Exklusiv: "Die Heimkehr des Schleiers der Veronika" – Ein Gespräch mit Paul Badde

Es ist das Gesicht der Barmherzigkeit: Das einzigartige Tuchbild von Jesus Christus. In wenigen Tagen kommt es nach Rom – Verehrung und Messe mit Erzbischof Georg Gänswein

Vultus Misericordiae: Das Gesicht der Barmherzigkeit
Foto: EWTN/Paul Badde
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Ein Gerücht macht die Runde in der Ewigen Stadt: In wenigen Tagen soll der "Schleier der Veronika" nach Rom kommen, mit dem Urbild Christi, dem  "Polarstern der Christenheit". CNA hat den Vatikanisten, Autor und Historiker Paul Badde gefragt, was es damit auf sich hat. 

CNA Deutsche Ausgabe: Die Veronika kommt zurück nach Rom, habe ich gehört. Stimmt das, Herr Badde?

PAUL BADDE: Die Rückkehr der Veronika dauert schon seit Jahren und Jahrzehnten. Es ist ein Prozess. Doch es ist eine Rückkehr vom Urbild Christi zur ganzen Welt, und jetzt eben auch nach Rom.

CNA: Was soll das heißen: Veronika?

BADDE: Es ist ein einzigartig transparentes Tuchbild Christi, das im Lauf der Geschichte viele Namen hatte. Darunter ist der Name Veronika gewissermaßen eine Allegorie, die sich aus den lateinisch-griechischen Bestandteilen Vera Ikon (Wahres Bild) zusammensetzt. Bis zum Sacco di Roma im Jahr 1527 war es der kostbarste Schatz der Päpste. Seit Jahrhunderten wird dieser so genannte Schleier der Veronika  allerdings in einer kleinen Kirche in den Abruzzen aufbewahrt.

CNA: Wer hat es gemalt?

BADDE: Es ist nicht gemalt. Es enthält keinerlei Farben, wie das Turiner Grabtuch. Aber auch keinerlei Blut. Kein Mensch kann erklären, wie es entstanden ist.

CNA: Und dieser Schatz kommt jetzt nach Rom zurück?

BADDE: Ja, aber nur als eine Kopie dieses wahren Bildes! Es ist ein kostbarer maßstabgenauer Laserdruck auf feinster Seide, in einem originalen alten Rahmen der Reliquie aus den Jahren 1902 – 1946. Und diese Replik kommt nun erstmals und feierlich nach Rom zurück, jedoch nur für rund 30 Stunden – gewissermaßen auf einer Pilgerschaft zum heiligen Jahr.

CNA: Wer bringt sie hierhin und wann?

BADDE: Kapuziner und Pilger aus Manoppello bringen die Kopie des Schleiers am zweiten Sonntag nach Epiphanie, am so genannten Sonntag  "Omnis Terra", zum Petersdom und dann von dort in einer Prozession zur Kirche Santo Spirito in Sassia.  Das ist in diesem Jahr der 17. Januar.

CNA: Gibt es dafür einen Anlass?

BADDE: Ja, am gleichen Sonntag "Omnis Terra" des Jahres 1208 hat Papst Innozenz III. erstmals die VERA ICON – oder wie es damals in Rom hieß: das "Sudarium Christi quod veronica vocatur" (das Schweißtuch Christi, das Veronika genannt wird) öffentlich gezeigt, als er es von dem damaligen Tresor der kostbaren Reliquie in Sankt Peter barfuß mit seinen Chorherren in das Ospedale Santo Spirito in Sassia getragen hat. Damit begründete er die Tradition der Verehrung des Gesichtes der Barmherzigkeit (MISERICORDIAE VULTUS) in der lateinischen Kirche und in der Welt des Westens.

CNA: Wieso?

