Was Paul Badde über die Gruppe „Sankt Gallen" wusste – Und: Wer die Synode entscheidet

Im Interview mit CNA Deutsche Ausgabe zieht der Vatikanist und Autor eine Zwischenbilanz der ersten Woche und erzählt von der Gruppe um Kardinal Danneels

Der Vatikan-Korrespondent und Autor Paul Badde
Foto: Privat
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Die erste Woche der Familiensynode ist vorbei. Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen mit jemandem, der sich auskennt: Paul Badde war bis 2013 Rom- und Vatikan-Korrespondent der „Welt“ und ist Mitherausgeber der Monatszeitschrift „Vatican Magazin“. Der Papst-Experte und Vatikan-Korrespondent von EWTN Fernsehen ist Autor mehrerer Bücher und verfolgt die Synode aus nächster Nähe.

CNA: Herr Badde, können Sie nach der ersten Woche eine Einordnung der wichtigsten Punkte des Berichts der deutschen Gruppe geben?

BADDE: Was nach einer Woche am meisten auffalle, sagte gestern Abend Pater Hagenkord SJ von Radio Vatikan, der die Debatte der deutschen Sprachgruppe Tag für Tag persönlich von Nahem verfolgen konnte, sei eine Art von neuem Optimismus der Synodenväter. Nach dem Blick vom letzten Jahr auf die Gefahren, denen Ehe und Familie ausgesetzt sind, ist jetzt also wohl nicht nur die Einsicht gewachsen, dass die katholische Ehe die vielleicht anspruchsvollste Verbindung ist, die menschliche Kultur je hervor gebracht hat, sondern auch das Bemühen der Väter, nicht in eine „eher pessimistische Wahrnehmung unserer Gesellschaft zu verfallen“. Auch die „positiven Zeichen der Zeit“ seien mehr zu würdigen, heißt es jetzt in dem Zwischenbericht. Der Verweis auf das II. Vatikanum ist  unüberhörbar.

CNA: Fällt der Begriff „Gender“ in diesem Zusammenhang in dem Papier?

BADDE: Nein, der fällt hier überhaupt nicht. Und das scheint für die nächsten Wochen eine vielleicht noch konfliktreiche Bruchlinie der deutschsprachigen Kirche zum Rest des Weltepiskopats anzudeuten. In so gut wie allen anderen Sprachgruppen wurde die Genderideologie eindeutig verurteilt. Von Amerika über Asien und Afrika – und auch von Papst Franziskus – hat sich da die Einschätzung von Kardinal Robert Sarah aus Guinea durchgesetzt, dass es sich diese Ideologie zum Ziel gesetzt hat, „die christliche Zivilisation abzuschaffen und eine neue Welt aufzubauen.“ Davon ist in dem deutschen Papier nichts zu lesen. Ob dieser Unterschied nur ein Haarriss in der Einheit der Synodenväter ist oder eine Kluft, wird sich noch zeigen.

CNA: Was ist Ihr persönlicher Eindruck der Synode bis jetzt?

BADDE: Am Anfang wurde fast nahtlos an die Synode vom letzten Jahr angeknüpft, mit allen offenen Fragen, mit denen das Treffen damals endete. Nach der Einführung Kardinal Erdös aus Ungarn konnte man denken, dass sich nichts bewegen werde, weil sich am Dogma der Kirche nichts ändern lasse. Doch Erzbischof Forte aus Chieti an der Adria erklärte dann fast gleich danach, es sei unvorstellbar, dass der Papst rund 300 Bischöfe aus aller Welt zweimal für Wochen nach Rom zu einer Synode und zur Beratung einlade, um das Ganze dann so ergebnislos wie das Hornberger Schießen enden zu lassen. Auffällig war aber auch, dass unter den deutschen Bischöfen jetzt nicht mehr von einer Revolution die Rede war, ein im letzten Jahr noch ein oft gehörtes Stichwort.  Stattdessen wurde diesmal fast unisono auf die „größeren Probleme“ von Kirche und Welt verwiesen, wie das Ausbluten der Christenheit des Nahen Ostens oder die Flüchtlingsströme, die letztes Jahr auch schon existierten, doch damals auch auf Anfrage nur mit Schweigen oder Ausflüchten beantwortet wurden. Im letzten Jahr spielten diese „Zeichen der Zeit“ für die Väter noch nicht diese Rolle, zumindest nicht für die Väter aus Deutschland.

