Neu im Videoblog: Im Bann der Algorithmen

Christian Peschken im Gespräch mit Erzbischof Fortunatus Nwachukwu, Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf 

Christian Peschken (li.) im Gespräch mit Nuntius Fortunatus Nwachukwu in Genf
Foto: Screenshot
02 May, 2022 / 8:44 AM

Anfang April hielt der UN-Menschenrechtsrat die letzte Sitzung seiner 49. Tagung.

Das Thema lautete: Die Rolle der Staaten bei der Bekämpfung der negativen Auswirkungen von Falschinformation im Internet auf die Wahrnehmung der Menschenrechte. 

Für die UN eine Herausforderung alle Mitglieder sozusagen unter einen Hut zu bringen So hatte beispielsweise der Vertreter Chinas den Entwurf zwar generell unterstützt und für gut befunden jedoch auch Kritik geäußert. Er sagte: ““Der Beschlussentwurf L 31 Überarbeitung 1, betont einseitig die Meinungsfreiheit, geht aber nicht auf die verschiedenen Ursachen von Falschinformation ein und versäumt es, deren negativen Auswirkungen auf die Arbeit der internationalen Menschenrechtsmechanismen aufzuzeigen.”

Darüber und über den Einsatz von Algorithmen in dem Zusammenhang sprach ich mit dem Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UN in Genf Erzbischof Fortunatus Nwachukwu.  



Exzellenz, in dem Beschluss des Menschenrechtsrates wurde das Thema Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung im Internet erörtert, vor dem Hintergrund von Fake News, von Falschinformation.

Wie sollten wir uns aus katholischer Sicht online verhalten, was unsere Meinungen und unseren Glauben angeht? Ihr Rat?

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu:Mein Rat ist einfach. Als Katholiken, als Christen verweise ich darauf, was Jesus selbst in Johannes, Kapitel 13, Verse 34 und 35 gesagt hat: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Also nicht mehr nur, wie ihr euch selbst liebt, sondern wie Jesus liebt.

In Vers 35 sagt er:  Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. 

Wenn ihr also das Internet nutzt in Bezug auf Euren Nächsten, dass ihr nach diesem Prinzip der Liebe handeln sollt, dass ihr andere Personen nicht schlecht behandelt, der anderen Person keinen Schaden zufügt.  Keine Materialien veröffentlicht, die das Image, die Würde der anderen Person verletzen könnten... dann nutzt ihr das Internet richtig.Vermeiden Sie diese unnötigen Fehlinformationen, vermeiden Sie alles, was nicht dazu beiträgt, dass die andere Person ihre eigenen Rechte wahrnehmen kann. Das wäre mein grundlegender Rat für einen Katholiken. 

Ich war im Saal, als der Beschluss einstimmig angenommen wurde, und es hat mich sehr gefreut. Der Vorschlag, der unter dem Namen L 31 Überarbeitung 1 geführt wird, wurde von einer Reihe von Staaten in den Rat eingebracht, hauptsächlich von Ukraine, zusammen mit Polen, Lettland, Litauen, Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich.

Und dann wurde er schließlich angenommen und von allen Staaten im Rat übernommen. Und ich möchte auch erwähnen, dass diese Beschlussfassung, die sich auf die Rolle der Regierungen bei der Verhinderung der Verwendung von Falschinformationen konzentriert, die die Wahrnehmung der Menschenrechte behindert, eine sehr wichtige Rolle spielt denn sie ist eigentlich eine Ergänzung anderer Resolutionen.

Erstens der Resolution, die von der Generalversammlung der Vereinten Nationen letzten Dezember, Dezember 2021, über die Gefahren der Falschinformation verabschiedet wurde, und dann auch alle Resolutionen, die hier vom UN-Menschenrechtsrat angenommen wurden, zuerst 2020 und dann ebenfalls 2021, über die Nutzung des Internets…

...Dies ist eine Resolution, die im Wesentlichen die Regierungen dazu aufruft, ihre Verantwortung wahrzunehmen und die Verwendung von Falschinformation zu bekämpfen, Falschinformation, die die rechtmäßige Ausübung der Menschenrechte durch Personen stören und verhindern.

Das ist die ganze Problematik der sogenannten “Fake News”, und ich möchte uns daran erinnern, dass Fake News nicht etwas Neues ist. Fake News gab es schon immer. Wir lesen darüber in der Bibel. Satan war die erste Person, die wir in der Bibel finden, die Fake News benutzte, um Eva und damit auch Adam zu verwirren und zur Sünde zu verführen.  Ich möchte hier Ihre Aufmerksamkeit auf den Vergleich lenken, nämlich zwischen den Texten von Genesis Kapitel zwei, Vers 16, und Genesis Kapitel drei, Vers 1.

In Genesis 2 Vers 16 sagte Gott zu Adam: "Du darfst von jedem Baum im Garten essen, außer von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen", aber dann in Genesis Kapitel drei, Vers eins, fragt Satan, der Teufel, Eva: "Ist es wahr, dass Gott dir gesagt hat, du darfst von keinem Baum im Garten essen? Nun, dies ist klare Manipulation. Gott sagte, ihr dürft von jedem Baum essen, außer von dem.  Die Information ist also, dass Gott gesagt hat, ihr dürft von einem bestimmten Baum nicht essen.Aber der Teufel sagte von jedem Baum. Das ist also Manipulation von Informationen. Es sind “Fake News” Und bis heute benutzen Menschen Fake News, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen und andere Menschen zu zerstören. Als Christen sollten wir also darauf achten, dass wir keine Fake News verwenden, dass wir keine Manipulation von Informationen, einseitige Informationen, Falschinformationen gebrauchen und dass wir nicht unsere eigenen Interessen auf Kosten anderer Menschen verfolgen, insbesondere auf Kosten der Würde anderer Menschen.”

Der UN-Menschenrechtsrat kritisiert in einem seiner Punkte in dem von Ihnen angesprochenen Beschluss, u.a. dass insbesondere Frauen im öffentlichen Raum, im Journalismus, in der Politik usw. angegriffen und eingeschüchtert werden. Wenn wir uns jedoch die Realität ansehen, scheint das Gegenteil der Fall zu sein und Frauen blühen überall auf, in der Politik, im Journalismus, den Medien und im öffentlichen Leben.

Sollte all dies nicht auf echter Gleichberechtigung beruhen, von der die UN selbst so oft spricht, und nicht Geschlecht bezogen sein?  

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “Richtig. Ich denke was zählt, ist nicht unbedingt das Geschlecht einer Person. Ich denke, was zählt, ist die Kompetenz, die Qualifikation, die Fähigkeit einer Person, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, und nicht notwendigerweise, welches bestimmte Geschlecht die Person hat. Und ich weise daraufhin, dass wir berücksichtigen sollten, dass unsere gleiche Würde nicht gleichbedeutend mit Gleichheit ist.

Es gibt Bereiche, die Frauen besser lenken als Männer.Ich sage Ihnen, auch hier beziehe ich mich wieder gerne auf die Bibel.

Wenn Sie in die Bibel gehen und die Schöpfung von Mann und Frau betrachten, wie sie dort dargestellt wird. In Genesis Kapitel zwei, Vers 7, lesen wir, dass Gott den Menschen aus Lehm geformt hat. Aber wenn wir Vers 22 zur Erschaffung der Frau kommen, lesen wir, dass Gott eine Rippe aus dem Mann nahm und die Frau 'baute'. Das hebräische Verb 'bana' welches verwendet wird, bedeutet bauen, als ob Du ein Haus mit verschiedenen Werkzeugen baust. Es gibt also eine gewisse Kunstfertigkeit in der Natur der Frau, die beim Mann nicht so leicht vorhanden ist. Und deshalb sind Frauen intuitiver im Umgang mit bestimmten komplexen Situationen in der Familie, wenn man einem Mann die Kinder überlässt, wird der Mann verrückt. Aber jeder Teil der Frau, eine Frau könnte sich gleichzeitig um fünf Kinder kümmern um alle, mit dem Auge, mit dem Bein, mit den Händen. Es gibt also Bereiche, in denen wir je nach Geschlecht unterschiedliche Begabungen haben, aber wir haben die gleiche Würde.

Und was Dienstleistungen., was Funktionen angeht, denke ich, dass man mehr auf sie Qualifikationen achten sollte, auf die Kompetenz und auf verschiedene Fähigkeiten. Aber ich wiederhole: Chancengleichheit ist die Ausgangs Basis.”

Dazu sagt uns der Katechismus Nr. 2393.  Als Gott den Menschen als Mann und Frau erschuf, gab er beiden die gleiche personale Würde … und das heißt eben auch die Chancengleichheit.

In seinem Beschluss “ermutigt" der UN-Menschenrechtsrat die Staaten und die sozialen Medienunternehmen, gegen Falschinformation verstärkt vorzugehen, indem sie - ich verkürze es - Algorithmen und Bewertungssysteme einsetzen.

Ich denke das es da jedoch ein, nennen wir es, Klassifikationsproblem gibt. Wie erkennt Künstliche Intelligenz z.B., dass dieser oder jener Mensch im Sinne des Algorithmus ein „Nächster" ist.

Aber selbst, wenn diese Methoden angewandt werden, sind es doch letztendlich Menschen, die diese Maschinen programmieren. Besteht daher nicht die Gefahr der Manipulation dessen, was als wahr bezeichnet, und erkannt wird und was nicht? Ihre Meinung?

Erzbischof Fortunatus Nwachukwu: “Sie haben auch hier wieder sehr recht, Christian.

Die Algorithmen an sich können etwas Positives sein, ein nützliches Mittel der Analyse.

Aber nicht, wenn man Algorithmen missbraucht, um gezielte Informationen zu erhalten, um damit indirekt eine Untergruppe zu schaffen, die nicht die ganze Realität widerspiegelt.

Es gibt nun mal nichts, was einen Dialog mit lebenden Menschen ersetzen kann, die aus ihrer konkreten Situation heraus sprechen.

Die Verwendung von Algorithmen schafft kleine Gruppen und schafft Ziele, die praktisch automatisiert werden, und dann werden die Menschen mehr oder weniger von normalen Verhaltensweisen weggeführt und in Mechanismen hinein manipuliert, die nichts mit der konkreten Realität zu tun haben, die wir haben.

Nichts, ich wiederhole es, ersetzt oder sollte den Dialog zwischen Menschen in ihren konkreten Situationen ersetzen.”

In seiner Enzyklika “Fratelli Tutti” sagt uns Papst Franziskus im Grunde: das wir aufwachen sollten und wir nicht gezwungen wären als Algorithmen zur kurzfristigen Optimierung des individuellen und materiellen Wohlstands zu fungieren. Wir hätten die moralische Pflicht, den anderen vor allem als Bruder und Freund zu sehen.

Der deutsche Sachbuchautor und Technologiejournalist Thomas Ramge brachte es auf den kritischen Punkt. Er schrieb: „Bis auf weiteres müssen wir uns nicht vor Künstlicher Intelligenz fürchten, sondern vor Menschen, die sie missbrauchen.“

Originalinterview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych | Deutsche Sprecher Jan Terstiege | Redaktion, deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN .TV 

Hinweis: Dieser Blogpost ist kein Beitrag von CNA Deutsch. Weder Form noch Inhalt noch die geäußerten Ansichten und Formulierungen macht sich die Redaktion von CNA Deutsch zu eigen.