BADDE: Weil Papst Innozenz III. gleich beim ersten Mal, als er das heilige Bild aus der Verborgenheit löste, es eben nicht in die Paläste Roms getragen hat, sondern explizit zu den 300 Kranken seines Hospitals, wohin er zu dieser Gelegenheit auch noch 1000 Arme aus ganz Rom eingeladen hatte. Ihnen allen ließ er dabei aus der Spendenkasse von Sankt Peter je drei Denare aushändigen (einen für Brot, einen für Fleisch und einen für Wein) verlieh dem Krankenhaus einen Rang als "Stazione sacra" künftiger Pilgerwege. Mit diesem Schritt nahm er deshalb auch schon die Tradition aller folgenden Heiligen Jahre vorweg. Denn diese Prozession wurde von da an jährlich wiederholt, mit jährlich wachsenden Pilgerzahlen aus aller Welt nach Rom.  

CNA: Gibt es dafür Belege?

BADDE: Ja, und sie sind überaus zahlreich. Es gibt in Europa kaum eine alte Pfarrei, in der sich nicht alte abgegriffene Pilgerabzeichen mit dem Gesicht Christi finden, oder mit der päpstlichen Tiara, den Schlüsseln Petri und dem heiligen Gesicht. Das Gesicht Christi aber war immer zentral. Davon bekomme ich fast täglich neue Beispiele geschickt. Eine ausgezeichnete neue Website, die diese Bilder unter www.veronicaroute.com sammelt, kann sie auf ihrer Landkarte Europas kaum noch alle fassen. Dieses Antlitz war gleichsam der Polarstern der Christenheit.

CNA: Aber gibt es auch literarische Zeugnisse dazu?

BADDE: Allerdings! Am Ende des gleichen 13. Jahrhunderts erwähnt die heilige Mechthild im fernen Hackeborn in Deutschland schon den Sonntag Omnis Terra als den Tag, an dem man in Rom das Christusbild zeigt, ebenso wie die heilige Gertrud, die den Tag mit ihren Mitschwestern in Helfta mitfeierte. Ab 1300 spielte das Bild Christi dann in allen heiligen Jahren eine Schlüsselrolle, erst recht, als die Päpste schon in Avignon und gar nicht mehr in Rom residierten. Die Zeugnisse sind zahlreich, von mittelalterlichen Dichtern oder Pilgern, etwa von einem Giovanni Villani, wo beschrieben wird, wie sich Pilger unter lauten Anrufungen der "Misericordia" vor dem Bild versammelten. Zu der Zeit hatte Papst Johannes XXII. (1316 – 1334) schon seinen ungeheuer populären Hymnus "Salve Sancta Facies" auf dieses Schleierbild gedichtet: Sei gegrüßt, heiliges Gesicht ... Seit dem frühen Mittelalter wurde dieses Sudarium schon in der hymnischen Ostersequenz des burgundischen Dichters Wipo besungen. Es gab ein eigenes Ufficium, das heißt ein eigenes Messformular  zur Verehrung des Heiligen Gesichts.

CNA: Aber ist es dann kein Widerspruch, wenn das Bild jetzt in einer Kopie nach Rom kommt und nicht als Original?

BADDE: Nein, ganz im Gegenteil, scheint gerade dieser Vorgang irgendwie besonders sinnvoll. Denn in seiner Zeit in Rom wurde der damals so genannte Schleier der Veronika gewissermaßen zur kanonische Mutter aller Christusbilder. Neben Sankt Peter entstand damals eine eigene Gilde, die nur mit der Anfertigung von Bildkopien dieses kanonischen Urbilds beschäftigt war, die danach als Bilddokumente die unglaubliche Geschichte eines wahren Christusbildes in die ganze Welt hinausgetragen haben. Besonders in Europa aber haben all diese Ikonen immer neu von dem Wunder erzählt, dass Gott in Jesus sein Gesicht gezeigt hat.  Dass Christen eben wirklich wissen, wie Gott aussieht. Nur wir kennen das "menschliche Gesicht Gottes", von dem Papst Benedikt XVI. immer wieder sprach. Darum kommt heute von dem unvergleichlichen Original in Manoppello zwar nur eine Kopie nach Rom zurück, die aber - wie im 13. Jahrhundert - nach den besten technischen Möglichkeiten unserer Zeit gefertigt wurde

CNA: Aber in der Karwoche dieses "Jahres der Barmherzigkeit" wird doch sogar der ganze Körper Pater Pios zur öffentlichen Ausstellung nach Rom gebracht werden. Wäre es da nicht viel leichter, jetzt würde auch das echte Schweißtuch nach Rom kommen statt einer Kopie, egal wie schön sie auch sein mag?

