Römisches Institut der Görres-Gesellschaft ehrt Raffael mit einem Online-Symposium

Blick auf den Petersdom über den Tiber am Abend des 26. September 2019
Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch
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Mit der Tagung "Himmlische und irdische Liebe. Ein anderer Blick auf Raffael – L'Amore divino e profano. Uno sguardo diverso su Raffaello" brachte das Römische Institut der Görres-Gesellschaft im Vatikan einen interessanten und wichtigen Beitrag zu den nationalen Festlichkeiten anlässlich des 500. Todestags von Raffaello Sanzio – "Raffael 2020".

Das Online-Symposium, vom Campo Santo Teutonico im Vatikan aus koordiniert, fand am 26. und 28. November statt und wurde vom Direktor des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft im Vatikan Mons. Dr. Stefan Heid gemeinsam mit den deutschen Kunsthistorikerinnen Dr. Claudia Bertling Biaggini aus Zürich und Dr. Yvonne Dohna Schlobitten von der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom organisiert.

Die für Anfang März geplante Veranstaltung musste covidbedingt auf Ende November verschoben werden. Sie wurde von drei auf zwei Tage komprimiert und in die virtuelle Welt des Internets verlegt. Die Tagung war ursprünglich auf mehrere Orte konzipiert – das deutsche Kolleg am Campo Santo im Vatikan als Hauptzentrum, das Refektorium des Konvents SS. Trinità dei Monti, das Pantheon, wo eine musikalische hl. Messe zu Ehren Raffaels auf dem Programm stand, und die Villa Farnesina. Alle diese Programmpunkte wurden abgesagt. Dennoch waren die Organisatoren dankbar, dass es Ihnen noch im Jubiläumsjahr des großen Künstlers aus Urbino möglich war, diese hochkarätig besetzte Tagung zu veranstalten. 

Auf zwei thematische Blöcke aufgeteilt, widmete sich die Online-Tagung in italienischer Sprache der sakralen und profanen Kunst Raffaels sowie der spirituellen Praxis am Papsthof von Julius II. und seinem Nachfolger Leo X. Darüber hinaus sollte sie einen neuen Blick unter interdisziplinären Gesichtspunkt auf sein Schaffen eröffnen.

Die Himmlische Liebe – Raffaels religiöse Impulse

Am 6. April 1520 starb Raffaello Sanzio im Alter von 37 Jahren in Rom, "an demselben Festtage, an dem er geboren war, am Karfreitag […] und wie sein Geist die Erde verschönte, ist zu glauben, dass seine Seele den Himmel schmückt", schreibt Giorgio Vasari in "Le vite". Raffaels Leichnam wurde vor seinem letzten Werk, der 'Transfiguration – Verklärung Christi', aufgebahrt, bevor er im Pantheon beigesetzt wurde. Dieses Meisterwerk wurde zum Leitmotiv des ersten Teils der Konferenz, an dem die Vermittlung Raffaels Glaubens im Zentrum stand. Die 'Transfiguration', bezeichnet als bildhafte Wiedergabe der Liebe Gottes zu den Menschen, stellt als letztes Werk ein gewisses spirituelles Vermächtnis des Künstlers dar und "sagt uns viel über seinen Glauben. So steht das Gemälde für die heilende Kraft des Erlösers und bildet unumstritten das größte Zeugnis für Raffaels Religiosität", meint Claudia Bertling Biaggini und fügt hinzu, dass Raffael bereits zu Lebzeiten "das Prädikat des 'Göttlichen' – il divino Raffaello erteilt wurde."

Das Bild schildert zwei Ereignisse aus dem Neuen Testament, die im Evangelium nach Matthäus (Mt. 17, 1-21) nacheinander erzählt werden. Raffael folgt dem Evangeliumstext und komponiert die Szenen auf zwei Ebenen – oben die Verklärung mit Christus in der Glorie aus Licht und Wolken zwischen den Propheten Moses und Elias, unten im Vordergrund die Begegnung der Apostel mit dem besessenen Kind, das durch ein Wunder von Christus bei seiner Rückkehr vom Berg Tabor geheilt wird.

