Meditation mit dem Rosenkranz im Fatima-Jahr: Die schmerzreichenGeheimnisse

Eine Pilgerin betet den Rosenkranz auf dem Petersplatz am Ostersonntag, 5. April 2015
Foto: CNA/L'Osservatore Romano
Facebook Twitter Google+ Pinterest Addthis
04 March, 2017 / 8:46 AM

2017 feiern Katholiken in aller Welt den 100. Jahrestag der Erscheinungen Unserer lieben Frau in Fatima. Es ist ein "marianisches Jahr", das uns an die Bitten der Mutter Gottes erinnert, täglich den Rosenkranz zu beten, damit endlich Frieden werde. In besonderer Weise empfiehlt sie die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens – Sinnbild der vollkommenen Liebe – und verheißt allen, die an fünf ersten Monatssamstagen beichten (auch einige Tage vorher oder nachher), würdig die heilige Kommunion empfangen, den Rosenkranz beten und 15 Minuten über eines seiner Geheimnisse nachdenken, um so Maria zu trösten und Sühne zu leisten, den Himmel. Ein größeres Versprechen – so zu sterben, dass man das Ziel seines Lebens, die ewige Seligkeit, nicht verliert – gibt es nicht.

CNA veröffentlicht aus diesem Anlaß im Fatimajahr mit freundlicher Genehmigung von Msgr. Dr. Florian Kolfhaus seine Betrachtung zu den Rosenkranzgeheimnissen aus: "Der Rosenkranz – Theologie auf Knien" (Dominus-Verlag, Augsburg). 

 

Die schmerzreichen Geheimnisse

 

Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat 

"Du littest wie dein Sohn, nur mit dem Unterschied, dass bei ihm die Wunden über den Körper verteilt waren, bei dir aber im Herzen gebündelt" (hl. Bernhard von Clairvaux)

Es begann in einem Garten: Gott hat den Menschen geschaffen und ihn zur Krone seiner Schöpfung gemacht. Es war alles gut, bis Adam das einzige Gebot brach, das der Herr ihm gegeben hatte: "Von allen Früchten der Bäume im Garten dürft ihr essen, nur von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht dürft ihr nicht essen, sonst werdet ihr sterben." (vgl. Gen 3, 3). Mit dieser Tat stürzt die gesamte Menschheit in ihr Unglück, denn "durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten" (Röm 5, 12).

Wieder beginnt es in einem Garten: Jesus, der "neue Adam", betet in Gethsemene. Die Angst vor dem bevorstehenden Leiden, um das er genau weiß, presst ihm Schweiß und Blut aus den Poren. Ist da nicht wieder die Schlange, die ihm die süße Frucht der Freiheit zeigt und ihm zischelnd zuflüstert, dass sein Tod ohnehin für so viele sinnlos sein wird, weil sie seine Liebe ablehnen werden? Jesus will wiedergutmachen, was Adam und seine Kinder getan haben, die sich im Ungehorsam über Gottes Willen gestellt haben, um "wie Gott zu werden" (cfr. Gen 3, 5). Er dagegen, der Gott ist, wollte Mensch sein, um den Willen des Vaters zu erfüllen. Statt nach der köstlichen Frucht zu greifen, will er den bitteren Kelch trinken. Und doch ist es so schwer. Wie jeder Mensch schreckt Christus vor dem Leiden und dem Tod zurück. Als Gottes Sohn erkennt er mit vollkommener Klarheit, was ihm in den nächsten Stunden bevorsteht, und er weiß, im geheimnisvollen Vorauswissen, das nur Gott hat, dass sein Blut für manche umsonst vergossen sein wird und für sie daher sinnlos ist, was er tut. Es ist nicht nur die Angst vor Schmerz und Leid, die ihn martert, sondern auch die Versuchung der Verzweiflung und Traurigkeit. Der allmächtige Gott, der alles erschaffen hat, zittert als schwacher Mensch vor dem Werk der Erlösung, dessen Sinn abhängen wird vom "Ja" jedes einzelnen. In dieser Stunde in Gethsemane sieht er jeden Einzelnen und weiß um seine Entscheidung. Er sieht – in göttlicher Vorausschau – auch mich. Und weil er mich liebevoll anblickt, willigt er ein, das Kreuz anzunehmen. Er ist bereit zu sterben; nicht einfach nur für alle Menschen, eine anonyme Masse ihm unbekannter Geschöpfe, sondern für jeden einzelnen, den er von Ewigkeit her kennt, für mich.

