An Christus scheiden sich die Geister

Innenansicht der Hagia Sophia
Foto: Mark Ahsmann / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)
15 September, 2020 / 6:46 AM

Die (Wieder-)Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee durch den Staatspräsident der Türkei, Recep Tayiip Erdogan, war ein Fanal: Das Gotteshaus, das 100 Jahre durch die (wenngleich diktatorische) Leistung Mustafa Kemals als Museum und Dokument des Oströmischen und Byzantinischen Reiches genutzt wurde, ist nun für 70% der türkischen Staatsbürger zu seiner eigentlichen Bestimmung zurückgeführt worden. Westliche Stimmen erhoben sich sehr zaghaft. Wenn überhaupt, dann mit der historisch begründeten Forderung, die 1000-jährige christliche Präsenz in dem unter Justinian von armenischen Baumeistern errichteten Gotteshaus würde unter den Tisch fallen.

Nun erheben sich schon weitere Stimmen von religiösen Vertretern, die "Mezquita" genannte Kathedrale in Cordoba wieder für muslimisches Beten zu öffnen – so etwa Scheich Sultan Ibn Muhammad Al Qasimi bzw. der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Sie bedienen sich vordergründig eben dieser historischen Argumentation, schließlich sei diese Kathedrale in der großen Moschee der vormals von den Umayyaden beherrschten Stadt (bis 1236) erbaut worden. Verfolgt man diese Diskussionsgrundlage eines gefährlichen revisionistischen Geschichtsbildes, stellt sich einem aufmerksamen Historiker die Frage, ob der Ursprung eines Gotteshauses wirklich relevant sei. Im Falle der "Mezquita" befand sich an derselben Stelle davor eine westgotische Kirche und davor mit aller Wahrscheinlichkeit ein heidnischer Tempel. Müssen wir jetzt unsere christlichen Heiligtümer, und auch in unseren Landen gibt es einige davon, die auf antiken Verehrungsstätten errichtet wurden (Nonn bei Bad Reichenhall, St. Severin in Passau, viele Brunnenheiligtümer), wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuführen?

Kampf der Wahrheiten: Eine Analyse

Sie sehen schon, diese Frage führt nicht weiter. In beiden Fällen, Hagia Sophia und Cordoba, steht hinter der Argumentation, die die Nutzung der Gebäude als Moschee fordert, eine andere Haltung (keiner bietet derweil die Rückgabe der Kathedralen von Famagusta und Nikosia an, die unter den Lusignan als Königen von Zypern erbaut wurden): Beide Gotteshäuser stehen wie keine anderen für die Präsenz des muslimischen Gottesglaubens in Europa – das eine im Osten, das andere im Westen. Diese zwei umrahmen symbolisch den Impetus der Eroberungszeit des Islam – und der Unbedingtheit des Wahrheitsanspruches derselben Religion: der Kampf um die Wahrheit ist längst entbrannt. Im Moment wird er symbolisch geführt.

Das lateinische Christentum befindet sich derzeit in einer verzwickten Lage: Gesellschaftlich scheint es seit ca. 50 Jahren in eine Bredouille der zunehmenden Bedeutungslosigkeit geraten zu sein. Die "Relevanz" der Kirchen ist für die Gesellschaft, die sich zunehmend und zunehmend rasant entchristlicht, allenfalls als private Sinnstiftungsmaschinerie bzw. soziale NGO präsent. Selbst manche Kirchenvertreter verdeutlichen nicht den Sinn und Zweck der Kirche, der Stiftung Jesu Christi zur Heiligung der Welt.

Die Frage nach Jesus Christus

Diese äußere Krise ist auch Ausdruck einer eklatanten inneren Krise, die schon vor langem begonnen hat und deren sichtbare Auswirkungen wir nun in frappierender Klarheit sehen: Es ist die Tatsache, dass wir die Frage nach der Person Jesu Christi nicht ausreichend beantworten und verkünden können. Wer ist also Jesus, der Christus? Seine Botschaft des Evangeliums zu verkündigen und seinen Tod und seine Auferstehung zu feiern ist unser Auftrag als Getaufte.

Ein "Stiefkind" der Dogmatik

Doch in dieser Aufzählung fehlt das dritte, wesentliche Element im Mysterium Fidei: Christi Reden, insbesondere bei Matthäus, aber auch in den Parakletenreden bei Johannes, weisen auf seine Wiederkunft hin, also das Ziel unseres Seins: dass wir Heil erlangen, erlöst werden. Darum heißt diese Disziplin auch Soteriologie, im Allgemeinen eine Unterdisziplin der Christologie. Alle Streitereien und Diskussionen, die im Prozess der Formulierung des Großen, Nizänokonstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses niedergeschlagen haben, haben in dieser Frage ihren Ursprung: Wie, wo und wodurch findet der Mensch Erlösung und Vollendung?

