Seid Jünger Jesu: Die komplette Ansprache von Papst Franziskus an Jugendliche in Morelia

Tränen nach dem Jubel: Die Aufforderung von Papst Franziskus, sich nicht für die Ambitionen anderer ausnutzen zu lassen, lösten große Betroffenheit aus.
Foto: CNA/David Ramos
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"Lasst Euch nicht zu den Knechten der Ambitionen anderer machen, sondern nehmt die Hand von Jesus Christus": Große Anteilnahme und Betroffenheit hat Papst Franziskus mit seiner Rede zur Jugend Mexikos ausgelöst. CNA dokumentiert die Ansprache, wie sie das Presse-Amt des Heiligen Stuhls zur Verfügung gestellt hat.

Liebe junge Freunde, guten Abend.

Als ich in diesem Land ankam, wurde ich mit einem herzlichen Empfang begrüßt. Dabei ist mir aufgefallen, was ich schon seit langem gefühlsmäßig wusste: die Lebendigkeit, die Freude, die frohe Begeisterung des mexikanischen Volkes. Nun, nachdem ich euch gehört, besonders aber, nachdem ich euch gesehen habe, stelle ich erneut mit weiterer Gewissheit fest, was ich dem Staatspräsidenten bei meinem ersten Gruß gesagt habe. Einer der größten Reichtümer des mexikanischen Landes hat ein junges Gesicht, sind seine jungen Menschen. Ja, ihr seid der Reichtum dieses Landes. Und ich sage nicht die Hoffnung dieses Landes, ich sage: sein Reichtum. 

 Man kann nicht die Hoffnung leben, die Zukunft fühlen, wenn es einer zuerst nicht schafft, sich zu schätzen, wenn er es nicht schafft zu spüren, dass sein Leben, seine Hände, seine Geschichte Wert haben. Die Hoffnung entsteht, wenn man erfahren kann, dass nicht alles verloren ist, und deswegen ist die Übung notwendig, „zu Hause“ anzufangen, bei sich selbst anzufangen. Nicht alles ist verloren. Ich bin nicht verloren, ich bin etwas wert und bin viel wert. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung sind Reden, die dich herabwürdigen, die dir das Gefühl geben, minderwertig zu sein. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn du meinst, dass du niemanden wichtig bist oder dass du beiseitegeschoben wirst. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn du meinst, dass es ganz gleich ist, ob du da bist oder nicht. Das tötet, das richtet uns zugrunde und ist das Einfallstor für sehr viel Schmerz. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, dir einzureden, dass du erst dann etwas giltst, wenn du dich hinter der Maske der Kleidung, der Marken, des letzten Schreis der Mode versteckst oder wenn du angesehen, wichtig bist, weil du Geld hast, im Grunde aber dein Herz nicht glaubt, dass du der Zuneigung und Liebe würdig bist. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn einer meint, dass er Geld haben muss, um alles, einschließlich die Zuneigung der anderen, zu kaufen. Die Hauptbedrohung ist, zu glauben, weil du eine große „Karre“ hast, bist du glücklich. 

 Ihr seid der Reichtum Mexikos, ihr seid der Reichtum der Kirche. Und ich verstehe, dass es oft schwierig ist, sich als Reichtum zu fühlen, wenn wir uns ständig dem Verlust von Freunden oder Angehörigen ausgesetzt sehen, die in den Händen des Rauschgifthandels, der Drogen, der kriminellen Organisationen sind, die Terror verbreiten. Es ist schwer, sich als Reichtum einer Nation zu fühlen, wenn man keine Gelegenheit zu einer würdigen Arbeit hat, keine Möglichkeit zu Studium und Ausbildung, wenn man merkt, dass die Rechte nicht anerkannt werden, und dies einen schließlich in Grenzsituationen treibt. Es ist schwer, sich als Reichtum eines Ortes zu fühlen, wenn man, weil man jung ist, für gemeine Zwecke ausgenutzt wird, indem man mit Versprechungen gelockt wird, die am Ende keine sind.

Aber trotz alledem werde ich nicht müde, es zu sagen: Ihr seid der Reichtum Mexikos. 

