Am 24. Januar 2024 wäre Monsignore Georg Ratzinger 100 Jahre alt geworden. Der Historiker und Autor Michael Hesemann hielt dazu kürzlich am Institut „Santa Maria dell'Anima“ in Rom eine Rede, aus der CNA Deutsch mit freundlicher Genehmigung in leicht redigierter Fassung zitiert. 

Woran misst man ein großes Leben? Daran, dass jemand Maßstäbe gesetzt und Generationen inspiriert hat? Daran, dass er Bleibendes hinterließ? Daran, dass ein Mensch geliebt hat und geliebt wurde? Oder daran, dass er sich „Schätze im Himmel anhäufte“, sich verdient gemacht hat um den Glauben und die Kirche und selbst ein stets gottesfürchtiges Leben führte? Welchen Maßstab wir auch immer anlegen, das Ergebnis bleibt: Es ist ein wahrhaft großes Leben, das heute vor 100 Jahren begann. Wir alle, die wir seine Zeitgenossen und Wegbegleiter sind, waren gesegnet, Domkapellmeister Georg Ratzinger zu kennen, der am 1. Juli 2020, zwei Tage nach dem 69. Jahrestag seiner Priesterweihe, im Alter von 96 Jahren in Regensburg entschlief.

Ich selbst bin keinem gütigeren und liebenswürdigeren Menschen begegnet, seit ich 2010 ihm vorgestellt wurde und ein halbes Jahr später seine Erinnerungen aufzeichnete, für ein Buch, wie es auch das bislang niemals gab: Der wichtigste Zeuge, der ihn von noch unsicheren Kindesbeinen an begleitet hat, erzählt von seinem Bruder, dem Papst.

Dabei habe ich nie vergessen, dass dieser stets bescheidene, ja demütige und herzensgute Mann, der über die Jahre zu einem väterlichen Freund wurde, selbst längst den Gipfel des Ruhms bestiegen hatte, ja zeitweise bekannter war als der gelehrte Theologieprofessor, der, bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising durch den hl. Paul VI. bis dahin bei vielen als „der kleine Bruder des berühmten Chorleiters“ galt. Es war also alles andere als ein Leben im Schatten des Jüngeren; erst die Papstwahl von 2005 veränderte die Perspektive, zumindest der Welt.

Bevor ich Georg Ratzinger im Mai 2011 eine Woche lang für unser gemeinsames Buch interviewte, hatte ich mich oft gefragt, wie es kommen konnte, dass aus einer einzigen, eher einfachen Familie – der Vater Landgendarm, die Mutter Köchin – gleich zwei Genies hervorgehen konnten: ein weltbekannter Chorleiter und Komponist und der größte Theologe unserer Zeit, der schließlich zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Nicht zu vergessen das älteste Kind, die Tochter Maria Ratzinger (1921-1991), die eigentlich Lehrerin werden wollte, dann aber auf eine Sekretärinnenschule ging, weil sie nicht bereit war, im Sinne der Nazis zu unterrichten; sie wurde später zur rechten Hand und Lektorin ihres jüngsten Bruders Joseph. Die Antwort auf meine Frage war schnell gefunden: Es war der tiefe, gelebte katholische Glaube und die intensive Frömmigkeit dieser Familie, die ihre Kinder nicht nur geistlich und moralisch formte, sondern sie auch inspirierte, nach den Sternen zu greifen. Das begann mit dem täglichen gemeinsamen Rosenkranzgebet, kniend auf dem Küchenboden, und erreichte seinen Höhepunkt in der Feier des Sonntags und speziell der Kirchenfeste. Da geschah es, dass die Herrlichkeit des bayerischen Barocks und die Schönheit seiner Musik die Kreativität und den Kunstsinn der drei Kinder erweckte und das Geheimnis der Liturgie sie einlud, das unergründliche Wesen Gottes zu erforschen. Dieses im Geist, in den Sinnen und in der Seele verwurzelte Erkennen dessen, was schön, rein und wahr ist, wirkte wie eine Impfung auch gegen den antichristlichen Zeitgeist und machte sie immun für die verbrecherische Ideologie des Nationalsozialismus, die sich in ihren Jugendtagen aufmachte, die Welt dem Bösen zu unterwerfen. So war die Berufung bei beiden Söhnen die logische Folge, dieses „Adsum“ zu den Reihen Gottes ihr Akt des Widerstandes gegen die Mächte der Finsternis und ihre schwarzen und braunen Legionen.

