„Es gibt keinen U-Turn": Wie Paul Badde die Synode analysiert – und wie es nun weitergeht

„Franziskus will das Papsttum für alle öffnen, die mit ökumenischer Sehnsucht auf die katholische Kirche schauen"

„Die Kirche wird nach der Synode noch immer dieselbe Universalkirche sein wie vorher, vielleicht sogar bewusster als je zuvor." - Paul Badde im Interview mit CNA
Foto: CNA/Martha Caldéron
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Die Familiensynode steht kurz vor ihrem Abschluss. Die letzten Tage waren geprägt von den Inhalten der Gruppenberichte, den Interventionen einzelner Synodenväter und einer Rede des Papstes über die synodale Kirche. Was das alles bedeutet, und warum die eigentliche Arbeit erst nach der Synode beginnt, erklärt Vatikanist Paul Badde im CNA-Interview. Der Papst-Experte und Vatikan-Korrespondent von EWTN Fernsehen ist Autor mehrerer Bücher und verfolgt die Synode aus nächster Nähe. Badde ist zudem Mitherausgeber der Monatszeitschrift „Vatican Magazin“. 

CNA: Herr Badde, anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Bischofssynode hat Papst Franziskus von der synodalen Kirche gesprochen und von "gesunder Dezentralisierung". Meinte er damit nicht das gleiche, was deutsche Synodenväter als Regionalisierung oder Nationalisierung von Zuständigkeiten gefordert haben? Wie sehen Sie das? Sind stärkere Bischofskonferenzen das, was die Kirche und vor allem die Gläubigen brauchen?

BADDE: Die Abschrift der Rede des Heiligen Vaters vom 17. Oktober 2015 ist ein großartiges, souveränes und geisterfülltes Dokument. Es lohnt nicht nur, sie mehrmals zu lesen. Es ist ein Muss für jeden, der sie verstehen will. Dann sehen wir auch, dass die meisten Fragen, die dazu aufgeworfen werden, in der gleichen Rede schon beantwortet sind. Wo der Papst etwa von einer „heilsamen Dezentralisierung“ der synodalen Kirche spricht, macht er im Satz davor sehr klar, was er genau damit meint: dass es nämlich „nicht angebracht (sei), dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen.“  Bei diesen Problemkreisen, die in den regionalen Gebieten verschiedener örtlicher Bischöfe auftauchen, kann es sich – wie die ganze Rede bezeugt – also keineswegs um Fragen der Lehre handeln, die der gesamten Kirche gemeinsam sind.  Und auch nicht um Fragen, wie diese Lehre der katholischen Gesamtkirche weltweit und unverkürzt in der Seelsorge verkündet und beachtet wird.

CNA: Kritiker warnen davor, dass in einer regionalisierten Kirche statt einer Doktrin plötzlich zehn oder hundert entstehen würden - mit verheerenden Folgen. Stimmen Sie zu?

BADDE: Ja, gewiss. Doch keine Sorge. Eine derart regionalisierte Kirche hat der Papst eben nicht im Sinn – und es stünde ihm - als erstem Diener der universalen katholischen Kirche! – auch gar nicht zu, eine Union von unübersehbar vielen Nationalkirchen im Sinn zu haben. Das darf er einfach nicht. Damit würde er sich selbst neben die Kirche stellen. Denn eine derart regionalisierte Kirche, wie sie tatsächlich in Deutschland und anderswo einige seit langem für wünschenswert halten mögen, wäre in der Tat nicht mehr dieselbe Kirche, die in der Geschichte der Kirche zwar immer weiter gegangen ist, aber nie einen U-Turn gemacht hat. Die Kirche wird nach der Synode noch immer dieselbe Universalkirche sein wie vorher, vielleicht sogar bewusster als je zuvor.

CNA: Aber wieso? Ist das so genannte „flat Management“ nicht eines der Zauberworte modernster Konzernstrategien?

BADDE: Die Kirche ist kein Konzern. Eine falsch verstandenes „flat Management“ an der Autorität des römischen Lehramts vorbei würde in  der katholischen Kirche ungeheure Fliehkräfte freisetzen und einen ihrer größten Schätze aufs Spiel setzen und letztlich verspielen. Das ist ihre Einheit. Eine Regionalisierung der Lehre müsste de facto zu einer Spaltung der Kirche führen, die immer neue Spaltungen hervorbringen würde, wie wir es in der Fragmentierung der evangelischen Landeskirchen seit der Reformation im Jahr 1517 in einem gigantischen historischen Lehrstück beobachten können.

