Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um eine exklusive Vorab-Veröffentlichung aus der November-Ausgabe des Vatican-Magazins. Die monatlich erscheinende Zeitschrift kann HIER bestellt bzw. abonniert werden.

„Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!“ heißt es im Lobgesang des Zacharias, mit dem die Kirche weltweit jeden neuen Tag beginnt. „Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen“.

Doch nun hat TERROR sein Volk heimgesucht, und HASS, abgrundtiefer Hass! Was lässt sich dazu sagen, ohne selbst in die Hassfalle zu geraten? Was lässt sich sagen zu dieser Explosion unvorstellbar nackter Gewalt – wie in einem politisch-psychedelischen Drogenrausch – an Säuglingen, Großeltern und Liebespaaren, während 200 Geiseln noch in der Hand ihrer Entführer sind?

Denn die erste Kriminalistenfrage „Wem nützt das?“ (cui bono?) lässt sich bei diesem Verbrechen eiskalter Strategen fast gar nicht beantworten. Trotzdem muss sie gestellt werden. Aber müssen wir nicht zuerst im Mitleid mit den unschuldigen Opfern den Terror der Hamas in aller Entschiedenheit verurteilen? Was denn sonst? Den Verdacht und Anschein des Formelhaften werden solche Erklärungen allerdings nur selten los. Und noch weniger kann das Blutbad Anlass sein für einen sogenannten „whataboutism“, also für Fragen wie: „What about the settlers in the Westbank? What about the reality in the Gaza Strip?“ (Was ist denn mit den immer aggressiveren Siedlern im Westjordanland? Wie steht es um die radikale Abriegelung vom Käfig des Gaza-Streifens mit seinen 2,3 Millionen Einwohnern?)

Über die Zukunft dieses Konflikts nachzusinnen ist dennoch sinnvoller, als uns nur immer wieder die Vorgeschichte dieses Massakers zu erzählen. Wie kann und wird es weiter gehen? Die Vorgeschichte ist wohlbekannt. „Jeder kennt das Problem in den Beziehungen zwischen Juden und Arabern,“ sagte David Ben-Gurion schon im Jahr 1920 – 28 Jahre vor der Gründung des Judenstaates, dessen erster Premier er 1948 wurde. „Aber nicht jeder erkennt, dass es keine Lösung gibt.“ Das war sehr hellsichtig. Dabei unterschied Ben Gurion unter den „Arabern“ noch nicht einmal die verschiedenen Völker, die im und um den Nahen Osten alle Arabisch sprechen – wie die Levantiner, die Palästinenser, die Syrer, die Mesopotamier oder die Ägypter, die Berber und andere Völker des Maghreb und die echten Araber der arabischen Halbinsel. Und für die verschiedenen Religionen unter ihnen hatte er erst recht kein Auge, für die chaldäischen, griechischen, lateinischen, melkitischen, koptischen oder maronitischen Christen und eben für die Mehrheit der sunnitischen und schiitischen Muslime unter „den Arabern“.

Schließlich war Ben Gurion überhaupt noch nicht bewusst, dass auf das spätere Israel und die gesamte muslimische Welt mit der Eroberung des Tempelbergs im Sechstagekrieg 1967 ein Problem zukam, das den Konflikt endgültig auf eine geradezu kosmische Weise unlösbar machen würde, es sei denn, der Messias käme endlich auf den Wolken des Himmels über Jerusalem zurück. Denn kein Friedensvertrag kann aus der Welt schaffen, dass Juden und Muslime hier an ein und derselben Stelle bis zum Ende der Tage ihr erstes und ihr drittheiligstes Heiligtum verehren. Doch auch ohne dieses ultimativ unlösbare Problem gibt es in dem Konflikt genügend Sprengstoff, der zu immer neuen Explosionen führen wird.

