“Wir sind keine Funktionäre des Göttlichen” — Die Morelia-Predigt von Franziskus

"Uns hat Jesus eingeladen, an seinem Leben teilzuhaben, am göttlichen Leben – weh uns, wenn wir es nicht teilen, weh uns, wenn wir nicht Zeugen dessen sind, was wir gesehen und gehört haben, weh uns!"

"Die Resignation ist eine Waffe des Teufels": Papst Franziskus bei der Predigt am 16. Februar 2016
Foto: CNA/David Ramos (digital verstärkt)
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Das Verhältnis zu Gott dem Vater – und eine scharfe Warnung vor der Resignation: Darüber hat bei der heutigen Messe mit Priestern, Ordensleuten, Personen des geweihten Lebens und Seminaristen der Papst im Stadium von Morelia gesprochen. Franziskus predigte über die Rolle des Gebets und der Gotteskindschaft, die sich aus der Beziehung zum Herrn entfaltet. 

Nach der Hauptstadt und dem im Südwesten gelegenen Chiapas macht Franziskus am vierten Tag seiner Mexiko-Reise etwas nördlicher Station. Die alte Kolonialstadt Morelia, die zum UN-Weltkulturerbe gehört, ist Hauptstadt des Bundesstaates Michoacán; Franziskus erinnerte in seiner Predigt an den ersten Bischof des 1536 errichteten Bistums, Vasco de Quiroga. Der Spanier wirkte als Pastor und Schützer der indigenen Urbevölkerung. Ihm wolle er gedenken, der von den Indios auch als Vater bezeichnet wurde.

Der Schmerz über das Leiden seiner Brüder und Schwestern wurde Gebet, und das Gebet wurde Antwort. Das brachte ihm unter den Indios den Namen "Tata Vasco" ein, was in der Sprache der Purhépechas "Papa" bedeute, so der Papst. "Vater, Papa, Abba…Das ist das Gebet, das ist der Ausdruck, zu dem Jesus uns einlud. Vater, Papa, Abba, lass uns nicht in die Versuchung der Resignation fallen, lass uns nicht in die Versuchung fallen, die Erinnerung zu verlieren, lass uns nicht in die Versuchung fallen, unsere Vorfahren zu vergessen, die uns mit ihrem Leben lehrten, "Vater unser" zu sagen.

CNA dokumentiert den Wortlaut der Predigt, wie sie das Presse-Amt des Heiligen Stuhls zur Verfügung gestellt hat. 

Es gibt einen Spruch, der lautet so: "Sage mir, wie du betest, und ich sage dir, wie du lebst; sage mir, wie du lebst, und ich sage dir, wie du betest; denn wenn du mir zeigst, wie du betest, werde ich lernen, den Gott zu entdecken, den du erlebst, und wenn du mir zeigst, wie du lebst, werde ich lernen, an den Gott zu glauben, zu dem du betest." Denn unser Leben spricht vom Gebet, und das Gebet spricht von unserem Leben; denn unser Leben drückt sich im Gebet aus, und das Gebet kommt in unserem Leben zum Ausdruck. Beten lernt man, wie man gehen, sprechen und hören lernt. Die Schule des Gebetes ist die Schule des Lebens, und in der Schule des Lebens ist der Ort, wo wir die Schule des Gebetes absolvieren. 

 Jesus wollte die Seinen in das Geheimnis des Lebens, in das Geheimnis seines Lebens einführen. Indem er aß, schlief, heilte, predigte und betete, zeigte er ihnen, was es bedeutet, Sohn Gottes zu sein. Er lud sie ein, in Vertrautheit sein Leben zu teilen, und da sie bei ihm waren, ließ er sie in seinem Leib das Leben des Vaters berühren. Er ließ sie in seinem Blick, in seinem Gehen die Kraft und die Neuheit erfahren, "Vater unser" zu sagen. Bei Jesus hat dieser Ausdruck nicht den "Nachgeschmack" der Routine oder der Wiederholung, im Gegenteil, er schmeckt nach Leben, nach Erfahrung, nach Authentizität. Er verstand zu leben, indem er betete, und zu beten, indem er lebte und dabei sagte: "Vater unser".

Und genau dazu hat er uns eingeladen. Unsere erste Berufung ist, die Erfahrung dieser barmherzigen Liebe des Vaters in unserem Leben, in unserer Geschichte zu machen. Sein erster Ruf ist, uns in diese neue Dynamik der Liebe, der Kindschaft einzuführen. Unsere erste Berufung ist, zu lernen, "Vater unser" zu sagen, "Abba" zu sagen.

"Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!", sagt Paulus, weh mir! Denn das Evangelium zu verkünden, fährt er fort, ist kein Anlass zu Ruhm, sondern es ist Notwendigkeit (vgl. 1 Kor 9,16).