Dass Gott durch Christus, dem Heiland, mit dem Menschen einen Plan hat, findet sich auch in diesem Symbolon wunderbar formuliert: "καὶ διὰ τὴν ἡμετέραν σωτηρίαν κατελθόντα ἐκ τῶν οὐρανῶν" – "Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen". Die Frage nach dem Heil, das sich der menschlichen Logik nicht verschließt, bewegte seit Anbeginn die Väter. Diese Frage nach dem Heil steht bereits auf dem Fundament der Offenbarung an das Volk Israel und dem Judentum.

Dreifaltigkeit: der Lebendige Gott!

Im Grunde dreht sich die Wahrheitsfrage im Streit zwischen Islam und Christentum um den Begriff und das Verständnis der Trinität. Dem Christentum wird (wie dem Judentum auch) oft der Begriff der "Tahrif", der Verfälschung der wahren Lehre Gottes vorgehalten. Personen, "Propheten"  wie Mose (Musa), Joseph (Yusuf, wobei im Qur'an der alttestamentliche Jakobssohn wie der neutestamentliche Ziehvater Jesu) und Jesus "Isa" waren wahre Muslime und Folger der Wahrheit Gottes, wie auch Muhammad, der letzte in der Reihe. Was Wahrheit ist, steht von Gott diktiert im Qur'an. Er allein ist groß und einzig. Es zeigen sich für einen westlich geprägten Menschen Widersprüche in den direkten Aussagen Gottes, z.B. in der Baqara (2. Sure) mit dem Gebot der Glaubensfreiheit, während spätere Suren diese Glaubensfreiheit verneinen. Diese Widersprüche sind für gläubige Muslime eher kein Problem, denn die Allmacht und Unnahbarkeit Gottes, die aus seiner Größe entspringt, lassen dies für menschlichen Verstand unbegreifbaren Wandel möglich erscheinen.

Dem gegenüber steht die Erfahrung des Volkes Israel als Gottesvolk:  Die Verlässlichkeit Gottes in seinem Bund (der im Islam eher in der Volksfrömmigkeit als in der Theologie eine Rolle spielt, siehe das Opferfest) ist wird garantiert durch die Gerechtigkeit und die Gnade Gottes, der das Heil seines Volkes im Blick hat. Dafür wird er der "Lebendige Gott" genannt, der Ausdruck findet im Gottesnamen JHWH, "Ich bin, der ich bin", was nicht nur Unverfügbarkeit, sondern auch Präsenz impliziert. Fast ständig wird in den Büchern der Torah auf das geschichtsmächtige Wirken des HERRN für sein Volk rekurriert, Gott ist unverfügbar, unsichtbar, einzig, aber hat jedoch auch eine hoch personale, persönliche und zugewandte Wesensart. In dieser vermeintlichen Spannung bewegt sich die Geschichte des Volkes Israel – und seine großartige Selbsterkenntnis: Nicht das mächtigste Volk wurde erwählt, sondern das Volk, an dem Gott seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit den anderen Völkern gegenüber erweisen kann. Hier liegt ein zutiefst universaler, kein verengender Gedanke zugrunde.

Die Universalität Gottes, die auch im Islam die entscheidende Rolle spielt, zeigt sich schon in der Schöpfung von allen Dingen und Wesen. Alle Menschen stammen von einem Paar ab, es wird also kein Unterschied wie in den hellenistischen Entstehungsmythen gemacht. Und: Die Mehrdimensionalität als Unverfügbarkeit und Mysterium Gottes zeigt sich schon im Buch Genesis an dieser Stelle: Anwesenheit von Gott, dem Ursprung allen Seins, seinem Geist, der über dem Wasser des Nichts schwebt und seinem Wort, das schon "im Anfang" gesprochen wird. Auch in der Pluralen Selbstbezeichnung "Lass UNS Menschen machen" ist ersichtlich, dass Gott sich selbst nicht als eindimensional begreift.