Geboren wurde Georg Ratzinger in einer kalten Winternacht, dem 15. Januar 1924, in Pleiskirchen als Sohn des Gendarmeriemeisters Joseph Ratzinger und seiner Frau Maria. Die Nähe zum bayerischen Nationalheiligtum Altötting sollte ihn prägen, der Schutz der schwarzen Mutter Gottes ein Leben lang begleiten. Doch es war auch eine Gemeinde, die bis 1803 dem Erzstift Salzburg unterstand, in einem Landstrich, der mit Mozart den vielleicht größten aller Komponisten hervorgebracht hat, in dem aber auch die Gelehrsamkeit der Benediktiner und die prachtvolle Baukunst des Barock ihre höchste Blüte erreichten.

Auch der Geburtstag, der noch in die Weihnachtszeit fiel, erwies sich als gutes Omen, denn genau das war er ein Leben lang: Ein durch und durch weihnachtlicher Mensch. Weihnachten ist nicht die Stunde der Theologie, es ist die Stunde des Jubilierens. Es ist die Geburtsstunde der Kirchenmusik! Denn was taten die Engel, die „Menge himmlischer Heerscharen“, von der Lukas (1,13) berichtet, anderes, als dass sie „Gott lobten“, als dass sie sangen: „Herrlichkeit in den Höhen für Gott und auf der Erde Friede den Menschen seiner Huld!“ Das Gloria haben sie damals gesungen!

Seine Schwester Maria war damals bereits drei Jahre alt, sein kleiner Bruder Joseph wurde drei Jahre später geboren, als die Familie bereits in Marktl am Inn lebte, ebenfalls noch im Umfeld Altöttings. Ein Leben lang konnte er sich an die frühmorgendliche Aufregung im Gendarmenhaus erinnern, als sein kleiner Bruder zur Welt kam und jene Bande geschmiedet wurden, die jetzt den Tod überdauern. Es folgten diverse, dem Beruf des immer wieder versetzten Vaters verschuldete Umzüge erst in die beschauliche Kleinstadt Tittmoning am Inn, dann nach Aschau, bevor der Vater in Ruhestand ging und ein altes Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein erwarb. Das waren die Stationen, auf denen sich seine Berufung formte, seine Liebe für beides, Gott und die Musik.

Der musikalische Vater, der im Kreis seiner Familie die Zither spielte und mit den Kindern, aber auch im Kirchenchor sang, mag die Inspiration dazu gegeben haben. Gemeinsamens Singen und Musizieren gehörte jedenfalls zum Familienalltag der Ratzingers wie das gemeinsame Gebet. In Marktl faszinierte ihn der Organist Andreas Eichner, der den Kirchenchor und in seiner Freizeit auch eine Blaskapelle leitete. Dieser „kleine Mann mit der großen Musi“, wie ihn Georg Ratzinger später schmunzelnd beschrieb, wurde zu seinem ersten musikalischen Vorbild. In Tittmoning wurde der Organist und Kirchenchorleiter Max Auer zu seinem ersten Lehrer, der ihn in die Kirchenmusik einführte und sein Harmonium spielen ließ. Sein Vater bestellte daraufhin für ihn ein eigenes Harmonium, das bald in das neue Heim, mittlerweile in Aschau, geliefert wurde. Auf die Frage, was er einmal werden wolle, antwortete der damals 7-jährige schon keck: „Ich werde einmal Domkapellmeister“. Sein Bruder schwankte damals noch, ob er Kardinal oder Maler werden wollte. Dabei meisterte der kleine Georg das große Instrument so virtuos, dass er bereits als 10-jähriger in Aschau den Organisten vertrat. Als er mit 11 in das Traunsteiner Studienseminar eintrat, hatte er endlich seinen Meister gefunden. Der dortige Direktor, Dr. Evangelist Mair, hatte in Rom am Pontificio Istituto di Musica Sacra promoviert und war in der Lage, ihn in die Welt der Kirchenmusik einzuführen. Schon mit 12 schrieb das junge Genie eigene Kompositionen, die zu Weihnachten im Kreis der Familie ihre Uraufführung erlebten. Der Vater erwarb schnell ein gebrauchtes Klavier, damit der hochbegabte Sohn auch zuhause üben konnte. Die Verbundenheit zum Chorleiter der Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald verschaffte ihm die Möglichkeit, auch hier an Orchestermessen auf höchstem Niveau mitzuwirken. 1941, mitten im Krieg, radelte Georg zusammen mit seinem Bruder Joseph nach Salzburg, um die Festspiele zu erleben. Hier begegnete er das erste Mal den Regensburger Domspatzen unter Georg Schrems und war überwältigt. Eine Liebe erfasste ihn, die sein ganzes Leben prägen sollte.

Nach den Kriegsjahren, zwangsweiser Einberufung, Kriegsverletzung und Kriegsgefangenschaft, stand er eines Tages, im Juli 1945, wieder vor dem elterlichen Heim. Nach einer nur kurzen, fast wortkargen Begrüßung der geliebten Eltern und Geschwister setzte er sich sofort ans Klavier und spielte das Te Deum: „Großer Gott, wir loben dich!“ Niemand schämte sich der Tränen, die dann flossen. Die Jahre der Angst und der Trennung hatten die Familie nur noch enger aneinander geschmiedet.

Die dunkle Zeit hatte Georg darin bekräftigt, Priester werden zu wollen und Joseph war ihm in dieser Einsicht gefolgt. Sein Vorbild hatte den späteren Papst schon ins Traunsteiner Knabenseminar geführt, jetzt stand für beide fest, dass sie Theologie studieren wollten. Als das Freisinger Priesterseminar im Januar 1946 wieder seine Tore öffnete, waren die Ratzinger-Brüder unter den Ersten, die hier eintreten durften. Als „Orgel-Ratz“ und „Bücher-Ratz“ – so nannten sie nicht ohne Bewunderung ihre Kommilitonen – brillierten beide auf ihrem jeweiligen Feld. In Georg wurde der geniale Kirchenmusiker geformt, in Joseph der größte Theologe unserer Zeit.

So wurde der eine zum Repräsentanten der benediktinischen Gelehrsamkeit seiner bayerischen Heimat, der andere zum Botschafter der barocken Klangschönheit, die den Gesang der Engel und das himmlische Jerusalem erahnen lässt. Die Theologie ist die Königin der Wissenschaften, denn der Wissenschaftler sucht die Wahrheit, während der Theologe längst ihr Mitarbeiter, ihr Cooperator, geworden ist. Die Musik aber, so muss man bei allem Respekt vor der hohen Theologie eingestehen, steht über der Wissenschaft. Denn in der Gegenwart Gottes werden keine gelehrten Vorlesungen mehr gehalten, da preist man den Herrn. Der Lobpreis Gottes immerhin ist der Sinn und Zweck der Schöpfung, Musik die Sprache der Engel.

Die Musik wurde aber auch seinem Bruder zur Inspiration, dessen zukünftiges Werk, so theologisch-wissenschaftlich es auch sein mag, immer auch Musik atmet. So wurde er zum „Mozart der Theologie“, was eben bedeutet, dass er in der Sprache der Engel, der Musik, lehrt. Schönheit und Klarheit sind wichtige Merkmale der Wahrheit. Und dass er dies nie aus den Augen verlor, dass er nie dieses Gefühl der Nähe des Himmels vergaß, war wohl auch seines Bruders großes Verdienst. „Gesang ist das subtilere Gebet. Das gesungene und musizierte Gotteslob packt den Menschen ganzheitlich. Es verleiht ihm noch eine ganz neue Dimension, was das gesprochene, gedachte oder meditierte Gebet in dem Maß nicht erreichen kann. So wird Musik zu einem Weg zu Gott“, hatte Georg Ratzinger mir 2011 erklärt.

Es folgte der große Tag vor nunmehr 69 Jahren, der wichtigste im Leben der Ratzinger-Brüder, ihre Priesterweihe am 29. Juni 1951 im Freisinger Dom. Der greise Kardinal Michael von Faulhaber, eine der prägendsten Gestalten der deutschen Kirchengeschichte, hat ihnen und 42 anderen an diesem strahlenden Sommertag unter dem brausenden Klang der Orgel und dem Gesang der Allerheiligen-Litanei das „Adsum“ abgenommen, bevor er ihnen die weihende Hand auflegte. „Nicht als ob wir von uns selbst aus etwas vermochten, sondern unsere Fähigkeit kommt immer von Gott“ hatten die Ratzinger-Brüder auf ihrem gemeinsamen Primizbild bekannt.

Nach einem Intermezzo in Grainau bei Garmisch wurde Georg Ratzinger als Musiker und Kaplan in der Münchner Pfarrei St. Ludwig aufgenommen, ganz in der Nähe seines Bruders, der in Heilig Blut Kaplan wurde. So blieben die Brüder verbunden und verbrachten fortan auch alle Urlaube zusammen. Das blieb so, auch als Joseph Ratzingers theologisches Genie erkannt wurde und er seine akademische Laufbahn begann und Georg nach Dorfen auf den Ruprechtsberg versetzt wurde. Als er 1957 sein Studium an der Münchner Hochschule für Musik abgeschlossen hatte, sollte er als Chorleiter in seine Heimatpfarrei St. Oswald in Traunstein zurückkehren. Als er ein hübsches, kleines Haus in der Innenstadt zugewiesen bekam, holte er seine Eltern zu sich. Seine Schwester Maria dagegen folgte Joseph Ratzingers Berufung nach Bonn, wo sie ihm als Haushälterin und Assistentin diente – sie sollte ihn ihr ganzes Leben lang, das 1991 abrupt endete, zur Seite stehen. Man sah sich seltener, auch wenn der Tod der Eltern (1959 und 1963) die drei Geschwister im Geiste nur noch enger aneinander schmiedete. Während Joseph in Rom am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahm und in Münster und Tübingen lehrte, machte Georg sich als genialer Kirchenmusiker einen Namen – und erlebte den größten Einschnitt in seiner Karriere. Als der mittlerweile 70-jährige Leiter der Regensburger Domspatzen, Domkapellmeister Theobald Schrems, nach einem Nachfolger suchte, wurde Georg Ratzinger empfohlen – und schließlich 1964 engagiert. Dies wurde zur größten künstlerischen Herausforderung seines Lebens, und er meisterte sie mit Bravour.

Der Mann, der die Sprache der Engel beherrschte, sollte jetzt aus Bengeln kleine Engel formen, zumindest wenn sie auf der Bühne standen, und wurde zum Missionar gesungenen Glorias in der Welt. Vierzig Jahre lang sollte Georg Ratzinger, jetzt Domkapellmeister, versuchen, den Regensburger Domspatzen so reine und klare Klänge zu entlocken wie Engel sie singen, um etwas von der himmlischen Herrlichkeit und der Freude über die Menschwerdung Gottes auf Erden spürbar werden zu lassen. Dabei war er zugleich erster Kulturbotschafter seiner bayerischen Heimat, die dem Himmel vielleicht ähnlicher ist als irgendein anderes Fleckchen auf dieser schönen Erde. Denn unter Georg Ratzingers harter Arbeit und sicherer Hand wurden die Regensburger Domspatzen zur weltweiten Institution. Immer wieder verließen die Knaben unter ihrem geliebten, manchmal strengen aber immer gerechten „Chef“ das „Kaff“, wie sie liebevoll ihr Gymnasium nannten, um im „Kaffbomber“, dem Bus, auf Tournee zu gehen: Zuerst durch ganz Deutschland, dann durch Europa und schließlich im Flieger bis nach Übersee, gleich zweimal in die USA (1983 und 1987) und nach Japan (1988 und 1991), zudem nach Kanada, Taiwan und Hong Kong. Doch die Höhepunkte der Chorgeschichte waren drei andere: 1965 traten die Domspatzen in Rom auf und sangen für die Konzilsväter und Papst Paul VI., 1980 vor Johannes Paul II. in München und 2005 vor Papst Benedikt XVI.

Die Knaben verziehen ihm daher seine Strenge im Probenraum und schlossen ihn spätestens dann in ihr Herz, wenn er sie täglich um 16.00 Uhr zur „Raubtierfütterung“ einlud, zur Speisung mit Brezeln, Bonbons und Kuchen. Sein großes, grundgütiges Herz blieb unvergessen und führte viele von ihnen noch nach Jahrzehnten immer wieder in sein Haus in der Luzengasse, auch als er längst, nämlich 1994, in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war. Er war ein Lehrer, der das Leben prägte, und der zum väterlichen Freund seiner vielen Schüler wurde. Als er allmählich erblindete, lasen sie ihm vor oder tippten seine Briefe, andere kamen einfach zum Kaffee. Im Haus in der Luzengasse ging es manchmal zu wie in einem Taubenschlag und alle wurden von seinen Haushälterinnen, der gestrengen Frau Heindl, dann der herzensguten Schwester Laurente, stets liebevoll umsorgt. Er war immer der leutseligere, der extrovertiertere der Ratzinger-Brüder, der sich auch für Fußball interessierte, mal ein Bier trank und bis ins hohe Alter gerne mit seinen vielen, oft auch hochrangigen Gästen „schnapselte“.

Bis kurz nach seinem 96. Geburtstag im Januar 2020 empfing er noch Musiker von Weltrang wie die Pianistin Anastassiya Dranchuk, den Tenor Wolfgang Nöth oder den Violinisten Baptiste Pawlik, die heute abend hier sind, genoss ihr Spiel und gab ihnen wichtige Inspirationen, mehr noch: Er hat ihnen etwas von der Schönheit Gottes vermittelt, etwas von Seiner Güte. Im Wesen war er stets verständnisvoll, demütig, großzügig, vor allem aber: vom Glauben durchdrungen. So wurde er für sie zu einem geistigen Vater, zu einem Vorbild wahrer Herzensgüte.

