Videoblog: Ein Gespräch über Afghanistan und die Taliban

Christian Peschken und Gilles-Emmanuel Jacquet (v.l.)
Foto: Screenshot
21 December, 2021 / 10:45 AM

Der 11. September ein Datum welches in zweierlei Hinsicht schmerzhaft ist.

Zum einen der 11. September 2001: Nachdem sich die Taliban-Regierung nach den Anschlägen der Al-Qaida geweigert hatte, den Terroristenführer Osama bin Laden auszuliefern, marschierten die Vereinigten Staaten in Afghanistan ein. Die Taliban-Führung verlor schnell die Kontrolle über das Land und zog sich in den Süden Afghanistans und über die Grenze nach Pakistan zurück.

Zum anderen: bis zum 11. September dieses Jahrs wurden alle US-Streitkräfte aus Afghanistan abgezogen. Die beteiligten NATO-Länder schlossen sich dem an. 

Über viele Jahre hinweg hatten die amerikanische Regierung und ihre Verbündeten versucht, durch eine Übergangsregierung Afghanistan in eine demokratische, islamische Republik umzugestalten.

Der Versuch scheiterte nach 20 Jahren.     

Monsignor John David Putzer, Geschäftsträger (Chargé d’Affaires), Ständige Vertretung des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf sagte in seiner Videobotschaft an die UNO, das der Heilige Stuhl mit großer Aufmerksamkeit und tiefer Sorge die Entwicklung der Lage in Afghanistan verfolge. Er fuhr fort: “ Papst Franziskus hat alle Völker aufgerufen, mit ihm zum Gott des Friedens zu beten, damit das “Geschrei der Waffen” aufhört und am Tisch des Dialogs Lösungen gefunden werden können. Nur so kann die geschundene Bevölkerung dieses Landes, Männer, Frauen, ältere Menschen und Kinder, in ihre Häuser zurückkehren und in Frieden und Sicherheit in gegenseitigem Respekt leben.” 

Was die Lage vor allem für Christen und andere Religionen in Afghanistan bedeutet, das wollten wir von einem Experten in Genf erfahren.

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Ein regelmäßiger Gast unseres Programms ist Gilles Emmanuel Jacquet, Assistenzprofessor für Weltgeschichte an der Genfer Schule für Diplomatie und internationale Beziehungen und leitender Analyst am Internationalen Friedensforschungsinstitut Genf.

Bevor wir mit Dir über die Taliban in Afghanistan sprechen werden, erkläre uns kurz, warum ich Dich mit Fug und Recht als Experten auf diesem Gebiet bezeichnen kann?  

Gilles Emmanuel Jacquet: “Nun, ich interessiere mich für die Situation in Afghanistan, weil ich dort 2012 und 2013 in Kabul gearbeitet habe. Ich war Dozent an einer privaten Universität. Ich habe afghanischen Studenten Forschungsmethoden beigebracht. Ich habe also ziemlich viel Zeit in Kabul verbracht. Ich hatte zwar nicht die Möglichkeit, das Land zu bereisen, ich war nur einmal in Kandahar, dennoch war es eine sehr gute Erfahrung, um zu verstehen, was im Land und in der Region vor sich geht.”

Du hast viele Artikel und auch ein Buch geschrieben zum Thema Afghanistan, richtig?

Gilles Emmanuel Jacquet:  “Ich habe seit 2013 mehrere Artikel über die Lage in Afghanistan geschrieben. Und ich schreibe auch Artikel über Konflikte in der Welt, und mein Buch befasste sich mit dem Konflikt in Moldawien und Transnistrien.” 

Welche Faktoren, Deiner Meinung nach, ermöglichten die Machtübernahme Afghanistans durch die Taliban?

Gilles: “Nun, die Taliban ergriffen die Macht aufgrund innenpolitischer Faktoren und auch aufgrund externer oder regionaler Faktoren. Wenn Du Dich erinnerst, waren die Taliban bereits von 1996 bis 2001 an der Macht, und seit 2001 waren sie nicht völlig besiegt, weil sich einige von ihnen in den Bergen im Süden oder Osten Afghanistans versteckten, während sich andere in Pakistan aufhielten. Und in den letzten 20 Jahren haben sie nach und nach immer mehr afghanische Provinzen übernommen. Die Machtübernahme gelang ihnen aufgrund des jüngsten US-afghanischen Abkommens, des Abkommens über den Rückzug der USA. Er sah einen schnellen Abzug der Amerikaner vor, aber er hat die politische Situation nicht geregelt. Er sorgte nicht für einen politischen Übergang. Mit dem Abzug der USA entstand also ein Vakuum. Die afghanische Regierung wurde ohne jegliche militärische und politische Unterstützung zurückgelassen, so dass sie nach etwa drei Monaten zusammenbrach.”

