Wie tolerant ist unsere Gesellschaft gegenüber Lebensschützern?

Interview mit Alexandra M. Linder, Vorsitzende Bundesverband Lebensrecht

Alexandra M. Linder, Vorsitzende des BVL, beim diesjährigen Marsch für das Leben in Berlin.
Foto: Bundesverband Lebensrecht
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In der Nacht von Sonntag auf Montag haben Unbekannte in Berlin einen Anschlag auf die Beratungsstelle von "1000plus" verübt (CNA Deutsch hat berichtet). Einem Bekennerschreiben zufolge bezeichnen sich die Täter als "Feministen". Sie werfen dem Verein vor, schwangere Frauen nicht "ergebnisoffen", sondern "manipulativ" zu beraten. "1000plus" bezeichnet die Vorgänge als Ergebnis von wachsender Intoleranz und gezielter Verleumdung.

CNA Deutsch sprach mit der Vorsitzenden des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), Alexandra M. Linder, über die Situation der Lebensrechtler in Deutschland.

Frau Linder, der Projektleiter von "1000plus", Kristijan Aufiero, hat sich nach der Verwüstung der Beratungsstelle in Berlin über den "blanken Hass" beklagt, der jenen entgegenschlage, die eine Alternative zur Abtreibung anbieten. Er sprach auch von "Bildern einer Vergangenheit", "von der ich dachte, sie würde nie wieder zurückkommen". Ist die Debatte um das Lebensrecht gewalttätiger, militanter geworden?

Ja, definitiv. Das liegt daran, dass die an Abtreibung interessierten Kreise, deren Protagonisten ja häufig ideologisch geprägt sind, schlecht mit der Wahrheit, mit Argumenten, Zahlen und Fakten umgehen können und weil sie aktuell feststellen, dass vernunftbegabte Menschen sich nicht so leicht abspeisen lassen. Es spricht einfach alles dagegen, Abtreibung für eine Errungenschaft zu halten, zum Beispiel: In Ländern, in denen Abtreibung erlaubt ist, sind die Zahlen entgegen den Behauptungen hoch und die Hilfe für Frauen im Schwangerschaftskonflikt verringert sich. Die seit Jahrzehnten aktive seriöse Lebensrechtsbewegung arbeitet sachlich, auf wissenschaftlicher Grundlage, pflegt einen höflichen Umgangston und hatte und hat kompetente Leute an der Spitze, sie ist also schlecht angreifbar, weshalb man zu persönlicher Diffamierung greifen muss.

Und "was" da "weggemacht" wird, ist kein Zellhaufen, sondern immer ein Mensch, der ums Leben kommt. Dieses allgemein verbreitete Wissen, trotz massivster langjähriger Versuche, das Kind zur Fruchtblase zu degradieren, ist das Verdienst vor allem der Lebensrechtsbewegung, die immer auch das Kind im Blick hat und es beim Namen nennt. 

Allerdings war diese Militanz auch vor vielen Jahren schon einmal da, ich habe das zuletzt in den 90er Jahren erlebt, als es um die Debatte der Reform des § 218 ging. Da wurden auch schon Bühnen gestürmt, Redner am Auftritt gehindert und Technik zerstört. Also in der Tat nichts Neues, aber damals wie heute im wahrsten Wortsinn intolerant. Auch die Sprüche sind noch so einfallslos wie damals.

Der Bundesverband Lebensrecht unterhält ebenfalls ein Büro in Berlin. Haben Sie solche Anfeindungen auch schon erlebt?

Natürlich, oft. Schmierereien, Farbbeutelanschläge, bösartige Plakate am Haus gegenüber, dieses Jahr den Spruch "No Fundis" neben dem Büro, was ein pfiffiger Mitarbeiter genutzt hat, um den Gegnern zu danken: Endlich geben sie zu, dass wir keine Fundis sind. Nein, im Ernst: Wir nehmen es gelassen und mit Humor, doch Anfeindungen und Anschläge kennen wir seit vielen Jahren und versuchen natürlich, unsere Helfer und Mitarbeiter, für die wir Verantwortung haben, zu schützen.

