Ein Gespräch über "Krieg und Frieden: Die Päpste und der Islam"

Papst Franziskus begrüßt Migranten und Flüchtlinge in Castelnuovo di Porto, Italien am Gründonnerstag, 24. März 2016.
Foto: L'Osservatore Romano
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Der Islam steht vor einer existenziellen Herausforderung: Der mörderischen Gewalt in seinem Namen. Doch was ist mit dem Christentum, und dem Verhältnis der beiden Weltreligionen zueinander?

Statt politischer Polemik oder blindem Eifer bedarf diese Frage einer sachlichen Auseinandersetzung, die auch die Geschichte des Verhältnisses kennt. Genau diese historische Perspektive leistet der bekannte Vatikanist und Autor Ulrich Nersinger mit seinem neuen Buch "Krieg und Frieden: Die Päpste und der Islam". Im Gespräch mit CNA spricht er unter anderem über den Umgang von Papst Franziskus mit Muslimen, die Massenmigration nach Europa, und die Herausforderung eines europäischen Islam.

Herr Nersinger, Franziskus hat viel Lob, aber auch vereinzelt Kritik geerntet dafür, 12 Flüchtlinge aus Lesbos nach Rom geflogen zu haben. Kritik vor allem, weil es sich um drei muslimische Familien handelt. Wie wichtig sind solche symbolischen Handlungen?

Symbolische Handlungen haben uns in der Ganzheit unserer Existenz und unseres Handelns anzusprechen, sie zielen auf das Herz und den Intellekt als Einheit. Heute wirken sie jedoch oft mehr oder sogar  ausschließlich auf das Gefühl ein, kaum noch oder gar nicht mehr auf den Verstand. Sie sind zudem der Gefahr einer medialen Einvernahme und Interpretation ausgesetzt. Dann aber sprechen sie nicht mehr für sich selbst. Aber gerade das ist ja ihre Intention, ihre Aufgabe. Symbolische Handlungen sind zu Gratwanderungen geworden, die schnell zu fatalen Abstürzen führen können. Es ist schwierig, auf solchen Wegen die Balance zu halten. "Ausrutscher" sind fast vorprogammiert: So dürfte zum Beispiel der Umstand, dass die Auswahl der Flüchtlinge, die den Heiligen Vater nach Rom begleiten durften, durch das Los entschieden wurde, nicht nur mir Bauchschmerzen bereitet haben.

In den USA wird diskutiert, gezielt christliche Überlebende des IS-Völkermords aufzunehmen, nach einer strengen Prüfung. In deutschen Flüchtlingsunterkünften dagegen finden nicht nur Islamisten unterschlupf, sondern werden Christen verfolgt und gepeinigt.

"Ich habe nicht zwischen Christen und Muslimen ausgewählt", erklärte der Heilige Vater die Mitnahme der muslimischen Flüchtlingen nach Rom. Der Entscheidung des Papstes ist zuzustimmen. Ein Christ schaut bei seinem Handeln nicht darauf, ob ein in Not geratener Mitmensch jung oder alt, Mann oder Frau, Christ oder Nichtchrist ist. Doch man kommt nicht darumhin zu beobachten, dass sich in der Welt, leider auch massiv in kirchlichen Kreisen, eine unverständliche Passivität gegenüber verfolgten Christen breit gemacht hat. Aber wie kann man Fernerstehenden wirklich und aufrichtig zu helfen, wenn man nicht in der Lage ist oder den Willen hat, der eigenen Familie – notleidenen Mitchristen – Hilfe zukommen zu lassen?

In der Flüchtlingsfrage brauchen wir ein gesundes Augenmass. "Nur noch kurz die Welt retten", sollten wir Tim Bendzko überlassen. In der Aufnahme von Flüchtlingen ist ein geschärfter Blick nötig, keine Blauäugigkeit sogenannter Gutmenschen. Das ist man den wirklich Verfolgten jeglicher Religion, bedrängten und gemarterten Christen des Vorderen Orients, aber auch allen Mitmenschen hier bei uns zu Hause schuldig. Wer den Missbrauch des Asylrechts, Übergriffe in Unterkünften und Zustände wie zu Silvester in Köln ermöglicht, duldet oder verschweigt, wird zum Mittäter, versündigt sich.