Welche Auswirkungen hat dies nun auf die Christen, auf alle religiösen Gemeinschaften in der Region?

Gilles: "Afghanistan ist ein Land, in dem, sagen wir mal, mehr als 99 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Die Mehrheit der Afghanen sind sunnitische Muslime. Aber es gibt auch eine bedeutende schiitische Minderheit. Offiziell gibt es keine Christen. Ich meine, keine afghanischen Christen in Afghanistan. Es gibt jedoch vielleicht einige, die sich verstecken oder ihren wahren Glauben nicht preisgeben können. Ich habe zum Beispiel einen evangelischen Pastor getroffen, der mit einer katholischen Frau verheiratet war. Der letzte Jude von Kabul soll vor einigen Wochen abgereist, und er lebte schon während des Taliban-Regimes in Kabul. Auch einige Nonnen und Priester halfen den Afghanen dort. Katholische Organisationen waren in Kabul und während der Machtübernahme durch die Taliban vor Ort. Nicht alle von ihnen haben das Land verlassen. Es ist also nicht sicher, ob sie weiterhin im Lande bleiben werden. Was andere religiöse Minderheiten betrifft, so kann die Situation prekär sein.

In Kabul gibt es auch viele Inder, die Sikh sind. Viele von ihnen verließen Ende August und Anfang September das Land, nach dem Abzug der USA. Viele von ihnen wurden nach Indien evakuiert. Aber es gibt immer noch eine Sikh-Minderheit, und wir haben einen Tempel in Kabul, der vor drei Jahren vom IS angegriffen wurde, also fürchten sie um ihre Zukunft. Was die schiitische Minderheit betrifft, so haben auch sie Angst vor der Zukunft. Während des Taliban-Regimes, wurden die Schiiten, also die Mitglieder der Hazara-Minderheit, diskriminiert und haben Angst, erneut verfolgt zu werden. Und viele von ihnen verließen das Land nach der Machtübernahme der Taliban.”

Du hast den IS erwähnt. Welche Verbindungen haben die Taliban zu Al-Qaida, wenn es welche gibt? 

Gilles: “Wie wir wissen, gibt es eine Verbindung zwischen Al-Qaida und den Taliban. Wenn wir uns erinnern, wurde die US-Invasion in Afghanistan durch die Unterstützung der Taliban für Al-Qaida verursacht.... Es ist also nicht sicher, ob Al-Qaida im Land bleiben wird oder ob sie gezwungen sein wird, das Land zu verlassen. Im Augenblick sieht es so aus das Al-Qaida und ihr Anführer Ayman al-Zawahiri in Afghanistan bleiben. Das ist eine problematische Sache, denn Al-Qaida wird von den Vereinigten Staaten von Amerika und vielen anderen westlichen Ländern sowie von Russland und sogar von China immer noch als ausländische Terrororganisation betrachtet. Wir wissen also nicht, wie die afghanische Führung, die Taliban-Führung, in der Lage sein wird, diplomatische Beziehungen zu Ländern aufrechtzuerhalten, die mit Al-Qaida verfeindet sind. Was nun den Islamischen Staat betrifft, so ist dieser seit etwa 2016 in Afghanistan präsent und begann seine Operationen mit Angriffen auf Zivilisten, Angehörige der schiitischen Hazara-Minderheit und auch auf ihre Taliban-Rivalen. Im Gegensatz zu den Taliban zielt der Islamische Staat häufig auf die Zivilbevölkerung ab. Der Islamische Staat ist der Ansicht, dass Al-Qaida in gewisser Weise die Ziele des Dschihad verraten hat. Insbesondere die Taliban und auch die Verbündeten von al-Qaida bauen Beziehungen zu Russland und China auf. Wir wissen also nicht, was in Zukunft in Bezug auf den Präsenz vom IS und ihre Beziehung zu den Taliban geschehen wird. Aber wir glauben, dass der Konflikt zwischen diesen beiden Fraktionen weitergehen wird.” 