Das ist der Konflikt von zwei Völkern um ein und dasselbe Land seit vielen Jahrzehnten, dessen naher Beobachter ich in den Jahren der 2. Intifada als Korrespondent der WELT auf beiden Seiten der vielen Frontlinien wurde. Es sind zwei Völker und es ist nur ein Land. Das ist auch das, was die Gegnerschaft der beiden von der Gegnerschaft der tödlichen Erzfeinde Deutschland und Frankreich (und deren später Versöhnung) unterscheidet. Die beiden hatten zwei Länder. Wenn ich deshalb nun lese, der mörderische Anschlag der Hamas sei das „9/11 Israels“, erinnert es mich vor allem daran, wie ich in Jerusalem im September 2001 Zeuge wurde, wie auch damals der andauernde Krieg um das Territorium des einen Landes schon am gleichen Abend in Israel zu einem „Krieg gegen den weltweiten Terror“ deklariert wurde.

Festgehalten werden muss deshalb noch einmal mit allem Nachdruck dies, zum Mitschreiben. Die Palästinenser sind kein Volk von Terroristen. Die Hamas besteht aus Palästinensern, aber die Palästinenser sind nicht die Hamas. Die Siedler sind Israelis, aber die Israelis sind nicht „die Siedler“. Beide Völker sind Opfer und Geiseln ihrer Extremisten und Zeloten. Es sind zwei geprüfte Nationen in einem Konflikt, aus dem es keinen Ausweg gibt, vor den Augen aller Welt und viel zu lange schon, wie es der greise Papst Johannes Paul vor 23 Jahren in Bethlehem in einer ergreifenden Klage formulierte. Die beiden Völker sind siamesische Zwillinge – und sie sind Kontrahenten.

Kann es da sein, dass der eine den anderen ins Meer treiben will? Ist das nicht absurd? Vielleicht ja, doch das ist Wunschdenken der Hamas. Die Regierung Netanyahu ließ vor fünf Jahren zur Siebzigjahrfeier der Gründung Israels allerdings ebenfalls offizielle Gedächtnismünzen prägen, die den runden Geburtstag mit einer „Israel Independence Coin“ in 999er-Feinsilber und 24-karätigem Gold feierte, mit einer Landkarte des Judenstaates als Groß-Israel von der Küste bis zu den Grenzen des Libanons, Syriens, Jordaniens und Ägyptens, wo Palästinenser mit eigenen Siedlungsgebieten im Westjordanland oder im Gazastreifen gar nicht mehr vorkamen. Die offizielle Prägung dieser Landkarte war Lichtjahre entfernt von jeder Zweistaatenlösung, von der sich ein gutgläubiger Rest der Welt immer noch eine Lösung des Nahostkonflikts erhofft, vor den Augen aller Welt und natürlich auch vor den Augen der Hamas. Es sind radikale Ausschließlichkeitsphantasien, die keinen Raum für Kompromisse kennen, oder das gelassene Aushalten unvereinbarer Widersprüche und Gegensätze in einer Kultur, wie sie etwa in Italien in Jahrhunderten entwickelt wurde.

Zvi Kolitz, ein orthodoxer Zionist aus Litauen seit Kindesbeinen, aus der Gründergeneration des Judenstaates, dessen „Hinwendung zu Gott“ von vielen nationalistischen Siedlern und anderen Zeloten in der Westbank seit langem wie ein Gebet und letztes Testament gelesen wird, vertraute mir vor seinem Tod im Jahr 2002 deshalb mehrmals eindringlich an, dass er in diesem Konflikt nur noch ein Eingreifen des Himmels erhoffe, um eine letzte Katastrophe abzuwenden. Von David Ben Gurion hingegen, dem weniger frommen ersten Premier, ist auch diese Erkenntnis noch überliefert: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Vielleicht wäre es ja auch schon ein Wunder, wenn sich Christen deshalb angesichts dieser Zeitenwende auf zwei Dinge besinnen würden. Erstens darauf, wie sie sich in der erregten Debatte positionieren sollen, in der es um das Für und Wider einer angemessenen Antwort Israels auf das Massaker geht. Denn es ist ja durchaus so, dass auch die katholische Kirche den gerechten Krieg kennt. Just am 7. Oktober, dem Tag des Blutbads der Hamas in Südisrael, erinnert die Kirche jedes Jahr in ihrem Rosenkranzfest wie in einem Menetekel doch an die Seeschlacht von Lepanto, in der am 7. Oktober 1571 an einem einzigen Tag über 40.000 Menschen im Ionischen Meer vor Patras das Leben verloren. Es war jene hoffnungslose Schlacht, für die Papst Pius V. die Katholiken zu einem Rosenkranzfeldzug für den Sieg der „Heiligen Liga“ (mit den Flotten der Spanier, der Genueser, der Venetier und des Kirchenstaates) aufgerufen hatte. Der Sieg war eine unglaubliche Überraschung, für die meisten Christen ein Wunder. Und es waren Krieger, wohlgemerkt, die da fielen und keine Zivilisten, auch wenn viele von ihnen nur unter Zwang auf den Galeeren waren. 30.000 Mann fielen auf osmanischer Seite. 12.000 christliche Rudersklaven wurden aus den eroberten Schiffen befreit. Die drohende Balkanisierung ganz Europas durch den bis dahin unaufhaltsamen Vormarsch der Türken war abgewehrt.

