"Ein bisschen weniger schlecht leben"

Der Erzbischof von Aleppo im Gespräch mit Christian Peschken

Erzbischof Jeanbart im Interview mit Christian Peschken
Foto: Screenshot
06 January, 2021 / 6:00 AM

Aleppo in Syrien ist bekanntlich eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt, und zwar seit dem sechsten Jahrtausend vor Christus. Syrien ist aber auch bekannt für den Bürgerkrieg, der dieses Jahr in sein 10. Jahr geht.   

Die Vereinten Nationen schätzten 2018, dass seit Beginn des Krieges 500.000 Menschen getötet wurden und über 6 Millionen Menschen aus ihrer Heimat in Syrien geflohen sind. Die UN bezeichnete die durch den Krieg ausgelöste Flüchtlingskrise als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda in den 1990er Jahren.

Experten sagen, dass die Beteiligung mehrerer ausländischer Mächte die Beendigung des Bürgerkriegs erschwert. Im November letzten Jahres wurden die Friedensgespräche bei den Vereinten Nationen in Genf wieder aufgenommen. Otto Pedersen, der UN-Sondergesandte für Syrien, bedauerte in seinem Pressegespräch, dass die UNO den Erwartungen des syrischen Volkes nicht gerecht geworden sei, die notwendigen Fortschritte zu erzielen, um das Leiden des syrischen Volkes zu beenden.

Geir Otto Pedersen ..." so ist es meine Hoffnung, dass in der augenblicklichen,relativen Ruhe, die wir jetzt in Syrien sehen, trotz all der täglichen Verletzungen, es möglich sein sollte, sich stärker auf den politischen Prozess und alle Gesichtspunkte der Sicherheitsratsresolution 2254 zu konzentrieren."

In dieser speziellen Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates betonten die Ratsmitglieder unter anderem die kritische Notwendigkeit, Bedingungen für die sichere und freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen in ihre Heimatgebiete und den Wiederaufbau der betroffenen Gebiete in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht zu schaffen.

Die Frage ist, ob die derzeitigen Bedingungen sicher genug sind, damit die Menschen nach Syrien zurückkehren können.  

Wir sprachen mit Jean-Clément Jeanbart, Erzbischof der melkitischen griechisch-katholischen Archeparchie von Aleppo und Apostolischer Besucher in Westeuropa der griechischen Melkiten. 

Eure Exzellenz, wie sind die Bedingungen in Ihrer Stadt in dieser Weihnachtszeit während des andauernden Krieges und obendrein der Belastung durch das Corona-Virus? 

"Unser Leben in Aleppo ist in diesen schweren Zeiten nicht einfach.

Mit dem Problem des Corona-Virus, der Pandemie Covid 19, stehen wir vor einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Herausforderrung. Finanziell gesehen sind die Menschen sehr arm und hinzu kommt das wir von mehreren Ländern mit Restriktionen und Boykotten belegt worden sind.  

Durch die Inflation unseres Geldes haben unsere Menschen nicht genug um zu kaufen was sie zu essen brauchen. Das Leben wird ihnen schwierig gemacht und sie hören nicht das was sie in dieser Zeit, der Weihnachtszeit zu hören bräuchten.      

Denn obwohl ja dies ein freudiges Fest ist, und die meißten von uns Christen von Freude erfüllt sind die Geburt unseres Herrn zu feiern, so ist dieses Fest, zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte unserer Gesellschaft von außerordentlichen  Schwierigkeiten überschattet.“ 

Im Zuge des Bürgerkrieges in Syrien war die Stadt Aleppo von Sommer 2012 bis Ende 2016 umkämpft. Seit Januar 2017  wird die Stadt von Truppen der syrischen Regierung kontrolliert. Weite Teile der Stadt sind zerstört und ein großer Teil der Bewohner war geflüchtet. Laut der UN und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist in den ersten 7 Monaten nach dem Sieg der syrischen Armee der Großteil von ihnen bereits wieder zurückgekehrt.

Die vielfältige, historische Struktur Syriens ist wesentlich für seine anhaltende multikulturelle Identität. Religiöse Vielfalt war schon immer Teil der syrischen Geschichte. Während sunnitische Muslime in der Mehrheit sind, machen Christen verschiedener Konfessionen schätzungsweise etwa 10 % der Bevölkerung aus.    

Sind Sie oder Ihre Mitchristen oder Muslime oder andere religiöse Führer derzeit in Gefahr?

"Wir können sagen, dass wir nicht in Gefahr sind. Weder ich noch meine Mitbrüder, Bischöfe oder die Muslime sagen das wir in Gefahr sein. Aber was wir mit Sorge beobachten, ist die Entwicklung der Denkungsweise unserer Leute aber besonders der Leute, die von außerhalb der Stadt kommen und die es  nicht gewohnt sind, mit uns und mit anderen zusammenzuleben. Wir haben das Gefühl, dass einige von ihnen Fundamentalisten sind oder nicht verstehen, dass Religion keine Waffe ist und dass Religion keine Mauern errichtet.  Religion muss eine Brücke zwischen menschlichen Gemeinschaften sein.