BADDE: Der Papst kann allerhand. Doch wenn er versuchen würde, das wahre Volto Santo aus Manoppello nach Rom zu verfrachten, hätte er wohl mit einem Aufstand in den gesamten Abruzzen zu rechnen, mindestens.

CNA: Sie sind einer der weltweit führenden Experten zum Schweißtuch Christi. Sie haben Bücher über das Urbild geschrieben. Manoppello zieht seit langem immer mehr Pilger an. Im Internet wimmelt es von Aufsätzen und Behauptungen. Keiner kann mehr sagen, dass das Schleierbild noch unbekannt ist. Welchen Unterschied macht denn da jetzt diese kleine Prozession?

BADDE: Jetzt kommt die Kenntnis des Bildes eben nicht mehr in Vorlesungen und Aufsätzen und Streitschriften und Debatten von Professoren und Nonnen oder in Büchern verschiedener Autoren aus der Verborgenheit in die Öffentlichkeit. Sondern jetzt kommt es auf gleichsam liturgische Weise zurück in das Herz der Weltkirche, in einem großen Gottesdienst. Und das ist wohl überhaupt die angemessenste Weise, die sich dafür denken lässt. Und das ist eben völlig neu – dass es auf diese höchst friedliche Weise ohne jeden Streit bis in den Petersdom selbst hineingetragen wird, wo es so lange als Schatz verwahrt wurde.

CNA: Wissen Sie schon, wie dieses Programm im Einzelnen aussehen wird?

BADDE: Ja, am Samstag, dem 16. Januar 2016, wird das Heilige Gesicht von der Pilgergruppe aus Manoppello gegen 15:00 Uhr wie von normalen anderen Pilgern durch die Heilige Pforte in den Petersdom hineingetragen – und zwar ziemlich genau zu dem Ort, wo es in der alten Konstantinischen Basilika aufbewahrt wurde. Das war in der ehemaligen Marienkapelle, wo heute die Pietà Michelangelos steht, vorne rechts im Dom. Von da geht die Prozession dann wieder hinaus auf den Petersplatz und weiter zu der Krippe, wo sich die ganze Gruppe mit dem vollständigen Chor aus Manoppello formieren wird, um es von dort durch die Straße des heiligen Geistes zur der Kirche Santo Spirito zu tragen.

CNA: Warum heißt die Kirche Santo Spirito?

BADDE: Weil im Mittelalter alle Hospitäler nach dem heiligen Geist benannt wurden, dem damals alle Werke der Barmherzigkeit wie selbstverständlich zugeordnet wurden.

CNA: Und wie geht es dann weiter?

BADDE: Dann wird das Reliquiar feierlich in die Kirche hineingetragen, die zuvor schon mit roten und weißen Blumen wie für eine Hochzeit geschmückt wurde, der blutroten Passion und des Lichts der Auferstehung wegen, die in dem Schleierbild aufscheinen. Aber auch, weil an diesem Sonntag wieder wie im Jahr 1208 das Evangelium von der Hochzeit zu Kana verlesen werden wird. Wie es dann weitergehen wird, ist noch etwas ungewiss. Denn die wunderschöne Kirche ist  normalerweise sehr voll, seit Johannes Paul II. sie 1986 schon zu einem Zentrum der DIVINA MISERICORDIA machte, der "göttlichen Barmherzigkeit", mit besonderer Verehrung der Schwester Faustyna Kowalska, von der hier Reliquien aufbewahrt werden und das berühmte Christusbild, das nach ihrer Vision gemalt worden ist – neuerdings zusammen mit Reliquien des heiligen Johannes Paul und einer Statue der Gottesmutter von Fatima. Es fällt deshalb nicht schwer, es als einen Wink der göttlichen Vorsehung zu erkennen, dass ausgerechnet im Jahr der Barmherzigkeit das wahre Bild Christi hierhin getragen werden wird, wo es jenen Faden wieder aufnimmt, der hier so lange gesponnen wurde.

