecht begründete Urteile des Supreme Court, dass sie wirklich aus dem Rahmen dessen fielen, was der Gerichtshof normalerweise entscheidet”, fügt sie hinzu.

Doch kam es anders: Seitdem sind 43 Jahre vergangen, und der Marsch für das Leben ist längst eine jährliche Veranstaltung für Lebenschutz-Verbände aller Konfessionen aus dem ganzen Land geworden.

Vier Jahrzehnte des Protests, und immer noch kein Ergebnis: Kein Wunder, dass sich einige Teilnehmer fragen, ob der Marsch für das Leben überhaupt noch relevant ist.

“Ermüdungserscheinungen sind verständlich”, sagt Mallory Quigley, Kommunikationsleiterin der “Susan B. Anthony Liste”, einer politischen Organisation, die politische Kandidatinnen unterstützt, die sich für ungeborenes Leben einsetzen.

“Es sind 43 Jahre vergangen, das ist eine lange Zeit für eine solche Ungerechtigkeit”, so Quigley gegenüber CNA. Gleichzeitig sei die Tatsache, dass Abtreibung weiter in der jetzigen Form in den USA zugelassen sei ein Grund, weiter zu kämpfen.

“Als Amerikaner die für den Schutz des Lebensschutz einstehen, müssen wir unseren Stimmen Gehör verleihen und darüber öffentlich sprechen, für die ungeborenen Kinder und Mütter, die sich diesem Risiko aussetzen, die gelitten haben oder an einer Abtreibung gestorben sind”, sagt sie.

Tatsächlich gibt es positive Punkte für die Lebensschutz-Bewegung: Im vergangenen Sommer sank die Zahl der Abtreibungen in den USA, auch wenn die Gründe dafür nich nicht ganz klar sind.

Eine wachsende Zahl von Amerikanern sind gegen Abtreibung “on demand”, auch wenn sie nicht gegen Schwangerschaftsabbrüche generell sind, sondern diese unter bestimmten Umstände befürworten.

Für Mancini ist der jährliche Marsch im März ein dynamisches Erlebnis mit einer klaren, starken Botschaft für Politiker über die Anliegen des Lebensschutzes: Die Bewegung ist motiviert, stark und jung. Der Marsch sei ein sichtbares Zeichen dessen, was die Lebensschutz-Bewegung ausmache und wofür sie stehe, betont Mancini.

Nicht immer ein Anliegen der politischen Rechten

Zur Zeit der Gründung des Marsches für das Leben waren Lebensschutz-Positionen näher an der Demokratischen Partei. Der tiefe politische Graben, der die beiden großen Parteien der USA bei der Frage nach dem Umgang mit Abtreibung trennt, wurde erst Jahre später gezogen.
Tatsächlich traten bei früheren Märschen Redner wie Joe Biden, Jesse Jackson und Harry Reid auf, erzählt Mancini: Personen, die heute prominente Abtreibungsbefürworter sind.

Diese ersten Märsche waren kleiner, und unter den Teilnehmern waren zahlreiche Abgeordnete, schildert Mancini. “Heute ist der March for Life viel mehr ein kulturelles Phänomen”. Und die Bewegung sei gewachsen, weil sie keine andere Wahl gehabt habe.

Während der 1970er und 1980er Jahre  blieb der jährliche Marsch eine kleine Veranstaltung, die vor allem politische Aktivisten anzog. Im Laufe der Reagan-Jahre wanderten dann Fragen des Lebensschutzes in der amerikanischen Gesellschaft entlang des politischen Spektrums von Mitte-Links nach Rechts.

Aber erst seit Mitte der 1990er Jahre ist der March for Life in Washington ein nationales Event, das eine große Zahl engagierter Jugendlicher anzieht.

“Nellie Gray (die Gründerin des Marsches für das Leben) arbeitete eng mit den Kirchen und Bischöfen zusammen. Es war alles wirklich basisdemokratisch und sehr katholisch; was zur Folge hatte, dass mehr und mehr Schulen mit Bussen zum Marsch kamen”, sagt Mancini.
Heute hat der Marsch für das Leben in Washington einen stark jugendlichen Charakter: Horden junger Studenten und Schüler fallen bereits Tage vor der Veranstaltung in der Hauptstadt ein, und füllen die Strassen mit Gesängen und bunten Postern – und das oft im tiefsten Winter.

“Du bist nicht allein”

Seit ihrem 17. Lebensjahr nimmt Aimee Murphy an “Pro-Life”-Veranstaltungen teil; damals noch als überzeugte Atheistin und Lebensschützerin: Eine Position, mit der sie sich an ihrer Schule oft einsam fühlte. Doch durch die Teilnahme an Märschen für den Lebensschutz lernte sie Gleichgesinnte kennen, die nicht nur für die gleichen Werte kämpften, sondern auch in ihrem Alter waren.

“Das war so wichtig, für mich als jungen Menschen, zu sehen….dass ich nicht der einzige Schüler einer High School war, der sich für das ungeborene Leben einsetzte”, sagte sie gegenüber CNA.

Heute eine Aktivistin der 2000er Generation, der “Millennials”, ist Murphy Geschäftsführerin des “Life Matters Journal”, einem Lebensschutz-Magazin. Es sei leicht, und vielleicht auch fair, den Marsch für das Leben als teure, überflüssige Veranstaltung zu kritisieren – wenn sie denn nur das wäre.

