Ende der 90er Jahre, während meiner Arbeit als Filmproduzent in Hollywood, fragte mich die Amerikanische Filmproduzenten-Gilde (PGA) ob ich den Vorsitz des Ausschusses für soziales Bewusstsein übernehmen möchte. Ich sagte zu, denn die Frage der Auswirkungen von Filminhalten auf die Zuschauer und die Verantwortung derjenigen, die Inhalte verbreiten (Produzent, Regisseur, Vertrieb, etc.) interessierte mich brennend.

Sodann recherchierte ich die fast 100-jährige Geschichte Hollywoods. Ich wollte herausfinden, ob irgendein Produzent, Regisseur, Schauspieler oder Filmstudio sich über den Einfluss und die Botschaften von Filmen und eine eventuell daraus resultierende Verantwortung geäußert hatte. Dabei stieß ich auf ein Zitat des Regisseurs Frank Capra (bekannt durch „Ist das Leben nicht schön?” mit James Stewart). Capra soll gesagt haben: „Wenn Sie eine Nachricht senden möchten, versuchen Sie es mit Western Union.“ Mit anderen Worten: Filme haben keine Nachricht, keine Botschaft.

Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich dann auf den „Production Code“ oder „Hays Code“: Dieser Kodex wurde 1930 von der Filmindustrie freiwillig als Versuch der „Selbstzensur“ akzeptiert.

Besonders als Katholik, der in den Medien arbeitet, interessiert mich auch heute noch das Thema der Zensur oder Selbstzensur. So wurde ich kürzlich auf den amerikanischen Professor Stephen Werner aufmerksam, der seit 28 Jahren Religion und Philosophie in St. Louis lehrt. Er gilt als Experte für den „Hays Code“. Von ihm erfuhr ich, dass der Kodex, der Hollywood veränderte, auf einem Dokument beruht, welches ein amerikanischer Jesuit in den 1930er Jahren verfasst hatte. Es war Pater Daniel Aloysius Lord SJ.

Die Urheberschaft Lords wurde – mit dessen Einverständnis – lange geheimgehalten. Der Kodex diente als Leitfaden für den moralischen Inhalt amerikanischer Filme.

Die nachfolgenden Informationen über Lord und den „Hays Code“ sind einem umfangreichen Buchprojekt von Werner entnommen. Derzeit arbeiten wir an einer deutscher Übersetzung bzw. Veröffentlichung des Werkes.

Der Hollywood-Code von 1930 für die Filmproduktion

Für die Durchsetzung des Kodex sorgte Will Hays (1879–1954), der Präsident der „Motion Picture Producers and Distributors of America“ (MPPDA). Der Kodex wird daher oft als „Hays Code“ bezeichnet, der seinem Büro aus durchgesetzt wurde. Seine Anwendung änderte sich im Laufe der Zeit, und er sorgte häufig für Kontroversen, die von Beschwerden über eine laxe Anwendung bis hin zu einer zu strikten Durchsetzung reichten, womit die freie Meinungsäußerung unterdrückt werde.

Der Kodex wurde für mehr als 25 Jahre zum Gesetz in Hollywood. Kein Film konnte in einem amerikanischen Kino gezeigt werden, wenn er nicht den Kodex-Stempel der Genehmigung hatte. Jeder Produzent, der versuchte, den Kodex zu umgehen, musste mit einer Geldstrafe von damals 25.000 Dollar rechnen.

