Europas katholische Jugendliche fühlen sich oft wie die "letzten Mohikaner"

Schonungslose Analyse und konkrete Lösungsvorschläge vom Luxemburger Erzbischof Hollerich im CNA-Interview

Große Gemeinschaftserlebnisse wie der Weltjugendtag sind wichtig: Pilger bei der Gebetsvigil am 30. Juli 2016 in Krakau (Polen).
Foto: CNA/Alan Holdren
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Die Zukunft junger Katholiken in Europa? Die liegt im Aufbau einer Gemeinschaft, denn dann fühlt man sich nicht wie "der letzte Mohikaner". Das betont der Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich, im Interview mit CNA-Vatikanist Andrea Gagliarducci. Hollerich ist Mitglied des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen und hat 22 Jahre pastorale Erfahrung in Japan gesammelt.

Was sind die größten Herausforderungen für die Evangelisierung der Jugend in Europa?

ERZBISCHOF HOLLERICH: Die Herausforderung besteht darin, von der Jugend zu lernen. Wir können das Evangelium nur verkünden, wenn die Menschen sich akzeptiert und geliebt fühlen. Wenn wir uns auf reine Werbung beschränken, dann kann das nicht funktionieren. Wir sind aufgerufen, uns nach den sehr jungen Menschen zu richten, selbst wenn wir nicht der gleichen Meinung sind. Wir müssen jeden Tag Jugend leben.

Was ist heute die größte Gefahr für junge Katholiken?

Säkularisierung, Verweltlichung ist sicherlich die größte Gefahr. Eine ganze Generation weiß nicht, wie man betet, wie man sich zu Gott verhält, auf ihn bezieht. Alle meinen, sie müssen moralisch perfekt leben, und haben vergessen, dass Christen Sünder sind. Wir sind aufgerufen zu zeigen, dass wir Sünder sind die zur Heiligkeit streben, nicht schon perfekt sind. Wir müssen zeigen, dass wir Jünger Christi sind.

Sie haben über praktische Jugendarbeit gesprochen. Aber diese Erfahrung ist verknüpft mit Katechese, Glaubensbildung?

Katechese hat mir Erfahrung zu tun. Katechese bedeutet, das Evangelium zu erkennen. Es ist auch der Gedanke an Petrus, der weiß, dass er dreimal gelogen hat, aber dem Gott vergeben hatt.

Es scheint aber doch so, dass der Glaube in den letzten vierzig Jahren in Europa kollabiert ist. Wo ist dieses Versagen zu verorten?

Manchmal frage ich mich, ob Religion früher stärker war. Ich sehe Menschen in die heilige Messe kommen, oft ältere, und ich frage mich, wie sie glauben. Viele tun es nicht. Wenn Sie eine Umfrage unter praktizierenden Christen machen würden, etwa zur Frage, wie viele von ihnen an die Auferstehung glauben, würden die Antworten überraschen. Erstens hat die Messe die Gesellschaft vereint. Natürlich ist die Situation von Pfarrei zu Pfarrei unterschiedlich, von Land zu Land. Aber wir müssen immer noch evangelisiert werden.

Aber junge Menschen wollen starke Botschaften, oder wollen sei einfach nur akzeptiert werden?

Sie suchen starke Botschaften. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Wir waren in einem Dorf im Dschungel, um mit unseren eigenen Händen eine Kirche zu bauen, gemeinsame mit den Ortsansässigen. Es war ein intensives Programm, mit Messe und täglichem Gebet. Die Menschen waren glücklich. Am Anfang der Reise hat sich noch ein junger Mann beschwert: "Jeden Tag Messe? Nicht einmal die Woche?". Der gleiche junge Mann kam am Ende des Aufenthaltes zu mir und sagte: "Ich werde diese tägliche Messe vermissen".

Was wird dann für junge Menschen gebraucht?

Es ist wichtig, dass es junge Menschen gibt, die über den Glauben sprechen. Man muss Gemeinschaften aufbauen. Junge Katholiken fühlen sich oft wie die letzten Mohikaner. Es ist sehr schwierig für eine junge Person, vor all ihren Freunden zu ihrem Glauben zu stehen. Dafür müssen wir Gemeinschaften junger Menschen schaffen, die ihren Glauben gemeinsam leben.

Sie waren lange in Asien. Was können junge asiatische Katholiken von europäischen lernen? Und was können Europäer von asiatischen Katholiken lernen?

Europas Jugend kann der Jugend Asiens eine Art Gewissensfreiheit und bürgerliche Verantwortung vermitteln. Asiaten dagegen können ihr Gemeinschaftsleben vermitteln. Als ich in Japan war, und mit jungen Menschen zum Abendessen ging, erlebte ich, dass keiner nur ein einzelnes Gericht bestellte: sie bestellten das Essen zum Teilen. Asiaten sind gemeinschaftsorientiert.

Was ist bedeutet Jugendarbeit in Europa?

Wir müssen junge Menschen ganz maßgeblich ansprechen. Die Gefahr ist, dass das Christentum in Europa stirbt, oder zu einer unwichtigen Sekte wird.

Sie glauben, dass das Christentum in Europa stirbt?

Ich glaube gar nicht, dass es vollkommen ausstirbt, aber dass es immer bedeutungsloser wird. Wir brauchen Jugend, die Frische der Jugend.

Wie groß ist das Problem eines Mangels einer echten Kultur?

Ich sehe täglich einen Mangel katholischer Bildung. Da gibt es Zeitungen, die sich katholisch nennen, es aber nicht sind, weil die Journalisten nicht katholisch sind. Die Bischöfe sind aufgerufen, diesen verminderten intellektuellen Part zu spielen, und die Kultur zu verstehen, in der sie leben. Was junge Menschen betrifft, gibt es viele Jugendkulturen. Wir sind aufgerufen, diese zu untersuchen. Wir müssen Christus in jeder Kultur verkünden.

Was soll die Kirche also tun?

Wir müssen zurück zur Realität, denn Gott ist in der Realität. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht am Ideal orientieren, nach oben blicken. Das Ideal ist in der Realität. Das muss der Bezugspunkt sein: Wir wollen heilig werden, wir sind keine Heiligen.

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