Glaubt nicht, ich sage euch das, weil ich gut bin oder weil ich mich auskenne. Nein, liebe Freunde, es ist nicht so. Ich sage euch das und bin davon überzeugt. Wisst ihr warum? Weil ich wie ihr an Jesus Christus glaube. Er erneuert ständig in mir die Hoffnung; er erneuert ständig meinen Blick. Er lädt mich ständig ein, mich im Herzen zu bekehren. Ja, meine Freunde, ich sage euch das, weil ich in Jesus dem begegnet bin, der imstande ist, das Beste in mir selbst zu entfachen. An seiner Hand können wir den Weg gehen, an seiner Hand können wir jedes Mal wieder neu beginnen; an seiner Hand können wir den Mut haben zu sagen: Es ist nicht wahr, dass die einzige Art und Weise zu leben für Jugendliche darin besteht, sein Leben dem Rauschgifthandel zu überlassen oder all denen, die einzig und allein Zerstörung und Tod verbreiten. An seiner Hand können wir sagen, dass es nicht wahr ist, dass die einzige Art und Weise zu leben für Jugendliche in der Armut und Ausgrenzung liegt; Ausgrenzung von den Chancen, Ausgrenzung von den Bewegungsmöglichkeiten, Ausgrenzung von Bildung und Erziehung, Ausgrenzung von der Hoffnung. Jesus Christus straft alle Versuche Lügen, die euch unnütz oder zu reinen Knechten der Ambitionen anderer machen wollen.

Ihr habt mich um ein Wort der Hoffnung gebeten. Das Wort, das ich euch geben kann, heißt Jesus Christus. Wenn alles schwer scheint, wenn es scheint, die Welt breche auf uns herein, dann umfasst sein Kreuz, umarmt ihn und, bitte, reißt euch nie von seiner Hand los, bitte, geht nie weg von ihm. Denn an seiner Hand können wir wirklich leben, an seiner Hand können wir glauben, dass es sich lohnt, sein Bestes zu geben, Sauerteig, Salz und Licht unter den Freunden, im Viertel, in der Gemeinschaft zu sein. Daher, liebe Freunde, bitte ich euch – von der Hand Jesu aus –, euch nicht ausschließen zu lassen, euch nicht herabwürdigen zu lassen, euch nicht wie eine Ware behandeln zu lassen. Sicher, wahrscheinlich habt ihr nicht das neueste Automodell in der Einfahrt, habt ihr nicht die Brieftasche voller Geld, aber ihr habt etwas, das euch niemand nehmen kann, nämlich die Erfahrung, sich geliebt, umarmt und begleitet zu wissen. Es ist die Erfahrung, sich als Familie, als Gemeinschaft zu fühlen.

Heute ruft der Herr euch weiter, er ruft euch weiter zusammen, wie er es mit dem Indio Juan Diego gemacht hat. Er lädt euch ein, ein Heiligtum zu bauen. Ein Heiligtum, das kein physischer Ort ist, sondern eine Gemeinschaft, ein Heiligtum, das Pfarrei heißt, ein Heiligtum, das Nation heißt. Die Gemeinschaft, die Familie, das Gefühl, Bürger zu sein – dies ist eines der wichtigsten Gegenmittel gegen all das, was uns bedroht, denn es lässt uns spüren, dass wir Teil dieser großen Familie Gottes sind. Nicht um uns zurückzuziehen, nicht um uns zu verschließen, sondern vielmehr um hinauszugehen und andere einzuladen, um hinauszugehen und allen mitzuteilen, dass jung sein in Mexiko der größte Reichtum ist und daher nicht geopfert werden kann. 

Jesus würde uns nie dazu auffordern, Auftragsmörder zu sein, sondern er nennt uns Jünger. Er würde uns nie ins Verderben schicken, sondern alles an ihm ist eine Einladung zum Leben. Ein Leben in Familie, ein Leben in der Gemeinschaft; eine Familie und eine Gemeinschaft zugunsten der Gesellschaft. Ihr seid der Reichtum dieses Landes. Wenn ihr daran zweifelt, dann schaut auf Jesus Christus. Er straft alle Versuche Lügen, die euch unnütz oder zu reinen Knechten der Ambitionen anderer machen wollen.