Uns hat Jesus eingeladen, an seinem Leben teilzuhaben, am göttlichen Leben – weh uns, wenn wir es nicht teilen, weh uns, wenn wir nicht Zeugen dessen sind, was wir gesehen und gehört haben, weh uns! Wir sind keine Funktionäre des Göttlichen, noch wollen wir es sein. Wir sind keine Angestellten Gottes und wollen es auch niemals sein, denn wir sind eingeladen, an seinem Leben teilzuhaben, wir sind eingeladen, uns in sein Herz einzufügen – ein Herz, das betet und lebt, indem es sagt: "Vater unser". Was ist die Mission anderes, als mit unserem Leben "Vater unser" zu sagen?

Dieser unser Vater ist es, zu dem wir alle Tage inständig beten: "Lass uns nicht in Versuchung fallen!" Jesus selbst tat es. Er betete, dass seine Jünger – von gestern und von heute –, dass wir nicht in Versuchung fallen sollten. Was kann eine der Versuchungen sein, die uns bestürmen könnte? Was kann eine der Versuchungen sein, die aufkeimt, wenn wir die Wirklichkeit nicht nur betrachten, sondern uns in ihr bewegen? Welche Versuchung kann über uns kommen aus Umgebungen, die oft von Gewalt, Korruption, Drogenhandel, Verachtung der Menschenwürde, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden und der Unsicherheit beherrscht sind? Welche Versuchung können wir immer wieder haben angesichts dieser Wirklichkeit, die sich in ein unverrückbares System verwandelt zu haben scheint?

Ich glaube, wir können sie zusammenfassen mit dem Wort Resignation. Angesichts dieser Wirklichkeit kann uns eine der bevorzugten Waffen des Teufels besiegen: die Resignation. Eine Resignation, die uns lähmt und uns nicht nur hindert zu gehen, sondern auch, den Weg zu bereiten; eine Resignation, die uns nicht nur ängstigt, sondern uns dazu führt, uns in unseren "Sakristeien" und scheinbaren Sicherheiten zu verschanzen; eine Resignation, die nicht nur unsere Verkündigung unterbindet, sondern auch unseren Lobpreis; eine Resignation, die uns nicht nur hemmt zu planen, sondern die uns auch hemmt zu wagen und zu verwandeln. Darum, Vater unser, lass uns nicht in Versuchung fallen!

Wie gut tut es uns, in den Momenten der Versuchung auf unsere Erinnerung zurückzugreifen! Wie hilft es uns, das "Holz" zu betrachten, aus dem wir geschnitzt sind! Nicht alles hat mit uns begonnen, nicht alles wird mit uns enden; wie gut tut es uns darum, uns die Geschichte zu vergegenwärtigen, die uns bis hierher gebracht hat.

Bei diesem Gedenken können wir nicht jemanden übergehen, der diesen Ort so sehr liebte, dass er Sohn dieses Landes wurde. Jemanden, der von sich selbst zu sagen wusste: "Sie haben mich aus dem Richterstand herausgerissen und ans Steuerruder des Priestertums gesetzt, dank meiner Sünden. Mich, der ich nutzlos und völlig untauglich für die Ausübung eines so großen Unterfangens bin; mich, der ich das Ruder gar nicht zu handhaben weiß, mich haben sie zum ersten Bischof von Michoacán gewählt" (Vasco Vazquéz de Quiroga,Hirtenbrief, 1554).

Mit euch möchte ich dieses Missionars gedenken, der auch als Tata Vasco, als "der Spanier, der Indio wurde" bekannt war.

Die Wirklichkeit, die diese Purhépecha-Indios lebten und die er so beschrieb: "Verkauft und misshandelt durchstreifen sie die Märkte und sammeln die auf den Boden geworfenen Speisereste auf" – diese Wirklichkeit führte ihn durchaus nicht in die Versuchung und in die Verbitterung der Resignation, sondern sie mobilisierte seinen Glauben, mobilisierte sein Leben, mobilisierte sein Mitgefühl und regte ihn an, verschiedene Angebote zu verwirklichen, die angesichts dieser so lähmenden und ungerechten Realität ein "Aufatmen" ermöglichten. Der Schmerz über das Leiden seiner Brüder und Schwestern wurde Gebet, und das Gebet wurde Antwort. Das brachte ihm unter den Indios den Namen "Tata Vasco" ein, was in der Sprache der Purhépechas "Papa" bedeutet.

Vater, Papa, Abba…

Das ist das Gebet, das ist der Ausdruck, zu dem Jesus uns einlud.

Vater,  Papa, Abba, lass uns nicht in die Versuchung der Resignation fallen, lass uns nicht in die Versuchung fallen, die Erinnerung zu verlieren, lass uns nicht in die Versuchung fallen, unsere Vorfahren zu vergessen, die uns mit ihrem Leben lehrten, "Vater unser" zu sagen.

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