Pater Daniel Lord

Der 1888 in Chicago geborene Daniel Lord wuchs in einem goldenen Zeitalter des Theaters auf. Seine Mutter nahm ihn vom Säuglingsalter an zu allen Arten von Theater mit, darunter Dramen, Musicals und Opern. Besonders beliebt war damals das Vaudeville: eine Varieté-Show mit Sängern, Tänzern, Komikern, Akrobaten, Zauberern und vielen anderen. Was Lord erlebte, war großartiges und unterhaltsames Theater, das völlig sauber und für die ganze Familie geeignet war. Dies prägte seine Ansichten über das Kino stark. Er trat 1909 in St. Louis, Missouri, in den Jesuitenorden ein und wurde 1923 zum Priester geweiht. Seit seiner Jugend hatte er die Entstehung von Filmen verfolgt und spielte sogar Klavier zur Begleitung von Stummfilmen. 1930 glaubte Lord, Hollywood könnte die unangemessenen Inhalte aus den Filmen entfernen und bessere Filme produzieren.

Eine neue Ära des Films

Der Film „The Jazz Singer“ aus dem Jahr 1927, mit Al Jolson in der Hauptrolle, markierte einen bedeutenden Sprung in Bezug auf Filme mit Ton und beendete das Zeitalter der Stummfilme mit Live-Musikbegleitung. Die Filmindustrie boomte, und die zahlreichen Studios wetteiferten um ein größeres Publikum.

Einige Produzenten entdeckten, dass sie die Zuschauerzahlen erhöhen konnten, indem sie Geschichten über Verbrecher und Tatorte verfilmten. Und sie überschritten die gesellschaftlichen Grenzen mit einer offeneren Haltung gegenüber sexuellen Beziehungen, schillernden Dialogen und sexuell anzüglichen Szenen, um ein größeres Publikum anzulocken. Die meisten dieser Filme waren im Vergleich zu dem, was man heute in manchen Filmen sehen kann, ziemlich zahm, aber damals fanden viele Zuschauer sie schockierend.

Lord war von all dem beunruhigt, auch weil er als Kind mit großartigem Theater aufgewachsen war, das gute Unterhaltung bot und für die ganze Familie geeignet war. Er war schockiert über die neuen Inhalte, aber er fand auch, dass die Qualität vieler dieser Filme nicht gut war. Er wollte großartige Filme!

Man muss dabei berücksichtigen, dass die Welt der Unterhaltung zu Lords Zeiten eher begrenzt war: Theater und Live-Musik, Radio und Schallplatten. Dazu kamen noch die Filme. Diese waren äußerst beliebt, weil es keine Alternativen wie das Fernsehen und später Videokassetten, DVDs und Streaming gab. Aber es gab kein Bewertungssystem für Filme und in der Regel keinen Versuch, Kinder von Filmen mit reifen Themen fernzuhalten. Die Welt war ganz anders als heute, wo Filme bewertet werden und es zahlreiche Unterhaltungsmöglichkeiten gibt, von denen viele zielgenau auf ein bestimmtes Publikum ausgerichtet sind. Es gibt familientaugliche Angebote, sodass die Zuschauer andere Unterhaltungsangebote, die sie nicht für kindgerecht halten, einfach ignorieren können. Diese Möglichkeiten gab es 1930 noch nicht.

Die Abfassung des Kodex

Dass ein katholischer Priester einen Moralkodex verfasst, der von den Hollywood-Filmproduzenten akzeptiert wird, ist auf eine Reihe seltsamer Zufälle zurückzuführen, auf die wir hier nicht eingehen können. Lord reiste Anfang 1930 nach Hollywood, um den Code den Filmproduzenten zu präsentieren, die ihn schließlich akzeptierten.

Inhalt des Kodex

Der ursprüngliche Entwurf von Lord enthielt vier Abschnitte: „Gründe, welche die Präambel des Kodex unterstützen“, „Gründe für die allgemeinen Grundsätze“, „Gründe für die besonderen Anwendungen“ und schließlich zwölf besondere Anwendungen, darunter Verbrechen gegen das Gesetz, Sex, Vulgarität und Obsönität sowie abstoßende Themen und Religion.

