Die Verantwortlichkeit der Familie, verstanden als „Lebens- und Liebesgemeinschaft“, wird in der Enzyklika „Evangelium vitae“ eingehend vorgestellt und erörtert: „Es geht um die Liebe Gottes selbst, dessen Mitwirkende und gleichsam Interpreten seiner Liebe die Eltern sind, wenn sie dem Plan des Vaters entsprechend das Leben weitergeben und erziehen. Die Liebe wird somit zu unentgeltlichem Dienst, zu Aufnahme, zum Geschenk: in der Familie wird ein jeder anerkannt, geachtet und geehrt, weil er Person ist, und wenn einer es nötig hat, wird ihm intensivere und aufmerksamere Fürsorge zuteil.“ 

Was Johannes Paul II. hier darlegt, ist tief im christlichen Glauben gegründet und zugleich eine wunderbare Vision für die Gegenwart, sicher auch ein notwendiges Korrektiv für viele Familien, deren Alltag von Zwist und Streit gezeichnet ist, von Versehrungen und Verwundungen im Miteinander. 

Für den „Aufbau der Kultur des Lebens“ ist die Familie unverzichtbar: „Als Hauskirche ist die Familie aufgerufen, das Evangelium vom Leben zu verkünden, zu feiern und ihm zu dienen. Dies ist vor allem Aufgabe der Eheleute, die berufen sind, das Leben weiterzugeben auf der Grundlage eines immer wieder erneuerten Bewußtseins vom Sinn der Zeugung als bevorzugtem Ereignis, in dem offenbar wird, dass das menschliche Leben ein Geschenk ist, um seinerseits weitergeschenkt zu werden.

Die Verkündung geschieht durch Erziehung der Kinder und das gemeinschaftliche Leben in den täglichen Beziehungen und Entscheidungen. 

Die Eltern sollen Beispiel und Vorbild sein, wenn sie ihre Kinder in die „echte Freiheit“ einführen, „die sich in der aufrichtigen Selbsthingabe verwirklicht“ und im Dienst an den Mitmenschen: „Die Erziehungsarbeit der christlichen Eltern muß zum Dienst am Glauben der Kinder und zu ihnen angebotener Hilfe werden, damit sie die von Gott empfangene Berufung erfüllen können. Es gehört zum Erziehungsauftrag der Eltern, die Kinder durch Zeugnis den wahren Sinn des Leidens und Sterbens zu lehren: das wird ihnen gelingen, wenn sie jedes Leiden in ihrer Umgebung beachten und wenn sie noch vorher für die Entwicklung von Haltungen sorgen wie Nähe, Fürsorge, Anteilnahme gegenüber Kranken und Alten im Familienkreis.“

Nicht weniger wichtig ist für die Familie das tägliche Gebet in Gemeinschaft, das Lob des Herrn und das Bitten um Kraft in allen schwierigen Situationen und Phasen des Leides: „Ein Sonderplatz muß den alten Menschen eingeräumt werden. Während in einigen Kulturen der Mensch vorgerückten Alters mit einer wichtigen aktiven Rolle in die Familie eingebunden bleibt, wird hingegen in anderen Kulturen der alte Mensch als eine unnütze Last empfunden und sich selbst überlassen: in einem solchen Umfeld kann leichter die Versuchung zum Rückgriff auf die Euthanasie auftauchen.“ 

Die „Abschiebung“ oder „Ablehnung der alten Menschen“ bezeichnet Johannes Paul II. als unerträglich: „Ihre Anwesenheit in der Familie oder wenigstens die Nähe der Familie zu ihnen, wenn es wegen beengter Wohnverhältnisse oder aus anderen Gründen keine realen Alternativen zum Krankenhaus oder Altenheim geben sollte, sind von grundlegender Bedeutung, um ein Klima gegenseitigen Austausches und bereichernder Kommunikation zwischen den verschiedenen Altersgruppen herzustellen. … Der alte Mensch ist nicht nur als Objekt der Aufmerksamkeit, der Nähe und des Dienstes zu betrachten. Auch er hat einen wertvollen Beitrag zum Evangelium vom Leben zu leisten. Dank des im Laufe der Jahre erworbenen reichen Erfahrungsschatzes kann und muß er einer sein, der Weisheit weitergibt sowie Zeugnis von Hoffnung und Liebe ablegt.“ Die Staaten sind zudem aufgerufen, die Familien wirtschaftlich zu unterstützen, damit sie ihrer Aufgabe nachkommen können: „Die Kirche ihrerseits muß unermüdlich eine Familienpastoral fördern, die jede Familie anzuspornen vermag, mit Freude und Mut ihre Sendung gegenüber dem Evangelium vom Leben wiederzuentdecken und zu leben.“

Johannes Paul II. appelliert leidenschaftlich: „Es bedarf dringend einer allgemeinen Mobilisierung der Gewissen und einer gemeinsamen sittlichen Anstrengung, um eine große Strategie zu Gunsten des Lebens in die Tat umzusetzen. Wir müssen alle zusammen eine neue Kultur des Lebens aufbauen: neu, weil sie in der Lage sein muß, die heute neu anstehenden Probleme in bezug auf das Leben des Menschen aufzugreifen und zu lösen; neu, weil sie eben mit stärkerer und tätiger Überzeugung vonseiten aller Christen aufgebaut werden muß; neu, weil sie in der Lage sein muß, zu einer ernsthaften und mutigen kulturellen Gegenüberstellung mit allen anzuregen. Die Dringlichkeit dieser kulturellen Wende hängt mit der historischen Situation zusammen, in der wir uns befinden, aber sie wurzelt vor allem im Evangelisierungsauftrag, der wesenhaft zur Kirche gehört. Denn das Evangelium hat zum Ziel, ‚die Menschheit von innen her umzuwandeln, sie zu erneuern‘; es ist wie die Hefe, die den ganzen Teig durchsäuert (vgl. Mt 13, 33), und als solches dazu bestimmt, alle Kulturen zu durchdringen und sie von innen her zu beleben, damit sie die ganze Wahrheit über den Menschen und über sein Leben zum Ausdruck bringen.

Beginnen muß man bei der Erneuerung der Kultur des Lebens innerhalb der christlichen Gemeinden selbst. Allzu oft verfallen die Gläubigen, sogar jene, die aktiv am kirchlichen Leben teilnehmen, auf eine Art Trennung zwischen dem christlichen Glauben und seinen sittlichen Forderungen in Bezug auf das Leben, was schließlich zum moralischen Subjektivismus und zu manchen unannehmbaren Verhaltensweisen führt.“

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