Maria, die Jesus wie kein anderer hätte trösten können, ist nicht im Garten. Und doch denkt der Herr in diesem Moment der Entscheidung auch an sie. Sie ist die "neue Eva" an seiner Seite, die – als der Engel zu ihr kam – ihr "Fiat" - "Mir geschehe, wie Du es gesagt hast" gesprochen hat. Sie wird dieses Wort auch in den furchtbaren Stunden, die schon bald anbrechen werden, nicht zurücknehmen. Wie gerne würde sie ihm all das Leid abnehmen! Was er an Leib und Seele erduldet – Angst, Schmerz und Tod – das alles erträgt sie in ihrem Herzen. Als nun zu Jesus ein Engel kommt, um ihm neue Kraft zu geben (Lk 22, 43) – war es vielleicht sogar jener himmlische Bote von Nazareth? - wiederholt der Herr das Wort seiner Mutter : "Fiat!" - "Es soll geschehen!". 

Jesus, der für uns gegeißelt worden ist

"Durch das Blut, das von Maria kommt, ist die Welt erlöst worden. Ohne Maria gäbe es kein Paradies. Ohne Maria gäbe es für mich Gott nicht. Ohne Maria gäbe es nicht den herrlichen Himmel, denn so viele Plätze wären leer geblieben" (hl. Maria Magdalena de’ Pazzi).

Pilatus weiß, dass Jesus unschuldig ist, aber er wagt es nicht, ihn freizulassen. Als er befiehlt, Jesus zu geißeln, hofft er so, den Blutdurst der Menge zu stillen, die eine Verurteilung zum Tode fordert. Die Feigheit des Statthalters, die in falschen Kompromissen eine Lösung sucht, bringt den Herrn nicht nur ans Kreuz; sie lässt ihn noch vor Beginn der eigentlichen Hinrichtung Unsägliches erleiden. Eben noch hatte Jesus dem Statthalter gesagt, dass er "in die Welt gekommen sei, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen" (Joh 18, 37). Der römische Staatsbeamte aber stellt sich gegen diese Wahrheit und mit ihm all die vielen, die meinen, eine "kleines Übel" könne ein größeres verhindern oder eine "geringe Ungerechtigkeit" eine schlimmere vermeiden. Wie oft tarnt sich seit den Tagen des Pilatus die Furcht vor der öffentlichen Meinung als Diplomatie und Kompromissbereitschaft?

Die heidnischen Henker greifen zu ihren Peitschen, die ihren Gefangenen spüren lassen sollen, dass er kein König ist, schon gar kein Gott, sondern nur ein erbärmlicher Mensch. Bald schon zerreissen die Hiebe der Soldaten erbarmungslos den Leib Jesu. Immer wieder trifft das knallende Leder seinen Rücken und seine Beine. Er steht an der Geißelsäule wie ein Lamm, das sein Schlachter nicht schonen wird (vgl. Offb 5, 6). Warum nur muss er auch diese Folter erleiden? Warum all diese entsetzlichen Schmerzen? Ist sein Tod – zumal jener schreckliche am Kreuz – nicht furchtbar genug? Der gepflasterte Hof der Kaserne färbt sich rot von Blut. Ein einziger Tropfen hätte genügt, die Welt zu erlösen, aber Jesus will sich ganz geben. Im Schrecken der Geißelung zeigt sich das Geheimnis göttlicher Liebe, die immer mehr schenkt als das Geschöpf verdient. Gefesselt an die Säule, will er uns "mit den Ketten der Liebe" (Hos 11, 4) an sich binden. Jede der unzähligen Wunden des Gegeißelten ist ein Schrei dieser Liebe, die all das erdulden will, um endlich geliebt zu werden: "Schaut, so sehr liebt Euch Gott!".

