Was die Synodenväter von den heiligen Eltern der Therese von Lisieux lernen können

Die heiligen Zélie und Louis Martin wurden am vergangenen Wochenende zur Ehre der Altäre erhoben
Foto: CNA/Martha Calderon
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Ein Versäumnis, das die Kirche wieder gut gemacht hat: Die Heiligsprechung von Zélie und Louis Martin würdigt endlich das vorbildliche Eheleben als Weg der Heiligung. Und auch den Synodenvätern könnten die Eltern der „kleinen Therese" ein Vorbild sein, meint der renommierte Vatikan- und Kirchenexperte Ulrich Nersinger. Der Journalist und Autor hat eine Reihe von Publikationen zu römischen Themen vorgelegt.

CNA: Zum ersten Mal hat die Kirche ein Ehepaar gemeinsam heilig gesprochen. Wie kam es dazu?

NERSINGER: Es ist nicht zuletzt das Verdienst des heiligen Johannes Paul II. In dem Apostolischen Schreiben, das der Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 diente, wünschte er mit großem Nachdruck „eine Anerkennung der heroischen Tugenden von Männern und Frauen, die ihre Berufung in der Ehe verwirklicht haben“ (Tertio millennio adveniente, 37). Er war fest davon überzeugt, dass es in diesem Stand nicht an Heiligkeit mangelt, und er sprach von dem dringenden Bedürfnis, „die geeigneten Wege dafür zu finden, dass diese Heiligkeit festgestellt und der Kirche als Vorbild für die anderen christlichen Eheleute vorgestellt werden kann“. Der Heilige Vater sah in der Ehe „ein Realsymbol des Heilsgeschehens“ (Familiaris consortio, 13). In seinen Enzykliken, Predigten und Ansprachen betonte er die Berufung der Eheleute, in der Erfüllung ihres Sakramentes Heiligkeit anzustreben.

CNA: Man muss also von einem Versäumnis in der Vergangenheit ausgehen?

Bedauerlicherweise ja. Wenn früher Verheiratete zur Ehre der Altäre erhoben wurden, so waren die Beweggründe hierzu selten in der Bewertung eines vorbildlichen ehelichen Lebenswandels zu sehen. Die Gründe waren andere. So kam den zwei glücklichen und in tiefem christlichen Geist geführten Ehen des englischen Lordkanzlers Sir Thomas More in dem für ihn geführten Kanonisationsverfahren nur nebensächliche Bedeutung zu. Andere verheiratete Laien wurden von der Kirche als Selige oder Heilige deklariert, weil sie nach dem Tode ihres Ehepartners Ordensgemeinschaften oder fromme Institute gegründet hatten bzw. diesen geistlich verbunden waren. Anna Maria Taigi, verheiratet und mit sieben Kindern gesegnet, gehörte als Tertiarin dem Trinitarierorden an. Sie lebte und wirkte bewusst in der Spiritualität dieser Gemeinschaft. Ein Grund für die Trinitarier, ihre Seligsprechung zu betreiben. – Johannes Paul II. setzte in seinem Pontifikat nun einen neuen, der Würde des Ehesakramentes entsprechenden Akzent, der die Selig- und Heiligsprechungsverfahren der katholischen Kirche bereichert.

CNA: Die Rolle der Laien in der Kirche war Papst Johannes Paul II. generell ein großes Anliegen. 

NERSINGER: Dem damaligen Heiligen Vater war die Rolle der Laien in der Kirche nicht nur ein Anliegen, sondern eine Erfordernis, die in den wegweisenden Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils klar und deutlich formuliert worden ist. Zu den Rechten und Pflichten der Laien gehörte für den Papst auch die Erkenntnis der Konzilsväter, „dass alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind“ (Lumen gentium, 40). Heiligkeit sollte und durfte kein „Privileg“ von Klerikern und Ordensleuten sein.

CNA: Der gleiche Papst Johannes Paul II. hat auch vor gut dreißig Jahren eine Familiensynode gehalten, deren Abschluss ein Apostolisches Schreiben darstellt – Familiaris Consortio. Darin sind eigentlich der Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten und viele andere Themen der jetzigen Synode schon beantwortet, oder?

NERSINGER: Johannes Paul II. war ein Papst der Pastoral; er nahm die Sorgen und Nöten seiner Mitmenschen, der ihm anvertrauten Gläubigen ernst. An seinen Worten und Weisungen kann man nicht vorbeigehen, weil sie sich an den Geboten Jesu Christi orientieren. Barmherzigkeit war für den heiligen Johannes Paul II. unbestritten ein Name Gottes, aber auch Gerechtigkeit und Wahrheit waren es – Namen, die einander nicht ausschließen, sondern korrespondieren.

CNA: Zélie und Louis Martin wollten als Ehepaar nicht nur keusch leben, sondern erst einmal sogar wie Bruder und Schwester. Dann haben sie ihre Ehe doch auch als Mann und Frau entdeckt und Gott hat ihnen viele Kinder geschenkt, von denen mehrere einer geistlichen Berufung nachgingen. Wie zeitgemäß ist dieses Zeugnis in unserer Zeit, im Europa des "demographischen Wandels" und der "Postmoderne"?

NERSINGER: Ich denke, im Gebet, der Geistlichen Betrachtung und der Liebe zueinander haben Zélie und Louis Martin erkannt, dass sie in der Ehe von Gott das unfassbare Geschenk erhalten haben, an seiner Schöpfung selber mitzuwirken und sie weiterzutragen. Es ist ein Geschenk, aber auch eine Verpflichtung, die den Rahmen jeder Zeitepoche sprengt und daher nie „unmodern“ sein kann. Wenn dies von vielen Mitchristen nicht erkannt wird, so ist es auch ein Versäumnis von uns allen, die wir nicht genügend vermittelt haben, was die Ehe eigentlich ist. Daran krankt die Kirche in ihrer Verkündigung; hier müsste sie ein mea culpa sprechen und neue Anstrengungen unternehmen.

CNA: Was, glauben Sie, würden die Eltern der kleinen Therese von der derzeitigen Familiensynode halten?

NERSINGER: In der Kirchengeschichte haben die Heiligen in Auseinandersetzungen immer das offene – ich betone ausdrücklich „offene – Gespräch über den Glauben  gesucht und nicht selten um die Bewältigung der Schwierigkeiten, die sich durch alle Jahrhunderte hindurch in dessen Umsetzung ergaben, gerungen. Doch immer sahen sie sich dem unauslöschbaren und zeitlosen Wort Gottes verpflichtet. Sie handelten ehrlichen Herzens und ohne Winkelzüge und taten dies nicht zuletzt im Gebet. So glaube ich, würden es sich auch die heiligen Eltern der heiligen Therese von Lisieux wünschen.