Eberhard von Gemmingen: Portrait eines Freiherrn im Dienste Christi

Auch heute noch als rühriger Redner unterwegs – und kein Mann für vorgestanzte Antworten: Pater Eberhard von Gemmingen SJ leitete von 1982 bis 2009 die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan.
Foto: privat

"Ad maiorem Dei gloriam" – zur größeren Ehre Gottes: Dem Wahlspruch der Jesuiten ist Pater Eberhard von Gemmingen bereitwillig während seines gesamten Berufungslebens gefolgt, und geht ihn konsequent weiter. Im April wurde der Ordensmann und ehemalige Redaktionsleiter von Radio Vatikan 80 Jahre alt. Hinter ihm liegt der Lebensweg eines Adligen,  der aus seinen familiären Bahnen ausbrach, um sich für die radikale Nachfolge Christi zu entscheiden. Sein Verzicht auf weltlichen Überfluss schärft seinen Blick auf die Realität bis heute – etwa, wenn es um das Pontifikat von Papst Franziskus geht – und in die Zukunft.

Vom Schwarzwald nach Rom

Seinen Namen und Titel "von Gemmingen-Hornberg" erbte Freiherr Eberhard von seinem Vater. Der Geburtsort, ein Wasserschloss im nordbadischen Bad Rappenau, zeugt von vornehmer Herkunft. Wie viele Millionen Deutsche wurde auch von Gemmingens Vater im Zweiten Weltkrieg als Soldat an die Ostfront versetzt. Und wie viele kam er von dort nie mehr nachhause. Gemeinsam mit mehreren Geschwistern wuchs der junge von Gemmingen auf dem Landsitz seiner Mutter, Marie-Wilhelmine Gräfin von Drechsel auf Deufstetten auf. Diese entschied sich, ihren Sohn in die Obhut der Jesuiten ins Kolleg St. Blasien im Schwarzwald zu geben.

Dort genoss der Sprössling eine sehr gute und solide Erziehung. Im Internat fand der äußerst begabte Schüler schon bald Gefallen am Gemeinschaftsleben der Patres. Die Entsagung, die Schlichtheit und das einfache Leben berührten ihn tief. Nach dem Abitur entschied sich von Gemmingen im Alter von 21 Jahren nun selbst, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, statt als Eberhard Freiherr und Graf von Gemmingen-Hornberg den Landsitz mit Gutshof zu übernehmen. Der Ruf Christi ließ ihn nicht mehr los.

Die radikale Nachfolge Christi war es, die von Gemmingen bis ins Zentrum der katholischen Kirche nach Rom führte, wo er Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan wurde. Niemals hätte der gebürtige Nordbadener zu denken gewagt, einmal zu einer prägenden Figur in der weltweiten katholischen Medienarbeit zu werden. Nahezu dreißig Jahre war er die deutsche Stimme und das Gesicht von Radio Vatikan im deutschsprachigen Raum. Sendungen wie die Radio-Exerzitien und Sonntagsbetrachtungen prägten er und sein Redaktionsteam entscheidend mit. Letztlich verhalf der Jesuitenpater dem katholischen Hörfunk im Herzen der Weltkirche auch maßgeblich beim Ausbau eines zeitgemäßen Profils.

Internationale Anerkennung

Aufgrund seiner rhetorischen Kompetenz wurde von Gemmingen nicht nur im Radio, sondern auch im Fernsehen zunehmend gefragt. Beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), wo er vor seiner Tätigkeit in Rom Rundfunkbeauftrager der Deutschen Bischofskonferenz war, nahm er regelmäßig Stellung zu Problemen und Erschütterungen rund um den Vatikan. Co-Moderationen zu wichtigen kirchlichen Ereignissen gehörten zu ebenfalls zu seinen Einsatzgebieten im Fernsehen. Schließlich führte er auch selbst TV-Interviews – unter anderem mit Papst Benedikt XVI. kurz nach dessen Wahl 2005.