Die Jungfrau Maria, die mit dem ganzen Volk auf die Verkündigung des Urteils wartet, hört von Ferne die Schreie ihres Sohnes, der sich unter furchtbaren Schmerzen krümmt. Sie weiß, was sie mit ihm machen. Sie kann ihn nicht losreißen und aus der Hand seiner Peiniger befreien. Jeder Hieb, der Jesus trifft, zerreißt ihr Herz. Und doch kennt sie das größere Geheimnis, das sich in all diesem Leid verbirgt, und dem sie um unserer Rettung willen zustimmt. Sie weiß, vielleicht als Einzige in dieser Stunde, dass die Schmerzensschreie ihres Kindes der letzte Ruf eines Gottes sind, der wirklich alles tut, um seine Geschöpfe an sich zu ziehen.

Jesus, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist

"Gott schenkt dem, den er retten will, die Gnade einer besonderen Andacht zu Maria" (hl. Johannes von Damaskus)

Lachend und johlend drücken die römischen Soldaten Jesus eine Dornenkrone auf's Haupt. Sofort rinnt Blut aus unzähligen Wunden seines Kopfes und entstellt sein Gesicht, in das die Legionäre Spott und Speichel spucken. "Heil Dir, König der Juden" (Joh 19, 3) rufen sie ihm zu und beugen dabei das Knie vor ihm. Schriftgelehrte und Pharisäer haben Jesus vor Pilatus bezichtigt, dass er sich selbst zum König gemacht habe (vgl. Joh 19, 12). Nun greifen die Soldaten diese Anklage auf, um die armselige Gestalt vor ihnen zu verhöhnen und zu demütigen. Keiner – weder Juden noch Römer – glaubt, dass dieser Mann aus Nazareth wirklich ein König ist, mehr noch, der Herr aller Herren. Der Dornengekrönte, vor dem die Henkersknechte spöttisch knieen, ist Derselbe, vor dem sich Moses niedergeworfen hat, als er im brennenden Dornbusch zu ihm sprach. Er ist "ehe Abraham wurde" (Joh 8, 58). Er ist Gottes Sohn. Er ist König.

Jesus lässt es geschehen, dass man ihn schlägt und bespuckt, beleidigt und verhöhnt. Noch ist die Stunde nicht gekommen, in der er sich "auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen" und als König Gericht halten wird, um den Seinen zuzurufen: "Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für Euch bestimmt ist" (Mt 25, 34). Dann wird er das Urteil darüber sprechen, was ihm in den Geringsten seiner Brüdern getan wurde (vgl. Mt 25, 40). In dieser Welt wird der Schwache missbraucht, der Hilflose verstoßen, der Unschuldige verlacht. Jesu Reich ist aber nicht von dieser Welt, sonst würde er all das Leid und die bittere Häme nicht ertragen, sondern seinen Leuten befehlen, ihn mit Gewalt aus der Haft des Pilatus zu befreien (vgl. Joh 18, 19). Wer im Hof des Prätoriums in der blutenden Gestalt des Nazareners, der sich selbst zum Geringsten machen wollte, den Allerhöchsten erkennt, der gehört zu ihm. Wer im Blick auf den Dornengekrönten zu ahnen beginnt, dass dieser König sein Reich nicht mit brutaler Gewalt, sondern mit der Macht der Liebe erobern will, der wird seinen Ruf hören und verstehen: "Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach" (Mt 16, 24). Unter den Augen des Pilatus beginnt der Spottkönig seine Armee zu rekrutieren.

Seine Mutter sieht nicht, was die Soldaten Jesus im Innenhof der Kaserne antun. Erst als der römische Statthalter den zum Tode Verurteilten der Menge zeigt - "Ecce homo!", "Seht den Menschen!" - erblickt sie ihn. Ihr erstickter Schrei - "Schaut doch, mein Kind!" - geht im Gebrüll der Masse unter. Wie kein anderer leidet sie beim Anblick ihres gegeißelten Sohnes und doch ist sie, die Mutter, jetzt auch Gefährtin. Sie begleitet den Dornenkönig und geht mit jedem, der ihm auf dem Kreuzweg nachfolgt. Wer ihr folgt, auch auf der schmerzensreichen Strasse, findet Heil und Rettung.