CNA: Der Heilige Vater hat auch betont, dass er die Befragungen zur Familiensynode abgehalten hat, um die Laien zu hören. Nun haben fast 900.000 Katholiken, die meisten Laien, aus aller Welt in einer "Ergebenen Bitte" gerade darum gebeten, die Glaubenslehre und Tradition aufrecht zu erhalten

BADDE: Ich bin überzeugt, dass nur ein Bruchteil aller getauften Katholiken weiß, was eine Synode ist – und auch nur ein geringer Prozentsatz aller gläubigen Kirchgänger. In diesem Zusammenhang müssen wir wohl auch die Befragungen begreifen. Von Winston Churchill soll das berühmte Bonmot stammen: „Ich traue nur den Statistiken, die ich selber gefälscht habe“. Doch ohne Scherz: die Problematik dieser Art der Erkenntnisgewinnung ist natürlich auch dem Papst bewusst, wenn er in seiner Rede sagt: „Sicher, eine Befragung dieser Art reicht auf keinen Fall aus, um auf den sensus fidei (d.h. die Lehrautorität aller Gläubigen) zu hören. Aber wie wäre es möglich, über die Familie zu sprechen ohne Familien zu Rate zu ziehen, ohne auf ihre Freuden und Hoffnungen zu hören, ihr Leiden und ihre Ängste? Durch die Antworten auf die zwei Fragebögen, welche an die Ortskirchen verschickt wurden, haben wir die Möglichkeit gehabt, wenigstens auf einige von ihren Fragen zu hören, die sie ganz direkt betreffen und über die sie so viel zu sagen haben.“ – Das zeigt, wie brisant und möglicherweise verhängnisvoll diese Art der Befragung war.

CNA: Wieso? Und hätten Sie eine bessere Idee gehabt?

BADDE: Um den Sensus Fidei aller Gläubigen zu erfahren, hätte der Papst wohl am besten auf alle Beichtväter der Kirche hören sollen. Mit Ermittlungsverfahren aus der Werbeindustrie oder Volksbefragungen kann der Sensus fidei jedenfalls nicht ermittelt werden, sondern höchstens die Unkenntnis und der Abfall vom Glauben. Denn woraus bilden sich die Gläubigen heute noch? Aus dem katholischen Katechismus oder aus den säkularen Medien? Und wer ist es denn, der diese Fragebögen beantwortet? Haben Sie einen bekommen? Ich nicht. Wer weiß also, was „die Katholiken“ wollen?

CNA; Wissen Sie es?

BADDE: Nein, aber nehmen Sie Deutschland zum Beispiel. Von denjenigen, die hier noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind, gehen am Sonntag oft weniger als zehn Prozent zur heiligen Messe. Über 700.000 haben aber einen Job bei der Kirche.  Es ist eine Situation, die in Rom manche über die schwerreiche „Katholische Kirche AG“ in Deutschland spotten lässt – obwohl die Kirche in Italien auch nicht viele Gründe zum Jubeln hergibt. Doch bei wem wollen Sie sich da nach dem Sensus fidei erkundigen? Und mit wem über das Credo reden? Was in Deutschland seit Jahren von den üblichen Berufskatholiken zu hören ist, sind monotone Worthülsen. Wenn Sie da von einem „angstfreien Dialogprozess auf Augenhöhe“ hören, können Sie sicher sein, dass es dabei grosso modo wieder um die Forderung nach der Abschaffung des Zölibats, die Einführung des Frauenpriestertums und andere olle Kamellen geht, die auch ein Papst Franziskus XXV. in 1000 Jahren nicht einführen wird. Ich weiß auch nicht, von welcher „Angstfreiheit“ da eigentlich die Rede sein soll. Haben Sie schon einmal vor einem Bischof Angst gehabt?