CNA: Im Hintergrund köchelt ein kleiner Skandal auf: Papst Franziskus hat auch den ehemaligen Brüsseler Erzbischof Godfried Danneels zur Synode eingeladen, der kürzlich vor laufender Kamera zugegeben hat, in der Kirche einer Art von „Mafia-Club“ angehört zu haben.

BADDE: Stimmt. Ob die Sache eine kleiner oder großer Skandal ist, weiß ich nicht. Sicher ist sie ein Rätsel. Denn es ist ja wirklich so, dass Kardinal Danneels in Belgien einen Bischof massiv gedeckt hat, der seinen Neffen missbraucht hatte. Er hat auch König Baudouin – vergeblich – gedrängt, ein in Belgien geplantes Abtreibungsgesetz zu unterzeichnen und in dieser Frage nicht so kleinlich zu sein. Was dieser Kardinal jetzt einer katholischen Synode raten kann, die sich über „die Berufung und Mission von Ehe und Familie“ beugt, ist vielen schleierhaft, um wenig zu sagen. Was aber die Beteuerung des Kardinals vom letzten Monat betrifft, stolzer Teilnehmer „einer Art Mafia“ im Kardinalskollegium gewesen zu sein, muss ich ihm aus eigener Erfahrung zustimmen.  

CNA: Wie meinen Sie das? Hatten Sie dafür schon vorher Hinweise?

BADDE: Ja. Im April 2005 lag mir eine zuverlässige Nachricht vor, nach der sich nur drei Tage nach der Beerdigung Johannes Paul II. die Kardinäle Martini aus Mailand, Lehmann und Kasper aus Deutschland, Bačkis aus Litauen, van Luyn aus Holland, Danneels aus Brüssel und O’Connor aus London in der so genannten Villa Nazareth in Rom bei dem damals schon nicht mehr wahlberechtigte Kardinal Silvestrini getroffen hatten, wo sie gemeinsam im Geheimen eine Taktik berieten, mit der die Wahl Joseph Ratzingers zu verhindern sei. Danach wies ich am 17. April 2005 in einem Artikel in der WELT darauf hin, dass dies gegen die Instruktion „Universi Dominici Gregis“ des verstorbenen Papstes verstoße, der darin schon 1996 den Modus der Nachfolgeregelung mit der strengen Auflage neu geregelt hatte, dass es vor und innerhalb des Konklaves keinerlei Absprachen für den Ausgang der Wahl geben dürfe. Drei Tage später wurde dann Joseph Ratzinger mit großer Mehrheit zum Papst gewählt. Wie es konkret dazu kam, könnte Ihnen wohl am besten der emeritierte Kardinal Meisner aus Köln erzählen, gäbe es nicht das Schweigegebot für alle Vorgänge aus dem Konklave. Es ist aber kein Geheimnis, dass Meisner damals der leidenschaftlichste Kontrahent dieser Gruppe im allgemeinen und Kardinal Danneels im besonderen war. Jetzt aber wurde nicht er, der alte Freund Joseph Ratzingers, vom Papst persönlich in der Synode berufen, sondern der ebenfalls emeritierte Godfried Danneels, der ein halbes Jahr älter ist als der Erzbischof von Köln. Das ist ein Fakt.

CNA: Worauf freuen Sie sich am meisten in den kommenden zwei Wochen?