Unter Ihrem Vorsitz hat der BVL auch in diesem Jahr den „Marsch für das Leben“ in Berlin organisiert. Dort kam es erneut zu Störungen, Schmährufen und Sitzblockaden, während der Kundgebung vor dem Reichstag wurde gar die Bühne gestürmt. Wie reagieren Sie auf diese Zwischenfälle? 

Wir haben Strafanzeige gestellt, weil dadurch gegen viele demokratische Rechtsgrundsätze verstoßen wird. Hier zeigt sich übrigens auch ein merkwürdiges Verständnis von Demokratie und Toleranz; umgekehrt kämen wir nie auf die Idee, Leuten mit anderer Meinung ihre Grundrechte nehmen zu wollen. Bei dem versuchten Bühnensturm haben Cornelia Kaminski und ich gelassen reagiert, indem wir verhindert haben, dass das Plakat entrollt wird und es schöne Bilder für die Randalierer gibt, Hartmut Steeb hat einfach weitermoderiert, den Rest hat die Polizei erledigt.

Die Gegenseite hat dasselbe Recht auf Demonstration wie wir, allerdings würden wir uns niemals auf das kulturlose Niveau herablassen, was von dort kommt. Blockaden und weitere Versuche, uns an der Ausübung der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit zu hindern, könnte man als gewisse Anzeichen totalitären Denkens interpretieren. In einer Demokratie jedenfalls hat das nichts zu suchen.

Interessanterweise reagieren genau die Kreise, die angeblich so tolerant sind, absolut intolerant – Toleranz ist ja auch immer erst dann eine Herausforderung, wenn es um andere Meinungen geht …

Der „Marsch für das Leben“ ist eine politische Veranstaltung, dennoch wird er von Kritikern gerne als eine Versammlung von fundamentalistischen Christen dargestellt. Woran liegt das?

Das sehe ich als Versuch, durch Totschlagsdiffamierung das ganze zu diskreditieren. Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass Christen, die ja sozusagen ein Lebensrechtsgen haben, sich besonders für die Unschuldigen und die Schwachen einsetzen. Christ zu sein ist heute genauso schlimm wie Lebensrechtler und passt gut ins Verleumdungsbild, dabei haben beide ein Programm, dass humaner, weltumspannender und toleranter nicht sein kann. Wenn jeder Mensch aufgrund seiner Würde geachtet wird, ist das doch eigentlich die perfekte Grundlage für eine Gesellschaft. Aber ein solches Programm ist anstrengend, es fordert nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung und eben auch ein gewisses Maß an Selbstbeschränkung, um die Würde anderer Menschen nicht zu verletzen. Das ist heute, in einer Zeit der Selbstüberschätzung und rücksichtslosen Selbstverwirklichung, eine besondere Herausforderung und natürlich auch ein Affront. Da ist es leichter, unsinnige und böswillige Behauptungen in die Welt zu setzen, als sich mit der Sache zu beschäftigen.

Die Kreuze spielen hier sicher auch eine Rolle. Sie dienen keineswegs als „Drohbotschaft“, wie unterstellt wird, sondern erinnern vom Ursprung her an die nicht vorhandenen Gräber von Millionen von Kindern. Es geht also um ein Gedenken an Menschen, die gestorben sind. In einer säkularisierten Welt ist das jedoch womöglich schwerer zu vermitteln. 

Die Debatte zum Thema Lebensrecht wird sehr emotional geführt, linke Gruppierungen reagieren teilweise sehr feindselig auf Hilfsangebote, die Schwangeren dabei helfen sollen das Kind auszutragen. Wie tolerant ist unsere Gesellschaft gegenüber Lebensschützern?