“Wenn Du danach nicht heimkommst und auch etwas tust, dann hat der Marsch für das Leben tatsächlich auch nichts gebracht”, sagt sie.

Murphy betont: "Als Aktivistin für das Leben ringen wir mit einer Kultur und mit Medien sowie einem Gesetzgeber, die nicht bereit sind, auch nur igendetwas zu tun, was tatsächlich auch einen Unterschied machen würde. Da kommt man schnell auf den Gedanken, dass das Böse einfach zu riesig, zu groß ist, und ich selber persönlich ohnehin nichts ausrichten kann. Und dann sitzt Du herum und fühlst Dich schlecht”, so Murphy.

“Aber der Marsch für das Leben, wenn er Menschen Hoffnung gibt und sie ermutigt, etwas zu unternehmen und die Dinge zu ändern: Dann ist er wirklich unbezahlbar.”
Das Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität, besonders mit anderen, gleichgesinnten jungen Menschen, sei wichtig für Schüler der High-Schools wie Uni-Studenten, betont Kristan Hawkins, Präsident der “Students for Life of America”, der Lebensschutz-Organisation amerikanischer Studenten.

Allein im vergangenen Jahr nahmen rund 200.000 Menschen am Marsch teil – viele von ihnen Studenten und junge Erwachsene.

“Wir sagen allen: Kommt mindestens einmal, denn es ist eine formative Erfahrung”, sagt Hawkins. Der Schlüssel, sie zu lebenslangen Aktivisten zu machen, bestehe darin, Menschen klar zu machen, dass dies eine Bewegung sei, der sie gerne angehören möchten; eine Bewegung, die gewinne. Genau das leiste der Marsch für das Leben.

Hawkins stimmt der jungen Aktivistin Murphy zu, dass der Marsch zwar ein wichtiges Ereignis sei; mindestens genau so wichtig sei jedoch, was danach passiere.

“Das bedeutet, sich ein Land ohne Abtreibungen vorzustellen, und sich zu fragen: Wenn Abtreibung morgen verboten werden würde: Was würden wir dann brauchen? Was würden wir tun? Und das ist: Die Nachfrage nach Abtreibungen abzuschaffen, die Einstellung zu überwinden, dass dieses Mädchen ihr Kind töten muss.”

Hoffnung auf Änderungen im Jahr 2016

Neben seiner Funktion als Katalysator, Sammel- und Treffpunkt für die Lebensschutzbewegung ist der Marsch für das Leben auch eine wichtige Botschaft an die Gesetzgeber in der Hauptstadt, und an die landesweiten Medien in Washington, D.C.

"Wir haben endlich eine Mehrheit in diesem Land die glaubt, dass Abtreibung moralisch falsch ist. Und wir haben eine Mehrheit in diesem Land, die dafür ist, dass das Abtreibungsrecht strenger geregelt werden soll, wie es der gesunde Menschenverstand fordert. Wir haben zum ersten Mal in diesem Land einen Kongress, der [den Abtreibungsanbieter] Planned Parenthood untersucht”, sagt Hawkins.

“Das zeigt dem Rest des Landes dass es sich hier nicht um eine Minderheit handelt. Wir sind eine Mehrheit, wir werden nicht verschwinden, und das ermutigt andere, sich der Bewegung anzuschließen”.

Einer Untersuchung von Gallup zufolge glaubten vergangenes Jahr 29 Prozent aller Amerikaner, dass Abtreibung unter allen Umständen legal sein sollte. 51 Prozent der US-Bürger waren der Ansicht, dass Abtreibung nur unter bestimmten Bedingen erlaubt sein sollte.
Aus diesem Grund hofft Quigley, dass bereits 2016 eine Gesetzgebung möglich sein kann, die dem Abtreibungsrecht bestimmte Auflagen macht – etwa, diese nur innerhalb der ersten fünf Monate der Schwangerschaft zu erlauben, da nach diesem Zeitpunkt das Kind im Mutterleib Schmerzen empfinden kann.

“Die öffentliche Meinung gleicht sich langsam der wissenschatftlichen an. Die Menschen verstehen, dass das ungeborene Kind lebt, dass es ein menschliches Wesen ist”, sagte sie.
Neben der Streichung öffentlicher Gelder für den von Skandalen erschütterten Abtreibungs-Anbieter Planned Parenthood ist ein Verbot von Abtreibungen nach dem fünften Monat der zweite Schwerpunkt der Aktivisten der Lebensbewegung für das Jahr 2016.

Auch wenn es ohnehin Gründe für einen gesunden Optimismus gebe: Am besten wäre die Wahl deines Lebensschützers zum Präsidenten, betont Mancini. Sonst würde die Exekutive weiterhin versuchen, eine neue Gesetzgebung zu ändern oder rückgängig zu machen. “Deshalb wäre es fantastisch, eine Regierung zu haben, die pro-life ist. Dann müssten wir nicht immer aus der Defensiven heraus agieren”, sagt sie, und betont: “Es ist so wichtig, dass alle hier in Washington verstehen, dass Amerika eine Nation für das Leben ist”.