CNA: Nicht wirklich. Doch apropos Petitionen und Bischöfe: Mittlerweile wurden Unterschriften gesammelt, Kardinal Danneels aus der Synode zu entfernen. Und eine andere Petition forderte orthodoxe, also in Deutschland generell als "konservativ" beschriebene Synodenväter auf, die Synode zu verlassen. Was sagen Sie dazu? Kardinal Pell hat ja letzteren Appell deutlich abgelehnt.

BADDE: All diese Petitionen werden folgenlos bleiben. Was aber die rätselhafte Berufung von Kardinal Danneels betrifft, herrschte in der Synode ein merkwürdiges und fast schon auffälliges Beschweigen aller und wohl auch eine gewisse Ratlosigkeit. Kardinal Danneels ist hier selbst durch keine besonderen Wortmeldungen aufgefallen, und er wird sich sicher schon oft auf die Zunge gebissen haben, dass er kürzlich vor der Kamera in belgischer Bierlaune von einer Art „Mafia“ geplaudert hat, der er – mit den Kardinälen Lehmann, Kasper, Backis, O’Connor, Martini und Silvestrini und anderen – angehört haben soll, um die Wahl Benedikt XVI. zu verhindern. Ähnlich töricht ist aber auch der Aufruf an andere Synodenväter, diese hochwichtige und lebendige Versammlung zu verlassen. Was sollte das denn? Diesen Unsinn hat ja auch Kardinal Pell sehr klar zurück gewiesen.

CNA: Kommen wir zum anderen großen Thema. Kardinal Reinhard Marx hat vor der Synode nun deutlich einige dramatische Reformen der Kirchenlehre gefordert, nicht zuletzt die Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion und – wie gestern Kardinal Schönborn – aus Sicht vieler die Gültigkeit des sechsten Gebotes nach bisherigem Verständnis in Frage gestellt. Wie bewerten Sie diese Rede?

BADDE: Diese Rede ist überholt worden von dem einstimmig verabschiedeten Schlusspapier des deutschen Sprachzirkels. Offensichtlich haben in der Synode alle in den letzten Wochen voneinander gelernt, und alle zusammen vom Heiligen Geist. Dieses Schlusspapier aber ist in sich schlüssig und nahezu vollkommen – bis auf einen ganz unverständlich unversöhnlichen, zornigen und unnötigen ersten Absatz voll „großer Betroffenheit und Trauer“ – in dem nicht genannte Synodenväter für nicht genannte Äußerungen heftig kritisiert wurden.  Doch dieser Anfang steht nun wie eine verstimmte Stimmgabel vor diesem Text – gerade so, als hätte der Heilige Geist da gerade an der Bar eine Cappuccino-Pause eingelegt. Doch sonst ist dieser Schlusstext der deutschsprachigen Synodenväter, wie gesagt, fast makellos.

CNA: Aber nur einen Tag danach wurde in Bonn von der deutschen Bischofskonferenz ein konterkarierender Gegentext als Flyer unter das gläubige Gottesvolk gebracht - in dem die Genderideologie „katholisch gelesen“ werden soll ...

BADDE: ...ja, als bestünden die Katholiken in Deutschland aus Analphabeten und Legasthenikern. Doch sei’s drum. Das Schlussdokument des deutschen Sprachzirkels ist dennoch ein starkes Stück, bis auf den nicht ganz so hellen ersten Absatz. Doch auch dieser Text ist nun nur noch eines von vielen Schlussdokumenten aus anderen Teilen der Weltkirche, die von den Verfassern des definitiven Schlussdokuments der gesamten Bischofssynode zu Rate gezogen werden. Danach erst wird der Papst entscheiden, welchen letzten Schluss er in seinem letztlich bindenden Schlusswort aus all diesen Ratschlägen formulieren wird. Oder ob er das vielleicht auch bleiben lässt.

CNA: In seiner berühmt gewordenen Predigt am 18. April 2005 sagte Kardinal Joseph Ratzinger: „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ,vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen', als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt." – Welche Gültigkeit hat diese Warnung heute aus Ihrer Sicht?

BADDE: Was damals noch eine Warnung war, ist heute überall Realität geworden in der Welt des Westens, und leider auch in großen Teilen der Kirche. Es seien, sagte Benedikt XVI. vor Jahren einmal, quasi „prähistorische Zeiten“ gewesen, in denen er im Jahr 1951 zum Priester geweiht worden ist. Doch am Vorabend des Konklaves von 2005 wurde derselbe Joseph Ratzinger zu einem Propheten, der weit in die Zukunft blickte - bevor er am nächsten Tag zum Papst gewählt wurde.