Einem Bericht der Vereinten Nationen nach waren die Taliban in den Jahren 2009 und 2010 für über 75 % der zivilen Todesopfer in Afghanistan verantwortlich. Menschenrechtsorganisationen haben den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag dazu veranlasst, eine vorläufige Untersuchung gegen die Taliban wegen systematischer Kriegsverbrechen durchzuführen. 

Babar Baloch, Sprecher des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR beschrieb in seiner Pressekonferenz bei der UNO Genf die dramatische Situation: Es wird erwartet, dass die Temperaturen bis auf minus 25 Grad Celsius sinken, und vielen vertriebenen Familien fehlt es an geeigneten Unterkünften, die eine Grundvoraussetzung für das Überleben in der bitteren Kälte in Afghanistan sind. Die humanitäre Krise in Afghanistan verschärft sich täglich. Der Hunger im Land hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Fast 23 Millionen Menschen, das sind 55 Prozent der Bevölkerung, sind von extremem Hunger betroffen, und fast neun Millionen von ihnen sind von einer Hungersnot bedroht."

Gilles, Du bist praktizierender Katholik. Vom Standpunkt der Katholiken aus betrachtet, mit all den Flüchtlingen, die jetzt kommen, Menschen, die aus Afghanistan fliehen und als Flüchtlinge nach Europa kommen, nach Deutschland kommen, in all die verschiedenen Länder in Europa gehen und die meisten von ihnen natürlich Muslime sind. Wie sollen wir als Christen darauf reagieren?

Gilles: “Seit vor einigen Jahren die Flüchtlingssituation begann nimmt Europa immer mehr Menschen aus Afrika, Nordafrika, Zentralasien und dem Nahen Osten auf. Und das stimmt, aber es kann eine Herausforderung für Europa und insbesondere für Christen sein.... Viele dieser Menschen kommen aus ländlichen Gegenden. Sie haben einen anderen Glauben, das ist wahr, und ihre Integration kann eine Herausforderung sein. Und in diesem Fall sollten die Staaten und NGOs darüber nachdenken, wie sie sie am besten integrieren können.

Aber wir sollten, weltweit, die Dauerhaftigkeit von Migrationen beleuchten und insbesondere, was Migration auslöst. … Christen werden sicherlich ihrem Glauben treu bleiben, wir werden die Bedürftigen willkommen heißen, aber gleichzeitig sollten wir über die Konsequenzen von Migration nachdenken und vor allem darüber, wie wir Menschen willkommen heißen, aber auch integrieren können.”

Der Name „Taliban“ ist die Pluralform des aus dem Arabischen stammenden Wortes „Talib“, was so viel heißt wie Koran-Schüler. 

Monsignore John David Putzer, Geschäftsträger (Charge d’affaires), Ständige Vertretung des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf : “In der Hoffnung auf eine friedliche und rasche Lösung der anhaltenden Spannungen ist der Heilige Stuhl nach wie vor davon überzeugt, dass ein umfassender Dialog das wirksamste Mittel ist, um einen solchen Frieden zu erreichen, und ruft die gesamte internationale Gemeinschaft dazu auf, von der Erklärung zur Tat überzugehen und die Flüchtlinge im Geiste der menschlichen Brüderlichkeit aufzunehmen.”

Nächste Woche spreche ich mit Gilles dann über die Lage der afghanischen Frauen, insbesondere der ethnischen und religiösen Minderheiten, in Afghanistan.

Zum Abschluss eine sehr erfreuliche Nachricht: Papst Franziskus hat einen neuen Beobachter an der UN in Genf ernannt. Wir hier bei EWTN freuen uns auf eine zukünftige, fruchtbare Zusammenarbeit ganz in der Tradition unserer hervorragenden Zusammenarbeit mit Nuntius Erzbischof Ivan Jurkovic und davor Kardinal Silvano Maria Tomasi. Der neue Nuntius ist Erzbischof Fortunatus Nwachukwu, der aus Nigeria stammt. Der Erzbischof war bis jetzt Nuntius in Trinidad und Tobago und der ganzen Karibischen Region. Sein Vor und Nachname Fortunatus Nwachukwu bedeutet so treffend “Gesegnetes Kind Gottes”. 

Originalinterview aufgenommen in Genf von Kameramann Andriy Ryndych.    

Redaktion, deutsche Übersetzung, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für EWTN .TV

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