Neun Jahre lang, von 1968 bis 1977, wirkten die Ratzinger Brüder gemeinsam in Regensburg, wohin sie das Elterngrab verlegen ließen und wo der Jüngere bald ein Haus in Pentling besaß. Nur unwillig ging dieser dann doch nach München, als Paul VI. ihn zum Erzbischof ernannte, noch unwilliger folgte er Johannes Pauls II. Ruf nach Rom. Sein Traum war es, seinen Lebensabend in Regensburg zu verbringen, in seinem herrlichen Bayernland und nahe beim geliebten Bruder. Doch der Herr hatte, wir wissen es alle, ganz andere Pläne. Die Brüder ertrugen es tapfer, als das Konklave 2005 den Traum zerplatzen ließ, und blieben dennoch im Geiste vereint. Selbst in den arbeitsreichsten Phasen seines Pontifikats verging kaum ein Tag, an dem Papst Benedikt XVI. nicht abends noch nach dem Telefon griff und den geliebten Bruder anrief. Kaum war er Emeritus, folgten Jahr für Jahr jeweils vier Besuche Georg Ratzingers in Rom, der im Monastero Mater Ecclesiae, dem Alterssitz des Altpapstes, sein eigenes Zimmer hat. Dass das Reisen für den mittlerweile 96-jährigen immer beschwerlicher wurde, änderte nie etwas daran; erst die Corona-Krise machte seine letzten Reisepläne zunichte. Stattdessen besuchte ihn dann der Papa emerito im Juni 2020 an seinem Sterbebett, um dem geliebten Bruder „Lebwohl“ zu sagen.

Als Georg Ratzinger 2008 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Castel Gandolfo verliehen wurde, hielt sein Bruder Joseph, mittlerweile Papst Benedikt XVI., die Laudatio, und erklärte:

„Seit den frühesten Zeiten meines Lebens ist mein Bruder für mich nicht nur stets ein Gefährte, sondern auch ein vertrauenswürdiger Wegweiser gewesen. Aufgrund der Klarheit und Entschlossenheit seiner Entscheidungen ist er für mich ein wichtiger Orientierungs- und Bezugspunkt. Er hat mir immer, auch in schwierigen Situationen gezeigt, welcher Weg einzuschlagen ist… Die Tage, die uns bleiben, werden nach und nach weniger. Doch auch auf dieser Etappe hilft mir mein Bruder, mit Gelassenheit, Demut und Mut die Last eines jeden Tages anzunehmen. Dafür danke ich ihm.“

Georg Ratzinger wusste, dass er eines Tages, wie er es nannte, das „Ex-Amen“ ablegen müsste, „das allerletzte Examen vor dem himmlischen Prüfer“. Als sein Herz immer schwächer wurde, als sein geliebter Bruder ihn noch einmal in Regensburg besuchte, war er bereit. Sein Sterben war, wie sein ganzes Leben, in seinem tiefen Glauben verankert. Und in dem Bewusstsein, dass er danach in den himmlischen Chören singen wird.

In der Liebe, der Schönheit und der Wahrheit finden wir Gott. Georg Ratzinger hat nicht nur seinem Bruder, ebenso wie Paul VI., Johannes Paul II. und den Konzilsvätern, vor denen er mit den Domspatzen auftrat, Gott durch die Musik ein wenig näher gebracht, sondern uns allen – in den 96 Jahren seines wahrhaft gesegneten Lebens. Darum, um ihm noch einmal für dieses Lebenswerk zu danken, sind wir hier und heute zusammengekommen. Etwas von der Schönheit Gottes hat uns sein Werk vermittelt, etwas von Gottes Güte sein Wesen – stets verständnisvoll, demütig, großzügig, vor allem aber: vom Glauben durchdrungen. Er ist uns allen, ganz wie sein Bruder, zu einem Vorbild im Glauben, in wahrer Herzensgüte geworden, das noch lange über seinen Tod hinaus leuchten wird. Und darum sagen wir an dieser Stelle, an seinem 100. Geburtstag, den er mit den Chören des Himmels und im Beisein seines geliebten Bruders feiert, ein von Herzen kommendes Vergelt’s Gott, lieber Herr Domkapellmeister, auf Wiedersehen im Himmel!

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