Dieses "schönste, göttlichste und am meisten bewunderte Werk", um Vasari erneut zu zitieren, wurde von verschieden Fachrichtungen aus betrachtet und einer gründlichen Analyse aus theologischer, historischer, ästhetischer, ikonographischer und kunsthistorischer Sicht in den Vorträgen der Referenten unterzogen. Mit dem Thema 'Verklärung Christi' unter dem spirituellen Aspekt der 'veritas gaudium' befasste sich der Theologe Giuseppe Bonfrate (Päpstliche Universität Gregoriana Rom). Zur liturgischen Funktion und ästhetischen Wirkung von Altarbildern Dirk Bauts und Raffaello sprach der emeritierte Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards (Universität Bonn). Die Dozentin Yvonne Dohna Schlobitten (Päpstliche Universität Gregoriana Rom) betrachtete die Gegensätze zwischen Romano Guardini und Raffael. Danach folgten drei verschiedene Blickwinkel auf die 'Transfiguration Christi': Anna Cerboni Baiardi (Universität von Urbino) sprach zu "La Trasfigurazione di Raffaello tra progettazione e divulgazione" (Raffaels Verklärung zwischen Planung und Verbreitung), Stefania Pasti (Rom) befasste sich mit Raffaels 'Transfiguration' und dem prophetischen Text der "Apocalypsis Nova" aus dem 15. Jahrhundert, der dem Franziskaner Amadeo da Silva Meneses zugeschrieben wird. In der Präsentation von Matthias Wivel, dem Kurator der Italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts an der National Gallery London, wurde die 'Verklärung Christi' dem Werk von Sebastiano del Piombo 'Auferweckung des Lazarus' gegenübergestellt. Diese zwei Bilder waren Konkurrenzwerke, die Kardinal Giulio de' Medici, der spätere Papst Clemens VII., für die Kathedrale Saint Justes von Narbonne in Frankreich den beiden Künstler in Auftrag gab. Die 'Verklärung' blieb nach Raffaels Tod im Besitz des Kardinals, der es später der Kirche San Pietro in Montorio in Rom für den Hauptaltar stiftete. Das Gemälde gehörte zu den Werken, die, dem Traktat von Tolentino folgend, 1797 nach Paris verbracht wurden und nach der Freigabe 1817 in den Besitz der Pinakothek Pius' VII. (heute Vatikanische Museen) übergingen. Die 'Auferweckung des Lazarus' dagegen befand sich in der Kathedrale von Narbonne bis zum 18. Jahrhundert, dann wurde das Gemälde entfernt und als eines der ersten in die Sammlung der National Gallery London aufgenommen. Zum Abschluss des sakralen Teils der Tagung kam der Direktor des Dommuseums in Florenz Mons. Dr. Timothy Verdon zu Wort. Im Zentrum seiner Reflexion "La Transfigurazione come Summa Fidei" stand das Credo Raffaels. 

Irdische Liebe – der 'stumme Poet', Ovid und 'bellezza'