CNA: Gibt es da keine Konkurrenz der Bilder?

BADDE: Dann hätte Monsignore Jozef Bart, der polnische Rektor von Santo Spirito, das Angebot des Kapuzinerpaters Carmine Cucinelli, dem Rektor der Basilika in Manoppello, sicherlich nicht sogleich begrüßt. Besonders polnische Pilger lieben beide Bilder. Und schon vor Jahren haben die Trappistin Blandina Paschalis Schlömer und Forscher aus Polen und Deutschland in einem sogenannten Soprapositionsverfahren festgestellt, dass das Antlitz in dem Schweißtuch von Manoppello nahezu identisch ist mit dem Original vom Bild des Barmherzigen Jesus, das heute in Wilna hängt. Es gibt nur ein wahres Gesicht Gottes. Es ist das Gesicht Jesu.

CNA: Und dann?

BADDE: Dann wird das Schleierbild am Abend, zur Vigil des Sonntags Omnis Terra, in Santo Spirito um 18 Uhr 30 in einem Pontifikal-Amt von Erzbischof Georg Gänswein zusammen mit vielen Priestern feierlich in begrüßt werden, der schon Papst Benedikt XVI. im September 2006 nach Manoppello begleitet hat. Nach diesem Hochamt wird es über dem Hauptaltar für 24 Stunden zur Verehrung ausgestellt. Am Sonntagabend des 17. Januar wird es dann zur gleichen Uhrzeit noch einmal in einem zweiten feierlichen Pontifikal-Amt durch Erzbischof Edmond Farhat verabschiedet werden, der im Libanon geboren wurde und der Kirche in vielen Ländern als Apostolischer Nuntius gedient hat, zuletzt in Wien. Damit geht dieses historische Ereignis dann zu Ende, das noch Folgen haben wird, die wir jetzt noch gar nicht absehen können.

CNA: Auf wessen Initiative geht denn dieses historische Ereignis zurück, wie Sie es nennen? Vom Papst?

BADDE: Nein. Bezeichnenderweise aber auch nicht von einem anderen Amt in der Kirche, nicht einmal von den Organisatoren des Jahrs der Barmherzigkeit oder der Neu-Evangelisierung, sondern von Daisy Neves, einer philippinischen Dame aus Bellevue, Washington, von der Peripherie und dem äußersten Westen der U.SA.. Vor zwei Jahren hat sie Pater Carmine Cuccinelli mit einer ähnliche Replika  des Volto Santo großzügig in die Philippinen eingeladen. Im September nach Kanada, Los Angeles und hinter die Slums von Manila. Sie ist nichts als eine leidenschaftliche Liebhaberin des Göttlichen Gesichts, die sich nichts mehr wünscht, dass diesem Gnadenbild Gottes wieder in jeder Kirche der Erde ein Ehrenplatz zugewiesen wird.

CNA: Warum ist das Bild so wichtig?

BADDE: Weil es einfach existiert, völlig unerklärlicherweise. Und weil es ausgerechnet jetzt - inmitten einer ungeheuerlichen Revolution der Bilder - wieder in die Geschichte eintritt, um in allem Lärm sehr neu und sehr tröstend und ungeheuer leise und zurückhaltend von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu sprechen.

CNA: Was sagt es uns noch?

BADDE: Dass Gott kein Buch geworden ist, sondern ein Mensch. In diesem Menschen schauen wir der Wahrheit ins Gesicht. Und in diesem Gesicht erfahren wir auch alles, was es zur Barmherzigkeit zu wissen und zu lernen gibt. Oder, in den Worten von Papst Benedikt XVI. vom 6. September 2006: "Wenn wir das Antlitz Gottes wirklich erkennen wollen, müssen wir nichts anderes tun, als das Antlitz Jesu zu betrachten! In seinem Antlitz sehen wir wirklich, wer Gott ist und wie Gott ist!"