Jesus, der für uns das schwere Kreuz getragen hat

"Euch beiden steht ein ganzes Kriegsherr von Leiden bevor, die ganze Welt wird sich gegen euch verschwören. Es schien Gott gut so, dass ihr beide den Kelch trinkt, und die Mutter soll die Schmerzen, denen sie bei der Geburt des Sohnes entging, anderswo spüren. Sie soll gleichsam mit ihrem Sohne sterben müssen." (hl. Petrus Canisius)

Die Soldaten laden Jesus das Kreuz auf seine Schultern. Taumelnd beginnt er seinen Weg, der mit dem Tod enden wird. Die Last auf ihm ist unendlich schwer. Er trägt nicht nur den rohen Balken aus Holz, sondern die gesamte Menschheit, jeden einzelnen - auch mich. Die Menge, die am Straßenrand steht, sieht einen Verbrecher, der seiner Hinrichtung entgegenwankt. Und doch ist er der Erlöser, dem, wie die Propheten vorhergesagt haben, das Kreuz als "der Schlüssel zum Hause Davids auf die Schultern gelegt wurde" (Jes 22, 22). Mit diesem Schlüssel, mit dem Kreuz, wird er er den Himmel aufschließen. Jesus geht nicht dem tragischen Ende eines Verurteilten entgegen, sondern dem Opfer, das er selbst zum Heil der Welt darbringen will. Er zieht hinauf nach Golgotha, um als "Hoherpriester einzutreten in das Heiligtum, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und um so eine ewige Erlösung zu bewirken" (vgl. Hebr 9, 12).

Immer wieder fällt Jesus auf diesem Weg. Die Liturgie, die er als Hoherpriester feiern wird, bis endlich der Vorhang im Tempel des Alten Bundes zerreißt, ist verborgen unter Schweiß, Blut und Tränen. Wer könnte auf dem Kreuzweg Jesu verstehen, was er wirklich tut? Ja, er selbst – obwohl er den Willen des Vaters erfüllen will - ist angewiesen auf die Hilfe eines Fremden, der sein Kreuz mit ihm trägt. Ohne ihn, ohne mich, der mit ihm seine Last trägt, kann er sein Ziel nicht erreichen. Auf dieser steilen Straße hinauf nach Kalvaria ist das Leiden, gerade jenes, das so bitter schmeckt, weil es nicht mit dem Gleichmut eines strahlenden Helden oder der stoischen Ruhe eines Asketen getragen werden kann, zum Schlüssel geworden, das den Himmel öffnen kann. Seit Jesus das Kreuz auf seine Schultern genommen hat, gibt es keinen sinnlosen Schmerz mehr, wenn er nur mit ihm geteilt wird. Die Frauen von von Jerusalem stehen am Wegrand und weinen, weil sie der Anblick des Verurteilten erschreckt. Vielleicht denken sie an ihre eigenen Kinder, denen sie ein solch furchtbares Los ersparen wollen. Sie bleiben Zuschauer. Ihre Tränen können Jesus nicht trösten, denn sie gehen nicht mit ihm. Sie tragen nicht sein Kreuz. Dürres Holz sind sie, durch das nicht der Saft leidenschaftlicher Liebe und tatkräftigen Erbarmens schießt. "Weint um Euch und Eure Kinder", damit Eure Herzen aufbrechen und wahrhaft mitleidend werden. "Liebe will ich" (Hos 6,6), nicht nutzloses Klagen und aufgeregtes Schreien, das verstummt, sobald das grausame Schauspiel der Hinrichtung zu Ende ist.

Maria begegnet Jesus auf dem Kreuzweg. Schweigend wiederholt sie die Worte, die sie ihm damals gesagt hat, als sie ihn nach drei Tagen im Tempel wiedergefunden hat: "Kind, warum hast Du uns das angetan?" (Lk 2, 48). Sie ist eine Frau, die leidet, weil sie ihren einzigen Sohn zur Hinrichtungsstätte gehen sieht. Sie weiß, dass er nur noch wenige Stunden leben wird, und das unter unvorstellbaren Qualen und Schmerzen. Sie geht mit ihm, weil er sie braucht; doch nicht nur als Mutter, die immer zu trösten weiß, sondern als Begleiterin des Erlösers, die in jener Stunde an seiner Seite stehen soll, die er in Kanaa verheißen hat (vgl. Joh 2, 4). Wenn der Hohepriester am Kreuz den Wein des neuen Bundes vergießen wird, soll sie dabei sein, um ihn an die auszuteilen, die mit ihm den steilen Weg nach Golgotha gegangen sind.