Der Ursprung, von den Kirchenvätern in den Worten Christi ins Glaubensbekenntnis als "Vater" hineinformuliert, ist unverfügbar, unbegreiflich, allkönnend und allmächtig. Das im Geist gesprochene Wort jedoch hat einen Adressaten, der durch diese Anrede erst entsteht, zunächst die Welt, dann der Mensch, dann sein Volk. Dieses Volk lebt, wie schon gesagt, aus der Beziehung zum unsichtbaren und doch anwesenden, personalen Gott. Diese Beziehung wird möglich, weil Gott einen Bund schließt, sich bindet, weil er sich binden will. Ausdruck des Bundes ist das Gesetz, die Torah (Weisung). Für einen gläubigen Juden ist dies nicht striktes Abarbeiten von Paragraphen, sondern Ausdruck der Liebe, um die es eigentlich geht: Gottes Liebe macht menschliche Existenz erst möglich, und in dieser Liebe hat Gott einen Plan mit dem Menschen. Der Mensch befolgt idealerweise Gottes Plan in Liebe nach dem Gesetz. Das Gesetz nimmt (vgl. Sukkot, das Laubhüttenfest) regelrecht Wohnstatt im Volk Israel, hat einen Platz in der Mitte des Volkes und im Herzen des Einzelnen. Dies zeigt schon einen weit entwickelten Personenbegriff, der sich im Laufe der Zeit trotz aller verschiedenen Strömungen und Schulen im Judentum immer weiter ausbildet und die Grundlage für unser Evangelium bildet. Während im Islam jeder Gläubige dem Willen Gottes unterwirft (Islam – Unterwerfung), dabei aber eher die kollektive Komponente der "Umma" betont wird (siehe Sure 1, Fatiha), der der einzelne auf dieser Welt zum Sieg zu verhelfen hat, ist das Gottes- und Gottesvolksverständnis Israels von Anfang an eine Spannung zwischen Individualität und Kollektiv. Neben dem Kollektiv Israels als Gottesvolk und Zeichen für die Völker trifft das Herz des Gesetzes jeden einzelnen in seinem Leben. Gesetze sind in der Einzelanrede gehalten. Das Ringen um die einzelnen Vorschriften und die für uns unübersichtliche Zahl von Einzelgeboten sind daher kein Ausdruck für penible und phantasielose Rechthaberei sondern vielmehr Zeugnis des Willens Israels, die liebevolle Beziehung zu Gott mit jeder Faser des Alltags zu leben. Gerade die Erzählungen des Talmud geben ein rührendes und großartiges Zeugnis der persönlichen Gottesbeziehung. Sie findet ihren Höhepunkt in der Haltung des Qorban, des aus Liebe dargebotenen Opfers, das vielgestaltig sein kann, von Opfergaben bis hin zum Opfer des Gebets. Die Haltung Israels ist zutiefst Qorban.

Es ist also ersichtlich, dass die Offenbarung Gottes an Israel schon eine mehr, genauer gesagt, dreidimensionale ist: Durch die Sammlung der Schriften, die den Grundstock des Alten Testaments bilden und im Judentum TaNaK (Tora/Gesetz – Nebiim/Propheten – Ketubim/Bücher (der Weisheit)) genannt werden, ist der Vater als Ursprung von Allem, der Geist (auf den ich hier aus Platzgründen  nicht näher rekurrieren will) und das Wort, das in seinem Volk sichtbar Wohnung nimmt, evident. Hier sehe ich die jüdische und christliche Theologie als weitgehend deckungsgleich. Zwar ist der Begriff der Trinität dem Judentum eher fremd, jedoch befindet sich diese Formulierung auf dem Boden des Gottesvolkes. Es sei hier auf die Verklärung am Tabor hingewiesen, in der die Stimme des Vaters explizit von seinem Sohn als Wort, auf das die Apostel hören sollen spricht. Die Kontinuität ist durch die sichtbare Anwesenheit und Assistenz von Mose (Tora) und Elija (Propheten) evident.

Zurück zum Qorban: Jesus Christus als menschgewordenes Qorban

Es ist schade, dass die Opfertheologie nach der Reformation und im Zuge der letzten Jahrzehnte etwas in Verruf geraten ist, was mit der Deutschen Sprachungenauigkeit zu tun hat: Opfer als Vollzug (lat Offertum) und Opfer als Person, der etwas geschieht (lat. Victima) sind bei uns dasselbe Wort, weshalb allein bei der Verwendung des Wortes immer die jeweils andere Bedeutung mitschwingt.

