Kirchenlehrerin statt „Priesterin“

Thérèse von Lisieux zum 125. Todestag

Thérèse von Lisieux
Foto: Jorge Royan / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
01 October, 2022 / 10:00 AM

Schon immer ist die Kirche durch große Frauen geprägt worden, vor allem durch heilige, am meisten vielleicht durch jene, die gar niemand kennt. Heute sieht das in der medialen Wahrnehmung meist anders aus; da treten Frauen lautstark auf und fordern vorgebliche „Rechte“, gerade so als ob man derlei Gott abfordern könnte. Dass es hier mit dem Verständnis von Gott und der Kirche im Argen liegt, ist klar. Dies zeigen wiederum die Frauen, die es in der Kirche am weitesten „gebracht“ haben: Die Heiligen und unter ihnen besonders die Kirchenlehrerinnen.

Keine von ihnen wäre je auf die Idee kommen, etwas zu fordern, was dem Glauben widerspricht. Und jeder weiß, dass Catarina von Siena, Teresa von Avila oder Hildegard vom Bingen nie um ein deutliches Wort verlegen waren. Als Ikonen der feministischen Bewegung unserer Tage taugen sie dennoch nicht. Dafür sind sie schlichtweg zu katholisch geblieben. Die große Botschaft, die sie jedoch an die Frauen in der Kirche zu richten haben, bleibt so leider von jenen ungehört, die starr auf das Frauenpriestertum pochen. Im Fall der heiligen Kirchenlehrerin Thérèse von Lisieux (gest. 1897) ist dies ausgesprochen schade.

Thérèse ist mit 15 Jahren sehr früh ihrer Berufung gefolgt und in den Karmel eingetreten. Anders als sie es erwartet hat, kam dort eine dunkle Zeit über sie: das Gefühl, dass sich Jesus vor ihr verborgen hält, und dies, obwohl sie es kaum erwarten konnte, aus Liebe zu ihm ins Kloster zu gehen. Mit dem Klischee einer verkitschten Heiligen, das noch immer verbreitet ist, hat derlei nichts zu tun; erst recht nicht, wenn man weiß, dass Thérèse nicht nur geistliche Qualen litt, sondern schon bald schwer erkrankte. Das innere Leiden vereinigte sich mit dem körperlichen. Trotzdem verlor sie den Glauben nicht und auch nie die Zuversicht. Das Geheimnis, aus dem sie lebte war, dass sie verstand vor Gott wie ein Kind zu sein und sich kindlich auf ihn zu verlassen. Diesen „kleinen Weg“ ist Thérèse heroisch gegangen – und dabei eine große Heilige geworden; nicht weil es ihr auf sich selbst ankam und auf ihre Wünsche, sondern auf Jesus.

Von diesem Weg ist man in der Kirche heute weit entfernt, wenigstens sofern es sich um die „Synodalkirchen“ und ihre feministischen „Anhänger*innen“ handelt. Dabei könnte gerade Thérése ihnen sehr nahe sein oder wenigstens ihre Irrwege korrigieren, vor allem was die Forderung nach dem Weiheamt für Frauen betrifft, von dem wir wissen, dass die Kirche es nie gewähren kann. Ungewöhnlich für eine Ordensfrau ihrer Zeit schreibt Thérèse in ihrer Autobiographie nämlich völlig offen, dass sie eine Berufung zum Missionar, zum Märtyrer und eben auch zum Priester verspüre: „Ich entdeckte in mir die Berufung zum Priester. Mit welcher Liebe, o Jesus, würde ich Dich in meinen Händen halten, wenn Du auf mein Wort hin vom Himmel herabsteigen würdest. Mit welcher Liebe würde ich Dich den Seelen reichen!“

Was Thérèse hier beschreibt, ist ihre ehrliche, eigene Empfindung, eine Sehnsucht, wie sie heute auch andere Frauen verspüren. Thérèse aber setzt das, was sie sich wünscht, nicht absolut, sie stellt es nicht über die Gemeinschaft der Kirche und sie fordert es auch nicht für sich ein. Niemand kann das Priestertum für sich fordern, kein Mann und keine Frau, ganz gleich wie die eigenen Wünsche sind. Therese weiß das und sie nimmt es an, dies aber auch, ohne die eigene Empfindung zu verleugnen oder zu verbiegen. Sie schreibt: „Aber ach, bei all meinem Verlangen, Priester zu sein, bewundere ich die Demut des hl. Franz von Assisi und beneide ihn darum, und ich entdecke in mir die Berufung, ihn nachzuahmen, indem ich die erhabene Würde des Priestertums nicht annehme.“

Thérèse weiß um das Widersprüchliche, in dem sie steht. Sie weiß auch, dass es nicht von ihr abhängt, das Priestertum „anzunehmen“ oder nicht, aber sie lässt diese Widersprüchlichkeit stehen und flüchtet sich nicht in pseudo-theologische Fiktionen, die all dem abhelfen sollen. Sie bleibt „katholisch“, und ebenso wie Teresa von Avila bleibt sie so „eine Tochter der Kirche“. Das allein griffe hier jedoch zu kurz. Thérèse bleibt nämlich deshalb katholisch weil sie, wie in allen Prüfungen ihres Lebens, nah bei Jesus bleibt. Ihm vertraut sie sich an, bei ihm weiß sie sich, gerade was ihre Berufung betrifft, sicher und geborgen. Und genau deshalb kann ihr Jesus selbst zeigen, was ihre wirkliche Berufung ist. Sie schreibt: „O Jesus, meine Liebe, mein Leben … Wie sind diese Gegensätze miteinander zu vereinen? Wie sind die Wünsche meiner armen kleine Seele zu verwirklichen?“