Die endgültige Fassung des Kodex, die von der Filmindustrie angenommen wurde, begann mit den „Allgemeinen Grundsätzen“. Die „Gründe, welche die Präambel des Kodex unterstützen“, wurden als Anhang angefügt. Die „Allgemeinen Grundsätze“ lauteten:

1. Es darf kein Film produziert werden, der das moralische Niveau der Zuschauer senkt. Daher sollte die Sympathie des Publikums niemals auf die Seite des Verbrechens, der Ungerechtigkeit, des Bösen oder der Sünde gelenkt werden.

2. Korrekte Lebensstandards, die nur den Erfordernissen des Dramas und der Unterhaltung unterworfen sind, sollen dargestellt werden.

3. Das Gesetz, ob natürlich oder menschlich, darf nicht ins Lächerliche gezogen werden, und für seine Verletzung darf kein Mitleid erzeugt werden.

Im weiteren Verlauf des Kodex wird das Problem der Herabsetzung des moralischen Niveaus des Zuschauers noch ausführlicher behandelt. Dies geschehe etwa dadurch, dass das Böse als attraktiv und verführerisch und das Gute als unattraktiv dargestellt wird, oder dann, wenn die Sympathie des Publikums auf die Seite des Verbrechens, der Ungerechtigkeit, des Bösen, der Sünde gelenkt wird.

Der Kodex regelte, Verbrechen dürften niemals so dargestellt werden, dass sie Sympathie für das Verbrechen gegen das Gesetz und die Gerechtigkeit wecken oder andere zur Nachahmung animieren. Die Behandlung von Straftaten gegen das Gesetz dürfe beispielsweise nicht die Methoden des Verbrechens lehren oder potenzielle Straftäter zur Nachahmung anregen.

Urheberschaft des Kodex

Die moralischen Ideen, die dem Kodex zugrunde liegen, waren für Anhänger vieler Religionen und sogar für nichtreligiöse Menschen, die sich für den Einfluss des Films auf die Gesellschaft interessieren, akzeptabel. Der Kodex enthielt nichts spezifisch Katholisches. Das öffentliche Eingeständnis, dass der Kodex von einem Jesuiten verfasst worden war, hätte unnötige Kontroversen ausgelöst. Der Anti-Katholizismus war zu dieser Zeit in Amerika noch sehr stark – Lord schrieb mehrere Pamphlete darüber.

Die Vision von Daniel Lord

Das Verfassen des Kodex war nur ein kleiner Teil von Lords Arbeit. Er schrieb Hunderte von Pamphleten, die sich millionenfach verkauften, baute die Sodalitätsbewegung in Nordamerika auf, bis es 13.000 Organisationen in katholischen Schulen und Pfarreien gab, schrieb 70 Theaterstücke und Musicals, verfasste über 70 religiöse Bücher für Kinder – von denen einige millionenfach verkauft wurden –, machte Radiosendungen und schrieb Dutzende von Büchern über den katholischen Glauben und das katholische Leben. Er war bekannt und ein beliebter Redner.

Das Vermächtnis von Daniel Lord

Das beeindruckende Lebenswerk von Lord verdient Anerkennung, denn er sah damals bereits das unvermeidliche Ergebnis voraus, wenn sich die Filmindustrie nicht an den Kodex halten würde. Denn heute, 90 Jahre später, überfluten die einschlägigen Massenmedien ihre Zuschauer mit einseitigen, ideologischen Botschaften, brutaler Gewalt, freizügigem Sex, Religions- und Gottfeindlichkeit bis hin zur Blasphemie. All das geschieht ohne jede Einschränkung, eine Zensur findet praktisch nicht statt.

Wäre es daher heute nicht an der Zeit, das die Filmindustrie und die Verbreiter von Medieninhalten sich an Lords Leitlinien orientieren und keine Filme veröffentlichen, die das moralische Niveau der Zuschauer senken?

Der Artikel erschien (in veränderter Form) ursprünglich in der Oktober-Ausgabe des Vatican-Magazins (HIER bestellen bzw. abonnieren). Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican-Magazins.