Das Jahr Johannes Paul II.: Der Schlüssel zur Einheit der Christen und die Barmherzigkeit

25 Jahre nach "Ut unum sint": Die Bedeutsamkeit des auf die Barmherzigkeit gegründeten petrinischen Dienstes

Papst Johannes Paul II. öffnet im Beisein von Vertretern aller christlichen Konfessionen im Jahr 2000 die Heilige Pforte
Foto: pd

Anlässlich des Jahres des 100. Geburtstags von Papst Johannes Paul II. folgt ein weiterer Beitrag von Angela Ambrogetti, Chefredakteurin unserer intalienischsprachigen Schwesternagentur ACI Stampa

"Der Herr hat uns tatsächlich an der Hand genommen und leitet uns. Dieser vielfältige Gedankenaustausch, diese Gebete haben bereits Seite um Seite unseres ´Buches der Einheit´ beschrieben, eines ´Buches´, das wir immer aufschlagen und neu lesen müssen, um daraus Inspiration und Hoffnung zu schöpfen."

Diese Worte schrieb Papst Johannes Paul II. 1995 in seiner, der Ökumene gewidmeten, Enzyklika Ut Unum Sint. Der Text richtet den Blick schon auf das Jubiläumsjahr 2000 und arbeitet aus, was seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bereits getan wurde und was noch zu tun sei. Der polnische Papst, der seit jeher "mit beiden Lungenflügeln" atmete, schaute auch auf die Kirchen der Reformation und entwickelte seine Idee ausgehend von der grundsätzlichen Frage der Rolle des Petrus.

Das "Buch der Einheit" hatte er persönlich geschrieben, durch zahlreiche Gesten, Gebete, Dialog. Das theologische und lehramtliche Fundament der Ökumene war für Johannes Paul II. aber weitaus mehr. Er fand es im Auftrag, den Jesus Petrus gegeben hatte.

Der Dialog ist für den Papst das grundlegende Element und die Enzyklika ist ein Manual des Dialogs, in der Schule des Konzils, das mit dem Dekret Unitatis redintegratio einen neuen, aber nicht banale Weg eröffnet hatte.

Johannes Paul II. erinnert daran, dass es "in diesem Zusammenhang nicht darum geht, das Glaubensgut zu modifizieren, die Bedeutung der Dogmen zu ändern, wesentliche Worte aus ihnen zu streichen, die Wahrheit an den Zeitgeschmack anzupassen, bestimmte Artikel aus dem Credo zu streichen mit der falschen Vorgabe, sie würden heute nicht mehr verstanden. Die von Gott gewollte Einheit kann nur in der gemeinsamen Zustimmung zur Unversehrtheit des Inhalts des geoffenbarten Glaubens Wirklichkeit werden. Was den Glauben betrifft, steht der Kompromiss im Widerspruch zu Gott, der die Wahrheit ist." Natürlich muss die Lehre immer in verständlicher Weise präsentiert werden.

Der Primat des Gebets für die Ökumene beinhaltet auch Hingabe, wie der Papst am Beispiel von "Maria Gabriella von der Einheit, die ich am 25. Januar 1983 seliggesprochen habe" aufzeigt.

"Auf Grund ihrer Berufung zu einem Leben in Abgeschiedenheit von der Welt hat Schwester Maria Gabriella ihr Dasein der Meditation und dem Gebet mit dem Schwerpunkt auf dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums gewidmet und es für die Einheit der Christen dargebracht. Genau das ist der Ansatz und Kern jedes Gebetes: die totale und vorbehaltlose Hingabe des eigenen Lebens an den Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. Das Beispiel von Schwester Maria Gabriella lehrt uns und läßt uns begreifen, daß es keine besonderen Zeiten, Situationen oder Orte gibt, um für die Einheit zu beten. Das Gebet Christi zum Vater ist Modell für alle, immer und an jedem Ort."

Der Dialog muss eine Gewissensprüfung sein, ein Versuch zur Lösung der Gegensätze, praktische Zusammenarbeit, die als Frucht eine wiederentdeckte Brüderlichkeit, Solidarität im Dienst an der Menschheit, Übereinstimmungen im Wort Gottes und im Gottesdienst, Anerkennung der bei den anderen Christen vorhandenen Güter und Wachsen in der Gemeinschaft bringt.

Der Papst zeichnet die Etappen der Ökumene nach und es ist äußerst nützlich, sie jetzt, nach 25 Jahren, erneut zu lesen. Aber am Ende steht die Frage: Quanta est nobis via?

Sicherlich bedarf es weiter des Dialogs und eines gemeinsamen Blickens auf die Heiligkeit, wie der Papst schreibt: "Aus einer theozentrischen Sicht haben wir Christen bereits ein gemeinsames Martyrologium. Es enthält auch die Märtyrer unseres Jahrhunderts, die viel zahlreicher sind, als man glauben würde, und zeigt, wie auf einer tiefen Ebene Gott unter den Getauften die Gemeinschaft unter dem höchsten Anspruch des mit dem Opfer des Lebens bezeugten Glaubens aufrechterhält."