Sowohl Papst Benedikt, als auch den hl. Papst Johannes Paul II. kannte der Pater persönlich. Dem deutschen Papst begegnete er im Laufe seines Theologiestudiums in Tübingen mehrfach, während er den verstorbenen polnischen Pontifex auf nahezu allen Pastoralreisen begleitete. Zahlreiche weitere Persönlichkeiten aus dem Vatikan kennt von Gemmingen natürlich ebenfalls aus nächster Nähe. Aus dieser Erfahrung und Kenntnis heraus spricht er für die "Sache der Kirche", verteidigt sie gegen falsche Kritik.

Von Gemmingens direkte Art, sein gerades Wort haben in der deutschsprachigen Öffentlichkeit Gewicht.  2002 wurde der Jesuit für seine Verdienste von der Bundesrepublik Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse geehrt. Ein schwerer Herzinfarkt im Jahr 2007 war für ihn jedoch ein Rückschlag, von dem er sich nur langsam erholte. Deshalb gab er seine Arbeit bei Radio Vatikan zwei Jahre später an seinen Nachfolger und Ordensbruder Bernd Hagenkord ab. Bis 2015 übernahm von Gemmingen verschiedene Aufgaben innerhalb des Ordens und verfasste mehrere Bücher.

Einfach Leben

Auf seine Herkunft und Titel angesprochen, reagiert Pater von Gemmingen nur bescheiden, wie es auch sonst seine Art ist: Von Gemmingen nimmt sich als Person nicht wichtig. Er bejaht seine Herkunft als reine biografische Tatsache. Mit seiner Berufung als Jesuit hat diese jedoch nichts zu tun. Von Gemmingen gab schon als junger Mann alle Ansprüche auf seinen Titel als Freiherr auf.

Dabei gibt es die Freiherren von Gemmingen seit dem 14. Jahrhundert. Als reichsunmittelbare Freiherren waren sie direkt dem Kaiser unterstellt, übten lange auch die Gerichtsbarkeit in ihren Herrschaftsgebieten im Badischen und Württembergischen Raum aus.

Statt dieser Familientradition wählte von Gemmingen einen anderen Weg: Seine Gesellschaft ist die Gesellschaft Jesu. Ein heiteres Lächeln zeichnet sich auf den Lippen des Jesuitenpaters ab, wenn er daran denkt, dass mit Papst Franziskus nun sogar einer seiner Ordensbrüder Nachfolger des hl. Petrus geworden ist: Ein Jesuit als Papst, mit dem Namen eines armen Mönchs aus Assisi. Eine einzige Schwäche gibt von Gemmingen trotz seiner Ordenslebens zu: Er mag das hervorragende italienische Essen – und den Lebensstil der Italiener.

Jesus, Grund und Mitte der Kirche

Als Redner und authentischer Zeitzeuge der Kirche ist von Gemmingen auch heute ein gern gesehener Gast in lokalen und regionalen Bildungswerken. Schon immer suchte er den Kontakt zu den Menschen vor Ort, um deren Sorgen und Fragen zu hören.

In der persönlichen Begegnung mit Eberhard von Gemmingen werden viele Zuhörer zunächst überrascht. Vom langjährigen Radio-Vatikan-Mann erwarten manche glatte, oder gar gestanzte Antworten. Mit fertigen Lösungen bedient und beruhigt er seine Zuhörer jedoch nie.

Diese Offenheit ist typisch für Pater Gemmingen. Zuerst ist er selbst Zuhörer, betont er, und will die Anliegen der Menschen in der konkreten Situation verstehen. Er lasse die Realität zu, nehme an ihr teil, um dann erst Lösungen zu ermöglichen. Dazu gehören die kirchliche Spaltung, die Realität der Schuld und ihre Bewältigung, das Zerbrechen von Ehen und der Weg des Christentums in der heutigen Zeit. Von großen theologischen Entwürfen hält der Jesuit nicht viel. Stattdessen sieht er die Lösung vieler Problem der Kirche und der Glaubenskrise – vor allem in Europa – im Gebet.

Dabei macht er sich eine Aussage des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx zu eigen: "Wo Eltern nicht mit ihren Kindern beten, ist alles andere sinnlos".