Diese totale Hingabe an Jesus ist es, die der feministischen „Theologie“ unserer Tage völlig fehlt. Thérèse geht einen anderen Weg, sie geht den Weg der Wahrheit und des Lebens, und weil sie auf diesem Weg geht, der Jesus selbst ist, schenkt Jesus ihr auch die tiefste Erkenntnis ihrer Berufung. Thérèse schreibt: „Bei der Betrachtung ließen mich meine Wünsche ein regelrechtes Martyrium erdulden. Auf der Suche nach einer Antwort öffnete ich die Briefe des Heiligen Paulus. Mein Blick fiel auf das XII. und XIII. Kapitel des ersten Briefes an die Korinther … In ersterem las ich, dass nicht alle Apostel, Propheten, Lehrer usw. sein können … dass die Kirche aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzt ist und das Auge nicht gleichzeitig die Hand sein kann. (…) Ohne mich entmutigen zu lassen, setzte ich meine Lesung fort, und da brachte mir diese Stelle Linderung: Mit Eifer sucht die vollkommensten Gaben! (…) Dann erläutert der Apostel, wie all diese vollkommensten Gaben nichts sind ohne die Liebe … dass die Liebe der herausragende Weg ist, der zuverlässig zu Gott führt. Endlich hatte ich Ruhe gefunden. Als ich den mystischen Leib der Kirche betrachtete, hatte ich mich in keinem seiner Glieder wiedergefunden, wie sie der hl. Paulus beschreibt, oder besser gesagt, ich wollte mich in allen wiederfinden … Die selbstlose Liebe gab mir den Schlüssel zu meiner Berufung. Ich begriff, wenn die Kirche einen Leib hat, der aus verschiedenen Gliedern besteht, dann fehlt diesem Leib auch nicht das notwendigste, edelste von allen. Ich begriff, dass die Kirche ein Herz hat, und dieses Herz brennt vor Liebe. Ich begriff, allein die Liebe lässt die Glieder der Kirche wirken, und wenn die Liebe erlöschen würde, würden die Apostel nicht mehr das Evangelium verkünden und die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen … Ich begriff, die Liebe schließt alle Berufungen in sich ein, die Liebe ist alles, sie umfasst alle Zeiten und alle Orte … mit einem Wort, sie ist ewig! … Da rief ich in meiner überschäumenden Freude aus: O Jesus, meine Liebe … Endlich habe ich meine Berufung gefunden. Meine Berufung ist die Liebe! Ja, ich habe meinen Platz gefunden, den Platz in der Kirche, und diesen Platz hast Du, mein Gott mir gegeben … Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein … so werde ich alles sein … so wird mein Traum Wirklichkeit werden.“

Natürlich könnte man einwenden, dass dies die sehr persönliche Erfahrung Thérèses ist und dass sie schon deshalb nicht zum Vorbild für die Frauen in der Kirche taugt, erst recht nicht in der Weihefrage. Was hier allerdings sehr wohl ein Vorbild ist, ist Thérèses Vorgehen. Thérèse geht nämlich nicht von sich selbst aus, sondern nur von Jesus. So bleibt sie bei ihm und bei seiner Kirche, die, wie sie selbst sagt, ja nichts anderes als sein mystischer Leib ist. Dadurch entsteht bei Thérèse keine gegenkirchliche Fiktion, sondern ein immer tieferes Vordringen zu jener Wahrheit, die Christus selber ist. Der Schlüssel dazu ist etwas, das die feministische „Theologie“ verleugnet: Es ist die „selbstlose Liebe“, die Liebe, die nicht auf sich selbst und die eigenen Wünsche hört, sondern die auf Jesus hinhört, auf das Wort der Heiligen Schrift, das er, das lebendige Wort, abermals selber ist.

Thérèse hat zutiefst erkannt, dass das Priestertum nach einem Wort Johannes Pauls II. „Geschenk und Geheimnis“ ist und dass es schon deshalb den eigenen Wünschen und Vorstellungen entzogen bleibt. Christus selbst schenkt es, wem immer er will, und niemand kann es für sich fordern. Revolutionäre Umbrüche und fiktionale Konstrukte zeigen demgegenüber vor allem eins, nämlich wie weit sich diejenigen von Christus entfernt haben, die das Frauenpriestertum für sich fordern. Das gilt auch für jene, die sie darin unterstützen, insbesondere für die Bischöfe und Priester.

Wo Verwirrung herrscht, der Geist des Widersprüchlichen und der Revolte, dort herrscht niemals der Heilige Geist. Er beschreitet keine synodalen Irrwege. Zum Wirken Gottes in seiner Kirche aber gehört es, dass er überall dort, wo Verwirrung entsteht, zugleich seinen wahren Geist wirken lässt, jenen Geist, der Heilige und Propheten erweckt. Meist geschieht dies leise und unbemerkt, und es beginnt immer auf „kleinen Wegen“, gerade so wie bei Thérèse von Lisieux. Vor 125 Jahren ist sie am 30. September mit nur 24 Jahren in den Himmel gegangen. Es lohnt sich gerade heute, ihre Schriften wiederzuentdecken.

Der Verfasser, Dr. Joachim Heimerl, ist Priester der Erzdiözese Wien und Oberstudienrat.

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