Salve Regina!

Die Krönung Mariens von Ridolfo del Ghirlandaio (um 1504)
Foto: Wikimedia (CC0)
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29 June, 2019 / 7:00 AM

Vielleicht kennen Sie auch dieses leise Lächeln, den Glanz in den Augen, wenn frohe, leuchtende Erinnerungen in uns aufsteigen? Eine marianisch getönte Freude erfüllt das ganze Kirchenschiff, wenn das "Salve Regina" gesungen wird. Die Antiphon wird am Ende der Vesper oder der Komplet vom Dreifaltigkeitssonntag bis zum Ende des Kirchenjahres gesungen. Ein Lied, das fern jeder nostalgischen Verklärung ist, frei von Kitsch und frömmelnder Sentimentalität – marianisch ernst und katholisch klar. Mit dem Schlusslied endet manche heilige Messe, würdig zelebriert. Aber einige verharren noch einen Moment im Gebet, in der vielleicht auch stammelnden, sprachlosen Anbetung. 

Mein verstorbener Doktorvater pflegte zu sagen: "Wenn ich einmal in einer Kirche drin bin, dann möchte ich am liebsten gar nicht mehr hinaus." Wir bleiben also zuweilen einfach etwas länger, und in die Stille des Gebets hinein, nach dem letzten Lied, erlaubt sich der Organist – was nun despektierlich klingt, aber nicht so gemeint ist – eine Zugabe. Ja, auch das gibt es, Deo gratias. Dankbares, andächtiges Staunen erfüllt die verbliebenen Gläubigen im Kirchenschiff: "Salve, Regina, mater misericordiae: Vita, dulcedo et spes nostra, salve …" Manche blättern rasch im Gotteslob oder im "Laudate Patrem". Einige müssen gar nicht blättern und stimmen gleich mit ein, auf Latein – und in deutscher Sprache beginnt dieses Lied so: "Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süßigkeit und unsere Hoffnung, sei gegrüßt."

So denken wir an die Gottesmutter, wenden unsere Blicke von innen her zu ihr hin und schauen mit ihren Augen auf Christus – über alle Blendungen dieser Zeit hinaus, die den Namen der Gottesmutter für ihren Eigensinn sich ausborgen und säkulare Protestkulte in höchst eigener Absicht erfinden möchten. Das alles mag uns stören und aufregen, aber keine Sorge – dies alles wird vergehen. Die Wirklichkeit dieser Welt, so sagte der Religionsphilosoph Georg Simmel einmal dem Sinn nach, sei für den gläubigen Christen so real wie zerplatzende Schatten. Wir wissen: Maria, die Mutter unseres Herrn, bleibt unsere Fürsprecherin, an die wir uns wenden dürfen "in hac lacrimarum valle", in diesem "Tal der Tränen", inmitten also der Not, scheinbar verloren im Strudel der Angst, die uns erfasst, die uns von innen her manchmal zu verzehren droht und in der wir uns verlieren können. Maria bleibt bei uns und zeigt uns Christus. Wir bitten, dass sie ihre barmherzigen Augen uns zuwenden möge. Maria nimmt uns nicht vordergründig wahr, sondern sie sieht uns wirklich, sieht uns ganz und versteht uns. So oft, scheint mir, sehen wir einander – und sehen einander doch nicht. Wir sehen einander und sehen aneinander vorbei. Die Gottesmutter, "unsere Fürsprecherin", aber sieht uns. Wir hoffen nichts mehr, als dass sie für uns einstehenund uns Jesus zeigen möge, "benedictum fructum ventris tui", die "gebenedeite Frucht deines Leibes". Tatsächlich wird im "Salve Regina" aus unserem Beten ein leuchtendes Singen. Wir erinnern uns vielleicht daran, wie wir an den Gräbern unserer lieben Toten standen und das "Salve Regina" anstimmten, zum Himmel emporschauend. Mancher von uns mag daran denken, wie der Rosenkranz durch die Hand gleitet, im Gebet versunken, schweigend. "Salve Regina", dieses Lied geht uns nach, klingt in uns wider und erzählt von der Schönheit des Glaubens.   

Wenn wir das "Salve Regina" – manchmal ganz unverhofft – am Ende oder nach dem Schluss der heiligen Messe singen dürfen, dann begleitet es uns auf unserem Weg hinein in die Welt, in die wir gestellt und gesandt sind, in unseren Alltag, in unser Leben, das uns oft wie ein "Tal der Tränen" erscheint. Wir vertrauen uns Maria an, und wir vertrauen ihr die lieben Mitmenschen an, die uns am Herzen liegen, die Einsamen, die Traurigen und die Verzweifelten, die Geschäftigen und die armen Seelen. Wir möchten zwar zuweilen, wie mein Doktorvater sagte, am liebsten gar nicht die Kirche verlassen, aber wir müssen trotzdem hinaus. Maria, die "Mutter der Barmherzigkeit", ist unsere treue Weggefährtin, in Zeit und Ewigkeit. Wir dürfen uns ihr ganz anvertrauen. Mit den Worten des hl. Pfarrers von Ars gesagt: "Alles, worum der Sohn Gottes seinen Vater bittet, wird ihm gewährt. Alles, worum die Mutter ihren Sohn bittet, wird ihr ebenfalls gewährt. Wenn der Sünder diese gute Mutter um Hilfe anruft, so lässt sie ihn eintreten …"

Wir alle kennen so viele schöne Mariengebete. Diesen kostbaren Schatz sollten wir vielleicht besonders pflegen in dieser Zeit – und wir dürfen uns besonders am "Salve Regina" erfreuen. Ich denke oft auch an ein Kindergebet, ja an ein wahrhaft gotteskindliches Gebet, ganz schlicht, dass wir gläubig sprechen können: "Maria, liebste Mutter mein, bewahre mich von Sünden rein." Meine vor langer Zeit verstorbene Großmutter hat sich oft am Ende ihres Lebens am Rosenkranz wahrhaft festgehalten. Ihre Gebete wurden kürzer, waren aber nicht weniger innig. Manchmal genügt dann auch ein marianisches Kindergebet, das auf seine ganz eigene Weise eine Form des "Salve Regina" ist – und vielleicht reicht auf dem Weg in das Vaterhaus auch, schweigend auf ein Bild zu schauen, das die Gottesmutter zeigt, die unsere Fürsprecherin ist, im Leben und im Sterben.   

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