Bei der Generalaudienz vom 18. November 2015 sagte der Heilige Vater, die Tür der Barmherzigkeit Gottes müsse zu jeder Zeit offen sein und könne alle aufnehmen. Die Pforte gelte aber auch als "Schutz für die Hausbewohner". Eine Tür dürfe nicht aufgebrochen werden, sondern man müsse stattdessen immer um Erlaubnis – um Einlass – bitten. "Die Gastfreundschaft kommt in der Freiheit des Aufnehmens zum Vorschein, doch sie wird zu etwas dunkles, wenn eine Invasion durch Gewalt ausgeübt wird", sagte der Papst. Die Öffnung der Tür erfordere daher über ein Vertrauen hinaus auch Achtsamkeit. Das Heilige Jahr ist als "Jahr der Barmherzigkeit" postuliert worden. "Barmherzigkeit" ist jedoch kein billiges Schlagwort, das den Verstand ausschaltet, sie bedingt Glaube und Vernunft, wenn sie echt sein und wirken soll.

In Deutschland wird der Begriff des Abendlandes heftig debattiert vor dem Hintergrund, dass Millionen Menschen nach Europa strömen. Nun ist das Abendland längst nicht mehr christlich, oder? War es das je?

Das Christentum hat Europa entscheidend geprägt – in seiner Geschichte, Kultur und ethischen Ausrichtung. Es ist gewissermaßen Teil seiner DNA. Heute versucht man mit unerbittlichem Fanatismus aus dem Abendland die christlichen Gene heraus zu extrahieren, aber nicht nur sie, sondern auch die vorchristlichen Wertvorstellungen der Antike. Es gilt klar zu machen, dass eine solche "Gen-Manipulation" zur Existenzfrage wird, dass sie der Gesellschaft ihre Substanz zu nehmen im Stande ist.

Direkt wie indirekt damit verknüpft wird die Frage verhandelt, welche Rolle der Islam in Deutschland spielt und spielen wird. Schließlich sind die meisten Migranten und Flüchtlinge Muslime.

Viele der in unserer Gesellschaft integrierten Muslime erkennen unsere christlichen Werte an und leben sie indirekt mit. Je mehr wir uns aber von diesen Werten entfernen und sie pervertieren, unsere christliche, abendländische Identität verdunklen, verleugnen und sogar aufgeben – Ehe und Familie entstellen, Umzüge zu St. Martin in "Lichterfeste" umbenennen und Kreuze von Wänden in Schulklassen entfernen – , um so mehr ernten wir von muslimischen Gläubigen im günstigsten Fall Kopfschütteln, oft aber nur noch pure Verachtung. Und das zu recht! Wollen wir etwa Migranten und Flüchtlinge in eine solche Gesellschaft, in einen vermodernden Kadaver integrieren?

Am 9. Juni 2015 sprach Papst Franziskus bei der Frühmesse im vatikanischen Gästehospiz S. Marta deutliche Worte. "Wir haben ein Geschenk erhalten, und zwar unsere Identität: Wir sind gesalbt, das Siegel wurde uns aufgeprägt", bekräftigte der Heilige Vater und zitierte den Bibelvers: "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?" Und der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, betont mit Blick auf das Zusammenleben mit muslimischen Migranten und Flüchtlingen: "Es ist wichtig für die europäischen Gesellschaften, dass sie ihre religiösen und kulturellen Wurzeln wiederfinden." Sonst seien die jüngeren Generationen Erben ohne Erbe.

Es herrscht nicht nur Krieg, sondern auch – zumindest laut Papst Franziskus – ein "dritter Weltkrieg". Dabei spielen der Islamismus und der Säkularismus eine wesentliche Rolle, so der Heilige Vater. Wo bleibt da die Kirche und welche Rolle kann sie spielen, um Frieden zu stiften?