Es macht uns Angst, dass es sich zu einer fanatischen und konfessionellen Konfrontation entwickeln könnte, wenn wir nicht versuchen, einen Weg zu finden, die Gesinnung zu ändern und diese Einstellung zu stoppen. Die Menschen müssen verstehen, dass wir zusammenleben können, dass wir einander lieben können und dass wir Freunde bleiben können, auch wenn wir unterschiedlichen Konfessionen angehören oder unterschiedlichen Glaubens sind. “

Die Melkitischen Katholiken des byzantinischen (Bai zan tain) Ritus, führen ihre Geschichte auf die frühen Christen von Antiochia, das früher zu Syrien gehörte und heute in der Türkei liegt, im 1. Jahrhundert n. Chr. zurück, wo das Christentum vom Heiligen Petrus eingeführt wurde.

Ihr Hauptverbreitungsgebiet liegt in Syrien, dem Libanon, Jordanien, Israel und Palästina. Melkitische griechische Katholiken sind jedoch durch verfolgungsbedingte Migration in der ganzen Welt präsent.

Gegenwärtig gibt es eine weltweite Mitgliederzahl von etwa 1,6 Millionen. Während die melkitisch-katholische Kirche die liturgischen Traditionen des byzantinischen Ritus mit denen der östlichen Orthodoxie teilt, ist die Kirche seit der Bestätigung ihrer Union mit dem Heiligen Stuhl von Rom im Jahre 1724 offiziell Teil der katholischen Kirche.   

Diese melkitisch-griechisch-katholische Kathedrale, die der Entschlafung der Jungfrau Maria gewidmet ist, wurde fast 5 Jahre lang von bewaffneten Banden in Ost-Aleppo stark beschädigt. 

Nach der Befreiung der Stadt begann eine atemberaubende Restaurierung, ein Werk der Liebe des griechischen Architekturingenieurs Najwan Tahannis. Die Kirche wurde fast vollständig restauriert und im Jahr 2019 wurde die Kathedrale für den Gottesdienst wiedereröffnet. Unser Interview mit dem Erzbischof wurde in dieser Kirche aufgezeichnet.  

In den Medien lesen wir viele und oft widersprüchliche Informationen über die Situation in Ihrem Land. Berichten die internationalen Medien aus Ihrer Sicht korrekt? 

"Wir müssen leider sagen, dass die Medien in Europa und der westlichen Welt und sogar in einigen Ländern der östlichen Welt keine verlässlichen Informationen über unser Land und unsere Stadt Aleppo verbreiten. Sie übertreiben die Dinge und sehen alles nur aus ihrer politischen Sichtweise.  

Wir stehen hier unter Druck und vieles von dem, was gesagt wird, ist nicht die Wahrheit. Das bedeutet jedoch in keinem Fall, dass alles in Ordnung ist im Land.

Das heißt nicht, dass wir nicht mit einigen Widersprüchen, sozialen Widersprüchen und oftmals starken Einschränkungen zu kämpfen haben. Aber nicht alles, was geschieht, ist schlecht. Und obwohl die Regierung nicht in der Lage ist, alles war wir brauchen bereitzustellen,  so versucht sie doch Umstände zu verbessern und ist bestrebt unserem Volk zu helfen, ein bisschen besser oder sagen wir, ein bisschen weniger schlecht zu leben.

Man versucht die Infrastrukturen, die Schulen, die Krankenhäuser wieder aufzubauen. Aber das was getan wird ist natürlich nicht genug, da man verursacht  durch wirtschaftliche und kommerzielle Einschränkungen nicht genügend Mittel hat.  

Wir selbst, die Kirche tun, was wir können, um unseren Leuten zu helfen, zu leben und weiterzukommen. Wir versuchen, unsere Schulen, die Wohnhäuser und einige soziale oder kulturelle Strukturen, die unsere Leute brauchen, wiederherzustellen und zu rekonstruieren. Aber wiegesagt, all das ist nicht genug, und wir hoffen, dass die Restriktionen und der Boykott, die uns auferlegt wurden, aufgehoben werden, damit  wir ein bisschen besser leben können.“

EWTN berichtet seit vielen Jahren kontinuierlich von der UNO in Genf und berichtet von vielen wichtigen Konferenzen und Treffen im Zusammenhang mit Syrien. Die Delegation des Heiligen Stuhls in Genf nimmt daran teil und bringt ihre katholische Sichtweise zu Gehör, wann immer sie kann.  

So auch Erzbischof Jeanbart, der eine starke Stimme gegen die Verfolgung von Christen in seinem Land ist.

Er hat mehrfach vor der UNO in New York gesprochen und 2015 in Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl bei der UNO in Genf eine Sondermesse für Syrien geleitet.

In unserem Interview von 2015 mit dem Erzbischof erinnerte er an die Geschichte Syriens, die mit jüdischen Konvertiten wie Saulus, später Paulus genannt, begann.

