"Herr, lehre uns beten!" – Gedanken zum Beten des Christen. Zweiter Teil

"Beten ist daher nicht bloßes Geschenk, sondern eine Grundhaltung des Christen, die erlernt und vertieft, geübt und erprobt werden will." – Eine junge Katholikin beim Gebet in der Heiligen Messe zur Beerdigung von Mutter Angelica am 1. April 2016.
Foto: EWTN/Jeff Bruno
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(Hinweis: Den ersten Teil der Reflektion lesen Sie hier.)

Christliches Beten heißt nichts anderes als Gott zu lieben und seine Freundschaft zu suchen. Die Schwierigkeiten, die viele Menschen heute mit dem Gebet haben, liegen oft darin, daß man sich allerlei vom Beten verspricht: die Erhörung drängender Bitten, persönlicher Erfolg im geistlichen Leben oder auch nur Ruhe und Zufriedenheit im Streß und Trubel des Alltags. All das sind erstrebenswerte Ziele und gute Gründe, um das Gespräch mit Gott zu suchen – aber die erste und eigentliche Motivation, warum wir beten soll, ist die Liebe.

Das aus der Liebe entspringende Gebet, das Gespräch mit Gott, das aus der Freundschaft zu ihm schöpft, sprudelt über in vielfältiger Weise: Lob, Dank, Anbetung – tausend Worte findet der in Gott verliebte Beter wie die großen Verfasser der Psalmen, um auf immer wieder neue Weise den göttlichen Freund zu besingen. Klage, Trauer, Reue – Seufzen und Stöhnen, das die Bitten des Beters prägt, der die Not der Sünde erkennt, die den geliebten Herrn beleidigt und verletzt, die Leid und Tod in die Welt gebracht hat.

So findet sich im Gebet des liebenden Beters brausender Jubel, der aus einem übervollen Herzen fließt und nicht mehr nach Worten ringen muß, ebenso wie tiefes Schweigen, in das die Seele untertaucht – sich selbst vergessend, nur die Nähe Gottes suchend.

Gebet ist Gnade

Die Liebe ist der Schlüssel zum christlichen Gebet, der uns seine Bedeutung und Tiefe vollends erschließen kann. Allein die Liebe, die sich selbst vergessende Hingabe des Freundes an den Freund, kann auch in schweren und trockenen Zeiten das Gebet weiterführen.

Wenn kein Trost mehr zu spüren ist, wenn Langeweile, Zerstreuungen, Trauer oder Wut das Beten unmöglich erscheinen lassen, so läßt die Liebe den Beter dennoch bei Gott verweilen, so wie sie auch die Eltern am Krankenbett des Kindes wachen läßt oder die junge Frau in den harten Zeiten des Krieges, die Tag für Tag, vielleicht sogar Jahr für Jahr, auf die Rückkehr ihres Verlobten wartet. Ja gerade in diesen dunklen und schweren Zeiten beweist sich die Liebe, zeigt sich der große Wert des Gebetes, der ja nicht zuerst darin liegt, eigene Wünsche erfüllt zu sehen, sondern dem Geliebten Freude zu bereiten und ihm die Treue zu halten.

Verliebt sein kann man nicht machen – es ist Geschenk! Glaubensvolles beten kann ich nicht aus eigener Kraft schaffen – es ist Gnade! Immer wieder gilt es daher auch darum zu beten, beten zu können. Wer liebt, der betet; und wer betet – sei es nun in guten und freudenreichen oder in schweren und dunklen Zeiten – der liebt und wächst in der Liebe. Wie gesagt: Liebe kann man nicht "machen", aber doch wird der, der nur allein in seiner Wohnung bleibt und niemals das Haus verlässt, sicherlich keine Frau finden, in die er sich verlieben könnte. Mensch und Gott, Gnade und Wille arbeiten beim Beten zusammen.

An diesem Punkt rühren wir tatsächlich an einem zentralen Geheimnis des Christentums, an seinem innersten Kern, der die Gnade ist. So wenig wir aus eigenen menschlichen Kräften glauben, hoffen und lieben können, so wenig können wir ohne Gottes Hilfe und den Beistand des Heiligen Geistes beten. "Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können" (Röm 8, 26). Allerdings wäre es nun die völlig falsche Konsequenz, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, bis die Gnade Gottes mich bewegt zu beten, zu glauben und zu lieben, wie es etwa die protestantischen Quäker tun, die sich zu ihren Gottesdiensten in völligem Schweigen versammeln, keine Gebete sprechen oder Lieder singen, sondern nur auf das Kommen des Geistes warten. Gott schenkt das Beginnen und Vollenden, so dass jeder, wie der Selige Karl Leisner, eines Tages ehrlich beten kann:  "Christus, Du bist meine Leidenschaft!".

Wir sind Kinder Gottes ,die ihn "Papa" nennen dürfen

Im Wasser der Taufe ist die Gnade Gottes über uns ausgegossen worden, so daß wir den Vers des Apostels Paulus im Hinblick auf dieses Sakrament wörtlich verstehen dürfen: "Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist." (Röm 5, 5) Wir sind Kinder Gottes geworden und in uns wohnt der Heilige Geist wie in einem Tempel, um mit uns zu rufen: "Abba, lieber Vater – Vater unser im Himmel!" (vgl. Röm 8, 15). Noch ehe wir uns sozusagen in Gott verlieben konnten, noch ehe wir den ersten Schritt auf ihn zu gegangen sind, hat er sich schon herabgebeugt und uns in seine Arme geschlossen. "Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat." (1 Joh 4, 10)

Unser Leben als Christen besteht nun darin diesen göttlichen Samen der Liebe, der in der Taufe in unser Herz eingepflanzt worden ist, zu Entfaltung zu bringen. Tatenlosigkeit und gleichgültiges Nichtstun hieße dieses kleine Pflänzchen Wind und Wetter, der Glut des Sommers und dem Frost des Winters zu überlassen und dieses kostbare Geschenk Gottes zu mißachten.

Durch das Gebet aber, den regelmäßigen Empfang der Sakramente und ein engagiertes Leben aus dem Glauben mühen wir uns wie ein guter Gärtner, der seine Pflanzen begießt und düngt, Unkraut jätet und Schädlinge bekämpft um das Wachstum von Glaube, Hoffnung und Liebe in unserem Herzen. Wenn also auch die Liebe zu Gott nicht machbar ist, so können und müssen wir uns doch immer wieder mühen mit der Gnade mitzuarbeiten und in der Treue zu reifen, bis sie reiche Frucht bringt.

Die Jakobsleiter des Gebetes

Beten ist daher nicht bloßes Geschenk, sondern eine Grundhaltung des Christen, die erlernt und vertieft, geübt und erprobt werden will. Tage der geistlichen Einkehr oder Exerzitien sind solche Schulen christlichen Betens, die einführen wollen, wie man Gott kennenlernen, ihn lieben und ihm dienen kann. Dieser geistliche Weg ist keine endlose Wendeltreppe, auf der man ständig um sich selbst kreist, um endlich dem Schwindel der Selbsterfahrung zu erliegen, sondern – die Kirchenväter benutzen dafür gerne das Bild der Jakobsleiter – ein steiler Aufstieg zu Gott, der manchmal nicht wenig Mühe kosten kann. Auf diesem Weg unterscheiden die geistlichen Lehrer der Kirche drei Stufen des Betens: das mündliche Gebet, die Meditation und das kontemplative Verweilen bei Gott.

Als die Jünger Jesus bitten: "Herr, lehre uns beten!" (Lk 11,1) beginnt Jesus seine geistlichen Exerzitien mit dem Apostelkreis und führt ihn auf eben diese erste Stufe des geistlichen Lebens, in dem er sie das wichtigste mündliche Gebet der Christenheit lehrt, das Vater unser. Wie ein kleines Kind zuerst Mama und Papa stammeln kann, so sollen wir als Kinder Gottes den Vater im Himmel "Abba", das heißt wörtlich übersetzt "lieber Papa", nennen, denn das ist das Fundament des ganzen christlichen Lebens: im kindlichen Vertrauen Gott dem Vater im Himmel entgegenlaufen und ihm, der mit ausgestreckten Armen auf uns wartet, sozusagen schon von weitem zuzurufen: Vater, lieber Vater, im Himmel! Die erste Kirchenordung, die auf die Autorität der Apostel gründende Didaché, empfiehlt daher allen Christen wenigstens dreimal täglich das Vater unser zu beten, jenes Gebet, von dem der hl. Augustinus  sagt, daß es alle Bitten enthält, die ein Mensch vor Gott aussprechen kann.

Die zweite Stufe des christlichen Betens ist die Meditation, das stillen Nachdenken über die großen Wahrheiten des Glaubens und das aufmerksame Hören auf Gottes Wort. Wenn wir auch nie aufhören dürfen, mündlich zu beten, das heißt mit vorformulierten oder persönlichen Worten vor Gott zu treten, so genügt das allein doch nicht: Wir müssen versuchen, tiefer zu verstehen, was der Herr uns sagen will, und wie wir ihm antworten können.

Diese zweite Stufe ist unerläßlich für alle, die im Glauben wirklich Fortschritte machen wollen, und auch hier ist es wieder die Liebe, die dazu drängt Jesus, den geliebten Freund, im betrachtenden Gebet besser kennenzulernen. Die tägliche Lektüre der Evangelien verbunden mit der Bitte: "Herr, laß mich Dich erkennen!" ist ein großer Schritt hinauf auf diese zweite Stufe des Betens.

Verliebte wissen genau, was beten wirklich ist

Teresa von Avila nennt das Gebet "Verweilen bei einem Freund". Auf der dritten Stufe des christlichen Betens treten formulierte Worte, Überlegungen und Erwägungen in den Hintergrund. Was bleibt ist die Kontemplation, in der der Beter längere Zeit in einer einzigen schlichten Herzensregung – Dank, Lob, Reue oder Vertrauen – vor Gott verweilt; still wie ein verliebter junger Mann, der sich an der Nähe seiner Verlobten erfreut, oder wie ein kleines Kind in den Armen der Mutter.

Die Kirche lädt uns zu diesem stillen Verweilen vor Gott besonders in der eucharistischen Anbetung ein. Im Tabernakel ist Jesus – verborgen, unscheinbar, schweigend, scheinbar schlafend wie im Boot der Jünger –, und wir dürfen in seiner Nähe sein. Ein alter Mann in der Pfarrei des hl. Pfarrers von Ars hat das erkannt und sich deshalb täglich für eine gewisse Zeit in die Kirche gesetzt – schweigend und still. Auf die Frage, was er denn da tue, konnte er nur schlicht zur Antwort geben: "Er schaut mich an, und ich schaue ihn an. – Das ist alles!"

Dieses kontemplative Beten, dieses liebevollen Verweilen bei Gott als unserem besten Freund ist es, was christliche Spiritualität kennzeichnet: Sich verschenken an den göttlichen Geliebten, seine Zeit "verschwenden" wie kostbares Salböl, um bei Jesus zu sein und ihm Freude zu bereiten.

Dieses das christliche Leben prägende Beten ist es auch, das die deutsche Dichterin Gertrud von le Fort in einer ihrer "Hymnen an die Kirche" besingt:

Deine Gebete sind kühner als alle Gebirge der Denker!

Du baust sie wie Brücken ins Uferlose, du läßt sie wie Adler ins Schwindelnde steigen,

Wie Schiffe sendest du sie in Meere des Unbekannten.

Der Welt graut bei deinen gefalteten Händen, und ihr ist bange bei der Inbrunst deiner Knie.

Du fällst vor dem Herrn nieder, bevor der Tau fällt.

Du jubelst dein Herz zu ihm auf, ehe die Lerchen steigen,

Du jubelst alle Furcht hinweg im Preise deines Schöpfers.

Du wäscht das Angesicht der Erde in deinen Liedern,

Du badest es in deinem Gebet, bis es ganz rein ist.

Du wendest es dem Herrn zu wie ein neues Antlitz!

Und der Herr bricht aus seiner Einsamkeit und empfängt dich mit Armen des Lichtes –

Da erwacht alle Welt in seiner Gnade.

Den ersten Teil der Reflektion lesen Sie hier. 

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(Erstpublikation  am 3. November 2016. )

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