Die Päpste und das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) haben uns den Weg des Dialogs aufgezeigt. In seiner Enzyklika "Ecclesiam Suam" (1964) fordert der selige Papst Paul VI., die Kirche müsse "sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog machen". Ein solcher Dialog versteht sich nicht als ein blosses Daherreden, er ist kein Gespräch ohne eigene Disposition. Die Liebe zur Wahrheit verpflichte dazu, "unserer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass es nur eine wahre Religion gibt, und das ist die christliche und dass wir die Hoffnung nähren, dass sie als solche einmal von allen anerkannt werde, die Gott suchen und anbeten. Damit wollen wir aber nicht den geistigen und sittlichen Werten der verschiedenen nichtchristlichen Religionen unsere Achtung und Anerkennung versagen. Wir wollen zusammen mit ihnen, soweit wie möglich, die gemeinsamen Ideale der Religionsfreiheit, der menschlichen Brüderlichkeit, der Kultur, der sozialen Wohlfahrt, der staatlichen Ordnung fördern und verteidigen". Über diese gemeinsamen Ideale sei der Dialog möglich: "Wir werden uns immer zu ihm bereit finden, wenn er in gegenseitiger aufrichtiger Hochschätzung auch von der anderen Seite aufgegriffen wird."

Die Sorge, den Menschen näher zu kommen, dürfe aber niemals "zu einer Abschwächung oder Herabminderung der Wahrheit führen. Unser Dialog kann uns nicht von der Verpflichtung gegenüber unserem Glauben entbinden. Das Apostolat darf keinen doppeldeutigen Kompromiss eingehen bezüglich der Prinzipien des Denkens und Handelns, die unser christliches Bekenntnis kennzeichnen. Der Irenismus und der Synkretismus sind im Grunde nichts anderes als Formen des Skeptizismus gegenüber der Kraft und dem Inhalt des Wortes Gottes, das wir verkünden wollen. Nur wer der Lehre Christi vollkommen treu ist, kann ein erfolgreicher Apostel sein." Dialog heiße daher auch immer, das Evangelium Christi und das Reich Gottes zu verkünden. Zum Pfingstfest des Jahres 1964 errichtete der selige Paul VI. das "Sekretariat für die Nicht-Christen" (am 28. Juni 1988 vom heiligen Johannes Paul II. umbenannt in "Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog"). Es sollte  dahin wirken, "dass die Nichtchristen von den Christen richtig gekannt und gerecht eingeschätzt werden und dass die Nichtchristen ihrerseits Lehre und Leben der Christen entsprechend kennenlernen und schätzen lernen können".

Kardinal Tauran sieht die Kirche nicht zuletzt angesichts des "Islamismus" und der Flüchtlingsfrage zum Dialog "verurteilt". Muslime und Christen sind ihm zufolge dazu aufgerufen, eine "Pädagogik des Zusammenlebens" zu entwickeln, wodurch sich die Angst vor dem Anderen in eine Angst um den Anderen wandle. Ich würde die Definition "verurteilt" von Kardinal Tauran nicht verwenden, sondern den Dialog als positive Selbstverständlichkeit sehen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass viele Muslime ein gutes Mit- und Zueinander von Christentum und Islam ehrlichen Herzens ersehnen. Damit dies Realität wird, müssen Christen und Muslime das offene und kritische Gespräch suchen. Dass heißt auch, dass - egal ob es sich um den "Islamischen Staat", einen politisierten radikalen Islam oder den "Euro-Islam" handelt - die generellen "Knackpunkte" in der Lehre des Islam (zum Beispiel Gewalt) klar angesprochen und nicht übertüncht werden.

Das Buch "Krieg und Frieden. Die Päpste und der Islam" ist im Bernardus-Verlag als Taschenbuch erschienen. Es hat 126 Seiten.

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