Und die Rolle des Bischofs von Rom?

Johannes Paul II. stellt die göttliche Barmherzigkeit ins Zentrum. Er schreibt: "Lukas hebt hervor, daß Christus dem Petrus aufträgt, die Brüder zu stärken, ihn aber gleichzeitig seine menschliche Schwäche und die Notwendigkeit seiner Bekehrung erkennen läßt (vgl. Lk 22, 31-32). Es ist gerade so, als würde vor dem Hintergrund der menschlichen Schwachheit des Petrus voll offenkundig werden, daß sein besonderes Amt in der Kirche vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat; es ist, als würde sich der Meister ganz besonders seiner Bekehrung widmen, um ihn auf die Aufgabe vorzubereiten, die er sich anschickt, ihm in seiner Kirche anzuvertrauen, und würde ihm gegenüber sehr anspruchsvoll sein." Und er fügt hinzu: "Sollte man nicht in dem Erbarmen, das Petrus braucht, einen Bezug zu dem Amt jener Barmherzigkeit sehen, die er als erster erfährt?"

Daraus ergibt sich: "Durch seine Bindung an das dreifache Liebesbekenntnis des Petrus, das dem dreifachen Verrat entspricht, weiß sein Nachfolger, daß er Zeichen der Barmherzigkeit sein muß. Sein Dienst ist ein Dienst der Barmherzigkeit, geboren aus einem Barmherzigkeitsakt Christi. Diese ganze Lehre aus dem Evangelium muß dauernd neu gelesen werden, damit die Ausübung des Petrusamtes nichts von ihrer Glaubwürdigkeit und Transparenz verliert."

"Die Kirche Gottes ist von Christus dazu berufen, einer im Gewirr ihrer Schuld und ihrer üblen Vorhaben verfangenen Welt kundzutun, daß trotz allem Gott in seiner Barmherzigkeit die Herzen zur Einheit zu bekehren vermag, indem er sie zur Gemeinschaft mit ihm gelangen läßt."

"Der Auftrag des Bischofs von Rom in der Gruppe aller Bischöfe besteht eben darin, wie ein Wächter zu ´wachen´ (episkopein), so daß dank der Hirten in allen Teilkirchen die wirkliche Stimme des Hirten Christus zu hören ist. Auf diese Weise verwirklicht sich in jeder der ihnen anvertrauten Teilkirchen die una, sancta, catholica et apostolica Ecclesia. Alle Kirchen befinden sich in voller und sichtbarer Gemeinschaft, weil alle Hirten in Gemeinschaft mit Petrus und so in der Einheit Christi sind."

Alles führt zurück auf die Frage nach dem petrinischen Primat: "Was die Einheit aller christlichen Gemeinschaften betrifft, gehört natürlich in den Bereich der Sorgen des Primats. Als Bischof von Rom weiß ich sehr wohl, und habe das in der vorliegenden Enzyklika erneut bestätigt, daß die volle und sichtbare Gemeinschaft aller Gemeinschaften, in denen kraft der Treue Gottes sein Geist wohnt, der brennende Wunsch Christi ist. Ich bin überzeugt, diesbezüglich eine besondere Verantwortung zu haben, vor allem wenn ich die ökumenische Sehnsucht der meisten christlichen Gemeinschaften feststelle und die an mich gerichtete Bitte vernehme, eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet. Ein Jahrtausend hindurch waren die Christen ´miteinander verbunden in brüderlicher Gemeinschaft des Glaubens und des sakramentalen Lebens, wobei dem Römischen Stuhl mit allgemeiner Zustimmung eine Führungsrolle zukam, wenn Streitigkeiten über Glaube oder Disziplin unter ihnen entstanden.´"

Es handelt sich um eine grundlegende und immer noch offene Frage, über die in den letzten 25 Jahren wenig bis gar nicht nachgedacht wurde, weil man andere Wege vorzog. Sehr gute, aber weniger ausschlaggebende Wege.

Die Schlussbemerkung des Textes ist durchaus aktuell: "Sollten wir zu Beginn des neuen Jahrtausends nicht mit erneutem Schwung und reiferem Bewußtsein den Herrn inständig um die Gnade bitten, uns alle auf dieses Opfer der Einheit vorzubereiten? Ich, Johannes Paul, demütiger servus servorum Dei, erlaube mir, mir die Wortes des Apostels Paulus zu eigen zu machen, dessen Martyrium, zusammen mit dem des Apostels Petrus, diesem Stuhl von Rom den Glanz seines Zeugnisses verliehen hat, und sage euch, den Gläubigen der katholischen Kirche, und euch, den Brüdern und Schwestern der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, ´kehrt zur Ordnung zurück, laßt euch ermahnen, seid eines Sinnes, und lebt in Frieden! Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen´ (2 Kor 13, 11.13)."

Die Enzyklika trägt das Datum des 25. Mai 1995, Hochfest der Himmelfahrt Christi.

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