Doch solch eine Schlacht lässt sich natürlich schon lange nicht mehr schlagen. Da kann sich heute nur jeder hüten, Israelis oder Palästinensern ungebetene Ratschläge zu geben oder fragwürdige Einladungen zu noch mehr Krieg auszusprechen. Gewinnen lässt sich der hundertjährige Krieg um das Land nicht, der bis heute nur immer von brüchigen Feuerpausen unterbrochen wurde, die mal zehn, mal zwanzig Jahre dauerten. Im Libanon wünschen sich heute viele Christen, Israel möge in das Land einmarschieren, um die Hisbollah zu entmachten. Die letzten militärischen Abenteuer Israels im Libanon endeten allerdings allesamt in Desastern und am 23. Oktober 1983 genügte das Attentat mit einem LKW voller Sprengstoff in Beirut mit 241 getöteten Marine-Infanteristen, um die amerikanische Präsenz im Nahen Osten zu beenden – bis die Bush-Regierung sich dann wieder zu ihren Debakeln im Irak und in Afghanistan verführen ließ. Da sollte sich Israel auch heute kaum etwas davon versprechen, wenn Präsident Biden zur Unterstützung des Landes gegen die Hamas den größten Flugzeugträger der Welt zum Schutz des Judenstaates vor der Küste kreuzen lässt. Flugzeugträger werden die Geiseln nicht befreien können und sie werden auch diesen Konflikt niemals entscheiden, der bisher schon nicht von den Panzerarmeen, „Helicopter-Gunships“ und Kampfjets der drittgrößten Militärmacht der Welt entschieden werden konnte. Gewalt ist hier bisher immer ein Schlüssel für mehr Gewalt, aber nicht für den Frieden. Und groß und größer ist hier immer die Gefahr einer noch größeren Katastrophe. Besonders im Nahen Osten hat jeder Krieg Wendungen und Konsequenzen bereit, die vorher keiner auf dem Radar hatte. Der unglückselige Krieg der westlichen Allianz gegen die Taliban in Afghanistan ist dafür ein Lehrbeispiel. Es war eine Falle, wie der Irak.

Das zweite Wunder, das wir uns von dieser Zeitenwende erhoffen sollten, wäre deshalb, dass uns dieses Blutbad herausfordert, ganz neu für die Erkenntnis zu beten, was denn das genuin Christliche ist, von dem wir in diesem Konflikt Zeugnis ablegen müssen. „Christen sind nicht immer christlich, denn sie sind Menschen,“ hat der israelische Jesuit David Neuhaus vor kurzem lakonisch dazu bemerkt. Und die christlichen Kirchen haben zu lange Waffen gesegnet, die heute besser nur noch diese beiden Völker segnen sollten: die Israelis und die Palästinenser. Unverwechselbar christlich war, als der lateinische Patriarch Pierbattista Pizzaballa, der als Wächter des Heiligen Landes seit über 40 Jahren im Zentrum des Konflikts lebt, wie der heilige Maximilian Kolbe der Hamas angeboten hat, ihn anstelle der verschleppten Kinder in Geiselhaft zu nehmen, und der inzwischen wie der Prophet Jona in Ninive mit Papst Franziskus für zwei Tage ein allgemeines Fasten und Beten für den Frieden ausgerufen hat, um „das Gebet der teuflischen Kraft von Hass, Terrorismus und Krieg entgegenzusetzen“.