Jesus, der für uns gekreuzigt worden ist

"O Maria, Lichtbringerin, Maria, Säerin der Frucht, Maria, Erlöserin des Menschengeschlechts, indem Du dem Wort Dein Fleisch zur Verfügung gestellt hast, hast Du die Welt erlöst. Christus erlöste sie mit seiner Passion, du mit dem Leiden Deines Leibes und Deines Sinnes." (Hl. Katarina von Siena)

Die Soldaten reißen Jesus die Kleider vom Leib, zerren ihn auf das rohe Kreuz und schlagen ohne Mitleid Nägel in seine Hände und Füße. Dann richten sie den Marterpfahl auf, an dem der Herr sterben wird. "Verflucht ist, wer am Holze hängt" (Dt 21, 23) sagt das Gesetz des Moses. Die Schriftgelehrten spucken verächtlich aus vor dem vermeintlichen Messias, der vor ihren Augen am Kreuz seine letzten Atemzüge tut. Jesus ist in ihren Augen ein gescheiterter Betrüger, dessen Ende offenbart, wer er wirklich war: ein von Gott Verfluchter. Es ist die im ersten Buch der Bibel genannte Schlange, die jetzt nach Jesus schnappt und unerbittlich zubeißt. Und doch trifft sie nur seine Ferse (vgl. Gen 3, 15). Gerade in dem Moment als alles verloren erscheint, und der Himmel sich buchstäblich verdunkelt (vgl. Mt 27, 45), erfüllt der Herr seine Mission auf Erden, die Erlösung der Welt.

Alles ist dunkel. Es ist so finster, dass Jesus nicht einmal mehr den Vater sehen kann, und voller Schmerz ausruft: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27, 46). Schlimmer als als die Wunden seines geschunden Leibes, ist dieser Schmerz seiner menschlichen Seele, die durchleidet, was es heißt, fern von Gott zu sein. Und doch ist es wiederum so, dass gerade in dieser Nacht der scheinbaren Gottverlassenheit das "aufstrahlende Licht aus der Höhe" hereinbricht "um allen zu leuchten, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen" (Lk 1, 79). Jesus Liebe geht so weit, dass er die Ferne der Sünder auf sich nimmt, um sie wieder in die Nähe des Vaters zu bringen. Sein Schrei nach Gott ist der ihre, der um seinetwillen nicht unerhört bleibt. Die Umstehenden verstehen nicht, was Jesus auf Hebräisch, der Kultsprache des Tempels, ausruft : "Eli, Eli, lema sabachtani!" (Mt 27, 46) und meinen, er bitte Elija um Hilfe. Dabei ist es der erste Vers des Psalms 22, der das Leiden des Messias beschreibt. "Viele Hunde umlagern mich, eine Rotte von Bösen umkreist mich. Sie durchbohren mir Hände und Füße" (Ps 22, 17). Jetzt geschieht, was der Prohet David im Lied besungen hat: "Sie teilen unter sich meine Kleider, und werden das Los um mein Gewand". Der Herr ist nicht als armseliger Wanderprediger auf Golgotha erschienen, sondern gekleidet als König, als Hoherpriester, dessen kostbarer Leibrock ohne Naht gewebt war.  Vielleicht betet Jesus still Psalm 22 als Abendgebet des einzig wahren Leviten. Das letzte Wort während des irdischen Lebens des Herrn "Es ist vollbracht" (Joh 19, 30) entspricht zumindestens dem Schluss eben dieses Gebetes: "denn er hat das Werk getan." (Ps 22, 32), das Werk unserer Erlösung.

Die Schmerzensmutter steht bei Jesus unter dem Kreuz. Auch von ihr spricht der Psalm 22: "Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust der Mutter" (Ps 22, 10). Wenn der Herr diese Worte tatsächlich bei seinem Sterben im Sinn hatte, so mag er in eben diesem Moment auf Maria geschaut haben. Sie, die ihm das Liebste auf Erden war und ihn so oft in ihren Armen gehalten hat, schenkt er nun als Mutter dem Johannes und mit ihm auch mir. Er gibt seine Mutter, das letztes Geschenk seines irdischen Lebens, damit ich mich immer an ihrer Brust bergen kann. Das ist sein Testament, sein "letzter Wille", der Maria heilig ist. Sie will allen Mutter sein, wie sie es für ihren einzigen Sohn ist.

Lesen Sie bereits veröffentlichten Betrachtungen der freudenreichen und lichtreichen Geheimnisse.

Das könnte Sie auch interessieren: