"Herr, lehre uns beten!" – Gedanken zum Beten des Christen. Erster Teil.

"Beten lernt man durch Übung. Schweigend bei Gott sein oder ihm plappernd wie ein kleines Kind alles erzählen, obwohl er es schon weiß. Vater und Mutter freuen sich über alles, ihr Sohn oder ihre Tochter sagen – so auch Gott."
Foto: Pixabay / reenablack
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"Beten heißt verweilen bei einem Freund." So einfach erklärt die hl. Theresa von Avila den tiefen Sinn christlichen Betens. Sie spricht nicht von bestimmten Gebetsformen, von asketischen Übungen und anspruchsvollen Meditationspraktiken, sondern von der innigen Gemeinschaft des Menschen mit Gott.

Es tut unserer Zeit not, sich wieder neu auf das zu besinnen, was christliches Beten wirklich ist. Auf dem bunt blühenden Esoterikmarkt und leider auch in so manchen kirchlichen Exerzitienhäusern findet man eine breite Palette von Kursen, die in die Meditation und das Gebet einführen wollen, aber doch oft nur Angebote sind, die allein der Selbsterfahrung, der Bewußtseinserweiterung oder der Begegnung mit sich selbst dienen: Kontemplation als Entspannungsübung, geistliche Exerzitien als psychologische Therapie, Gruppenerfahrung im Stuhllkreis mit gestalteter Mitte – hoffnungslose spirituelle Sackgassen.

Mit Gott reden – wie mit einem Freund

Christliches Beten heißt nicht, mit sich selbst einen Monolog zu führen, um zu entdecken und zur Sprache zu bringen, was sich an Ängsten, Aggressionen, Schuldgefühlen und unverarbeiteten Kindheitserlebnissen im Innersten der Seele angestaut hat, sondern – und das mag auf den ersten Blick recht nüchtern und unspektakulär erscheinen – bei Gott zu verweilen als dem geliebten Freund.

Christliches Beten bedeutet in einen Dialog einzutreten, mehr noch, auf den anderen zu hören und alle eigenen Interessen zurückstehen zu lassen: nicht Selbsterfahrung, nicht ichzentrierte Seelenmassage, sondern Begegnung mit dem lebendigen Gott – das ist das Ziel christlichen Betens.

Das Gebet des Christen findet daher seine Motivation in der Sehnsucht, Gott zu begegnen, ihn kennenzulernen, ihm zuzuhören – bei ihm zu verweilen. Beten ist deshalb eine logische Konsequenz der Liebe, die auch unter Menschen vor allen Dingen danach strebt, beim Geliebten zu sein und ihm Freude zu bereiten. Ein junger Mann, der seine Verlobte besucht, hat vor allem ein Ziel vor Augen: seine Geliebte glücklich zu machen. Seine Liebe läßt ihn erfinderisch werden, so daß er ihr vielleicht einen Blumenstrauß bringt oder ein Gedicht schreibt, möglicherweise stammelt er vor Aufregung nur ein paar Liebeserklärung oder aber er läßt sich hinreißen zu stundenlangen Gesprächen über alle möglichen wichtigen und nebensächlichen Dinge.

Ein Verliebter sucht die Nähe der Geliebten, sich selbst und alles um ihn herum vergessend, nur den Blick auf seine Verlobte gerichtet. Sein Glück ist es, bei ihr zu sein, bei ihr zu verweilen und sie "anzubeten". Ja, sogar die ganze Nacht schweigend mit ihr spazieren zu gehen, ohne ein Wort zu sagen, und doch in der stillen Freude, ihre Nähe genießen zu können, erscheint einem Verliebten nicht als Zeitverschwendung und törichter Unsinn, sondern als höchster Sinn seines Lebens, als die Erfüllung all seiner Wünsche und Verwirklichung seiner Träume.

Beten lernt man durch Übung. Schweigend bei Gott sein oder ihm plappernd wie ein kleines Kind alles erzählen, obwohl er es schon weiß. Vater und Mutter freuen sich über alles, ihr Sohn oder ihre Tochter sagen – so auch Gott. Oft ist es hilfreich – Don Camillo vor dem Kruzifix seiner Dorfkirche ist das beste Vorbild dafür – laut zu beten; freilich nur, wenn man allein ist. Man merkt sehr schnell, ob es dann Floskeln sind, die ich wiederhole, oder stotternde, aber doch ehrliche Worte.

Verweilen beim geliebten Freund

Als Jesus bei seinen Freunden in Betanien einkehrt, setzt sich ihm Maria zu Füßen, um nichts anderes zu suchen als seine Nähe. Sie achtet nicht darauf, wie sich Martha abmüht, um Jesus gut zu bewirten, und sie vergißt völlig, daß es ihre Pflicht wäre, der Schwester zu helfen. Maria blickt Jesus an – verliebt und fasziniert – auf seine Worte lauschend und die Zeit vergessend, in der Freude bei ihm zu sein. Dieses "törichte" Verhalten, dieses bloße stumme Dasitzen, das die fleißige Martha beklagt, dieses "unnütze Nichtstun" – in der Liebe zu Gott hat es unendlichen Wert, ist es das Ideal christlichen Betens, die höchste Stufe geistlichen Lebens.

Christliches Leben ist zwecklos, aber wertvoll

In der kirchlichen Tradition wird die große Beterin Maria von Betanien auch mit jener Frau identifiziert, von der uns im Evangelium berichtet wird, daß sie Jesus mit kostbarem Nardenöl das Haar salbt und mit ihren Tränen seine Füße wäscht. Sie verschwendet ein teures Parfüm, dessen Verkauf einem Dutzend Armer eine warme Mahlzeit und neue Kleidung beschert hätte, nur um ihre Liebe zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Wahrscheinlich hat sie all ihre Ersparnisse zusammengesucht, um sie nun für Jesus zu "verschleudern". Eine Torheit, die Judas kritisiert, und doch eine übergroße Liebe, die der Herr lobt und gutheißt.

Diese Frau ist Vorbild all derjenigen Menschen, die ihr Leben ganz dem Gebet weihen, die sich – was den Leuten zu allen Zeiten als Torheit und Weltflucht erschien – hinter Klostermauern zurückziehen und hinter Gittern leben, nur um zu beten, um bei ihrem göttlichen Freund zu verweilen, um ihr Leben auszugießen und für ihn zu verschwenden. Eine Torheit, wenn es ohne Liebe geschieht; großartig und wunderbar aber, wenn die Freundschaft zu Gott Mitte und Fundament dieses kontemplativen Lebens ist. So auch unser Beten: sinnlose Zeitverschwendung, wenn es nur Selbsterfahrung oder Suche nach religiösen High-Erlebnissen ist; kostbar und fruchtbar, wenn wir Gottes Freundschaft suchen – auch in Zeiten der Trockenheit und Langeweile.

"Gibst Du ihr eine Bohne..."

Das Leben der Ordensleute, die vor allen anderen Dingen, die wichtig und unverzichtbar in der Kirche sind – die Verkündigung des Evangeliums, das soziale Engagement sowie die kulturelle und wissenschaftliche Tätigkeit  - das Gebet üben und daher nichts anderes tun wollen, als in Liebe bei Gott zu verweilen, erinnern uns daran, was christliches Beten wirklich heißt: Seine Zeit dem göttlichen Freund schenken, um zuerst ihm Freude zu bereiten. Christliches Beten, das oft wie eine "Zeitverschwendung" erscheinen mag, wird dann zum kostbaren Salböl, das Jesus dankbar annimmt. Das Haus von Betanien "wurde vom Duft des Öls erfüllt" (Joh 12, 3), so daß alle Anwesenden die Köstlichkeit des Balsams riechen konnten. Der Duft unseres liebevollen Betens, das wir an Christus verschwenden, es bereitet nicht nur ihm Freude, sondern breitet sich aus im ganzen Haus der Kirche und wird zum Segen für alle Menschen.

Das Gebet als Hingabe des Liebenden an den Geliebten bleibt ja nicht unbeantwortet und einseitig, sondern vielmehr schenkt Gott in überreichem Maße dem Beter und aufgrund seiner Liebe auch allen anderen Menschen Gnade und Barmhrzigkeit. "Gott läßt sich an Großmut nie übertreffen!" schreibt der hl. Ignatius, um damit anzudeuten, daß der Herr immer mehr gibt als wir zu erbitten oder zu erhoffen wagen – für uns und für die ganze Welt. Und der hl. Ludwig Maria Grignon de Montfort, einer der größten Marienverehrer der Neuzeit, sagt über die Hingabe an die Mutter Jesu: "Schenkst Du ihr eine Bohne, gibt sie Dir eine Krone." Gott liebt uns. Seine Mutter achtet auf uns. Der Himmel mit all seinen Engeln und Heiligen ist stets um uns. Nie lassen sich der Herr und seine Freunde von uns an Liebe und Großmut übertreffen.

Der zweite Teil erscheint am 4. August 2017 bei www.CNAdeutsch.de (Frühere Fassung veröffentlicht am 27. Oktober 2016.)

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