Warum "löscht" Facebook eine Petition gegen Zwangsverheiratung von Frauen und Mädchen?

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Nach Angaben von Kirche in Not im Vereinigten Königreich hat Facebook ohne Begründung das katholische Hilfswerk zensiert und sogar die Seite der  gesperrt. Auslöser war offenbar eine Petition von Kirche in Not, in der zu größeren Anstrengungen gegen die Entführung, Zwangskonvertierung und Zwangsverheiratung von christlichen Frauen und Mädchen in islamischen Ländern aufgerufen wird.

Die in London ansässige Organisation Aid to the Church in Need UK startete ihre Kampagne Anfang November mit einer Reihe von Facebook-Anzeigen. Die Aktion der Organisation fand in Verbindung mit der Veröffentlichung ihres neuen Berichts mit dem Titel "Hear Her Cries"("Hört ihren Schrei") statt, der den weit verbreiteten – und weitgehend ignorierten – Missbrauch von Frauen und Mädchen, die Christen oder Mitglieder anderer religiöser Minderheiten sind, durch islamische Extremisten in Nigeria, Mosambik, Irak, Syrien, Ägypten und Pakistan dokumentiert.

Innerhalb einer Woche, am 10. November, teilte Facebook der direkt dem Vatikan unterstellten päpstlichen Stiftung mit, dass der Social-Media-Gigant die Anzahl der Anzeigen, die die Gruppe schalten kann, drastisch einschränke – und das ohne Begründung. 

Stattdessen heißt es nur: "Es wurden zu viele Anzeigen für Werbekonten, die mit diesem Unternehmen verbunden sind, ausgeblendet oder gemeldet. Menschen blenden Anzeigen aus und melden sie, weil sie sie für beleidigend, irreführend, sexuell unangemessen, gewalttätig, sensibel halten beziehungsweise aus anderen Gründen".

Die Hilfsorganisation sagt, sie habe auch den Zugang zur Instant-Messaging-Plattform WhatsApp und zu Instagram verloren, die beide ebenfalls dem von Mark Zuckerberg verantworteten Konzern gehören, der seit Kurzem offiziell "Meta" heißt.

Seitdem Facebook das Hilfswerk zensiert und ausgesperrt hat, versucht Aid to the Church in Need UK nach eigenen Angaben erfolglos, eine Erklärung von Facebook zu erhalten. Am ehesten erhielt die Gruppe eine Antwort in Form einer E-Mail, in der es hieß, die Angelegenheit werde geprüft.

"Wir haben volles Verständnis für die Dringlichkeit dieser Angelegenheit und wie wichtig sie für Sie ist, aber solche Situationen erfordern eine detaillierte Untersuchung und Lösung, und in Anbetracht der Umstände können wir keine Frist anbieten", heißt es in der im typischen "Kundendienst"-Jargon verfassten E-Mail, die von "Alex" vom "Facebook Concierge Support" geschickt wurde.

John Pontifex, der Leiter der Presse- und Informationsabteilung des Hilfswerks erklärte gegenüber CNA, dass die Petitionskampagne der Gruppe, die 3.210 Unterschriften gesammelt hatte, durch die Aktion von Facebook praktisch "beendet" wurde. Diese Summe entsprach etwa einem Viertel dessen, was die Wohltätigkeitsorganisation auf der Grundlage der Ergebnisse einer früheren Petitionsaktion erwartet hatte, sagte er.

John Pontifex übergab die Petitionen am 15. Dezember an Fiona Bruce, ein Mitglied des Parlaments und Sonderbeauftragte von Premierminister Boris Johnson für Religionsfreiheit.

In einer Erklärung rügte Neville Kyrke-Smith, nationaler Direktor von Aid to the Church in Need UK, Facebook für sein inakzeptables Vorgehen.

"Wir sind entsetzt, dass unsere Kampagne, die darauf abzielt, leidenden Frauen zu helfen, auf so drakonische Weise zensiert wurde", sagte er.

"Mit der Behauptung, dass unsere Anzeige gegen die Facebook-Richtlinien verstößt, aber ohne zu sagen, gegen welche Richtlinien oder wie, hat sich Facebook zum Richter, Geschworenen und Henker gemacht.

Kyrke-Smith beschuldigte Facebook weiter, den Missbrauch, den die Wohltätigkeitsorganisation zu stoppen versucht, zu unterstützen.

"Indem sie diese Kampagne einschränken, bringen sie diese Frauen gleich doppelt zum Schweigen", sagte er. "Sie werden zum Schweigen gebracht, wenn sie aus ihren Häusern entführt und gezwungen werden, mit ihren Entführern zu leben, und jetzt werden sie von Facebook erneut zum Schweigen gebracht.

Ein anderer Menschenrechtsverteidiger, der sich auf das Problem des Menschenhandels und der Kinderheirat konzentriert, nannte das Vorgehen von Facebook gegenüber Kirche in Not "beunruhigend".

"Traurigerweise ist Gewalt gegen Frauen eine Menschenrechtsverletzung, die über kulturelle, ethnische und religiöse Grenzen hinausgeht. Die Arbeit von Aid to the Church in Need, sexuelle Gewalt gegen Frauen zu stoppen, vereint und verstärkt die Stimmen religiöser Minderheiten, die Hindus, Jesiden und christliche Gemeinschaften umfassen", sagte Laura Bramon Hassan, Geschäftsführerin von Philomena Project, gegenüber CNA.

"Die Entscheidung von Facebook UK, diese Koalition anzugreifen, weil sie die Notlage einer Gruppe hervorhebt, ist verwirrend und beunruhigend", sagte sie.

Ein Facebook-Sprecher konnte vor der Veröffentlichung nicht für eine Stellungnahme erreicht werden. Der Skandal ist jedoch kein "Ausrutscher" oder Einzelfall: Mark Zuckerberg hat sich unter anderem bereits 2018 für die Sperrung katholischer Inhalte entschuldigen müssen, wie CNA Deutsch berichtete

Dabei war der Konzern-Chef mit seiner Ehefrau im Jahr 2016 zu einer Audienz bei Papst Franziskus und sprach nach Angaben des Vatikans darüber, "wie Kommunikationstechnologien Armut erleichtern können, eine Kultur der Begegnung ermutigen und eine Botschaft der Hoffnung bringen können, besonders den am meisten Benachteiligten". 

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Übersetzt, ergänzt und redigiert aus dem Original der CNA Deutsch-Schwesteragentur.