(Ausschnitt aus dem Interview von 2015 in Genf)

... er wurde bekehrt, aber er wurde von den Christen in Syrien getauft und er wurde von den Christen in Syrien zum Priester geweiht.  Und er wurde von den Christen Syriens auf Missionen geschickt.  Also, er hat uns etwas zu verdanken, und ich denke, er sollte jetzt etwas tun, um uns zu helfen, weiterzumachen, und dass der Herr die Verfolger heute bekehrt, wie er ihn bekehrt hat."    

14 Monate nach diesem Interview, im Januar 2017, kam die Befreiung von Aleppo.  Die Offensive wurde als möglicher Wendepunkt im syrischen Bürgerkrieg beschrieben, und auch wenn sie offiziell das Ende der Schlacht um Aleppo markierte, ging der Krieg in vielen Teilen Syriens weiter.  

"Ich möchte ein Wort des Dankes sagen und EWTN beglückwünschen für den Dienst für die Menschen die ihre Botschaft mitteilen möchten jedoch niemanden finden,

der ihnen dabei hilft.  Ihr EWTN Netzwerk hilft uns, auch unserer Stimme im Westen und im Osten Gehör zu verschaffen.

Möge Gott Sie dafür segnen. Und dass dieses Weihnachten eine Erneuerung und ein Weihnachtsfest des Zeugnisses für die ganze Welt von der Liebe und dem Frieden ist  die Jesus Christus den Menschen vermitteln will.

Ich wünsche, dass dieses Jahr für unser Land das Jahr des Friedens wird. Ich wünsche auch, dass alle Länder in Sicherheit leben und zu einem normaleren Leben zurückkehren können. Ich hoffe, dass man die Pandemie in den Griff bekommt und das unsere Freunde und Brüder in Europa, im Westen und im Osten in Frieden, in Gottesfurcht, in Freundschaft und Brüderlichkeit mit allen anderen leben, um eine erneuerte Welt zu schaffen die von der Liebe zu Gott, dem Frieden und dem  Wohlergehen aller Menschen getragen ist. “

Eure Exzellenz, zu Beginn dieses neuen Jahres 2021, was ist Ihre Botschaft der Hoffnung an Ihr Volk, an die Katholiken, an die ganze Welt?  

"Meine Botschaft an die Welt ist vor allem: Freut euch, dass ein Retter geboren ist, und das der 'neue Mensch' von der Gnade, den Wesenszügen und dem Segen Jesus Christi gekennzeichnet ist, der an einem Tag wie dem heutigen geboren wurde.

Wir feiern die Geburt Jesu, und wir hoffen, dass mit Jesus Hoffnung und Sicherheit und Glück zu den Menschen kommen. Glück und Sicherheit, die aus der Liebe entspringen. Er ruft auf zur Liebe zu den anderen und zur Befolgung der Lehre und der Prinzipien der neuen Generation in Jesus Christus.

Wir, die wir an ihn glauben, haben ihn in unser Herz, in unser Leben aufgenommen, und versuchen, und müssen versuchen, dies durch unsere Lebenweise denen, die um uns herum sind, zu zeigen und mitzuteilen.

Wir haben Christus in uns und wir müssen Christus den anderen um uns herum mitteilen.

Und Christus wird kommuniziert durch Nächstenliebe, durch Liebe, durch Frieden und durch eine gute Beziehung zu allen Menschen. Die Botschaft von Jesus Christus ist eine Botschaft des Friedens und der Liebe.

Wir müssen alles tun, was wir können, um Frieden und Liebe zu fördern.

Ich bitte die Menschen in anderen Ländern, sei es im Nahen Osten oder im Fernen Osten, sei es im Westen oder im fernen Westen, ich rufe sie auf, zu Jesus zu kommen und zu versuchen, durch ihn zu verstehen, dass alle Menschen geliebt werden müssen, dass allen Menschen geholfen werden muss, und dass alle Menschen Mitleid und auch Sicherheit und Hilfe brauchen.“

Das Schlußwort geben wir einem guten Freund und ehemaligen Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf - und obwohl der Auszug aus dem Statement während eine Nebenveranstaltung bei den Vereinten Nationen in Genf mit dem Titel "Frieden möglich?" im Jahr 2015 aufgezeichnet wurde, hat er nichts von seiner Aktualität verloren.

Erzbischof Silvano M. Tomasi - Vertreter des Heiligen Stuhls bei den UN Genf  (Seit November 2020 Kardinal Tomasi )

"Das Leiden der Menschen zu beenden, muss die Priorität sein. Menschen kommen vor Machtkämpfen und Wettbewerb um Einfluss. Jeder Mensch zählt in seiner gottgegebenen Würde und seinen bleibenden Rechten. Hoffen wir, dass die Vernunft in allen betroffenen Parteien die Oberhand gewinnt und sie ihr Herz für einen konstruktiven Dialog öffnen.

Original Interview aufgenommen in Aleppo von Salem Azrak. Redaktion, Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN  TV.

Hinweis: Dieser Blogpost – sein Inhalt sowie die darin geäußerten Ansichten – sind kein Beitrag der Redaktion von CNA Deutsch.