Der zweite Teil des Symposiums konzentrierte sich auf das Profane im Schaffen Raffaels. An Beispielen von Motiven aus der griechisch-römischen Mythologie, profanen, erotischen und paganen Bildthemen, die in der Villa Farnesina, sowie in der Stufetta Bibbiena und der Stanzen des Apostolischen Palastes im Vatikan zu finden sind, sollte der 'stumme Poet' Raffael angesprochen werden. Ihm wurde der Beitrag "Raffaello – poeta mutolo" der Kunsthistorikerin Marzia Faietti (Florenz/Bologna) gewidmet. Der italienische Humanist Lodovico Dolce definiert im "Dialog über die Malerei" Raffael als 'poeta mutolo'. "Solch eine Definition, dem Poeten Pietro Aretino zugeschrieben, ruft den Aphorismus in Erinnerung, der von Plutarch in 'De gloria Atheniensium' dem griechischen Dichter Simonides von Keos zugeschrieben wird, wonach die Malerei eine stumme Poesie sei, die Poesie eine sprechende Malerei", erklärt die Referentin. In diesem Sinne war Raffael in Wort und Bild gleichermaßen gewandt, gewissermaßen als 'Maler-Dichter'. Den Aspekt der Götterliebe nach Ovid am Beispiel der Werke von Raffael, Sebastiano del Piombo und Baldassare Peruzzi in der Agostino Chigis Villa in Trastevere (Villa Farnesina) stellte in ihrem Vortrag "Vita erotica nelle Metamorfosi di Ovidio" Claudia Cieri Via (Universität La Sapienza Rom) vor. Über die Liebe und die 'Bellezza' im berühmten Fresko 'Triumph der Galatea' in der Villa Farnesina sprach Costanza Barbieri (Università Europea di Roma) in ihrem Referat "Raffaello e Sebastiano: Galatea, dell'amore e della bellezza". Claudia Bertling Biaggini wiederum stellte in ihrem Beitrag "La Stufetta Bibbiena – Amori degli dei" (Die Stufetta Bibbiena – Liebe der Götter) interessante konstruktive Vorschläge für die Rekonstruktion zur Identifizierung fehlender Elemente des mythologischen Freskenzyklus in der wenig bekannten 'Stufetta Bibbiena' vor. Die Stufetta von Kardinal Bernardo Dovizi da Bibbiena ist ein sehr kleiner Raum im dritten Stock des Apostolischen Palastes, der an die Loggia angrenzt und ursprünglich als privates Badezimmer diente. Im Auftrag des Kardinals dekorierte Raffael den Raum 1516 mit acht erotischen Szenen nach Ovid. 

Die profane und pagane Kunst zeigt bei Raffael "eine Rezeption der antiken Götterwelt, bei der die moralische Vorstellung der Mythen auf das christliche Weltbild der Fresken Raffaels Einfluss nehmen", meint Claudia Bertling Biaggini und ergänzt, dass "die Liebesabenteuer der antiken Götter sich unter Raffael geradezu zum Paradethema entwickelten."

Im abschließenden Vortrag "Il Primato di Raffaello Sanzio" sprach Prof. Claudio Strinati, der renommierte Renaissance-Experte, wichtige Facetten des Schaffens Raffaels an. Er gab Einblicke in die Funktion und Organisation seiner Werkstatt, aus der viele bedeutende Nachfolger hervorgegangen sind, und sprach religiöse Impulse des großen Künstlers aus Urbino an. 

Das Symposium eröffnete den anderen Blick auf Raffaels Schaffen, nämlich in einem interdisziplinären Zugang der ausgewiesenen Experten. Die Referenten haben aufgezeigt, dass Raffaels Kunst durchaus transdisziplinär ist, denn sie ist nicht Ausdruck einer Disziplin (sei es theologisch, philosophisch, architektonisch oder psychologisch), sondern seine Kunst ist eher der "Disziplin des Lebens", besser noch der "Disziplin der Liebe" verpflichtet, um es mit den Worten von Yvonne Dohna Schlobitten zu umschreiben. Raffael agiert und schafft ganz aus seinen persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen heraus, und so entsteht bei ihm eine geniale Mischung aus Psychologie und Theologie. Wie Michelangelo oder Leonardo da Vinci versuchte auch Raffael, die Wissenschaft mit dem christlichen Glauben zu vereinen, indem er spielerisch religiöse, literarische, mythologische sowie naturwissenschaftliche Themen zu einem Ganzen verwob, so Yvonne Dohna Schlobitten. Weltliches, Geistliches und auch Politisches fänden so Eingang in das Schaffen Raffaels.

Mit 150 eingeschriebenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhielt die Raffael-Tagung eine  positive Resonanz. Eine Publikation der Vorträge ist angedacht.

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