Die Gesellschaft wird, wie oben bereits erwähnt, wach und ist aufgeschlossen: Der vorgeburtliche Bluttest mit seinen Selektionsmotiven geht vielen Menschen zu weit, ebenso wie der bevorstehende Missbrauch von Frauen als Mietmütter, wie die Möglichkeit, Kinder herzustellen, wie die Forderungen, Kinder bis zur Geburt abzutreiben und vieles mehr.

Was wir immer gesagt haben, trifft mehr und mehr ein:

Wenn man es schafft, Kindern vor der Geburt ihr Menschsein zu nehmen und sie zu "totipotenten Zellen" und so weiter zu machen, kann man mit ihnen und dann auch mit weiteren Menschengruppen tun, was man will. Es geht dann nur noch um eine willkürliche Definition, wer Mensch sein darf und wer nicht, ein gefährlicher Weg.

Viele extremistische Reaktionen und Forderungen haben meiner Ansicht nach mit einer fatalen Mischung aus falsch verstandenem Feminismus und "moderner", rücksichtsloser Selbstverwirklichung zu tun. Vernunft und Humanität bleiben auf der Strecke, vor allem denen gegenüber, die sich noch nicht für ihre eigene Selbstverwirklichung einsetzen können. Das betrifft aber meiner Ansicht nach noch längst nicht die gesamte Gesellschaft, sondern bestimmte Interessengruppen und einige Parteien.

Der Bundesverband Lebensrecht will auch in Zukunft konkrete Hilfe für Frauen in Not anbieten und gerade jenen in der Politik Gehör verschaffen, deren Leben am Meisten bedroht ist. Wie aussichtsreich ist Ihr Kampf?

Sehr. Einige Organisationen, wie zum Beispiel Kaleb, Rahel, vitaL oder die ALfA, haben über die Jahrzehnte gerechnet zigtausenden Frauen im Schwangerschaftskonflikt geholfen, Kinder auf die Welt gebracht, Frauen nach Abtreibung Rat gegeben, außerdem wurden durch die Arbeit aller BVL-Mitgliedsorganisationen unzählige Menschen durch Vorträge, Messeauftritte, Demonstrationen, Broschüren, Diskussionen, politische Lobbyarbeit, Fachbeiträge in juristischen und medizinischen Gebieten und vieles mehr erreicht. Da wir durch die Beratungs- und Hilfsarbeit nah an den Menschen und ihren Lebenssituationen sind, können wir natürlich auch gesellschaftlich und politisch Theorie und Praxis gut miteinander verbinden und Vorschläge machen, wie man Gesetze verbessern und Menschen noch besser helfen kann.

Wir haben in Deutschland sicher nicht die besten Lebensrechtsverhältnisse, aber bei weitem auch nicht die schlechtesten: bei assistiertem Suizid und Euthanasie ist man deutlich vorsichtiger als in Ländern wie Belgien, den Niederlanden oder Oregon, die Abtreibungszahlen sind aufgrund der gesetzlichen Regelung deutlich niedriger als in Frankreich, Kanada oder Russland, die Präimplantationsdiagnostik längst nicht so ausgeweitet wie in Großbritannien.

Der Marsch für das Leben 2019 war der größte und erfolgreichste, den wir je hatten. Wenn wir unsere Aktivitäten in allen Bereichen auf diesem Weg weiter ausbauen und dabei auf die Unterstützung immer größerer Teile der Gesellschaft bauen können, so dass dieser Einfluss und diese Entwicklung sich auch in der Politik niederschlagen, werden wir eine Lebensrechtszukunft in Deutschland haben. Und die brauchen wir auch, denn die Alternative wäre grauenvoll.

Die Kundgebung vor dem Reichstag beim Marsch für das Leben 2019:

Live-Bericht vom Marsch für das Leben 2019 mit Bischof Stefan Oster und Weihbischof Florian Wörner:

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