An diesen Sonntagen bis Christi Himmelfahrt und Pfingsten möchte ich mit Ihnen ein wenig vorausdenken, was wir an diesen Festen eigentlich feiern. Wir wollen uns vorbereiten, damit wir die Feiern gut verstehen und begehen können.

Bleiben wir gleich bei dem Ausdruck „Christi Himmelfahrt“. Ist dieser Ausdruck nicht heute irreführend? Denn ist Christus nach oben gefahren? Ist er in den Himmel gefahren, aufgestiegen? Oder hatten die Apostel nur eine Art Vision?

Ich persönlich tue mich mit allen Ausdrücken schwer, die von Christus eine körperliche Distanz aussagen. Ich tue mich ein wenig schwer mit dem Ausdruck: Christus  k a m  in die Welt. Und: Er hat die Welt wieder verlassen, er ist gegangen. Ich tue mich auch schwer mit dem Ausdruck: Gott  s a n d t e seinen Sohn. Es klingt so, als wäre Gott ganz weit weg und hätte aus der Ferne das Elend der Menschen gesehen und seinen Sohn dann in die Ferne zur Rettung des Menschen gesandt.

Ich glaube: Man darf sich fragen: Würde Christus, wenn er heute hier unter uns sprechen würde, ganz andere Worte verwenden, um das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen auszudrücken? Heute fliegen wir in den Weltraum. Die meisten Menschen vor 2000 Jahren oder auch vor 200 Jahren hätten vermutlich eben gedacht: Die Wohnung Gottes ist über den Wolken.  Christus ist herabgestiegen und ist wieder aufgestiegen. Gott sandte aus der Ferne seinen Sohn.

Schauen wir auf einige Worte Jesu: Einerseits hat Jesus wiederholt erklärt, die Autoritäten in Jerusalem würden ihn töten, er müsse leiden und sterben. Andererseits sagte er den Jüngern wiederholt: Ich gehe zum Vater. Ich verlasse euch. Und: Ich muss euch verlassen, sonst kann ich Euch den Geist nicht senden. Ich kann euch den Geist vom Vater nur schicken, wenn ich Euch vorher verlassen habe. Aber dann komme ich wieder und hole Euch zu mir, damit auch Ihr dorthin kommt, wo ich bin. Wo ist Jesus? Wohin ist er gegangen?

Wenn ich Rosenkranz bete, bete ich nicht „der in den Himmel aufgefahren ist“, sondern ich spreche: „Der in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen ist“. Jesus ist in der Herrlichkeit des Vaters. Wo ist diese? Überall und nirgends, drinnen und draußen. Die Herrlichkeit des Vaters ist eine andere Dimension, eine Dimension, die wir jetzt noch nicht verstehen können. Manche sagen: Man kann mit den Augen des Herzens sehen. Vielleicht würden uns moderne Mystiker helfen können. Vielleicht könnte uns Edith Stein helfen. Jesus hat seinen Jüngern und damit auch uns seinen Geist versprochen. Der Geist – der Heilige Geist – ist aber weder eine Wissenschaft, noch eine Technik. Er ist für uns ein Geheimnis. Aber wir können eine Ahnung vom Heiligen Geist und vom Pfingstereignis haben, wenn wir daran denken, dass die Sache Jesu eben nach Jesu Verschwinden erst richtig losgegangen ist. Es war wie ein Feuerwerk. Die bis dahin verängstigten und feigen Jünger waren plötzlich mutige Zeugen Jesu. Plötzlich hatten sie Jesus und sein Anliegen verstanden.

Ja – warum musste Jesus gehen und konnte uns nur dann, wenn er gegangen ist, seinen Geist senden? Sagt er nicht auch: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“?

Ich glaube: Man kann die ganze Frage so beantworten: Jesus musste gehen, von der Erde verschwinden, um in neuer, anderer Weise ganz bei uns zu sein. Er musste als Mensch sterben, um als Gott bei uns zu sein. Jetzt ist er da – so wie Gott schlechthin da ist. Er musste aus der Sichtbarkeit gehen, um unsichtbar da zu sein.

Ich weiß nicht, ob der folgende Vergleich trifft. Wenn ein uns sehr lieber Mensch stirbt, verschwindet er aus der sichtbaren Umgebung. Wir leiden darunter. Aber bleibt er nicht in anderer Weise unsichtbar bei uns. Können wir nicht zu ihm sprechen, ihn uns nahe fühlen? Ja – Jesus ist gegangen, um jetzt ganz bei uns zu sein. Aber damit wir dies glauben und erfahren können, sollten wir uns vielleicht nicht auf die Stunde am Sonntagvormittag beschränken. Amen.

Pater Eberhard von Gemmingen SJ war von 1982 bis 2009 Redaktionsleiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan.

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