Diese Haltung des gerne gegebenen Opfers, der Hingabe, ist in den johanneischen Werken der Begriff der "Liebe" (Agaph) zugewiesen, demnach ja Gott selbst "die Liebe ist" (1 Joh 4,16). Diese Liebe ist lebendig, bleibt nicht für sich sondern "entäußert sich". Hier zeigt sich eine aus dem jüdischen Verständnis heraus zwingende Logik: Gottes Kommunikationskraft (Logos) bleibt nicht bei sich, sondern ist personal. Diese ganze Hingabe zeigt sich, dass er Mensch wird (vgl. 1 Thess und Joh), um diese Beziehung selbst zu leben. In Jesus Christus wird Gottes Logos Mensch, und zwar in seiner ganzen Dimension, mit Leib, Seele und Geist sowie Willen. Es war den Vätern bis hin zum Monotheletenstreit immer wichtig, die Komplettheit der Menschheit des Sohnes zu formulieren: Nur wenn der Logos komplett Mensch wird, ist auch die Erlösung und das Heil für den Menschen komplett. Insofern mussten auf den ersten Blick einfachere Lösungen wie der Arianismus zurückgewiesen werden. Nur Christus als ganzer Gott und ganzer Mensch kann das Erlösungswerk vollziehen, denn: nur Gott kann erlösen und er kann die Hürde nur überbrücken, indem er ganz Mensch wird – mit einer Ausnahme: Da Christus selbst die Beziehung Gottes ist, ist er auch in ihr und lebt sie. Insofern wurde er uns "in allem gleich außer der Sünde", die ja die Gottferne beinhaltet.

Selbst hier überwindet er noch ein entscheidendes Paradoxon: Er, der sündlos war, ist für uns zur Sünde geworden. Der Person gewordene Gott geht in seiner Hingabe an uns und den Vater soweit (um uns zu Gott zu führen), dass er aufgrund der Gesetzestreue seines Volkes, deren Inbegriff Jesus Christus ist, hingerichtet wird, und zwar mit dem Verrätertod. Gott zeigt hiermit die Unbedingtheit und Unüberbietbarkeit seiner Liebe, die vor dem Tod nicht zurückschreckt und sie dadurch überwindet. Christus durchbricht so durch seine Erlösungstat, sein Sterben, die Logik, die sich aus einem innerweltlichen Verständnis des Gesetzes und einer einseitigen Betrachtung Gottes nur aus Gerechtigkeit, nicht aus Erbarmen heraus ableiten lassen könnte, wie auch Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz erklärt in "Verzeihung des Unverzeihlichen? Ausflüge in Landschaften der Schuld und der Vergebung".

Zwar kennt auch das Qur'an den Titel Gottes als "Allerbarmer", jedoch bezieht sich diese Formulierung auf die Tatsache, dass allein das Geben der Weisung durch den Qur'an eine Gnade und das Licht für den Menschen ist, der als Muslim geboren wird und in seinem Leben fehl geht. Die Tatsache, dass Muhammad mehrmals vom Erzengel Gabriel (Jibril) gewürgt wird, zeigt eine dominante und verordnende Haltung, der sich der Mensch eindeutig zu unterwerfen hat. 

Von Barmherzigkeit im Sinne Christi, die die Entäußerung und Hingabe gibt, bevor sie zur Entscheidung und Umkehr aufruft, kann nicht die Rede sein.

Die Wahrheit Gottes dreht sich also dezidiert um den Personenbegriff und die Person Jesu Christi: Nur durch die Tatsache, dass der Logos Gottes Mensch, uns gleich geworden ist, macht ihn zu einem Gott, der uns wirklich versteht und annimmt. Dass dieses nicht unser Verdienst ist, erklärt sich von selbst, sondern Gnade Gottes. Jedoch ermöglicht die Akzeptanz, Jesus, den Erlöser und Heiland, im menschlichen Leben Platz zu lassen, das christliche Leben: Umkehr und Erlösung aus den Verstrickungen der Sünde. Das ist nur möglich, weil Gott nicht voluntaristisch handelt (diese Strömung war die logische theologische Konsequenz des Islam im Mittelalter), sondern einen Bund schließt – und Bund bedeutet, dass Er sich hingibt und bindet, an uns, deren Heil Er will.

Eine Frage der Wahrheit

Erst in dieser Haltung der Suche nach der Wahrheit Gottes kann das Christentum dem muslimischen Impetus von Präsenz und Verdrängung begegnen, wenn es dezidiert an der Person Jesu Christi als Gott und Mensch festhält, ihn als Gott von Gott, Licht vom Licht, dem gezeugten, nicht geschaffenen begreift, sowie von ihm als den Erlöser und Punkt kündet, an dem sich das Schicksal der Menschheit und jedes Einzelnen entscheidet.

Übrigens: Wenig später wurde – kaum beachtet von den westlichen Medien – das zweite weltberühmte ehemalige Gotteshaus und Museum, die Chorakirche wieder zur Kariye Camii, zur Moschee. Honi soit, qui mal y pense: In der Apsis über dem ehemaligen Altar ist Christus, der Auferstandene, abgebildet.

Andreas Häring arbeitet als Pastoralreferent in einem oberbayerischen Pfarrverband. Von 2006 bis 2007 studierte der Diplomtheologe in Jerusalem.

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