Klar ist jedenfalls, dass wir uns bei unserer Antwort auf die Frage nach dem Ureigenen des Christlichen nicht vom Lärm der Propaganda überwältigen lassen sollten und weniger auf die Theologen und viele Bischöfe schauen und hören, sondern auf die Heiligen. Wirklich christlich und prophetisch sind allein die Heiligen. Christlich waren die Antworten Pater Maximilian Kolbes in Birkenau oder Charles de Foucaulds in der Sahara. Und dem Herzen Christi entstammten auch die letzten Worte von Christian de Chergé im hohen Atlas, dem Abt der trappistischen Märtyrer von Tibhirine, dessen Leichnam nie gefunden wurde, dessen Testament aber immer bleiben wird, wo er sich auch seinem Mörder als „Freund meines letzten Augenblicks“ mit den Worten zuwendet: „Auch Du bist eingeschlossen, der Du nicht weißt, was Du tust! Auch für Dich will ich diesen Dank und dieses A-Dieu, das Du nicht beabsichtigt hast und dass es uns geschenkt sei, als glückliche Schächer im Paradies wieder aufeinander zu treffen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt. Amen. Inch’Allah!“

Diese Feindesliebe allein ist das, was wirklich fehlt in diesem Konflikt. Sie ist das Undenkbare. Feindesliebe ist verachtet und wird von den Realisten der Gewalt als naiv und dumm verlacht. War Jesus naiv? Dumm? Er war der Sohn Gottes. Aus der Feindesliebe lässt sich auch kein politisches Programm basteln. Dieses Medikament lässt sich auch nicht einfach verschreiben wie eine notwendige Impfung.

Soll der Terror wirklich dazu führen, dass die Mutter Kirche endlich aufhört, von der absurden Zumutung von Christi neuem Gebot Zeugnis abzulegen? Das wäre ein letzter Triumph des Satans. Damit würde das Christentum sich selbst überflüssig machen, in einem Moment, wo die authentische Stimme Christi am notwendigsten ist. Trotzdem klingt das Gebot verrückt. Es gibt allerdings mutige Israelis, die eben das mit Leben füllen, wovon Christen kaum noch zu reden wagen. Und gerade sind tausende hebräische, muslimische und christliche Mütter und Frauen in Israel gemeinsam für den Frieden auf die Straße gegangen, in einem weiblichen Wunder.

Das Heilige Land scheint jedenfalls das Labor Gottes, in dem heute empirisch nachgewiesen wird, dass die Alternative zur Feindesliebe der „kollektive Selbstmord“ der israelisch-palästinensischen Zwillinge ist, von dem Pater Neuhaus in diesen Tagen sprach. Vielleicht ließe sich ja ein Anfang damit machen, dass wir uns auch durch die unvorstellbarsten Gräuel nicht in die Hassfalle locken lassen und die Terroristen der Hamas und andere Feinde des Menschengeschlechts nicht mehr länger einfach nur hassen, wie es jetzt natürlich wäre, sondern auch ihnen zuerst einmal als Brüdern begegnen. Trotz ihrer Bestialität sind auch sie keine Tiere und Bestien, sondern Menschen wie wir. Sie gehören zu unserer Gattung, als Gottes Ebenbilder. Auch Hitler, Himmler und Eichmann waren keine Krokodile oder Hyänen, sondern Ebenbilder Gottes. Auch dieser Zumutung des Glaubens müssen wir uns stellen.

Auf dem Höhepunkt der Bergpredigt über dem See Genezareth hören wir Jesus bei Matthäus mit den Worten: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen!“ Es waren aber nicht nur Worte. Mit seinem Opfertod hat Jesus sie mit seinem Leben besiegelt, in seiner ultimativen Umkehrung der Logik der Gewalt. Wenn wir in sein röchelndes Antlitz schauen, sehen wir, wie der Messias und König der Juden da oben am Kreuz für seine Feinde betet. Es war dieser Tod, der seiner Auferstehung voraus ging.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican-Magazins.