BADDE: Freuen? Viele sind hier sehr angespannt, unter den Kollegen ebenso wie unter den Synodenvätern und anderen Beobachtern. Ich bin auf neue Überraschungen gefasst, aber auch auf kleinere und größere Zeichen und Wunder. Denn sehen Sie, als alle Medien vor einer Woche im Chor von dem schwulen polnischen Prälaten aus dem Umfeld Kardinal Müllers in der Glaubenskongregation berichteten, der sich gezielt zum Beginn der Synode als praktizierender Homosexueller geoutet hatte, schrieb die BILD-Zeitung  – zu deren Kerngeschäft solche Schmankerl doch gewöhnlich zählen – kein Wort davon, aber dafür recht groß und begeistert von dem Buch Kardinal Sarahs mit dem Titel „Gott oder nichts“.

CNA: Die große Frage, die alle Auguren beschäftigt, ist natürlich, wo die Reise hingeht. Wagen Sie schon eine Prognose?

BADDE: Nein. Siehe letzte Frage. Die große Unbekannte ist und bleibt die letzte Entscheidung des Papstes. Auf die kommt es am Ende an. Auf den Papst kommt es an. Daran lässt er auch selbst keinen Zweifel aufkommen – trotz aller Beschwörungen seines synodalen Weges. Es gibt Stimmen, die behaupten, er habe die Schlussrede schon in der Schublade. Das ist sicher Unsinn. Es gibt Verschwörungstheorien von allen Seiten. Und dass die starken Spannungen im Weltepiskopat – oder auch nur innerhalb der Kurie in Rom – eine Erfindung der Medien seien, wie Kardinal Marx am letzten Montag behauptete, wird keiner vernünftigen Prüfung standhalten können. Denn es geht doch hier um Menschheitsfragen. Und dabei um Existenzfragen der Kirche. Wie sollte es dabei viele nicht fast zerreißen?

CNA: Geht es darum, neue Antworten auf alte Fragen zu finden?

BADDE: Schauen Sie, das ist die uralte Spannung zwischen Dogma und Pastoral – die in der pluralistischen Welt und in den Umbrüchen der digitalen Revolution noch einmal eine ganz neue Qualität erreicht haben. Bei dieser Spannung zwischen der Lehre der Kirche und die Realität der Welt geht es aber weiter vor allem um diese Fragen: Ist die Kirche noch Sauerteig, Salz der Erde und Licht der Welt? Oder muss dieser Auftrag Christi heute – allmählich und Schritt für Schritt - umformuliert werden? Der Anspruch, dass da rund 300 Synodenväter aus allen Kontinenten und Kulturen dem Papst in diesem Zusammenhang einen in sich konsistenten und tragfähigen Rat für die Zukunft der Kirche geben können, grenzt fast schon an Wunderglauben. Extra schwierig macht jede Prognose auch der Umstand, dass Papst Franziskus weiter Signale in alle Richtungen sendet. Denn der Papst hat ja nicht nur Kardinal Daneels in die Synode berufen, sondern in einem Handstreich quasi mehr für die Rehabilitierung der Priestergemeinschaft Pius X. getan als sein Vorgänger. Jetzt darf plötzlich jeder Katholik zu ihnen beichten gehen. Auf seiner Amerika-Reise hat er die – wie es heißt „homophobe“ – Standesbeamtin Kim Davis getroffen und ermutigt und einen Tag später vor laufender Kamera einen alten schwulen Schüler mit dessen Partner empfangen und vor der Kamera umarmt. Das sei unter alten Freunden doch ein normaler Vorgang, ließ er seinen Pressesprecher Pater Lombardi SJ danach erklären. Wer sollte das nicht nachvollziehen können? Doch einen Tag vorher hatte Pater Lombardi zu der Begegnung mit Kim Davis angemahnt, dass daraus nur ja keiner falsche Schlüsse ziehen solle; dieses Treffen bedeute gar nichts. Alles klar? Nicht wirklich, denken da viele. Der Sommer ist heute zu Ende gegangen im Vatikan. Nur das scheint klar. Rom im Regen. Es schifft in Strömen.