Im täglichen Gebet entspringt die Kraft, die alle Christen benötigen, um sich im Alltag zu bewähren. Darauf aufbauend bezieht sich von Gemmingen auf das Wort Jesu: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18:20). Es geht also darum, den Glauben zu teilen, ihn aus der Mitte heraus in die Öffentlichkeit zu tragen. Und wo der Glaube – wenn auch nur in kleinen Gruppen – geteilt wird, verändert er die Menschen und die Welt, so von Gemmingen. "Denn die Kirche ist und bleibt ein Mysterium. Sie ist ein Geheimnis der Liebe und Barmherzigkeit". Kein Mensch darf davon ausgenommen werden. Wenn Papst Franziskus – Ordensbruder von Pater Gemmingen – immer wieder von der Zärtlichkeit Gottes zu den Menschen spricht, wolle er damit letztlich eine Wesenseigenschaft der Kirche an sich zum Ausdruck bringen.

"Liebe ist immer ein Mysterium und sie kann nur als Liebe gelebt werden", sagt von Gemmingen, wenn er bei einer Veranstaltung in der katholischen Erwachsenenbildung spricht. Und darin besteht nach Ansicht des Referenten auch der springende Punkt: "Diese unendliche Liebe Gottes gilt allen Menschen, insbesondere denjenigen, die in Ehe und Familie oder im Leben an sich gescheitert sind". 

Moral und Barmherzigkeit nicht gegeneinander ausspielen 

Kein Mensch, weder die Geschiedenen, noch die Wiederverheirateten dürften von dieser Liebe Gottes ausgeschlossen werden, betont von Gemmingen. Jesus habe die Hartherzigkeit – wörtlich "Herzensverkalkung" – vieler Gesetzeshüter und Pharisäer kritisiert, weil sie die Gnade Gottes vergessen hätten, die dem Volk Israel zuteil wurde. Deshalb seien die Gebote Gottes zuallererst Gnadenerweise Gottes, um das Israel als sein Volk zu vereinigen. Papst Franziskus habe eine neue Atmosphäre in der Kirche geschaffen, in der die Barmherzigkeit über dem "Sollen" stünde, betont von Gemmingen.

Moral und Barmherzigkeit dürften jedoch niemals gegeneinander ausgespielt werden oder sich gegenseitig ausschließen. Es geht um den Weg der Barmherzigkeit im Miteinander aller Christen. Die Kirche sei von je her darauf bedacht gewesen, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Recht und Norm einerseits, und der Liebe andererseits zu wahren, aber mit der Liebe als Vorzeichen. "Und der Papst geht diesen gemeinsamen Weg mit", sagt einer, der fast 30 Jahre in Rom lebte. Es sei deshalb auch der Weg der Versöhnung aller Christen, nicht nur als Ökumene, sondern vor allem mit der Einheit aller Getauften als Ziel.

Eine herausragende Rolle sieht der ehemalige Redaktionsleiter von Radio Vatikan schließlich in den kirchlichen Medien, die – auf welche Weise auch immer – eine hervorragende Arbeit leisten sollten – und dies auch täten. Dies müsse gerade im deutschsprachigen Raum jedoch noch viel mehr ausgebaut werden. Neben den Kultusministerien, hätten gerade die katholischen Medien die Aufgabe, wenigstens ein Minimum Glaubenswissen zu organisieren und zu publizieren. Denn zum Glauben gehöre Wissen über das, was geglaubt werde.

Am Anfang wie am Ende seiner Rede in einer größeren Veranstaltung betont von Gemmingen jedoch immer wieder das allerwichtigste im christlichen, kirchlichen und menschlichen Miteinander: Jesus Christus! Es geht darum, "diesen Mann, der da am Kreuz hängt, wieder in die Mitte und ins Zentrum aller kirchlichen Verkündigung zurückzuholen". Und deshalb habe eben das gemeinsame Gebet nur einen Ursprung, eine Mitte und ein Ziel: "Der barmherzige Gott, der uns in Jesus begegnet".

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