Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ein junger Diakon aus Österreich erzählt, was ihn verwundert und bewegt als angehender Priester in einer "ganz normalen" französischen Pfarre.

"Ist mein seelsorgliches Tun nicht ein Tropfen auf den heißen Stein? Das Ausmaß des Unglaubens kann mich manchmal zweifeln lassen. Dann denke ich an die liturgische Geste die ich als Diakon täglich vollziehe, wenn ich einen Tropfen Wasser in den Kelch mit Wein schütte"...
Foto: Janeke88 via Pixabay
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09 February, 2017 / 3:12 PM

In Frankreich bittet man neue Mitarbeiter oft nach ein paar Monaten um einen "rapport d’étonnement", wörtlich übersetzt "Verwunderungsbericht". Dahinter steckt eine einfach Idee: der Neuankömmling sieht die Dinge mit einem unbefangenen Blick und das kann interessant sein. Der Neuling darf also nicht nur trotz, sondern gerade wegen seines Mangels an Erfahrung etwas sagen. Als neugeweihter Diakon, frisch aus dem Seminar, bin ich gerade mal ein halbes Jahr in der Seelsorge tätig. Hier mein rapport d’étonnement.

Der Rahmen: ich bin in einer teils städtischen, teils ländlichen Großpfarre, in einer wirtschaftlich eher auf der Strecke gebliebenen nordfranzösischen Provinzstadt tätig. Soissons ist eine gewöhnliche Stadt und unsere Pfarre ist eine gewöhnliche Pfarre. Weder charismatische Erneuerung noch die außerordentliche Form der Messe spielen hier eine Rolle. Ich bin also in der durchschnittlichen Wirklichkeit Frankreichs angekommen, sowohl wirtschaftlich, als auch gesellschaftlich, politisch und religiös.

Der Unglauben ist förmlich zu spüren

Was mich am meisten wundert ist der Unglaube, die Tatsache, dass die meisten Menschen ohne den Glauben leben. Klingt blauäugig, aber selbst Jesus wundert sich über den Unglauben (Mk 6,6). Natürlich wusste ich vom generellen Glaubensverlust in diesem Europa in dem ich ja großgeworden bin. Aber jetzt erst spüre ich diesen Unglauben, manchmal förmlich mit meinen Sinnen. Nicht, dass mir Feindseligkeit begegnen würde. Im Gegenteil, wenn ich im Talar durch die Straßen gehe und die Leute grüße, grüßen die allermeisten lächelnd zurück. Da ist viel Wohlwollen. Eben wohlwollender Unglauben: aufrichtig, liebenswürdig, ungläubig.

Die Wucht dieser Tatsache zwingt mich zum Umdenken. Ich kann und darf nichts voraussetzen, das habe ich schnell gelernt. Bei einem Gespräch mit Jugendlichen in einem katholischen Gymnasium erwähne ich nebenbei das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Zur Sicherheit frage ich nach: Ihr kennt das, oder? - Nein, nie gehört. Erst bin ich fassungslos. Dann ergreift mich die Freude des Glaubensbotens: ich darf diesen Jugendlichen zum ersten Mal in ihrem Leben die frohe Botschaft vom barmherzigen Vater verkünden!

Mit Obdachlosen vor der Krippe

Natürlich steht diese Glaubenswüste in einer gewissen Spannung zur geistlichen, theologischen und liturgischen Fülle unseres Glaubens. Ich lebe in dieser Spannung. Täglich singe ich mit meinen Mitbrüdern das lateinische Stundengebet, rede mit ihnen bei Tisch über Theologie und Spiritualität, schöpfe in Büchern aus dem Reichtum der Tradition… So wenig von dem was mich erfüllt kann ich den Menschen mitteilen! Aber ich lerne auch dazu.

Frage: die schönste Messe? Tom[1] zufolge war das, als wir in einer eiskalten Kirche, übertönt vom Lärm der Bauarbeiten im Altarraum, mit ein paar anderen Obdachlosen vor der Krippe beteten. Jeder mit seinen Worten. Nachher meinte er sogar, das wäre mit Abstand die schönste Messe gewesen.

Zweifel und Hoffnung

Schwierigere Frage: der Wert eines Lebens? Natürlich gäbe es da viel zu sagen. Aber was davon kann ich beim Begräbnis eines Alkoholikers sagen, der in den Augen aller eine gescheiterte Existenz geführt und anscheinend nie jemanden geliebt hat? Erst nach tagelangem Suchen und Ringen wird mir klar, was doch eigentlich auf der Hand liegt und für uns alle gilt: Gott hat diesen Menschen so sehr geliebt, dass er für ihn seinen einzigen Sohn hingab (Joh 3,16) und das allein verleiht ihm unendlichen Wert.

Letzte Frage: ist mein seelsorgliches Tun nicht ein Tropfen auf den heißen Stein? Das Ausmaß des Unglaubens kann mich manchmal zweifeln lassen. Dann denke ich an die liturgische Geste die ich als Diakon täglich vollziehe, wenn ich einen Tropfen Wasser in den Kelch mit Wein schütte und dazu sage: "Wie dieses Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat." Und genauso setze ich nicht auf die Wirksamkeit meines Tuns, sondern auf die Gnade Gottes.

Don Xandro Pachta-Reyhofen ist Diakon der Gemeinschaft Sankt Martin in Frankreich. Der gebürtige Österreicher wird dort am 24. Juni 2017 zum Priester geweiht werden. 

[1] Alle Namen geändert.

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