CNA: Nun aber hat Papst Franziskus am 17. Oktober auch über eine „Bekehrung des Papsttums“ gesprochen, die dringend vonnöten sei. Können Sie sich vorstellen, dass es viele gibt, denen dieses Vorhaben Sorge bereitet? Einige unserer weltlichen Kollegen schreiben dies.

BADDE: Ja und nein. Allen, die die Sorge teilen, empfehle ich nur, seine Rede noch einmal zu lesen. Denn erstens sagt er da, dass es eine Notwendigkeit gebe, über diese Bekehrung „nachzudenken“. Das hat er aber mit seinen Vorgängern gemein, die auch schon darüber nachgedacht haben. Zweitens meint er hier nicht ein Aufgeben der Autorität des Papsttums innerhalb der Kirche. Auch ihm ist klar, dass er damit enormen zentrifugalen Kräften Raum geben würde, von denen ich oben schon sprach. Was er meint, ist im Gegenteil dies: er spricht sich hier noch einmal für eine vernünftige Öffnung des Petrusdienstes für die ganze Christenheit aus.

CNA: Wie meinen Sie das?

BADDE: Er will das Papsttum für all jene öffnen, die in „ökumenischer Sehnsucht“ auf die katholische Kirche schauen. All denen will er als Papst mit keinem überflüssigen Anspruch mehr Steine auf dem Weg in die vollständige Einheit legen. Die „Bekehrung des Papsttums“ versteht er als ökumenische Einladung. Deshalb ist er auf der Suche, „eine Form der Primatsausübung zu finden,“ die den getrennten Brüdern und Schwestern auf die rechte Weise entgegen kommt, ohne dabei „auf das Wesentliche der Sendung“ des Petrus-Dienstes zu verzichten. In diesem Sinn bewegt er sich hier in jener „Reinigung der Erinnerung“, von der der heilige Johannes Paul II. so oft sprach und die Papst Benedikt XVI. vor zehn Jahren schon veranlasste, den Anspruch „Patriarch des Abendlands“ aus den traditionellen Titeln des Papstes zu tilgen.

CNA: Was wird die Synode denn nun konkret zum Ergebnis haben? Lässt sich das jetzt schon sagen?

BADDE: Das werden wir erst vom Papst erfahren, wenn er uns mitteilt, welche Schlüsse er aus allen Ratschlägen ziehen wird, die ihm von den Synodenvätern gegeben werden.  Er ist der „Fels“, auf dem die von Jesus gegründete Kirche ruht, wie er jetzt wieder so deutlich gesagt hat, wie schon lange kein Papst mehr. Er ruht da vollkommen selbstbewusst in seinem Amt. Und ein Zweites lässt sich auch schon sagen. Wohl alle Synodenväter haben in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass es um die orthodoxe Lehre der Kirche eine Firewall gibt, die quasi unüberwindlich ist.  Wer sich gegen diese Lehre stellt, stellt sich quasi neben die Kirche, ob Bischof oder Kardinal. Mit dem Papst wird bei einem Angriff auf die Firewall keiner rechnen können.

CNA: Ist das schon alles?

BADDE: Nein, denn ein Letztes  lässt sich jetzt schon mit Sicherheit sagen, egal wie die Synode ausgeht. Für jedes alte Regime komme der schwierigste Moment seiner Geschichte, in dem es sich anschicke, sich zu reformieren, hat Alexis de Toqueville im 19. Jahrhundert bei seiner blendenden Analyse der Französischen Revolution erkannt. Denn solch ein Moment setze umgehend Erwartungen in der Bevölkerung frei, die nur höchst schwer zu bändigen und zu kontrollieren seien. Das können wir auch jetzt schon von den beiden Synoden zur Ehe und Familie sagen. Schon bei der Vorbereitungen der Synode wurde ein Tsunami an Erwartungen geweckt, der danach stetig angeschwollen ist. Diesem Druck müssen sich nun alle Synodenväter stellen, wenn sie in ihre Heimatbistümer zurückkehren. Eine wirklich schwierige Zeit fängt für die katholische Kirche erst ab morgen an.