Benedikts Weg zu Gott

Eine Betrachtung zu Peter Seewalds "Benedikt XVI. Ein Leben"

Benedikt XVI.
Foto: CNA
16 May, 2020 / 7:07 AM

Erinnern Sie sich noch an einen Bestseller aus dem Jahr 1996? Vor fast 25 Jahren publizierte der Journalist Peter Seewald – einst ein streitbarer, dann abtrünniger Agnostiker, zum Glauben der Kirche bekehrt und seither ein bekennender, tiefgläubiger Katholik – den Band "Salz der Erde" – zu einer Zeit, als Gesprächsbücher noch nicht so in Mode waren wie heute. Seewald hatte geistliche Wanderungen mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation unternommen, der in Deutschland als "Panzerkardinal" verzeichnet wurde. Die Früchte dieser Gespräche mit Kardinal Joseph Ratzinger wurden zum Bestseller. Von innen her berührt waren viele Leser damals besonders, dass die Antwort des späteren Papstes auf die Frage "Wie viele Wege gibt es zu Gott?" ganz schlicht lautete: "So viele, wie es Menschen gibt." Mir ist dieses Wort später ähnlich begegnet, so etwa bei dem Marianhiller Pater Adalbert Ludwig Balling, der besonders in Bayern von einfach gläubigen, frommen Katholiken – so auch von Maria Ratzinger – gern und oft gelesen wurde. Kardinal Ratzinger hatte sich also mit dieser Wendung nichts Besonderes ausgedacht, sondern einfach freiweg kundgemacht, was er denkt. So hat er mit großer Sensibilität mit diesen Worten auch sein eigenes Gottvertrauen zur Sprache gebracht – und nicht etwa neue Missionsstrategien entworfen.

Dem Publizisten Peter Seewald ist es wie niemandem sonst gelungen, die Gestalt und Theologie von Joseph Ratzinger auf eine verständliche, leicht zugängliche Weise im deutschen Sprachraum zu vermitteln. Weitere Gesprächsbücher folgten. Die lange erwartete Biographie ist nunmehr erschienen und hat ein mediales Echo hervorgerufen, das tiefe Einblicke schenkt. Wer sich mit dem Diskurs auseinandersetzen möchte, möge sich hineingeben. Das vorliegende Buch wird auch diese Debatten überdauern. Manche Wahrnehmungen und Anmerkungen sind vielsagend. Sichtbar werden aber vor allem die Profile der Autoren, die sich nun erneut kritisch bis empört positionieren. Vielleicht muss niemand mehr sich über diese Resonanzen verwundern.

Der christliche Glaube ist zwar eine Buchreligion, aber noch mehr lebt er von Beziehungsgeschichten. Für Peter Seewald war die Begegnung mit Joseph Ratzinger außerordentlich wichtig, prägend, wegweisend. Unser Glaube lebt in Beziehungen und wächst und reift durch Begegnungen, mit Büchern und Personen. Das Bild, das wir von Kirche und Theologie haben, ist manchmal scharf konturiert. Die öffentlichen Debatten sind, scheint mir, zwar sehr gegenwärtig, aber aufs Ganze gesehen vielleicht nicht ganz so wichtig. "Ja mei, scho‘ wieder so a Manifest", sagte eine Bekannte neulich zu mir, erst stöhnend, dann schmunzelnd, bayerisch nüchtern, gelassen und bodenständig.

Wo vernehmen wir Gottes Stimme? Wo öffnen sich Räume für jene Pilger des Glaubens, die einfach nur beten möchten, die Schutz, Obdach und eine Herberge suchen? Für gläubige Katholiken – das zeigt auch die von Peter Seewald souverän und kenntnisreich erzählte Lebensgeschichte von Benedikt XVI. – bot und bietet die Kirche eine Heimat. Dem tun auch wunderliche Äußerungen aus dem Raum der Kirche keinen Abbruch, damals wie heute. Seewald verschweigt nicht, dass auch die Freisinger Bischofskonferenz zwar die ideologischen Vorbehalte gegenüber den Nationalisten nicht aufgab, sich aber schon 1933 defensiv äußerte: "Eine einfache Mitgliedschaft bei der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen bedeutete … keinen Verstoß mehr gegen ein Kirchengebot." Gläubige Katholiken behielten oft den klaren Blick. So erzählte die Liturgie der Kirche von der eschatologischen Hoffnung, während draußen vor der Tür der säkulare Ungeist der Nationalsozialisten sich austobte. Joseph Ratzinger wusste schon als Kind, dass die Familie Ratzinger niemand anderem folgen und treu sein würde als dem Herrn Jesus Christus und Seiner Kirche.

Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. hat von Wegen mit Gott und Wegen zu Gott gesprochen, sein ganzes Leben hindurch, durch sein stilles Beispiel, durch die Freundlichkeit, Herzensgüte und katholische Weltoffenheit, die ihm zu eigen ist, auch durch den Humor und die große Ernsthaftigkeit. Wer in dieser sehr besonderen Zeit sich mit der Lebensgeschichte des emeritierten Papstes vertraut machen möchte, mag Peter Seewalds Biographie zur Hand nehmen. Besonders liebevoll erzählt sind die Kindheitsgeschichten: "Dass er sich an einer Rauferei oder einer Schneeballschlacht beteiligt hätte, ist nicht überliefert. Auch nicht an den Rangeleien, wenn die anderen in der Pause zum Bach laufen, um bäuchlings auf dem Steg die Fische zu beobachten."  Die rührende Geschichte über den Teddybären, den der kleine Joseph unbedingt haben wollte und der ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet hat, führt in den Vatikan: "Zuletzt landete er in Rom. Auf einem Stuhl im Schlafzimmer des päpstlichen Appartamentos." Auch heute sitzt der auch knapp 90-jährige Teddybär sicherlich im Altersruhesitz von Vater Benedikt. Ein wenig verborgen – anders freilich als heute – lebte der jüngste Sohn der Ratzingers bereits in der Kindheit: "Spielkameraden hat er kaum. Die Bauernkinder sind nach der Schule meist mit Hof- und Feldarbeit beschäftigt. Aber Joseph genießt es, sich ungestört seiner romantischen Ader hinzugeben. Mit Vorliebe pflückt er Blumen, schreibt Natur- und Weihnachtsgedichte, freut sich an Tieren …" Das Lernen bereitete ihm wenig Mühe, die Zwangsanstalt Schule selbst mochte er nicht so sehr. Den Sportunterricht erlebte er als grausliche Plage, alles Militärische blieb ihm fremd. Joseph las am liebsten zu Hause. Er mochte Erzählungen gern, besonders Romane von Hermann Hesse. Bei Augustinus geriet er ins Schwärmen. Joseph Ratzinger lebte persönlich bescheiden, im Elternhaus, in Pentling und andernorts. Als er sich, mit großer Mehrheit zum Papst gewählt, auf der Benediktionsloggia des Petersdomes den Gläubigen zeigte, war sein alter Pullover unter der neuen Soutane deutlich sichtbar. Seewald erzählt auch, dass die Lufthansa sich einmal darüber mokiert habe, dass der zerschlissene Koffer des Kardinals "geschäftsschädigend" sei. Ehemalige Studenten und Weggefährten berichten, dass der Theologieprofessor, wenn er von der finanziellen Notlage eines Studenten oder Mitarbeiters hörte, leise sagte: "»Schreiben Sie mir Ihre Kontonummer auf den Zettel.«"

Die Liebe zur Kirche, so Peter Seewald, schien ihm förmlich "angeboren" zu sein. Von dieser Liebe berichtete auch der junge Dozent auf dem Freisinger Domberg: "Mit dem jungen Theologen war ein neuer Klang in die Welt gekommen, zumindest in die Welt von Freising. »Er hat Sachen gebracht, die man noch nie gehört hatte«, berichtete sein Student Franz Niegel. »Die Zeit war ja schon sehr muffig, und da kommt dann einer und kann einem die Botschaft neu sagen. Inhaltlich haben wir aufgehorcht. Für uns ist da ein neues Türl aufgegangen. Bis dahin gab’s nur die ganz traditionelle Sichtweise, und er hat die Dinge neu zum Leuchten bringen können.«" Er galt theologisch als "»Linkskatholik«", war frei von professoralen Attitüden und ein aufmerksamer Zuhörer, wenn Studenten ihn aufsuchten oder, als Weggefährten im Glauben und im theologischen Denken, postalisch mit Fragen behelligten, auch später noch zu Kardinals- und Papstzeiten, wie ich selbst immer wieder dankbar erfahren durfte. Wie gern hätte Joseph Ratzinger im Alter mehr Zeit für theologische Studien gehabt. Aber der Herr brauchte ihn als Papst der Weltkirche. Heute trägt er uns alle mit im Gebet – und wir beten auch für unseren lieben Vater Benedikt im Vatikan.

Peter Seewald hat uns mit seinem wertvollen, in jeder Hinsicht gewichtigen Buch kostbare Einblicke in das Leben von Joseph Ratzinger geschenkt. Wir dürfen ihm dafür sehr dankbar sein – und in gotteskindlicher Treue, so wie Benedikt XVI. bis heute, der Kirche des Herrn verbunden bleiben. So sind wir einander zugehörig als Schwestern und Brüder im Glauben, geborgen in der großen Familie Gottes, die alle Zeiten und Orte umschließt und Himmel und Erde verbindet. Wie unsagbar schön ist es doch, römisch-katholisch zu sein!

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